BVB und S04: So nah beisammen – so weit voneinander entfernt

Vergangenen Sonntag, kurz nach 20 Uhr, zwitschert der Ex-Kollege, der viele Jahre über den BVB berichtet hat und dann journalistisch die Seiten wechselte, diesen Tweet, der die ganze königsblaue Ratlosigkeit in weniger als 140 Zeichen zum Ausdruck bringt: „Man darf also nach einem überzeugenden Sieg gegen Leipzig nicht erwarten, dass die Mannschaft in Hannover auch so auftritt?“ – Und das, nachdem er nullneun Minuten zuvor bereits diese Twitterfrage gefragt hatte: „Wie ist es nur möglich, dass #Schalke trotz wechselnden Führungspersonals seit Jahren keine Konstanz in die Mannschaft bekommt?“

Ich hab‘ ihm dann geantwortet, dass Schalke doch gar keine MANNSCHAFT ist. Und dass S04 die Probleme nicht trotz, sondern wegen des wechselnden Führungspersonals hat. Und dass ich die Tage vielleicht mal was dazu bloggen werde. Hier und jetzt also. Als Dortmunder, der sich eine einigermaßen treffende Analyse des BVB zutraut, bei den Blauen hingegen genau so im Vagen stochert wie die meisten Experten. Ich bin da ziemlich laienpsychologisch unterwegs, aber ich finde, so kompliziert ist es eigentlich gar nicht.

Hier also Borussia Dortmund. Ein Klub, bei dem Michael Zorc schon länger Sportdirektor ist als einige Spieler im aktuellen Kader alt sind. Bei dem Hans-Joachim Watzke seit 2004/05 mit Thomas Treß die Geschäfte führt. Bei dem Dr. Reinhard Rauball als Präsident im Hintergrund wirkt. Der Aufsichtsrat erledigt seinen Job unaufgeregt, tritt praktisch nie öffentlich in Erscheinung – oder kann irgend jemand hier den Namen eines Aufsichtsratsmitgliedes nennen? Es gibt mit Puma, Evonik und Signal Iduna strategische Partner, aber keinen Mäzen wie Hamburgs Kühne, der Unruhe herein tragen könnte, oder wie Clemens Tönnies, den Schalker Boss, der medial zwar deutlich zurückhaltender agiert als dereinst – aber genau das ist ja fast schon wieder irgendwie verdächtig.

Der BVB, im Februar 2005 mausetot, ist heute quicklebendig, finanziell fit wie ein Turnschuh. Rekordbilanz auf Rekordbilanz. Die Aktie auf 15-Jahres-Hoch. Er ist seither zweimal Meister und zweimal Pokalsieger geworden, stand vier weitere Male im Endspiel und einmal im Champions-League-Finale. Das ist sportliche Konstanz auf höchstem Niveau. Hinzu kommen U19- und U17-Titel in Serie. Selbst in der Nachwuchsarbeit also, die von Lars Ricken, einem weiteren Ur-Dortmunder mit Legendenstatus, verantwortet wird, hat Schwarzgelb der zurecht hochgelobten „Knappenschmiede“ zuletzt den Rang abgelaufen.

Kurzum: Beim BVB ist „Ruhe im Karton“. Das zeigt sich gerade in strubbeligen Phasen wie rund um die Trennung von Trainer Thomas Tuchel und die folgenden Transferturbulenzen um Pierre-Emerick Aubameyang und Ousmane Dembélé, in denen zwar die Medien durchgedreht sind – aber niemand beim BVB die Nerven verloren hat.

Dieser Klub hat in den zurückliegenden Jahren einige richtige Entscheidungen getroffen. Und ein bisschen Glück gehabt. Jürgen Klopp war zweifellos das größte. Thomas Tuchel war sportlich ebenfalls eine Erfolgsgeschichte. Man hat herbe Rückschläge hinnehmen müssen: wie den Weggang von Mario Götze, von Robert Lewandowski. Aber Borussia hat diese Verluste ebenso kompensiert wie sogar das „Triple“ von 2016 – den Auf-einen-Schlag-Abgang von Hummels, Gündogan und Mkhitaryan. Der BVB hatte dabei stets eine Spielidee, die von Klopps Vollgasfußball zu Tuchels Ballbesitzverliebtheit a la Pep Guardiola wechselte und nun unter Peter Bosz beide Stile zusammenführt. Es war also nicht immer DIE EINE Idee – aber es war immer eine IDEE. Und es gibt eine klare personelle Strategie, die auf einem Top-Scouting und dem mutigen Verpflichten junger Talente basiert. Sie werden beim BVB weiterentwickelt. Das klappt nicht immer – aber bemerkenswert oft.

Das alles war nur möglich, weil – und jetzt kommen wir endlich zum Punkt und zum wesentlichen Unterschied zum FC Schalke 04 – die Mannschaft eine MANNSCHAFT ist. In sich gefestigt. Mit Spielern wie Roman Weidenfeller, Marcel Schmelzer, Lukasz Piszczek, Nuri Sahin, Marco Reus, Mario Götze, Pierre-Emerick Aubameyang, Shinji Kagawa, Papa Sokratis, Neven Subotic, Erik Durm, die schon eine gefühlte Ewigkeit in Schwarzgelb spielen, zum Teil mal weg waren und geläutert zurückgekehrt sind. Die sich jedenfalls maximal mit dem BVB identifizieren. Hinzu kommen Akteure, die – wie Julian Weigl, Marc Bartra und Gonzalo Castro – noch gar nicht so lange dabei und trotzdem schon auf dem besten Weg sind, ihre Reifeprüfung als „Dortmunder Jungs“ summa cum laude zu bestehen. Vor allem der Umgang der Mannschaft mit dem Bombenanschlag im April hat gezeigt, wie gut dieses Team funktioniert, wie es sich hilft und unterstützt. Zweifellos hat dieses dramatische Erlebnis den BVB noch mehr zusammengeschweißt.

So viel zur Borussia. Und auf der anderen Seite der FC Schalke 04. In der Zeit seit 2008, in der Dortmund drei Trainer beschäftigt(e), hat S04 mit Domenico Tedesco nun den zwölften. Christian Heidel ist im selben Zeitraum der vierte Sportdirektor (nach Andreas Müller, Felix Magath und Horst Heldt). Dass die Mannschaft auf viele Experten wie eine vollkommen heterogene Ansammlung ordentlicher bis guter Fußballspieler wirkt, nicht aber wie ein homogener Kader, der eine klare Idee und Strategie verkörpert, darf doch nicht wirklich wundern.

Sam, Caliguiri, Nastasic, Schöpf, Stambouli, di Santo, Geis, Naldo – bei allem Respekt, aber das sind keine Spieler, mit denen du zwangsläufig in die Champions League einziehst. Nun hatte Schalke in den vergangenen Jahren auch viel Verletzungspech (Coke, Embolo etc.), hat immer wieder wichtige Spieler und Identifikationsfiguren verloren, zum Teil – wie bei Julian Draxler – auch noch mit reichlich zerdeppertem Porzellan. Und hat das, anders als der BVB (etwa bei Götze) eben nicht kompensiert bekommen. Denn finanziell ist S04 auch nicht in der Lage, auf dem überhitzten Transfermarkt in der ersten Reihe mitzubieten bzw. seine Leistungsträger zu halten. Im Grunde weiß man doch heute schon, dass Leon Goretzka 2018 gehen wird. Max Meyer befindet sich seit Monaten im Dauerabschiedszustand, ohne wirklich Abschied zu nehmen. Und zu allem Überfluss schiebt S04 nun auch noch seinen bei den Fans überaus beliebten, jedoch vom Trainer enteierten Weltmeister-Kapitän Benedikt Höwedes ab bzw. verärgert ihn ohne erkennbare Not so sehr, dass er das Weite sucht. Das muss Fan nicht verstehen. Ich bin ausdrücklich keiner – und verstehe es auch nicht. Ich frage mich vielmehr: Wer sind die Leitfiguren, die Eckpfeiler, um die herum S04 mit Weitsicht eine Mannschaft aufbauen will, die den ganzen Wumms, den dieser Klub ja zweifellos hat, perspektivisch mal wieder auf den Platz bringt.

Das Ergebnis der genannten Fehler ist jedenfalls der FC Schalke 04, den wir seit einigen Jahren erleben. Ein Team, das manchmal großartig aufspielt – wie jüngst zum Saisonstart gegen die Weißblechdosen aus Leipzig. Und wenige Tage später maßlos enttäuscht – wie am Sonntag in Hannover. Das heute große Träume und Hoffnungen weckt und sie morgen schon wieder in die Tonne tritt.

Ich glaube immer noch: Christian Heidel kann das hinbekommen. Aber es wird dauern. Und Zeit ist bekanntlich das Einzige, was Verantwortliche auf Schalke noch weniger haben, als der aktuelle Kader Mannschaftsgeist zu haben scheint.

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Hömma, Ihr Blauen, macht kein‘ Scheiß!


Vorweg: Ich bin Borusse. Und für alle, die der Ansicht sind, es gäbe mehr als eine Borussia, präzisiere ich: Ich bin ein schwatzgelber Borusse. Schließlich bin ich Dortmunder. Da ist das eben so. Da geht das gar nicht anders. Es gibt nie, nie, nie einen anderen Verein!

Schon gar nicht: Schalke! Wer mich kennt, der weiß: Auch ich liebe die Frotzeleien über unseren Lieblingsrivalen aus Herne-West. Ich gestehe, dass ich keine Gelegenheit auslasse,  ein wenig Schadenfreude über Königsblau auszukippen. Dass ich den 12. Mai 2007 für einen der großartigsten Fußball-Feiertage ever, everever halte. Dass ich Vier-Minuten-Meisterschaften deutlich schmackhafter finde als Fünf-Minuten-Terrinen. Und dass „Ein Leben lang keine Schale in der Hand“ in meiner Playlist unter den Top 10 steht.

So weit, so gut. Wer mich kennt, weiß allerdings auch, dass mir diese unerträglichen Bayern aus München mit ihrer „Alles außer dem Triple ist unter unserer Würde“-Attitüde und ihrem Hofstaat aus Vorbestraften weit heftiger auf den Keks gehen als die Nachbarn aus Gelsenkirchen. Ich bin auch keiner von diesen „Tod und Hass dem S04“-Borussen. Ein gepflegtes „Eeesssnuuullviiiier, Hu-ren-söh-ne!“ Ja, da bin ich dabei. Aber zwischen „Hurensöhne“ und „Tod und Hass“ verläuft meine ganz persönliche Revierderby-Rivalitätsgrenze. Bei „Tod und Hass“ bin ich raus.

Zur Sache also: Einer wie ich findet die aktuelle Tabelle ganz unterhaltsam. S04 nur noch vier Punkte vom Relegationsplatz entfernt – da kann man schon mal ins Schmunzeln geraten. So als Dortmunder, meine ich. Allerdings macht die Tabellensituation auch ein wenig Angst. Mir zumindest. Denn die Blauen in der zweiten Liga: Das will ich nicht. Ich gehe sogar soweit, zu sagen: Das wäre der GAU! Der Tag, an dem das passierte, wäre der Tag, an dem die Bundesliga ihren Reiz verlieren würde.

Ich meine: ihren fast schon  l e t z t e n  Reiz. Denn Reiz genug hat sie eh verloren durch diese ganzen Klubs, die, verzeiht meine Ausdrucksweise, keine Sau interessieren. Die Dosen aus Leipzig machen mich allenfalls wütend. Dass dieses Marketingprojekt zur Vertriebssteigerung einer obendrein auch noch komplett unleckeren Gummibärchenplörre überhaupt in die Liga gelassen wurde: schlimm genug! Aber interessieren, sportlich und rivalitätsmäßig, kann mich dieses Konstrukt nicht die Bohne.

Weiter geht’s: Bayer Leverkusen – uninteressant. Hoppenheim, auch wenn von 1899, und Diesel-Skandal Golfsburg, vor zwei Jahren nach verbreiteter Expertenmeinung noch „der einzige Klub, der den Bayern auf Sicht Paroli bieten kann“: völlig uninteressant. Der FC Ingolstadt: Wen juckt’s, ob die in der Bundesliga spielen?! Oder Augsburg. Klar, die machen da einen coolen Job. Aber interessiert mich Augsburg? Nein, Augsburg interessiert mich nicht. Auch Darmstadt nicht. Gewiss, die Darmstädter Aufstiegs-Story ist romantisch, irgendwie, und das Stadion aus der Zeit gefallen. Aber ganz ehrlich: ob Darmstadt in der Bundesliga spielt oder in China ein Fahrrad umfällt . . .

Will sagen: Das alles wird mir immer egaler. Es gibt wenige Klubs, die mir nicht egal sind. Einige von denen spielen in der zweiten Liga. Stuttgart zum Beispiel, Kaiserslautern, St. Pauli,  selbst Nürnberg, Bochum. Nicht, dass ich die alle toll finde. Ganz im Gegenteil. Aber an ihnen kann ich mich wenigstens reiben. Ich habe eine Beziehung zu ihnen. Ich verbinde etwas mit ihnen. Ich habe etwas mit ihnen – oder besser: gegen sie – erlebt. Gemeinsam mit dem BVB.

Ganz und gar nicht egal ist mir natürlich: S04. Bei S04 prickelt’s. Alles was mit Schalke zu tun hat, ist für uns Dortmunder emotional. Und umgekehrt für euch Blaue doch auch, wenn’s um Borussia geht. Die Derbys sind das Salz in der Liga-Suppe. Die verbalen Scharmützel mit Schalke-Fans; der Blick in die Tabelle; dieses Wohlgefühl, wenn Schwatzgelb vor Königsblau steht; der Frust, wenn es mal anders herum ist, was ja selten vorkommt – ohne das alles wäre der Fußball doch auch nur so ein rundes Ding, vor das man treten kann. Doof irgendwie.

Also, Gelsenkirchen, jetzt reißt Euch – das Derby ausgenommen – mal zusammen und macht keinen Scheiß! Platz 15 am Ende würde mir völlig reichen. Platz 16 wär‘ ganz doof. Dann müsste ich Euch in der Relegation womöglich noch die Daumen drücken.

Plädoyer für die Fußball-Romantik

(Beitragsbild: Screenshot von http://www.gibmich-diekirsche.de)

Eben nicht!

Es ist eben noch nicht alles gesagt in der Debatte über Retortenklubs wie RasenBallsport Leipzig. Oder VfL Golfsburg. Oder TSG 1899 Hoppenheim.

Gesagt ist, dass sie den Fußball kaputt machen. Den Fußball, so wie wir ihn lieben. Mit Tradition, Leidenschaft und Emotion. Mit sportlichen und wirtschaftlichen Aufs und Abs. Fußball mit glanzvollen Triumphen und grandiosem Scheitern. Fußball, der auf gewachsenen Strukturen aufsetzt und nicht ausschließlich im wirtschaftlichen Interesse eines einzelnen Sponsors oder Finanzinvestors begründet liegt. Fußball, der organisch gewachsen ist und nicht im Blitztempo bis an die Grenze zur Überdüngung künstlich hochgezüchtet wurde. So ein Produkt-Fußball, der zwar schnell Erfolge zeitigt, aber auch ganz schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit versinkt, wenn der großzügige Gönner den Spaß an seinem Marketing-Instrument verliert. Beispiele dafür gibt es viele – in Spanien, Italien, England. In Frankreich – siehe AS Monaco. Bald auch in Deutschland.

Das alles ist gesagt.

Was in der Diskussion bisher zu kurz kommt, ist ein ganz anderer Grund dafür, dass die Bundesliga den österreichischen Gummibärchenbrauseklub aus Leipzig nicht braucht. Warum sie auch ohne Hoffenheim und Wolfsburg ganz prima zurecht käme – nicht aber ohne den Hamburger SV, Werder Bremen, den VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt, den 1. FC Köln. Ein Grund dafür, dass es schade ist, dass Nürnberg, Kaiserslautern, Bochum in der zweiten und viele andere Traditionsklubs sogar in der dritten oder vierten Liga verrotten.

Nun bin ich weit davon entfernt, übermäßige Sympathie für Stuttgart oder Frankfurt zu empfinden. Und im Gegensatz zu Kevin Großkreutz spüre ich auch keine gefühlsmäßige Nähe zu den Geißböcken.

Und doch empfinde ich für jeden dieser Klubs etwas. Jeder von uns Fußballfans empfindet für diese Klubs etwas, weil wir einen gemeinsamen Erfahrungs- und Erlebnisschatz haben. Wir teilen auf die eine oder andere Weise Freud’ und Leid miteinander, und genau das ist gewissermaßen der kleinste gemeinsame Nenner, der uns in fußball-politischen Diskussionen wie jener über die Legitimation von Retortenklubs, über die Anstoßzeit 15:30 Uhr, über den Kampf gegen Rechts und den Protest gegen überhöhte Ticketpreise immer wieder zusammenführt.

Ein paar Beispiele, betrachtet durch die schwarzgelbe Brille

Beispiel HSV: Gegen die Hamburger gewann Borussia Dortmund 1957 den zweiten und 1995 – nach 32-jähriger Abstinenz – den vierten Meistertitel. Zwei Meilensteine im schwarzgelben Fußballgedächtnis. Nun haben die Hanseaten in den zurückliegenden Jahren alles, aber auch wirklich alles getan, um endlich in der Zweitklassigkeit zu versinken. Aber wenn ich die Wahl habe – HSV oder RasenBallsport . . .?!

Beispiel Bremen: Der Dortmunder Timo Konietzka erzielte gegen Werder Bremen das erste Tor der Bundesliga-Geschichte. 1989 gewann der BVB gegen Werder völlig überraschend den DFB-Pokal – ein Urknall für die weitere Entwicklung der Borussia. Ein Urknall auch: Der Jubelschrei der Fans, als Henrique Ewerthon de Souza am 4. Mai 2002 den 2:1-Siegtreffer erzielte und damit die sechste Meisterschaft perfekt machte. Im Westfalenstadion. Gegen – genau: Werder Bremen! Nun haben die Norddeutschen in den zurückliegenden Jahren alles, aber auch wirklich alles getan, um endlich in der Zweitklassigkeit zu versinken. Aber wenn ich die Wahl habe – Werder oder RasenBallsport . . .?!

Beispiel Stuttgart: Ich habe den VfB verflucht, als Guido Buchwald 1992 in Leverkusen zum 2:1 traf und dem BVB vier Minuten vor Saisonende die Meisterschale aus den Händen riss. Aber ich habe den VfB gepriesen, als er 2007 im Schlussspurt noch am FC Schalke 04 vorbei zog. Ich habe meinen Augen nicht getraut als Borussia die Stuttgarter mit Elber, Bobic & Co. unter Ottmar Hitzfeld in Unterzahl mit 6:3 aus dem Stadion schoss. Und wir alle schwärmen heute noch vom 4:4 gegen die Schwaben in der BVB-Meistersaison 2011/12. Nun tun die Stuttgarter seit Jahren alles, aber auch wirklich alles dafür, endlich in der Zweitklassigkeit zu versinken. Aber wenn ich die Wahl habe – VfB oder RasenballSport . . .

Oder Eintracht Frankfurt: Zwei Tore besser als der BVB waren die Hessen 1985/86 als Fünfzehnter. Dortmund musste in die Relegation – dort folgte die Mutter aller Dramen gegen Fortuna Köln.

Oder der 1. FC Nürnberg: Die Franken waren unser Gegner in den Wiederaufstiegsspielen 1976. Und sie waren der Gegner, als der BVB 2011 im Fernduell mit Leverkusen vorzeitig den Titelgewinn perfekt machte.

Man könnte diese Liste fortsetzen. Man könnte den FC Bayern München, Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach mit hinzu ziehen – wobei die aktuell nicht vom Abstieg bedroht sind und die Frage „Sie oder RasenBallsport?!“ sich nicht stellt. Man könnte die Liste auch umdrehen, denn natürlich verbinden jeden der genannten Vereine auch ein paar ganz besondere Erinnerungen mit dem BVB. Man kann es deshalb aber auch abkürzen – und feststellen: Es sind diese gemeinsamen Erinnerungen, es ist die bei allen Unterschieden und Differenzen eben doch auch gemeinsame Geschichte, die das Faszinosum Bundesliga ausmacht.

Wenn immer mehr Golfsburgs, Hoppenheims und RasenBallsports in der Bundesliga kicken, geht ihr das Faszinierende bald ab. Sie verliert Emotionen. Sie verliert ihren Reiz. In den Stadien sitzen dann Erfolgs- und Modefans, die Sponsorenfreikarten erhalten haben und in ihrer Sitzschale eine Klatschpappe nebst Gebrauchsanleitung vorfinden.

Ich will so einen Fußball nicht. Und die Bundesliga sollte ihn auch nicht wollen.

FC Schalke 04: Mit di Matteo aus dem Keller?!

Derbysiege sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Gerade zehn Tage ist es her, da besiegte der FC Schalke 04 den BVB in der Dreifach-Turnhalle am Berger Feld mit 2:1 und feierte sich als „Die Nr. 1 im Pott!“. Zwei Spiele später – ein tristes 1:1 in der Champions League gegen NK Maribor und ein fast schon erwartetes 1:2 in der Bundesliga bei der TSG 1899 Hoffenheim – war die Geduld der Klubführung am Ende. Vorstandschef Clemens Tönnies und Sportdirektor Horst Heldt setzten Trainer Jens Keller den Stuhl vor die Tür. Die Entwertung eines Derbysieges und der vorläufige Schlusspunkt unter ein letztlich unwürdiges Hick-Hack über Wochen und Monate hinweg. Dass der Entscheidung die branchenüblichen Beteuerungen („Wir führen keine Trainerdiskussion“ – „Wir stehen hinter Jens Keller“) vorausgegangen waren, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Was derlei Sätze wert sind, weiß man längst: nicht einmal die drei Euro fürs Phrasenschwein.

Keller wirkte stets wie „Jesus reloaded“

Noch am Sonntagabend hatte sich Jens Keller der Diskussion bei Sky90 gestellt. Vermutlich hatte er seinen Besuch nach dem Derbysieg zugesagt. In Erwartung eines Erfolges gegen Maribor und einer sportlich entspannten bis tendenziell erfreulichen Lage. Es kam anders. Die „Experten“-Runde nahm ihn ins Kreuzverhör; insbesondere die BILD, die ihn mit Detailkenntnissen aus internen Sitzungen konfrontierte. Keller leistete nur überschaubaren Widerstand. Bei jedem anderen Trainer hätte man nachher festgestellt: Das war ein vitaminarmer Auftritt. Bei Keller hieß es: Er war doch wie immer. Ruhig. Sachlich. Zurückhaltend. – Souverän und authentisch nennen das die einen. Die anderen werfen ihm seit jeher vor, ihm fehle es an Temperament, an Esprit, an Strahlkraft. Keller selbst sagt:  Er sei eben kein Kasper und werde sich nie, niemals verstellen.  Fakt aber ist: Der Trainer und Fußballlehrer, der fachlich womöglich exzellent ist, scheiterte auch an seiner fehlenden Bereitschaft, im Show-Biz Bundesliga angemessen mitzuspielen. Zumal in unmittelbarer Nachbarschaft, beim Erzrivalen BVB, mit Jürgen Klopp einer arbeitet, der genau diese Klaviatur perfekt beherrscht und mit seiner Hemdsärmeligkeit ins Revier passt als sei er genau hier und nicht im Schwarzwald geboren worden. Bei Jens Keller hingegen hatte man – und das bleibt das einzige Wortspiel mit seinem Namen – stets den Eindruck, er gehe zum Lachen in denselben. Meist wirkte er wie ein „Jesus reloaded“, auf dessen Schultern die gesamten Leiden und Beschwernisse Gelsenkirchens abgeladen wurden. Jürgen Klopp in der tiefsten Depression und Niedergeschlagenheit klingt noch zuversichtlicher und begeisterungsfähiger als Jens Keller im Siegestaumel.

Hier Keller – dort Klopp. Der Eine im Vorjahr nach der besten Rückrunde der Klubgeschichte mit Schalke Dritter – der Andere mit dem BVB Zweiter. Beide direkt für die Champions League qualifiziert. Beide mit dem Anspruch in die laufende Saison gestartet, dies erneut zu schaffen. Keller mit Schalke nach sieben Spieltagen Elfter (8 Punkte) – Klopp mit Borussia sogar nur 13. (7 Punkte). Und doch sitzt der eine so sicher im Sattel wie man in diesem Job nur sitzen kann, während der andere beim JobCenter sitzt und sich arbeitssuchend meldet. Das sagt viel. Über Keller. Über Klopp. Über den BVB – vor allem aber über den FC Schalke 04.

Schalke hat einen ganzen Haufen weiterer Probleme

Denn der hatte nicht bloß ein Keller-Problem. Er hat vielmehr einen ganzen Haufen Probleme. Das nächste heißt Horst Heldt. Der Sportdirektor ist für die Zusammensetzung des Kaders mindestens so verantwortlich wie der nun gefeuerte Coach. In Wahrheit, weil länger im Amt, trägt Heldt noch größere Verantwortung. Und dieser Kader passt eben nicht. Schalke ist, das wurde durch die Erfolge während der starken Rückrunde 2013/14 kaschiert, eine Ansammlung passabler bis sehr guter Einzelspieler, aber keine Mannschaft. Während Borussia Dortmund – was die aktuelle sportliche Situation ein wenig erträglicher macht – zumindest fightet, gegen Stuttgart nach 0:2-Rückstand noch einen Punkt rettete und auch beim kläglichen 0:1 gegen den HSV unermüdlich anrannte; obendrein in der CL mit sechs Punkten und 5:0 Toren aus zwei schweren Spielen voll auf Achtelfinalkurs liegt, wirken die Auftritte der Königsblauen bisweilen merkwürdig leblos. Starken Leistungen gegen Bayern (1:1) und in Chelsea (1:1) folgen in unschöner Regelmäßigkeit Auftritte, die man letztlich nur als Kollektivversagen bezeichnen kann.

Eine Ansammlung von Einzelspielern, aber keine Mannschaft

Es gibt einen Leader, der dauerverletzt ist (Benedikt Höwedes); einen, der stets und ständig fordert, aber selbst kaum etwas zeigt (Klaas-Jan Huntelaar); einen, der sich als Leader sieht, aber keine entsprechenden Leistungen zeigt (Kevin-Prince Boateng). Es gibt zwei, die die zentrale Position 10 für sich beanspruchen (Boateng und Julian Draxler) und mindestens einen (Draxler), der vielleicht auch deshalb in seiner Entwicklung stagniert. Es gibt viele ungesund große Diskrepanzen im Gehaltsgefüge. Es gibt eine Vielzahl von Mitläufern im Team und es gibt, das sei zur Ehrenrettung der sportlich verantwortlichen als mildernder Umstand angeführt, einen Haufen verletzter Leistungsträger.

Das Resultat sind schlechte Resultate – und während der Nachbar BVB nach dem 0:1 gegen den HSV von der Südtribüne als Zeichen des maximalen Schulterschlusses minutenlang lautstark getröstet und aufgemuntert wurde, gab es auf Schalke nach dem 1:1 gegen Maribor Pfiffe.

Der wirtschaftliche Druck ist groß

Die sportliche Situation ist gleichwohl nicht die einzige Baustelle am Berger Feld. Auch wirtschaftlich hat Schalke Druck. Bei rund 180 Millionen Euro Verbindlichkeiten und angesichts eines der teuersten Kaders der Liga sind das Überwintern in der Champions League und die erneute CL-Qualifikation beinahe Pflicht. Zumal der DFB-Pokal als zusätzliche Einnahmequelle für diese Saison nach dem Erstrunden-Aus in Dresden bereits versiegt ist. Und auch das Verhältnis zwischen Klubführung und Fans hat in den vergangenen Jahren gelitten. Der Streit um den Vertrag mit den Ticket-Abzockern von „viagogo“. Die zum Teil heftig geführten Diskussionen um eine Satzungsänderung für mehr Transparenz und Demokratie im Klub. Der Offene Brief von Fans gegen einen Besuch beim russischen Präsidenten Vladimir Putin. der umstrittene und ungeliebte Hauptsponsor „Gazprom“. Das alles trägt nicht dazu bei, das Klubmotto „Wir leben Dich“ wirklich zu leben. Was Schalke fehlt, ist ein Fantribun – wie Rudi Assauer einst einer war. Wie Jürgen Klopp es beim BVB ist. Und auch Michael Zorc, der zwar als Typ auch nicht den Vortänzer spielt, ob seiner sportlichen Erfolge mit Borussia Dortmund und seiner über jeden Zweifel erhabenen Verbundenheit zum Klub aber dennoch als Identifikationsfigur dient. Oder Lars Ricken. Nobbie Dickel . . .

Und nun: Von wegen Thomas Tuchel . . .

Und nun also Roberto di Matteo. Nicht der Ex-Mainzer Thomas Tuchel. Über den so viel diskutiert wurde in den vergangenen Monaten. Der wie ein Schattenmann im Hintergrund auf Kellers Demission zu lauern schien. Der auf Schalke angeblich schon einen Vertrag ab Sommer 2015 unterzeichnet haben sollte. Alles Quatsch – weiß man jetzt. Denn di Matteo hat bis 2017 unterschrieben und würde sich als Zwischenlösung für ein paar Monate ganz sicher auch nicht hergeben. Immerhin war er mit dem FC Chelsea 2012 Champions-League-Sieger. In München. Gegen München. Seither war er im Wartestand und auf den ersten Blick passt der gebürtige Schweizer mit italienischem Pass nach Gelsenkirchen wie Pep Guardiola nach Berlin-Marzahn. Das aber sind Äußerlichkeiten. Es gibt keinen Grund für eine Vorverurteilung. Soll er erst einmal arbeiten, der neue Mann. Leicht wird’s nicht.

Kevin Großkreutz – Erinnerungen an ein ganz besonderes Derby

Es ist das 167. von allen und das 85. Revierderby in der Fußball-Bundesliga. Wenn der FC Schalke 04 am Samstag Borussia Dortmund empfängt, hält das Ruhrgebiet wieder einmal für 90 Minuten den Atem an. Der Ruhepuls der Fans beider Klubs bewegt sich seit Tagen auf ein Maß zu, das spätestens morgen um 15.30 Uhr in den ungesunden Bereich vorstoßen wird.

Viele der bisherigen Duelle waren aus den unterschiedlichsten Gründen bemerkenswert. Einige spannende Zahlen, Fakten und Statistiken findet Ihr hier: http://bit.ly/1uLyTGy

Kein Derby aber war und ist vergleichbar mit jenem am 12. Mai 2007. Der vorletzte Bundesliga-Spieltag. Schalke kann Meister werden. Im aus Dortmunder Sicht ungünstigsten Fall sogar vorzeitig. Im Westfalenstadion. Die ultimative Horror-Vorstellung.

Doch es kam ja ganz anders. Wie, das könnt Ihr nachlesen in meinem Buch „Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB“ (Klartext-Verlag, 19,95 Euro). Dort findet Ihr auch den folgenden Text, einen Gastbeitrag von Kevin Großkreutz. Darin erinnert sich der „Dortmunder Jung'“, wie er das Duell seinerzeit auf der Südtribüne – wo sonst?! – erlebte.

Kevin Großkreutz:

Vom Auslaufen in Ahlen direkt

zum Derbymarsch nach Dortmund

Das Derby am 12. Mai 2007 war zweifelsfrei eines der spektakulärsten überhaupt. Ein Mega-Spiel!

Ich war damals erst 18 Jahre alt und hatte mich gleich in meiner ersten Saison im Seniorenbereich bei Rot-Weiß Ahlen in der Regionalliga, damals die dritthöchste Klasse, als Stammspieler durchgesetzt. Am Vorabend des Derbys zwischen Borussia und den Blauen mussten wir bei Holstein Kiel antreten, verloren 1:2 – und ich flog zehn Minuten vor Schluss zu allem Überfluss vom Platz. Samstagmorgen stand in Ahlen noch das Auslaufen auf dem Programm. Sofort danach bin ich zum Bahnhof, um den Zug nach Dortmund zu erwischen und pünktlich zum Derbymarsch dort zu sein.

Die Anspannung unter uns Fans war riesengroß. Zwar ging es für Borussia sportlich um nichts mehr, weil die Mannschaft eine Woche zuvor in Wolfsburg den Klassenerhalt klargemacht hatte. Und nun war der BVB im Prinzip der letzte Klub, der noch zwischen den Blauen und ihrem ersten Titelgewinn seit 1958 stand, denn dass sie sich am letzten Spieltag daheim gegen Bielefeld die Butter noch würden vom Brot nehmen lassen, war nicht wirklich anzunehmen.

In der Woche vor dem Spiel baute sich die Spannung von Tag zu Tag mehr auf. Schließlich kündigte Gerald Asamoah auch noch an, er werde zu Fuß über die A40 von Dortmund nach Gelsenkirchen laufen, wenn sie bei uns Meister werden. Der Spruch hat all die Fans natürlich zusätzlich motiviert – und einige BVB-Spieler haben mir später erzählt, dass auch sie sich dadurch bei der Ehre gepackt fühlten.

Als Alex Frei dann kurz vor der Pause das 1:0 machte, ist das Stadion buchstäblich explodiert. Ich bin auf der Südtribüne mindestens fünf oder sechs Stufen nach unten geflogen. In der zweiten Halbzeit sickerte durch, dass Stuttgart die Partie in Bochum gedreht hat – und dann machte Ebi Smolarek kurz vor Schluss auch noch das 2:0 für Borussia. Nach dem Spiel sind  alle zusammen in die Stadt und haben bis zum nächsten Morgen durchgefeiert.

 

Als der BVB am 13. September 2008 sein erstes Derby unter Jürgen Klopp spielte, war ich immer noch in Ahlen, inzwischen in der zweiten Liga. Es war meine letzte Saison dort, bevor ich zur Borussia wechselte – und wieder hatten wir am Vorabend ein Spiel. Wir haben bei Rot-Weiß Oberhausen gewonnen; Marco Reus hat kurz vor der Pause den Ausgleich erzielt und ich selbst kurz vor Schluss das 3:1.

Samstagnachmittag stand ich wieder auf der Südtribüne. Meine Güte, ging das schlecht los. 0:2 zur Pause, dann sogar 0:3 – und Kevin Kuranyi muss eigentlich das vierte Tor für die Blauen machen. Der BVB war total unterlegen. Ein ganz bitteres Spiel bis dahin, fast eine Demütigung. Da stehst du als Fan auf der Tribüne, empfindest nur noch Verzweiflung und Leere und bringst auch kaum noch die Kraft zur Anfeuerung auf. In Wahrheit willst du nur noch, dass es bald vorbei ist.

Aber Jürgen Klopp hatte zur zweiten Halbzeit Alex Frei eingewechselt, und nach gut einer Stunde kippte das Ding plötzlich. Erst machte Neven Subotic das 1:3, kurz darauf Alex den Anschluss – ein Doppelschlag, und prompt kochte die Bude wieder. Wir haben die Mannschaft förmlich zum dritten Treffer gebrüllt. Der Jubel als Frei in der 89. Minute direkt vor unserem Block den Elfmeter zum 3:3 ins Netz drosch, war unbeschreiblich. Solche Spiele zeigen auch, dass du im Fußball nie aufgeben darfst; dass immer noch irgendwas geht.

Ich kann mich erinnern, dass es in dem Spiel einige Fehlentscheidungen gegeben hat. Frei stand vor dem 2:3 im Abseits? – Niemals! Der Handelfmeter zum 3:3 soll fragwürdig gewesen sein? – Niemals! Wenn du im Derby ein 0:3 aufholst, war jede Schiedsrichterentscheidung richtig.

Im Jahr darauf habe ich übrigens meine ersten beiden Derbys im BVB-Trikot gespielt. Wir haben zu Hause 0:1 und auswärts 1:2 verloren. Ein bescheidenes Gefühl. Schon eine normale Niederlage gegen jeden anderen Klub schleppst Du ein paar Tage mit dir herum, bevor du sie aus den Klamotten geschüttelt bekommst. Aber eine Niederlage gegen die Blauen kannst du nur durch einen Sieg im nächsten Derby aufwiegen.