Drei Gründe, warum Ousmane Dembélé in Dortmund bleiben sollte

(Foto: Screenshot BVB-App)

Heute Abend also beginnt sie, die Fußball-Bundesliga-Saison 2017/18. Es ist die 55. seit der Premiere 1963/64. 55 – das ist eine Schnapszahl, und genau so gebärdet sich der Fußball derzeit auch: Als hätte er zu tief ins Schnapsglas geschaut. Als hätte er sich beim Komasaufen den letzten Rest von Anstand und Moral weggeschossen und taumele nun im dichten Promille-Nebel Richtung Abgrund. Glaubt man Karl-Heinz Rummenigge, dem Vorstandschef des ruhmreichen FC Bayern, dann „fiebert die ganze Welt“ dem Auftaktduell zwischen seinen Münchnern und dem TSV Bayer 04 Leverkusen seit Tagen entgegen.

Nun ist Rummenigge zwar ziemlich nervig, aber nicht blöd. Daher weiß er selbst am besten, dass das schon deshalb Unfug ist, weil spätestens außerhalb Europas jeder fragt: „Bayer 04 . . . W-E-R?“ Vor allem aber ist es Unfug, weil die Fußballwelt auch heute, wie schon seit 14 Tagen, von nichts anderem spricht als von Neymars 222-Millionen-Euro-Wechsel und von dem, was dieser Irrsinns-Transfer in der Folge bereits ausgelöst hat bzw. mittel- und langfristig auslösen wird. Dieser Wechsel vom FC Barcelona, einem Klub, so groß und großartig, dass ihn eigentlich kein Spieler dieser Welt freiwillig verlassen sollte, zu Paris St. Germain, einem Klub, der mit katarischen Schurken-Milliarden künstlich zur Nummer eins in Europa und in der Welt hochgezüchtet werden soll. Ein weiteres Spielzeug in den Händen eines großen Kindes, das nicht weiß, wohin mit seinem ganzen Geld – wie City und United, wie Chelsea und Rasendingsbums Leipzig.

Worüber die Fußballwelt wirklich redet, ist nicht Bayern gegen Bayer, ein Spiel, das seine Spannung allein aus der Frage nach der Höhe des Bayern-Sieges bezieht. Sie redet vielmehr über Philippe Coutinho vom FC Liverpool und über Ousmane Dembélé von Borussia Dortmund. Zwei Spieler, die Barca ins Visier genommen hat, um den Neymar-Verlust halbwegs zu kompensieren – und die nun schon seit zwei Wochen durch abenteuerliche Zickereien versuchen, ihren Wechsel zu forcieren. Die allerdings bei ihren aktuellen Arbeitgebern auf Granit beißen.

Unerlaubtes Fernbleiben von der Truppe – bei der Bundeswehr wären längst die Feldjäger ausgerückt. Tagelanges Abtauchen. Gesprächsverweigerung. Trainingsboykott. Was Dembélé derzeit in Dortmund abzieht, spottet jeder Beschreibung. Und da hilft der verständnisvolle Hinweis, dass der Junge ja erst 20 Jahre alt ist und nicht aus eigenem Antrieb handelt, sondern auf Geheiß seines in der Branche hinlänglich für seine Eskapaden bekannten Agenten Moussa Sissoko, nur bedingt. „Agent“ ist übrigens eine passende Bezeichnung, denn Sissoko verfügt über die „Lizenz zum Nervtöten“.

Würde Dembélés Verhandlungsführer so etwas wie Verantwortungsbewusstsein haben und es ihm womöglich gar um eine weitsichtige Karriereplanung für seinen Schützling gehen, so hätte er ihm dringend dazu raten müssen, noch ein Jahr in Dortmund zu bleiben. Tatsächlich geht’s den Sissokos dieser Fußballwelt aber allein um Kohle, Zaster, Knatter, Moneten und Pinunsen – und dabei lassen sie gerne auch mal völlig außer Acht, dass sie dieselbe Summe oder sogar eine noch höhere und damit genau soviel oder sogar noch mehr Provision auch im nächsten Sommer bekommen würden. Dann, wenn Dembélé seiner ersten bemerkenswerten Saison als Bundesliga-Rookie eine zweite starke Spielzeit hätte folgen lassen und mit Frankreich womöglich auch noch eine erfolgreiche WM gespielt hätte. Aber lassen wir das . ..

Hier die drei Gründe, warum es für Ousmane Dembélé gut ist, dass er noch ein Jahr in Dortmund bleibt oder besser gewesen wäre, noch ein Jahr in Dortmund zu bleiben – je nachdem, wie dieses unwürdige Geschachere nun ausgeht.

Grund 1: Beim BVB kann Dembélé reifen

Keine Frage, der gerade 20-jährige Franzose ist schon heute ein außergewöhnlicher Fußballspieler. Einer, der mit Ball und Gegner tanzt. Der den berühmten Unterschied macht. Das hat er in seiner Dortmunder Premierensaison wiederholt auf spektakulärste Art und Weise bewiesen. Am nachhaltigsten wohl durch seinen 3:2-Siegtreffer im DFB-Pokal-Halbfinale beim FC Bayern München und durch sein Führungstor im Endspiel gegen Eintracht Frankfurt. Dembélé hat zweifellos das Zeug dazu, in den nächsten Jahren zu einem der prägenden Fußballer zu werden. Bedenkt man, dass Lionel Messi und Cristiano Ronaldo nicht mehr die Jüngsten sind, gehört er sogar zum Kreise derer, die in Zukunft Weltfußballer werden können. Aber: Noch macht Ousmane Dembélé Fehler. Im Dribbling rennt er sich bisweilen fest, verpasst den richtigen Moment für das Abspiel auf den besser postierten Nebenmann, ist extrem fixiert auf seinen Kumpel Pierre-Emerick Aubameyang, schaltet nach Ballverlusten manchmal nicht schnell genug in den Rückwärtsgang um. Diese Fehler sind kein Drama. Sie sind Ausdruck fehlender Reife und damit völlig normal für einen 20-Jährigen. Entscheidend ist: In Dortmund verzeiht man ihm diese Fehler. Aber in Barcelona? In Dortmund kann er lernen. In Barcelona muss er funktionieren.

Grund 2: Bei Barca wäre Dembélé nicht Dembélé, sondern der Neymar-Ersatz

Lionel Messi – Luis Suarez – Neymar: Die offensive Dreierreihe des FC Barcelona war gefürchtet wie kaum eine andere auf der Welt. Allein Bale – Benzema – Ronaldo oder Ribery – Lewandowski – Robben erreichen in Topform ein vergleichbares Niveau. Nun ist Neymar weg. Und wen auch immer die Katalanen verpflichten, um die Lücke zu schließen, die der Brasilianer reißt: Er ist der Neymar-Ersatz. Er wird mit Neymar verglichen werden. Das kann man ungerecht nennen. Ändert aber nix. Und als wäre es nicht ohnehin schon schwer genug, in diese riesigen Fußstapfen zu treten, ist es für einen 20-jährigen, charakterlich labilen und tendenziell falsch-beratenen Newcomer umso schwerer. Neymar hat, obwohl selbst noch jung, schon einige Jahre in Folge seine Weltklasse nachgewiesen, hat Tiefschläge – wie die schwere Verletzung bei der WM 2014 im eigenen Land – verkraften müssen, hat sie weggesteckt, sich durchgeschüttelt. Neymar ist als Fußballer ein Mann, Dembélé ein Männchen. Welpenschutz aber wird er in Barcelona nicht genießen.

Grund 3: Pierre-Emerick Aubameyang, sein Buddie

In Dortmund war Pierre-Emerick Aubameyang vom ersten Tag an die Bezugsperson für Ousmane Dembélé. Der positiv-durchgeknallte, dabei jederzeit professionell arbeitende Gabuner spricht die gleiche Sprache. Er hat sich der damals noch 19-jährigen Ausnahmetalentes angenommen, ihn in die Mannschaft eingeführt, ihm den Wechwsel aus Frankreich nach Deutschland leicht gemacht. Aubameyang und Dembélédas ist die perfekte Symbiose. Beide profitieren auf dem Spielfeld enorm voneinander. Aubameyang wurde auch deshalb Torschützenkönig, weil Dembélé ihm viele Treffer mustergültig auflegte. Und Dembélés Stern strahlte auch deshalb gleich im ersten Jahr so hell, weil Auba seine fußballerischen Geistesblitze veredelte. In Barcelona gibt es ausnahmslos hell strahlende Sterne. Der Himmel über Camp Nou glitzert und kunkelt schon heute so hell, dass es gar nicht auffällt, ob da noch ein Sternchen mehr hinzu kommt. Es droht vielmehr die Gefahr, als Sternschnuppe vom Himmel zu fallen und zu verglühen.

Ganz gleich, wie das Transfer-Hickhack auch ausgeht: Wer den Fußball liebt, muss hoffen, dass Ousmane Dembélé sein Glück findet. Denn ihm zuzuschauen, gehört zum Großartigsten, was dieser Sport derzeit zu bieten hat. Ob Dembélé, wenn der Wechsel scheitert, dem BVB noch zuzumuten wäre – und zwar der Mannschaft wie auch den Fans – hängt wesentlich von Dembélé selbst ab. Er bräuchte dann wahrscheinlich mal jemanden, der ihn tatsächlich BERÄT. Dass er weiter schmollt und sich ein halbes oder ganzes Jahr trotzig auf der Tribüne verkrümelt, ist auszuschließen. Die Saison 2017/18 ist eine Weltmeisterschafts-Saison. Bei der WM 2018 in Russland ist der Franzose 21 Jahre alt. Es ist das Turnier, bei dem er erstmals eine Hauptrolle auf der Weltbühne des Sports spielen kann. So viele Gelegenheiten dazu bietet eine Laufbahn nicht. Andererseits: Die französische Nationalmannschaft ist gerade in der Offensive so unfassbar gut besetzt, dass es für eine zickige Diva mit dem Ruf, ein Egoist und kein Mannschaftsspieler zu sein, schwierig werden könnte, überhaupt nominiert zu werden.

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Mehr Spektakel war nie

FC Liverpool – CD Alaves 5:4 (4:4, 3:1) n.V.

(16. Mai 2001, Dortmund, Westfalenstadion)

Text aus: Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB, Klartext-Verlag

Zieht man alle entscheidenden Faktoren zur Bewertung eines Fußballspiels heran – die sportliche Bedeutung, die Dramaturgie, die Klasse, die Anzahl und Qualität der Tore und nicht zuletzt den Gänsehaut-Faktor der Atmosphäre auf den Rängen –, so kommt der Fußball-Gourmet an der Festlegung nicht vorbei: Das UEFA-Cup-Finale der Saison 2000/01 zwischen dem turmhohen Favoriten FC Liverpool und dem glasklaren Außenseiter CD Alaves gehört unbedingt zu den Top-3-Spielen im Dortmunder Stadion.

Serviert wurde: Eine Feinschmeckerplatte auf Sterne-Niveau. Ein Torfestival. Ein Finale, das – anders als viel zu viele vorher und nachher – nicht geprägt war von übergroßem Respekt der kickenden Hauptdarsteller voreinander. Nicht geprägt von zwei Trainern, die der Fußballwelt mit möglichst ausgeklügelten taktischen Kniffen beweisen wollten, welch brillante Strategen sie doch sind. Nicht geprägt von bestenfalls kontrollierter Offensive, die bisweilen in unkontrollierbare Langeweile mündet.

Das Finale von Dortmund bot unkontrollierbare Offensive auf beiden Seiten. Fußball mit Tempo, Leidenschaft und offenem Visier. Das Ergebnis war ein Drama in mehreren Akten – mit einem langen, nassen und feucht-fröhlichen Prolog auf den Plätzen und in den Kneipen der City. Mehr als 20.000 britische Anhänger hatten dort den Finaltag über gemeinsam mit gut und gerne 15.000 baskischen Fans gefeiert. Im zumeist strömenden Regen bei für die Jahreszeit ziemlich lausigen Temperaturen. Westfalen empfing seine finalen Gäste mit echtem Insel-Wetter.

Die Duellanten um den UEFA-Pokal 2001, sie hätten unterschiedlicher kaum sein können. Von der Papierform her ein Duell zwischen Goliath und David.

Der Goliath – FC Liverpool:

18 englische Meistertitel standen am Tag des Endspiels auf dem Briefkopf, dazu je sechs FA- und Liga-Cup-Siege. Viermal hatten die „Reds“ den Europapokal der Landesmeister gewonnen und zweimal auch schon den UEFA-Cup. Ein Traditionsklub, der wie wenige andere für die Ur-Tugenden des britischen Fußballs stand und steht: für Leidenschaft, Kampf und den unerschütterlichen „Never give up“-Spirit.

Der FC Liverpool – ein Verein, bei dem Legenden wie Bob Paisley und Bill Shankly auf der Trainerbank gesessen hatten. Jener Shankly, von dem eine Aussage stammt, die wie in Stein gemeißelt bis heute für das Selbstverständnis der Marke FC Liverpool steht. „Einige Leute“, hatte der Trainer einst angemerkt, „halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist.“ Jener Shankly auch, der am Ende des Tunnels, durch den die Spieler von den Kabinen aufs Feld gelangen, eine Tafel anbringen ließ. Aufschrift: „This is Anfield!“ Nicht irgend ein Stadion, sondern DAS Stadion. Eine Aufschrift wie eine Mahnung an jeden Gegner: Zeigt gefälligst Respekt! Und eine Warnung: Habt gefälligst Angst!

Der FC Liverpool – ein Verein, für den Legenden wie John Toshack, Ian Rush, Kenny Dalglish und Kevin Keegan auf dem Platz gestanden hatten, Graeme Souness, Ian Callaghan, Jamie Carragher und Steven Gerrard.

Der FC Liverpool – ein Verein, dessen Stadion an der Anfield Road zu den bedeutendsten Fußball-Kultstätten zählt. Mit einer Tribüne, „The Kop“ genannt, die, als sie noch eine Stehtribüne war, so gefürchtet war wie die „Gelbe Wand“ im Signal Iduna Park. Mit einer Lautstärke, die lange Zeit alles in den Schatten stellte, was man an Anfeuerung kannte. Der „Liverpool-Roar“ ist gleichermaßen ein Naturereignis, die Anfield Road also ein FußballweltKULTURerbe und der „Roar“ ein FußballweltNATURerbe. An jenem 16. Mai 2001 wurde die Nordtribüne des Signal Iduna Parks zu „The Kop“, denn dort standen – nicht saßen – die meisten Fans des Klubs aus der Beatles-Stadt.

Genug der Schwärmerei. Genug vom Goliath – und damit zum David: CD Alaves.

Club Deportivo Alavés, so der vollständige Name, ist das krasse Gegenteil. Tradition, gewiss, die hat der Verein auch. 1921 gegründet, ist der Briefkopf gleichwohl blank. Erfolge: Fehlanzeige. Nicht einmal eine Stadt ist Alavés, sondern eine Provinz. Die Stadt, in der CD spielt, heißt Vitoria-Gasteiz und ist zugleich Hauptstadt der spanischen autonomen Region Baskenland. Soweit der kleine geographische Exkurs.

Einzige Berühmtheit des Klubs ist Andoni Zubizareta, 126-facher Nationaltorwart und 1987 Spaniens Fußballer des Jahres. Für CD spielte er nur kurz – sein Transfer verhinderte immerhin den Konkurs des Vereins. Erfolge feierte er erst mit dem FC Barcelona und mit Athletic Bilbao, der Nummer eins im baskischen Fußball, gefolgt von Real Sociedad San Sebastian. Dahinter erst folgt mit Abstand CD Alaves, ein Klub, der es bis heute, Stand 2013, nicht einmal auf ein Dutzend Spielzeiten in der Primera Division bringt. Fünf in Folge, mithin die beste Phase der Klubgeschichte, von 1998 (Wiederaufstieg nach 42 Jahren) bis 2003.

Der Einzug der Basken ins Finale war die große Überraschung der UEFA-Cup-Saison 2000/01, zumal sie auf ihrem Weg nach Dortmund beileibe nicht nur sportliches Fallobst zugelost bekamen. Auf Gaziantespor (Türkei) und Lilleström (Norwegen) folgte mit dem Champions-League erfahrenen Rosenborg Trondheim der erste echte Gegner und anschließend mit Inter Mailand die vermeintliche Endstation. Doch Alaves setzte sich nach einem 3:3 daheim im Rückspiel in San Siro mit 2:0 durch, schaltete anschließend auch den Ligarivalen Rayo Vallecano aus und zerlegte im Halbfinale den 1. FC Kaiserslautern in der Addition der Spiele (5:1, 4:1) mit 9:2.

Den deutlich anspruchsvolleren Weg allerdings hatte der FC Liverpool. Auf Rapid Bukarest, Slovan Liberec und Olympiakos Piräus folgten der AS Rom (2:0 A, 0:1 H), der FC Porto und schließlich der FC Barcelona, damals noch als holländische Filiale mit Reiziger, de Boer, Cocu, Overmars, Kluivert – und einem gewissen Pep Guardiola als Denk- und Lenkzentrum im Mittelfeld. Nach einem 0:0 in Nou Camp nutzte Liverpool den Heimvorteil im Rückspiel und löste durch ein 1:0 das Final-Ticket.

Im Endspiel galten die „Reds“, die vier Tage zuvor den FA-Cup gewonnen hatten, als turmhoher Favorit. Und so begannen sie auch – vor 48.000 Zuschauern. „Nur“ 48.000 Zuschauer, weil die Ecken des Westfalenstadions seinerzeit noch nicht ausgebaut waren. Das Team von Trainer Gerard Houllier mit den jungen Michael Owen und Steven Gerrard, mit den beiden Deutschen Markus Babbel und Didi Hamann und mit dem finnischen Abwehr-Hünen Sami Hyypiä, führte nach einer Viertelstunde durch Babbel und Gerrard mit 2:0. Zwar gelang Ivan Alonso der Anschluss, doch Gary McAllister stellte unmittelbar vor der Pause den Zwei-Tore-Abstand wieder her. Spätestens mit diesem Treffer schien die Messe im Dortmunder Fußball-Tempel gelesen.

Doch der Außenseiter kam zurück – und wie! Binnen drei Minuten glich Javi Moreno zum 3:3 aus (48./51), und nach Liverpools neuerlicher Führung durch Robbie Fowler (73.), trat eine Minute vor dem Schlusspfiff ein Mann auf den Plan, dessen legendärer Vater Johan 27 Jahre zuvor an selber Stätte im WM-Zwischenrundenspiel gegen Brasilien ebenfalls Fußball-Geschichte geschrieben hatte: Jordi Cruyff.

4:4 also. Verlängerung. Und die endete nach 27 von 30 Minuten vorzeitig, weil Delfi Geli einen Freistoß von McAllister per Kopf ins lange Eck verlängerte. Dummerweise ins lange Eck des eigenen Tores. Was das Drama komplett machte: Erstens – Torwart Martin Herrera, der direkt hinter Geli heran geflogen kam, hätte den Ball problemlos aus der Gefahrenzone gefaustet. Zweitens – den nach zwei gelb-roten Karten in doppelter Unterzahl agierenden Basken blieb diesmal keine Restzeit für eine sportliche Antwort. Es war ein „Golden Goal“, ein goldenes Eigentor. Das Spiel war aus! Es endete kurz nach Mitternacht als baskische Tragödie und als britisches Freudenfest. Erster Sieger: Liverpool. Zweiter Sieger: Alaves. Dritter Sieger: der Fußball. Vierter Sieger: die Fußball-Hauptstadt Dortmund und ihr unglaubliches Stadion.

Liverpools deutscher Nationalspieler Didi Hamann war nach dem Spiel mit den Nerven am Ende: „Auch wenn wir letztlich gewonnen haben, hoffe ich, das war das erste und das letzte Mal, dass ich so etwas erleben musste.“ Und Trainer Houllier sagte seinem Team nach dem ersten Europacup-Triumph nach 17 Jahren voraus: „Die Mannschaft wird unsterblich werden.“ Immerhin für Teile der Mannschaft trat die Prognose ein, denn Gerrard, Hamann, Hyypiä und Jamie Carragher waren im Gegensatz zu Houllier selbst auch vier Jahre später noch dabei, als der FC Liverpool die Champions League gewann – in einem noch unglaublicheren Finale als es das 2001er gegen Alaves gewesen war.

In Istanbul lagen die „Reds“ 2005 gegen den AC Mailand zur Pause mit 0:3 (Tore: Hernan Crespo 2, Paolo Maldini) zurück, und wer zur Pause gegen den AC Mailand mit 0:3 zurück liegt, hat eine Siegchance im Promillebereich. Liverpool nutzte sie. Das Team brauchte nach dem Wechsel ganze sechs Minuten (54. – 60.), um durch Gerrard, Vladimir Smicer und Xabi Alonso auszugleichen. Im Elfmeterschießen versiebten dann Milans Superstars Serginho, Andrea Pirlo und Andrij Schewtschenko; die Briten triumphierten schließlich mit 6:5.

Von Toren aus

Gold und Silber

Um die Verlängerung im Fußball spannender zu machen, führte der Fußball-Weltverband FIFA in den 1990-er Jahren das „Golden Goal“ ein. Die Regel besagte – in Anlehnung an den Sudden Death („Plötzlicher Tod“) beim Eishockey –, dass ein Spiel beendet ist, sobald in der Verlängerung ein Tor fällt. Das UEFA-Cup-Endspiel 2001 in Dortmund zwischen Liverpool und Alaves war nicht das einzige, das durch einen solchen Treffer jäh entschieden wurde – wohl aber das einzige bedeutsame Spiel, in dem das „Golden Goal“ ein Eigentor war.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gewann ihren bis heute letzten Titel durch ein „Golden Goal“. Oliver Bierhoff erzielte es im Finale der Europameisterschaft 1996 im Londoner Wembley-Stadion in der 95. Minute zum 2:1 gegen Tschechien.

Gleich zweimal profitierte die deutsche Frauen-Nationalmannschaft von der Regel. Das Finale der Heim-EM 2001 in Ulm gewann sie durch einen Treffer von Claudia Müller in der Verlängerung; im Endspiel der WM 2003 in den USA war Nia Künzer erfolgreich – beide Treffer fielen in der 98. Minute.

Frankreich bemühte das „Golden Goal“ auf dem Weg zum Titelgewinn bei der Heim-EM 2000 zweimal. Das Halbfinale gegen Portugal beendete Zinedine Zidane nach 117 Minuten durch einen verwandelten Handelfmeter; im Endspiel gegen Italien traf David Trezeguet in der 103. Minute. Besondere Tragik für die Italiener: Sylvain Wiltord hatte Frankreich erst in der 90. Minute mit seinem Treffer zum 1:1-Ausgleich überhaupt in die Verlängerung gerettet.

Bei Weltmeisterschaften fielen vier „Golden Goals“. 1998 besiegte Frankreich im Viertelfinale Paraguay; 2002 setzten sich im Achtelfinale Senegal gegen Schweden und Südkorea gegen Italien durch; im Viertelfinale war die Türkei gegen den Senegal erfolgreich.

Der europäische Fußball-Verband UEFA änderte die Regel 2002 ab und führte das „Silver Goal“ ein. Danach wurde bei einem Torerfolg in der Verlängerung die laufende Halbzeit der Verlängerung noch zu Ende gespielt.

Auf diese Weise setzte sich Griechenland im Halbfinale der EM 2004 in Portugal gegen Tschechien durch. Weil Traianos Dellas allerdings in der Nachspielzeit der ersten Hälfte der Verlängerung (105 + 1) erfolgreich war, kam der Treffer einem „Golden Goal“ gleich – die Partie war danach sofort beendet.

Die Europameisterschaft 2004 war zugleich das letzte Turnier, bei dem die von Anfang an unbeliebte Regel der verkürzten Verlängerung angewendet wurde. 2004 schafften die Verbände sie wieder ab.

Die Helden von Glasgow – Hoppy Kurrat: Borussia Dortmunds DNA, verteilt auf 162 Zentimeter

Dieter „Hoppy“ Kurrat verkörpert wie kaum ein anderer alles das, wofür der BVB steht – Sobald er die Turmspitze der Reinoldikirche nicht mehr sieht, beginnt das Heimweh

Nein, Desoxyribonukleinsäure ist kein Begriff, mit dem üblicherweise Geschichten über Fußballspieler beginnen. Aber: Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist der denkbar beste Begriff, um eine Geschichte über Dieter Kurrat zu beginnen. Denn DNA ist der Träger der Erbinformation. Und wenn es einen Spieler gibt, der das Genmaterial von Borussia Dortmund zu 100 Prozent in sich trägt, dann ist es der 162 Zentimeter kleine Mann, den niemand Dieter nennt, weil er für alle der „Hoppy“ ist – für alle, außer für Theo Redder. Sein früherer Mannschaftskamerad und enger Freund nennt ihn „Spatzel“!

Hobby Kurrat – am Borsigplatz geboren. Der Vater hatte ein Fuhrunternehmen. Heute würde man sagen: eine kleine Spedition. Der Sohn, von kleiner Statur und nicht körperlich nicht eben das, was man sich in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts unter einem Ruhrgebiets-Malocher vorstellte, lernte genau das: Malocher! Drahtzieher bei Hoesch zunächst, später, schon als BVB-“Profi“, arbeitete Hoppy Kurrat bei der Hansa-Brauerei. Jahre, die ihn geprägt haben wir nichts anderes.

Wer begreifen möchte, was Dortmund für ihn bedeutet, spricht am besten mit seiner Frau. „Sobald er die Turmspitze der Reinoldikirche nicht mehr sehen kann, beginnt sein Heimweh“, erzählt Marga Kurrat. Und schildert mit unglaublichen Geschichten, wie wörtlich das zu nehmen ist. „Wir mussten Urlaube in Italien und auf Texel nach ein paar Tagen abbrechen, weil ihm sein Dortmund so fehlte. Einmal ist er von Garmisch-Partenkirchen aus mit dem Auto zurück gefahren, einmal um den Borsigplatz und zum Stadion – und dann wieder nach Garmisch.“ Hoppy Kurrat sitzt daneben, hört der Gattin aufmerksam zu. Er widerspricht nicht. Nickt leicht. Es fasst ihn emotional an. Echte Liebe in einer anderen, einer eigenen Dimension.

Als Hoppy Kurrat entdeckt wurde, war er 15 Jahre jung und kickte beim FC Merkur. Sein Entdecker: der gefürchtete Schleifer Max Merkel, gegen den Felix Magath ein Wellness-Coach ist. „Heute klagen die Profis, wenn sie zweimal in der Woche spielen müssen. Wenn die nur EINMAL unter Merkel trainiert hätten müssen . . .“, sagt Kurrat. Und dann bricht er den Satz ab, weil er eigentlich gar nicht über die heutige Fußballer-Generation meckern möchte. Klar, manchmal nervt es ihn, wenn sie sich nach Torerfolgen heroisch auf das BVB-Emblem klopfen oder die Hände zum Herz formen. Aber in Wahrheit mag er sie; mag es, alle 14 Tage ins Stadion zu gehen, sie spielen, kämpfen und siegen zu sehen. „Es ist toll“, sagt er, „dass die Jungs wieder so attraktiv und erfolgreich spielen.“

Erfolge hat er selbst reichlich gefeiert. Deutscher Meister 1963, Schütze des 1:0 im Endspiel gegen den 1. FC Köln – da war er gerade 21 und damit volljährig geworden. Seinen ersten Vertrag beim BVB hatte noch seine Mama unterschreiben müssen. „120 D-Mark bekam ich im Monat.“ Nach Einführung der Bundesliga wurde es mehr. 1965 dann der DFB-Pokalsieg, ein Jahr später der Europapokal-Triumph gegen den turmhoch favorisierten FC Liverpool. Auch bei Hoppy Kurrat hat sich der legendäre Satz von Trainer „Fischken“ Multhaup aus der abschließenden Mannschaftssitzung festgefressen: „Männer, von zehn Spielen gegen Liverpool verlieren wir neun – aber heute ist das eine, das wir gewinnen!“

Viele der „Helden von Glasgow“ verließen den BVB in den Folgejahren. Kurrat blieb. Er, den sie den „Terrier“ nannten, weil er internationalen Superstars wie Wolfgang Overath, Günter Netzer, Sandro Mazzola und Bobby Charlton notfalls auch bis auf die Toilette folgte, hielt Schwarzgelb die Treue. Der Wadenbeißer, gegen den niemand gerne spielte, stand zur Borussia in guten wie in schlechten Zeiten. Eusebio, der große Portugiese, würgte Kurrat aus Frust und Verzweiflung einmal sogar am Hals und Atalanta Bergamo wollte ihn verpflichten, nachdem er Regisseur Luis Suarez komplett ausgeschaltet hatte. Für Kurrat kein Thema. Er lehnte ab. Auch das Angebot von Hertha BSC. Er hätte weder aus Bergamo noch aus Berlin die Turmspitze der Reinoldikirche sehen können.

Kurrat blieb. Er verzichtete auf Prämien, als es dem BVB finanziell schlecht ging. Und er ging mit seiner Borussia auch den schweren Weg in die Zweitklassigkeit. 1972 der Abstieg in die Regionalliga. Sportlicher Tiefpunkt. Es flossen bittere Tränen. Als Hoppy zwei Jahre später, nach mehr als 300 Spielen für den BVB, davon 247 in der Bundesliga (9 Tore), seine Profilaufbahn beendete, erhielt er als erster Borusse überhaupt ein Abschiedsspiel. Ganz lassen konnte er vom Fußball aber auch danach nicht: 1976 führte Kurrat den SV Holzwickede als Spielertrainer zum Gewinn der Deutschen Amateurmeisterschaft.

Holzwickede, der Dortmunder Vorort, wurde schließlich auch seine zweite Heimat. Noch während seiner aktiven Zeit übernahmen Hoppy und Marga Kurrat an der Bahnhofstraße eine Gaststätte. „Hoppy’s Treff“ entwickelte sich zum lokalen Treffpunkt Nummer 1 und zur Kultstätte für Fußball-Fans aus der ganzen Region. Mehr als 30 Jahre stand das Ehepaar hinter der Theke. „Der Hoppy“, sagt Marga Kurrat, „konnte ein feines Bier zapfen!“ In Wahrheit aber war das Leben nach dem Fußball wie das Leben vor dem Fußball und sein Leben als Fußballer: Maloche. Harte Arbeit, oft bis 3 Uhr in der Nacht.

Heute, mit fast 74, muss Hoppy Kurrat auch ein wenig auf die Gesundheit achten. Er erfreut sich an seinem BVB. Er genießt die regelmäßigen Treffen mit den alten Mannschaftskameraden – mit Theo Redder, Aki Schmidt, Wolfgang Paul, Hans Tilkowski. „Das sind Freunde fürs Leben“, sagt er. „Eine tolle Gemeinschaft.“ Und wenn ihm zu Hause doch mal die Decke auf den Kopf fällt: Dann fährt Hoppy Kurrat einfach einmal um den Borsigplatz.

Warum der Hoppy Hoppy heißt . . .
„Als ich ein kleiner Junge war, spielten wir auf der Straße oft Cowboy. Zu der Zeit gab es einen Western-Held, der hieß Hopalong Cassidy (dargestellt von Schauspieler William Lawrence Boyd/d. Red.). Er hatte zwei Colts und war unglaublich schnell. So wie ich. In den Filmen wurde dieser Hopalong kurz ‚Hoppy‘ genannnt – und so hatte ich meinen Spitznamen weg.“
Link-Tipp: https://www.youtube.com/watch?v=n2kw3RieY5A

Die Helden von Glasgow – Jürgen Weber: Ein Tor auf Malta als Eintrag ins Geschichtsbuch

Jürgen Weber, dem in Dortmund der Durchbruch nicht gelang, löste später in Südafrika eine Fußball-Euphorie aus

Borussia Dortmund 1965/66 – die Helden von Glasgow, die um ein Haar ja auch noch Deutscher Meister geworden wären: Keine Frage, das war eine Mannschaft der großen Namen. Tilkowski, Paul, Kurrat, Held, Emmerich, Libuda, Schmidt . . . als Fan des BVB kann man sie alle aufzählen. Zur vollen Wahrheit aber gehört: Neben den Häuptlingen gab es auch Indianer. Jene Spieler, die eher im zweiten Glied standen und deren Namen nur die Statistik-Nerds und Geschichts-Freaks unter den Anhängern auf der neuronalen Festplatte abgespeichert haben. Spieler wie Jürgen Weber.

Weber war 21 Jahre jung und hatte bis dahin beim VfL Hörde und beim SV Schüren gekickt, als er im Sommer 1965 zum amtierenden DFB-Pokalsieger und Europacup-Teilnehmer Borussia Dortmund wechselte. Und der Mittelfeldspieler erwischte unter Trainer „Fischken“ Multhaup einen wirklich guten Start. Am ersten Bundesliga-Spieltag bei Eintracht Braunschweig stand er in der BVB-Elf. Allerdings kam die mit 0:4 unter die Räder. Weber habe „keineswegs Bundesliga-Format“ gezeigt – so kann man es heute noch auf fussballdaten.de nachlesen. Das traf an jenem Tag auf seine zehn Teamkollegen aber gleichermaßen zu.

Weber blieb im Team. Am 4. Spieltag beim 4:1 über den Karlsruher SC gelang ihm zum zwischenzeitlichen 2:0 sein erstes Bundesliga-Tor. Zwei Spieltage später bereitete er beim 3:2 auf Schalke per Freistoß die 1:0-Führung durch einen Kopfball von Lothar Emmerich vor. Und auch im Erstrunden-Hinspiel im Europapokal beim FC Floriana auf Malta stand Jürgen Weber auf dem Platz. Mehr noch: Er erzielte den Treffer zum 5:1-Endstand – und sicherte sich so seinen aktiven Part im Kreise der Helden.

Doch dem vielversprechenden Auftakt folgten bis zum Ende seiner Dortmunder Zeit im Sommer 1968 nur noch wenige sporadische Einsätze. So etwa in der Endphase der Spielzeit 66/67 im Derby beim FC Schalke 04, das der BVB in der Glückauf-Kampfbahn mit 4:1 gewann – auch dank Webers Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0. Letztlich standen nach drei Jahren aber lediglich 18 Bundesliga-Spiele auf seinem Tätigkeitsnachweis. Mit drei Toren. Das legendäre Endspiel gegen den FC Liverpool erlebte Jürgen Weber von der Tribüne aus. Ein Schicksal, das er allerdings mit weitaus namhafteren Akteuren teilte, denn Spielerwechsel gab es damals noch nicht. Wer bei Anpfiff nicht auf dem Platz stand, stand dort auch beim Abpfiff nicht.

Und dennoch: Borussia Dortmund hatte Jürgen Weber immerhin die Türen für eine langjährige Bundesliga-Karriere geöffnet. Er wechselte von der Roten Erde zu Hertha BSC und wurde 1969/70 mit den Berlinern überraschend Dritter. Als Stammspieler, der bei 28 Einsätzen fünf Tore erzielte. Stammspieler war er auch bei seinem nächsten Klub, dem SV Werder Bremen – bis, ja bis Jürgen Weber im Zuge des Bundesliga-Skandals vom 21. Juni 1972 bis zum 20. Juni 1974 für zwei Jahre gesperrt wurde.
Weber verließ die Bundesliga. Weber verließ Deutschland. Gemeinsam mit vier ehemaligen und ebenfalls gesperrten Berliner Teamkollegen – Torwart Volkmar Groß, Arno Steffenhagen, Bernd Patzke und Wolfgang Gayer – ging er nach Südafrika, zu Hellenic FC. Das deutsche Quintett löste dort vorübergehend eine regelrechte Fußball-Euphorie aus. 20.000 Zuschauer kamen zu den Spielen; die Fans campierten vor den Stadionkassen, um Tickets zu ergattern. Zustände wie heutzutage in Dortmund . . .

Als Jürgen Weber im November 1973 ein halbes Jahr vor Ablauf seiner Sperre begnadigt wurde, kehrte er umgehend in die Heimat zurück. Mit Eintracht Braunschweig stieg er in die Bundesliga auf, spielte anschließend noch für Hannover 96 und kam zum Ende seiner Profilaufbahn auf 137 Einsätze in der Bundesliga (19 Tore), 17 (2) im DFB-Pokal und 11 (1) im Europacup.

Die Helden von Glasgow – Sigi Held: „Ich war doch auch nur einer von elf!“

Es gibt Aufträge, die sind Ehre und Fluch zugleich. „Schreib‘ doch bitte die Geschichte über Sigi Held“ – das ist so ein Auftrag. Eine Ehre, natürlich, über einen Borussen dieser Kategorie schreiben zu dürfen. Eine BVB-Legende der Ehrenkategorie. Ein Fluch natürlich auch, denn was willst du schreiben über einen, über den alles geschrieben worden ist?! Und zwar nicht einmal, sondern zig Mal.

Frage an Sigi Held: „Fällt Ihnen im Rückblick auf die Europapokal-Saison 1965/66 irgendetwas ein, eine Anekdote oder ein kleines Detail, das noch nie berichtet wurde?“ Antwort Sigi Held, den man nicht von ungefähr den „Schweiger“ nennt: „Nein.“ Kurze Pause. „Nichts!“ Kurze Pause. „Erinnerungen verblassen mit der Zeit.“

Nun könnte diese Geschichte hier enden. Oder man erzählt sie einfach mal anders. Man erzählt ausnahmsweise mal n i c h t die Geschichte von den „Terrible Twins“. So tauften die britischen Medien das schwarzgelbe Angriffsduo Sigfried „Sigi“ Held/Lothar „Emma“ Emmerich, das seinen Gegenspielern im Verbund mit Reinhard „Stan“ Libuda Knoten in die Beine spielte, im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger den Titelverteidiger West Ham United eliminierte und im Finale den FC Liverpool schlug. Wobei Held mit einem satten Vollspannschuss aus 17 Metern den 1:0-Führungstreffer erzielte. Alles bekannt. Alles Geschichte – aber nicht unsere Geschichte für hier und heute.

Erzählen wir lieber die Geschichte des großartigen Fußballers und des schier unglaublich bescheidenen und zurückhaltenden Menschen Sigi Held. Der im Rückblick Sätze wie diesen sagt: „Ich war nur einer von elf. In jeder erfolgreichen Mannschaft ist es doch letztlich so, dass der Einzelne nur glänzen kann, wenn das Kollektiv funktioniert.“ Klingt nach Fußball-Floskel, doch Sigi Held meint das genau so, wie er es sagt. Kaum einer ist an dieser Stelle glaubwürdiger als der Mann mit den buschigsten Augenbrauen nach Theo Waigel. Denn Sigi Held hat dieses Motto gelebt – als Spieler wie später als Trainer-Weltenbummler.

Eigentlich, und das verkompliziert das Schreiben dieser Geschichte ein klein wenig, schaut er gar nicht gerne zurück. „Natürlich ist Tradition für einen Klub wie Borussia Dortmund wichtig“, sagt er zwar. „Aber man darf nicht den Fehler machen, sich in der Vergangenheit zu verlieren. Wer zu lange im Gestern lebt, verliert die Gegenwart und die Zukunft aus den Augen – und das ist es, was wirklich zählt!“

Also blicken  w i r  zurück für Sigi Held, der 1942 als Kriegskind das Licht der Welt erblickte und über den TV Marktheidenfeld und Kickers Offenbach 1965 zum BVB kam. Der war gerade DFB-Pokalsieger geworden und stellte für den Bundesliga-Newcomer „die Eintrittskarte in die große Fußballwelt dar“.

Gleich im ersten Jahr gewann Held mit Borussia den Europapokal. Als Leistungsträger. Im Februar 1966 – eine Randepisode – schoss Held zunächst als erster Gast überhaupt auf die Torwand des ZDF-Sportstudios und feierte kurz darauf sein Länderspieldebüt. Alles andere als eine Randepisode, denn im Sommer desselben Jahres wurde er nicht nur mit dem BVB Deutscher Vizemeister, sondern auch Vize-Weltmeister. Vier Jahre später in Mexiko folgte Platz drei. Sigi Held wirkte binnen weniger Tage bei zwei „Jahrhundertspielen“ mit – erst beim 3:2 gegen England, dann beim 3:4 gegen Italien. Insgesamt 41 Länderspieleinsätze mit fünf Toren krönten seine aktive Laufbahn.

Eine große, beeindruckende Laufbahn und „eine wunderschöne Zeit“ – wie auch andere Zahlen belegen: 422 Bundesligaspiele mit 72 Toren, davon 230 für Borussia Dortmund (44 Tore), 133 für Kickers Offenbach (25) und 59 für Bayer Uerdingen (3). Hinzu kommen 49 Zweitliga-Einsätze (4 Tore), 47 DFB- (8) und 11 Europapokal-Spiele (4). Sigi Held ist Rekord-Bundesligaspieler der Kickers. Er kickte für Offenbach und Dortmund, dann wieder für Offenbach, dann noch einmal für Dortmund, ehe er, inzwischen 37-jährig, nach Uerdingen wechselte und zwei Jahre später mit den Krefeldern abstieg.

Es folgte „der schwarze Fleck auf meiner ansonsten blütenweißen Weste“, wie Sigi Held heute scherzt, wenn er auf das Kapitel FC Schalke 04 angesprochen wird. Die Knappen waren mit Uerdingen abgestiegen. „Rudi Assauer, mit dem ich ja 1966 Europapokalsieger geworden war, fragte mich, ob ich Schalke nicht als Trainer übernehmen wolle“, erinnert sich Sigi Held. „Ich war damals 39 und dachte: Okay, irgendwann musst du wohl mal mit dem Fußballspielen aufhören.“ Held führte S04 in die Bundesliga zurück – und erlebte, als es dort nicht auf Anhieb lief wie gewünscht, seine erste Beurlaubung.

Das Trainerleben, das sich an sein Schalke-Kapitel anschloss, hat so gar nichts gemein mit seiner bodenständigen, verwurzelten Spielerlaufbahn. Sigi Held arbeitete als Nationalcoach in Island, auf Malta und in Thailand. Er trainierte Galatasaray Istanbul in der Türkei, Admira Wacker in Österreich, Gamba Osaka in Japan, Dynamo Dresden und den VfB Leipzig. Ein Leben als Vagabund, das „so nie geplant“ war und nur funktionieren konnte, weil Gattin Christin zwischen der Heimat und dem Herrn Gemahl hin und her pendelte.

Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 kürte die Stadt Dortmund Sigi Held zum WM-Botschafter. Beim BVB ist er seit 2007 Fanbeauftragter. Mitglied des Ältestenrates ist er obendrein. In all diesen Funktionen stand er stets und steht noch immer für Bescheidenheit und Demut. Und wenn, nach zwei oder drei weniger guten Spielen, die ersten von Krise zu reden beginnen, ist es Sigi Held, der sie wieder einfängt: „Wir haben ein phantastisches Stadion. Wir haben großartige Fans. Wir haben in den vergangenen Jahren so viele tolle Spiele erlebt und Erfolge gefeiert. Was wir in Dortmund erleben, sind goldene Zeiten.“

Die Helden von Glasgow – Rudi Assauer: Wie Akis Drohung dem Assi Beine machte

Revierfußballer durch und durch: Rudi Assauer hat sich in Dortmund und Schalke gleichermaßen unsterblich gemacht

Bestimmt kennen Sie alle diese hübschen kleinen Büchlein: „111 Gründe, Borussia Dortmund zu lieben!“ Obwohl es in Wahrheit natürlich 1909 Gründe sind. Oder „111 Gründe, Bayern München zu hassen!“ Ein Büchlein aus dieser Serie ist noch immer nicht geschrieben – vielleicht wegen des, zugegebenermaßen, recht sperrigen Titels: „111 Dinge, an denen du erkennst, dass du im Fußball (fast) alles richtig gemacht hast!“ Sollte es je geschrieben werden, gebührt Rudi Assauer darin eine zentrale Rolle. Denn wer von den Fans des BVB und des FC Schalke 04 gleichermaßen als Kultfigur respektiert wird, hat definitiv mehr richtig als falsch gemacht.

Rudi Assauer hat mit Borussia Dortmund seine beiden einzigen Titel als aktiver Fußballer gewonnen: den DFB-Pokal 1965 und den Europapokal der Pokalsieger 1966. Schalke führte er als Manager 1997 zum UEFA-Cup-Triumph sowie 2001 und 2002 zu zwei Erfolgen im DFB-Pokal. Und auch wenn Assauer in der Rückschau natürlich vor allem Schalker ist, so hat er seine BVB-Vergangenheit doch nie verleugnet – 2010 wurde er sogar für 40-jährige Mitgliedschaft geehrt. Das war zwei Jahre bevor die Alzheimer-Erkrankung bekannt wurde, die seine Erinnerungen in den vergangenen Jahren mehr und mehr ausgelöscht hat.

Man darf letztlich wohl sagen: Rudi Assauer ist, obschon im Saarland geboren, ein Kind des Ruhrgebiets – und es ist letztlich der Ruhrgebiets-Fußball, der ihm stets am Herzen lag. In den Farben getrennt, in der Sache vereint! Derby-Tage wie der heutige waren immer Feiertage für ihn.

Stahlbauschlosser hat Rudi Assauer gelernt. Auf Zeche Ewald in Gelsenkirchen gearbeitet. Dann noch eine Ausbildung zum Bankkaufmann draufgesattelt – Grundlage für seine spätere Manager-Tätigkeit. Als er 1964 von seinem Heimatklub, der Spielvereinigung Herten, zum BVB wechselt, ist er gerade 20 Jahre alt geworden. Zwei Jahre später steht er in der BVB-Elf, die in Glasgow als erste deutsche Mannschaft überhaupt einen Europapokal gewinnt. Mit 22 Jahren ist er das „Küken“ im Kader.

Torwart Hans Tilkowski erinnert sich in seiner Biographie „Und ewig fällt das Wembley-Tor“ an die Tage und Stunden vor dem bis dahin größten Spiel der schwarzgelben Klubgeschichte: Trainer „Multhaup knobelt noch an der Taktik. Eigentlich besteht für ihn kein Grund, seine Aufstellung zu ändern. Die einzige Frage, die ihn bewegt: Soll, wie in den letzten Wochen immer, Friedhelm Groppe spielen oder Rudi Assauer? Der Trainer kommt und fragt nach meiner Meinung. ‚Hugo‘, wie wir Groppe rufen, ist ein feiner Kerl, die Zuverlässigkeit in Person. Und er hat wirklich stark gespielt. Assauer kann mehr für die Offensive tun. Und außerdem ist er mein Zimmernachbar. Also lege ich ein gutes Wort für ihn ein. Ob es für Multhaup ausschlaggebend gewesen ist, weiß ich nicht.“

Tilkowski gesteht an selber Stelle, dass er Groppe gegenüber bis heute ein schlechtes Gewissen hat. Er betont aber auch, dass Rudi Assauer im Finale „eine gute Leistung“ abgeliefert hat. Das deckt sich mit der Einschätzung, zu der BVB-Historiker Gerd Kolbe in seinem Beitrag für das Buch „Gelbfieber – Wie Dortmund Fußballhauptstadt wurde“ kommt: „Aus einer geschlossenen Mannschaft ragten Rudi Assauer, Willi Sturm, Wolfgang Paul und Hans Tilkowski als ruhende Pole heraus.“

Auch Aki Schmidt, in dessen Erinnerung „Hugo“ Groppe freilich verletzt war und wohl gar nicht hätte spielen können, bescheingt Assauer eine Klasseleistung. Schmidt, gerade 80 Jahre alt geworden und am Tag des Finals mit 30 Jahren einer der Routiniers im Team, reklamiert aber auch seinen eigenen Anteil daran. Erstens habe er dem Trainer – wie auch Tilkowski und Mannschaftskapitän Wolfgang Paul – dazu geraten, Assauer im Endspiel aufzustellen. Und zweitens „habe ich ihm beim Einlaufen noch mit auf den Weg gegeben: Spielst Du auch nur einen Fehlpass, trete ich Dich in den Hintern“. Die Angst vor Akis Tritt hat dem „Assi“ dann wohl Beine gemacht. „Er hat das dann während der 120 Minuten richtig gut gemacht“, lobt Schmidt. „Deshalb bin ich nach dem Spiel auch sofort zu ihm hin und habe ihm gesagt: Assi, Du warst heute einer der Besten auf dem Platz!“ Statt des Tritts in den Allerwertesten gab’s also anerkennendes Schulterklopfen. Und auch heute noch findet Aki Schmidt ausnahmslos warme Worte für Assauer, der „auf dem Spielfeld manchmal ein ganz schöner Bruder Leichtfuß“ war und neben dem Spielfeld „ein ganz liebenswerter Mensch und mein Kumpel“ ist.

Insgesamt bestreitet Rudi Assauer zwischen 1964 und 1976 für den BVB (119/8 Tore) und Werder Bremen (188/4) 307 Bundesligaspiele und wird 1966/67 zweimal in die U23-Nationalmannschaft berufen – u.a. steht er beim legendären „Pfostenbruch-Spiel“ auf dem Gladbacher Bökelberg für Werder auf dem Platz.

Als Manager arbeitet er jeweils fünf Jahre in Bremen (1976 bis 81) und auf Schalke (1981 bis 86), ehe er dem Fußball für vier Jahre den Rücken kehrt und sein Glück in der Immobilienbranche sucht. Über den VfB Oldenburg kehrt er 1993 schließlich nach Schalke zurück. Unter seiner sportlichen Verantwortung wird der Klub UEFA-Cup-Sieger. Assauer ist einer der Väter und Bauherren der Schalker Arena – seine schlimmste Stunde aber erlebt er noch nebenan, im altehrwürdigen Parkstadion. Dort wähnt sich S04 im Mai 2001 nach einem 5:3 gegen die SpVg. Unterhaching als Meister, weil der HSV parallel mit 1:0 gegen den FC Bayern führt. Es wäre das ersehnte Ende einer 43 Jahre währenden, vergeblichen Titeljagd. Doch nach vier Minuten schlägt der königsblaue Jubel in Schockstarre um. Bayern hat in der Nachspielzeit ausgeglichen. Bayern ist Meister. Schalke ist es wieder nicht. Statt die Schale in die Luft zu recken, bleibt auch Rudi Assauer nur der Griff zum Papiertaschentuch. Der Mann, der sich selbst über Jahre hinweg ein hartes Macho-Image gegeben hat, weint dicke Tränen der Enttäuschung. Und selbst in Dortmund haben an jenem Tag viele über den unerträglichen Bayern-Dusel geflucht.

Nur(i) anders stark – über Sahins neue Rolle beim BVB

(Beitragsbild: Screenshot http://www.bvbtotal.de)

Die Schlagzeilen gehörten anderen nach dem 3:0-Erfolg des BVB in Freiburg: Pierre-Emerick Aubameyang natürlich, dem Gabuner, der den ersten Treffer vorbereitet und die beiden anderen selbst erzielt hatte. Marco Reus natürlich, der mit dem 1:0 die Dose geöffnet und sich gegenüber seinem vitaminarmen Auftritt gegen Augsburg stark formverbessert präsentiert hatte. Auch Ilkay Gündogan wurde viel gelobt – vor allem für seinen brillanten Pass zum zweiten Treffer. Und Kuba und Kagawa für ihre Blitzkombination vor dem dritten Tor. Das erinnerte schon wieder sehr an den Dortmunder Vollgasfußball der allerbesten Zeiten zwischen 2010 und 2013.

Einer, der ebenfalls erheblichen Anteil am Sechs-Punkte-Sieg im Breisgau hatte, ackerte offenbar unterhalb des Radars vieler Beobachter: Nuri Sahin!

In den Ruhr Nachrichten erhielt der Mittelfeldspieler die Note 3,5 – im Reviersport sogar nur eine 4. Einer der schwächsten Dortmunder also? Mitnichten! Denn es war Nuri Sahin, der vor dem 2:0 an der Mittellinie den entscheidenden Zweikampf gewann. Seine Balleroberung ermöglichte Gündogan erst den Traumpass auf Aubameyang. Und es war Nuri Sahin, der vor dem 3:0 an der Mittellinie einen Freiburger Pass abfing und somit die Traumkombination über Kagawa – Kuba – Reus – Kuba – Reus – Kagawa – Aubameyang einleitete. Zwei Szenen, für die es nicht einmal einen Assistpunkt gibt. Was wiederum belegt, dass derlei Statistiken ganz nett, aber eben nur bedingt aussagekräftig sind.

Apropos Statistik: Die Partie in Freiburg war erst Sahins vierter Bundesliga-Einsatz in dieser Saison. Seine Premiere feierte er nach der langwierigen Knieverletzung, die er sich während der Sommervorbereitung zugezogen hatte, am 15. (!) Spieltag beim 0:1 in Berlin – ein siebenminütiger Kurzeinsatz. Will sagen: Sahin war in der Hinrunde nicht Teil des Problems. Dafür könnte er jetzt Teil der Lösung sein.

Sein Startelf-Debüt 2014/15 gar er sogar erst zum Rückrundenauftakt in Leverkusen. Dort gehörte er gleich zu den besten Dortmundern. Beim 0:1 gegen Augsburg gehörte er noch zu den besseren Dortmundern. Jetzt die starke Leistung in Freiburg – und die Erkenntnis: Es geht auch mit einer Doppel-Acht.

Dabei war die Skepsis groß, als nach „Manni“ Bender mit Sebastian Kehl auch der zweite etatmäßige „Sechser“ verletzungsbedingt ausfiel. Ein Duo Sahin/Gündogan im zentralen Mittelfeld; zwei Spieler also, die gelernt sogar eher auf der „Zehn“ als auf der „Acht“ zu Hause sind, ganz sicher aber nicht auf der „Sechs“ – kann das funktionieren angesichts der ohnehin labilen BVB-Defensive? Angesichts der Tatsache, dass Gündogan nach mehr als einjähriger Verletzungspause physisch immer noch nicht voll auf der Höhe ist? Angesichts der Tatsache, dass Sahin noch nie der Schnellsten einer war und es auch nicht mehr werden wird?

Es kann!

Auch deshalb, weil Nuri Sahin seine spielerischen Ambitionen zurücknimmt und sich mit defensiverer Denkweise in den Dienst der Mannschaft stellt. Weil er Zweikämpfe führt. Und gewinnt. Weil er sogar in Kopfballduelle geht. Doch was er selbst verinnerlicht hat, ist in den Köpfen vieler Fans und Experten noch nicht so richtig angekommen. Sie haben immer noch den Sahin der Saison 2010/11 vor Augen. Den Zauberfuß, der Borussia Dortmund mit 14 Scorerpunkten zur Deutschen Meisterschaft dirigierte, von den Profikollegen zum „Spieler der Saison“ gewählt und von Real Madrid abgeworben wurde. Sie messen ihn an der Brillanz jener Tage, an seinen Traumpässen in die Tiefe, an seinen präzisen Freistößen. Wenn das der Maßstab ist, ist Nuri Sahin tatsächlich schwächer geworden.

Vielleicht lautet die Wahrheit aber auch: Nuri Sahin ist immer noch stark. Nur(i) anders stark!

Mitte 20 ist er inzwischen. Er wirkt noch immer jungenhaft und ist dabei doch erstaunlich abgeklärt. Einer, der erst denkt und dann spricht und dann auch stets etwas zu sagen hat. Der sich traut, seine Meinung zu vertreten, weil er weiß, dass er sich das erlauben darf. Sein sportliches Leistungsblatt reicht heute schon locker für eine komplette Karriere. U17-Europameister und bester Spieler des Turniers. Jüngster Bundesligaspieler (Debüt für den BVB mit 16 Jahren am 6. August 2005 beim 2:2 in Wolfsburg). Jüngster Bundesliga-Torschütze (am 26. November 2005 beim 2:1-Sieg in Nürnberg). Jüngster türkischer Nationalspieler und -torschütze. Holländischer Pokalsieger mit Feyenoord Rotterdam. Deutscher Meister mit dem BVB und bester Spieler der Saison. Spanischer Meister mit Real Madrid. Nuri Sahin ist nicht nur erfolgreich. Er hat mit 26 Jahren auch schon mehr von der Welt gesehen als andere in ihrem Leben: Meinerzhagen – Dortmund – Rotterdam – Madrid – Liverpool. Nun wieder Dortmund.

Eine Rückkehr in Dankbarkeit und Demut war das im Januar 2013. Bei den Königlichen von Real Madrid hatte er sich nicht durchsetzen können. Auch deshalb, weil er schon verletzt in Madrid aufschlug und als Fehleinkauf galt, bevor er überhaupt erstmals richtig fit war. Vier Einsätze standen schließlich nur zu Buche; deren sieben waren es in Liverpool. So richtig wohl gefühlt hat er sich weder in Spanien noch in England. Wohl fühlt er sich in Dortmund. Beim BVB. Dieser Klub ist seine Heimat. Schwarzgelb ist seine Farbe und „Echte Liebe“ sein Empfinden. Für Borussia übernimmt Nuri Sahin Verantwortung – auf dem Platz wie außerhalb. Ihm glaubt man, dass er unter dem bisherigen Saisonverlauf leidet. „Uns geht die Situation nahe, aber wir sind voll auf die Arbeit fokussiert und wollen die Wende schaffen“, sagte er nach dem Sieg in Freiburg – und fügte ein Versprechen hinzu: „Das wird man auch am Freitag gegen Mainz sehen!“