Marcel Schmelzer – der Hundertprozentborussiakapitän!

​Schmelle also!

Und nicht Marco Reus.

Die Kapitänsfrage bei Borussia Dortmund, die eigentlich gar keine war, in der nachrichten-armen Winterpause dann aber plötzlich eine wurde, ist beantwortet. Und die Antwort ist korrekt. Nicht, dass Reus als Spielführer eine Fehlbesetzung wäre. Ganz und gar nicht. Er wäre gleichfalls eine Top-Wahl. Aber Marcel Schmelzer ist die Toptop-Wahl. Und das hat Gründe. Zu denen komme ich gleich.

Vorab ein Blick zurück:

Die Liste der Spieler, die BVB-Mannschaften aufs Feld führten, ist gleichermaßen lang wie illuster. Adi Preißler gehört dazu, dann der unlängst verstorbene Aki Schmidt, Stopper Paul, Sigi Held und Hoppy Kurrat – allesamt 66er Europapokal-Helden. Später folgten, um nur einige zu nennen, Lothar Huber, Manni Burgsmüller, Frank Mill, Stefan Reuter, Sebastian Kehl, zuletzt Mats Hummels und zwischendrin natürlich Michael „Suuusiii“ Zorc. Wer auch immer die Armbinde überstreift, heute oder in Zukunft, tritt in große, sehr große Fußstapfen.

Marcel Schmelzers gar nicht mal so große Füße sind ausreichend groß und seine gar nicht mal so breiten Schultern breit genug, um der Verantwortung, die dieses Amt bei einem so traditions- und ruhmreichen Klub wie dem BVB naturgemäß mit sich bringt, gerecht zu werden. Den Nachweis hat er in den vergangenen Jahren immer und immer wieder angewiesen – schon zu Zeiten, da Kehl und Hummels noch Kapitän waren.

Was für Schmelzer spricht:

1.) Seine 100-prozentige Identifikation mit dem Klub. Schmelzer kam mit 17 Jahren als A-Jugendlicher aus Magdeburg zum BVB. Er zog ins Jugendhaus ein, diente sich über die „Amas“ hoch, wo Jürgen Klopp sein Talent erkannte und ihn in den Profikader holte. Schmelle gehörte zu dem Haufen der jungen Wilden, die Fußball-Deutschland insbesondere in den Jahren 2011 bis 2013 mit „Vollgasfußball“ verzückten. Meister 2011, Doublesieger 2012, Champions-League-Finalist 2013. Erst kürzlich gab er erneut ein Treuebekenntnis ab: „Ich möchte als der Spieler in Erinnerung bleiben, er seine gesamte Profilaufbahn beim BVB verbracht hat“, sagte er. Dass Ehefrau Jenny dieselbe enge Verbindung zu Dortmund und zur Borussia lebt, rundet das Bild ab. Gemeinsam engagieren sich die beiden außerdem für den Verein Tierschutzprojekt Italien e.V.

2.) Marcel Schmelzer ist ein Mentalitäts-Monster. Gewiss, wir alle haben schon weniger gute Spiele von ihm gesehen. Und auch wenige gar nicht gute. Ich glaube aber nicht, dass auch nur einem von uns ein Spiel einfällt, in dem Schmelle den Eindruck hinterlassen hat, er habe nicht alles gegeben. Marcel Schmelzer ist der Spieler, der auch dann noch an den Erfolg glaubt, wenn die regulären 90 Minuten abgelaufen sind und dem BVB noch zwei Tore zum Weiterkommen fehlen. Wie an jenem 9. April 2013 im Champions-League-Viertefinale gegen den FC Malaga, als der Linksverteidiger auch nach dem späten 1:2 in schier aussichtloser Situation noch mit jeder einzelnen Körperbewegung signalisierte: Das hier ist noch nicht zu Ende! Nuri Sahin hat mir später mal erzählt, sein „Schlüsselmoment“ in dieser Partie sei der Moment unmittelbar nach Malagas Trefer zum 1:2 gewesen. Er habe Schmelzer, der wegen eines Nasenbeinbruchs mit Gesichtsmaske spielte, in die Augen geschaut. „Wie Schmelle mich in diesem Moment angesehen hat – da wusste ich: Wir können es schaffen! Er hat so fest daran geglaubt, und ich habe von dem Moment an nur noch gedacht: Klopp‘ die Bälle lang nach vorne!“ Kurzum: Mehr BVB, als Marcel Schmelzer in diesen zwölf Minuten zwischen 82. und 94. Minute verkörperte, geht gar nicht!

3.) Wenn man sich die Stadt Dortmund und die Borussia mit allem, was sie ausmachen, als Fußballer vorstellt, käme Marcel Schmelzer dabei heraus. Kein Glamour-Kicker, kein Zauberfüßchen – eher einer, der Fußball arbeitet und dem auch schon einmal ein Ball verspringt. Einer, der seine Höhen hat – der aber auch Niederschläge wegstecken musste. Und wieder aufgestanden ist. Dass Erik Durm sich „Weltmeister“ nennen darf, wenn auch ohne Einsatz, und Marcel Schmelzer nicht, das ist – bei allem Respekt vor Durm – im Grunde ein Treppenwitz der Fußball-Geschichte. Bundestrainer Jogi Löw, in Dortmund auch deshalb ungefähr so beliebt wie Franck Ribery, Arjen Robben und Gerald Asmoah, steht nicht auf Schmelle. Er hat ihn sogar öffentlich abgewatscht, als er befand, man könne sich schließlich „keine Außenverteidiger backen“. Schmelzers Beliebtheit und sein Ansehen bei den eigenen Fans hatte die Löwsche Ignoranz nur noch mehr gesteigert. Motto: Wer Schmelzer nicht will, hat Schmelzer nicht verdient!

4.) Nirgendwo steht geschrieben, dass man ein Lautsprecher sein muss, um Spielführer zu werden. Ein Lautsprecher ist Marcel Schmelzer nicht. Das heißt aber im Umkehrschluss noch lange nicht, dass er nicht sein Wort macht. Schmelles Wort hat Gewicht in der Kabine. Und Schmelle duckt sich nie weg. Wenn andere nach Niederlagen mit Kopfhörern im Ohr hurtig an Kameras und Mikrofonen vorbei durch die Mixed-Zone huschen, stellt Schmelle sich den Fragen der Journalisten. Und wo sich andere in Gemeinplätze flüchten, redet er klare Kante und ist aufgrund seiner Erfahrung inzwischen auch in der Spielanalyse treffsicher. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass „Manni“ Bender, einer also, auf den viele Eigenschaften zutreffen, die auch Schmelzer auszeichnen, kurz vor der offiziellen Verlautbarung unmissverständlich erklärte: „Ich persönlich brauche das Thema nicht und es wird auch größer gemacht, als es ist. Innerhalb der Mannschaft ist es keines. Marcel Schmelzer ist unser Kapitän, fertig aus!“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Marcel Schmelzer ist und bleibt Kapitän von Borussia Dortmund.

Fertig.

Aus!

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Der BVB und die Emotionen: Ein Plädoyer für mehr Personenkult

Gerade eben haben Sprachwissenschaftler „Volksverräter“, eine Vokabel, die der rechte Mob gerne verwendet, um demokratisch denkende und handelnde Menschen zu diffamieren, zum Unwort des Jahres 2016 gekürt. Wie in jedem Jahr kann man über die Wahl trefflich diskutieren, zumal jedem von uns auch noch eine Reihe weiterer Begriffe einfallen, die das „Unwort“-Prädikat verdient hätten. Mir als Anhänger der schwarzgelben Borussia zum Beispiel: „Entemotionalisierung“.

Diese merkwürdige Borussia-Müdigkeit
Entemotionalisierung beklagen viele und gefühlt immer mehr BVB-Fans im zwischenmenschlichen Verhältnis zum Klub ihrer Wahl. Größere Teile des vergangenen Wochenendes habe ich im Kreise von knapp zwei Dutzend Leuten verbracht, die von sich selbst mit Fug und Recht behaupten dürfen, genau das zu sein, was man landläufig unter „eingefleischten“ Fans versteht. Nicht nur Dauerkarteninhaber. Nicht nur Auswärts-Vielfahrer. Sondern darüber hinaus in ihrer Freizeit ehrenamtlich rund um Borussia Dortmund engagierte Menschen, für die Schwarzgelb neben ihren Familien und oft noch vor ihren Berufen DER zentrale Lebensinhalt ist. Fast unisono schilderten sie eine irgendwie merkwürdige, latente BVB-Müdigkeit und machten dieses mit Worten schwer zu beschreibende Phänomen daran fest, dass sich Borussia aktuell nicht mehr so intensiv anfühlt wie noch vor zwei, drei, vier Jahren.

Kommerzialisierung und Übersättigung
Nun sind die Gründe dafür vielfältig. Natürlich hat das etwas zu tun mit der zunehmenden Kommerzialisierung und Internationalisierung des Fußballs. Selbst wenn sich die Klubführung des BVB noch so große Mühe gibt, die „Nähe zum Borsigplatz“ über die Annäherung an Märkte in Asien und Übersee zu stellen, nimmt die Distanz zwischen der 400-plus-x-Umsatzmillionen schweren Kommanditgesellschaft auf Aktien und der Fan-Basis doch zu. Natürlich hat das auch etwas zu tun mit einer zunehmenden Übersättigung der Anhänger mit dem Grundnahrungsmittel Fußball. Immer mehr und immer aufgeblähtere Wettbewerbe senken das Fieber und killen die Vorfreude – ganz aktuell: Die aberwitzige Entscheidung der komplett entrückten, geld- und machtgeilen FIFA-Bosse, die Weltmeisterschaft 2026 auf 48 Nationen aufzustocken und uns auf diese Weise Vorrunden-Highlights zwischen Burkina-Faso und den Galapagos-Inseln oder zwischen Tibet und Katar zu bescheren. Oder der Wahnsinn, dass Sender wie Sport 1, Online-Portale per Livestream oder sogar die Vereine selbst auf ihren Websites inzwischen jeden noch so müden Test-Kick in Echtzeit übertragen. Wenn ein mittelmäßig spannender Bundesligist in seinem Trainingslager irgendwo in Asien ein freundschaftliches Bewegungsspielchen gegen den FC Kartoffelacker Kathmandu aus der ersten nepalesischen Profiliga austrägt, ist garantiert irgendein Anbieter mit einem Kamerateam vor Ort.

Braucht man das? Braucht man nicht!

Und dann machen viele Fans die Entemotionalisierung natürlich auch am Weggang von Jürgen Klopp fest, der fleischgewordenen Emotion. Klopp hat uns Borussen, zugegeben, sieben Jahre lang verwöhnt. Mit seinem Lachen, seinen Tränen, seinem Humor und Esprit, seinen Wutausbrüchen, seinem Jubel, seiner Hyperaktivität, seinen emotionalen Ausbrüchen, seiner Authentizität. Kurzum: mit seinem Menschsein! Nun ist er weg. Das kann man beklagen. Er ist nun allerdings auch schon seit eineinhalb Jahren weg. Und er wird, ziemlich sicher, so schnell auch nicht zurückkehren. Vielleicht – und die Wahrscheinlichkeit ist eher hoch als gering – wird er überhaupt nie mehr als Trainer an die Strobelallee zurückkehren. Deshalb könnte man jetzt auch allmählich mal aufhören, Klopps Abhandenkommen zu beklagen. Zumal, meine Meinung: Der Trainer muss im Sport durchaus nicht der emotionale Vorturner sein.

Wir Fans sind verwöhnt und dekadent geworden
Vielleicht, und darüber denke ich in letzter Zeit häufig nach, tragen wir Fans auch selber ein gerüttelt Maß Schuld an diesem Phänomen der Entemotionalisierung. Wir gebärden uns bisweilen wie verwöhnte und verhätschelte Millionärskinder in US-amerikanischen College-Filmen. Weil wir 2011 Meister waren, 2012 das Double gewonnen haben, 2013 im Champions-League-Finale standen und 2014, 2015, 2016 im DFB-Pokal-Endspiel, sind Titel das Maß der Dinge und Finalteilnahmen normal geworden. Manch ein Fan hat inzwischen „keinen Bock mehr, schon wieder nach Berlin zu fahren“. Wie dekadent ist das denn?! Merken wir eigentlich noch was?! Sind wir eigentlich noch Borussen oder schon Bauern? Ein Finale ist IMMER etwas Besonderes. Es ist NIEMALS normal. NIEMALS Alltag. Für die da unten in München vielleicht, aber doch nicht für uns hier oben in Dortmund.

Jürgen Klopp hat in seinem Gastbeitrag für eines meiner Bücher („Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB“) geschrieben, was ihn am Westfalenstadion und den BVB-Fans am meisten fasziniere, sei die einzigartige atmosphärische Wechselwirkung zwischen dem Geschehen auf dem Spielfeld und der Stimmung auf den Rängen. In Dortmunds Tempel herrsche eben nicht per se eine tolle Atmosphäre, sondern stets in Abhängigkeit vom Spiel. Das sei, so Klopp, in besonderer Weise ehrlich und authentisch. Was er meinte ist: Manchmal spielt die Mannschaft spektakulär gut – und die Stimmung schwappt über vom Feld auf die Fans. Manchmal aber spielt die Mannschaft auch spektakulär schlecht, wie bisweilen im letzten Klopp-Jahr – und die Stimmung schwappt dann trotzdem über, nur umgekehrt von den Tribünen auf den Rasen, weil die Fans spüren, dass ihr Team sie gerade jetzt braucht. Und manchmal schweigt ein ganzes, mit 81.357 Menschen gefülltes Stadion, weil die Nachricht eines dramatischen Todesfalls auf einer der Tribünen die Runde macht und die Sensibilität und der Respekt der Zuschauer ihren Drang zur Anfeuerung überlagern.

Wann sind wir eigentlich zuletzt richtig steil gegangen?
Aber seien wir doch mal ehrlich zu uns selbst: Wann haben wir Fans von Borussia Dortmund die Hütte letztmals so richtig gerockt? Wann waren wir letztmals so laut, dass dem Gegner schon im Spielertunnel der Darminhalt flüssig geworden ist?
Beim Derby? – Eher nicht!
Beim Sieg über die Bauern? – So richtig steil gegangen sind wir da doch auch nicht.
Gegen Real? – War okay. War aber auch schon einmal anders.

Blöderweise werden wir Trends wie die Kommerzialisierung und die Übersättigung nicht zurückdrehen. Und Klopp ist in Liverpool gerade auch nicht ganz so unglücklich. Die Frage stellt sich also: Was können wir selbst tun, um Spiele von Borussia Dortmund wieder zum emotionalen Orgasmus zu treiben? Meine Antwort: Wir brauchen mehr Personenkult! Das löst das Problem nicht in Gänze, wirkt aber gegen einige Symptome.

Spieler und Trainer kommen und gehen . . . Ja, aber!
Nun ist Personenkult unter BVB-Fans und gerade in der aktiven Fanszene blöderweise einigermaßen verpönt. Viel mehr übrigens als bei den allermeisten anderen Klubs. Nicht etwa, dass die Anhänger hier nicht auch ihre Lieblinge hätten. Äußerst selten aber, dass sie einzelne Akteure, etwa durch Anfeuerung oder individuelle Fangesänge während des laufenden Spiels, herausheben. Wenn überhaupt, dann allenfalls bei ihrer Ein- oder Auswechslung. Und Ikonen wie Jürgen Kohler eine war und Dédé immer noch eine ist, sind die absolute Ausnahme. Selbst Sebastian Kehl reichte da, bei aller Wertschätzung, nicht heran. Hinter alledem steckt eine grundsätzliche Haltung: Niemand ist größer als der Verein! Spieler und Trainer kommen und gehen – doch Borussia Dortmund bleibt bestehen! Diese Maxime ist gewissermaßen unsichtbar in den Beton der Stadiontribünen gemeißelt.

Ich kann dieser Einstellung viel abgewinnen. Zumal das einzige mir bekannte Abrücken, die irrationale Überhöhung der Figur Jürgen Klopp, am Ende ungesunde Ausmaße angenommen hatte. Manche hielten Klopp für größer als den BVB. Was natürlich völliger Unfug ist. Und dennoch: In einer Phase, in der Fans aufgrund anderer Effekte, auf die sie wenig oder keinen Einfluss haben, eine Entemotionalisierung beklagen, stehen sie sich mit diesem Anti-Personenkult selbst im Weg. Klar, Fußball ist ein Vereinssport, ist ein Mannschaftssport. Fußball ist aber auch ein Spielersport. Und es ist ja nicht so, als hätte der BVB keine Spieler mehr im Kader, die sich der besonderen Zuneigung der Anhängerschaft erfreuen. Die sich diese Zuneigung auch redlich verdient haben. Etwa, weil sie in schweren Zeiten zum Klub gehalten und/oder mit Borussia Erfolge gefeiert haben. Weil sie nach Experimenten bei anderen Vereinen geläutert zurückgekehrt sind. Weil sie durch langjährige Klubzugehörigkeit Treue nachgewiesen haben. Oder einfach nur deshalb, weil sie sich Spiel für Spiel bedingungslos reinhauen . . .

Es gibt viele Gründe.

Ich meine, Ihr ahnt es, Roman Weidenfeller und Nuri Sahin, Manni Bender und Neven Subotic, Papa Sokratis und Lukasz Piszczek. Ich meine Marco Reus, und ganz besonders meine ich Marcel Schmelzer, der durch seine Körpersprache signalisiert, dass er auch dann noch an den Erfolg glaubt, wenn die 90 Minuten um sind und der BVB zum Weiterkommen noch zwei Tore benötigt. Schmelzer gegen Malaga: Mehr Borussia Dortmund geht nicht!

Erobern wir uns doch die emotionalen Momente zurück!
Nun werdet Ihr möglicherweise sogar sagen: Stimmt! Aber einige der genannten Akteure spielen bei Thomas Tuchel aktuell und vielleicht auch in Zukunft keine große Rolle. Sie bekommen, wenn überhaupt, nur geringe Einsatzzeiten. Und ich sage: Na und?!!! Dann genießen und feiern wir eben jede einzelne Minute mit ihnen und erobern uns über diese – Achtung, Unwort! – „Gänsehaut“-Sequenzen das zurück, was uns offenbar ein Stück weit abhanden gekommen ist: die Identifikation und die hoch emotionalen Momente. Und wenn Weidenfeller aufhört? Und Neven den Klub wechselt? Dann wachsen andere nach. Warum soll nicht Roman Bürki ein Fanliebling der Zukunft werden? Oder Julian Weigl, der es eigentlich ja heute schon ist? Ich glaube – und meinetwegen verprügelt mich dafür –, dass sogar Mario Götze mittelfristig wieder in eine solche Rolle hineinwachsen kann.

Also:

Wenn der Fußball es – hoffentlich nur vorübergehend – nicht (mehr) schafft, uns anzufixen, ist das die eine Sache. Wenn es aber auch die Fußballer nicht mehr schaffen, uns zu emotionalisieren; und wenn wir es umgekehrt nicht mehr schaffen, über die Fußballer den Fußball zu emotionalisieren: Dann erst hätten wir ein wirklich ernsthaftes Problem.

Die Mutter aller Relegations-Dramen

Borussia Dortmund – Fortuna Köln 3:1 (0:1)

(19. Mai 1986, Bundesliga-Relegation, Rückspiel)

(Text aus: Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größtenSpiele im Fußball-Tempel des BVB, Klartext-Verlag)

Zweifelsohne gibt es eine ganze Reihe von Heimspielen des BVB, die sich für einen Spitzenplatz unter den größten Partien aller Zeiten im Westfalenstadion aufdrängen, und die Frage, welche dieser Partien nun die allerbeste, die allerwichtigste, die allerspannendste, die allerspektakulärste, die allerbegeisterndste – kurz: die allerallergrößte – war, lässt sich trefflich diskutieren. Die Antworten auf diese Frage können und werden unterschiedlich ausfallen, schon deshalb, weil sie – und eben das macht die Faszination Fußball letztlich aus – immer mit persönlichen Erlebnissen zusammenhängen.

Genug um den heißen Brei herum geschrieben. Reden wir Tacheles! Kommen wir zur Festlegung. Spulen wir die Geschichte von Borussia Dortmund zurück bis zum 19. Mai 1986. Erinnern wir uns an ein Spiel, in dem es nicht um Titel und Trophäen, um Glanz und Gloria ging; in dem der Gegner nicht Real Madrid, Manchester United, nicht einmal Bayern München oder FC Schalke 04 hieß, sondern: Fortuna Köln. Ein Klub, der in der Saison 2013/14 in der vierten Liga spielt, eine Klasse unter der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund. Der sich an jenem Pfingstmontag 1986 gleichwohl anschickte, erstklassig zu werden und den ruhmreichen BVB 14 Jahre nach dem bitteren Abstieg von 1972 und zehn Jahre nach der umjubelten Rückkehr wieder in die zweite Liga zu schicken.

Es gibt einfach zu viele Gründe, die ausgerechnet und unbedingt für das Rückspiel der Bundesliga-Relegation 1985/86 als Nummer eins aller BVB-Spiele im Westfalenstadion / Signal Iduna Park sprechen. Der wichtigste ist kein sportlicher, sondern ein wirtschaftlicher: Wäre die schier hoffnungslos abgewirtschaftete Borussia seinerzeit tatsächlich abgestiegen, der Klub, bei dem Dr. Reinhard Rauball – im Oktober 1984 vom Amtsgericht Dortmund als Notvorstand eingesetzt – zu retten versuchte, was zu retten war, wäre wohl nicht wieder auf die Beine gekommen. Nur ein Indiz für die Misere der Schwarzgelben war die Zuschauerresonanz. Der Schnitt war von 42.000 im ersten Jahr nach dem Wiederaufstieg auf nur noch 20.306 in der Saison 1983/84 gesunken. 1985/86 waren es 22.573 Zuschauer pro Spiel. Die Auslastungsquote pendelte um 40 Prozent. Heute, da der Schnitt bei über 80.000 und die Auslastung bei nahezu 100 Prozent liegt, unvorstellbar.

Zum Sport: Es war eine Grusel-Saison mit einem Frust-Finale, die hinter Borussia Dortmund lag, als es zum dramatischen Showdown mit Fortuna Köln kam. Der BVB rutschte schon am 4. Spieltag durch eine 1:4-Heimpleite in den Bundesliga-Keller, wurde drei Spieltage später durch ein 1:6 in Bochum auf Platz 17 durchgereicht und hielt am 13. Spieltag nach einem 2:3 gegen den neuen Spitzenreiter Borussia Mönchengladbach mit 8:18 Punkten die Rote Laterne. Einem kurzen Zwischenhoch mit einem 1:0-Erfolg bei den Bayern vor lediglich 15.000 Zuschauern im Münchener Olympiastadion und einem 2:0 gegen den VfB Stuttgart folgte eine 1:6-Derbyklatsche auf Schalke. Borussia überwinterte mit 14:20 Punkten auf Rang 14. Knapp vor der Abstiegszone.

Die Rückrunde avancierte zu einem Wechselbad der Gefühle. Nach einem 5:1 gegen Köln und einem 0:0 in Nürnberg kletterte der BVB am 21. Spieltag bis auf Platz 10, doch auf der Zielgeraden ging den Schwarz-Gelben die Luft aus. Negativer Höhepunkt war am 32. Spieltag der Sturz auf Relegationsplatz 16 durch ein 0:4 beim VfB Stuttgart. Die Klubführung zog die Notbremse: Trainer Pal Csernai wurde entlassen. Reinhard Saftig übernahm – und hätte durch ein 1:1 gegen Schalke und ein 4:1 bei Schlusslicht Hannover 96 um ein Haar noch die direkte Rettung geschafft. Am Ende fehlten dem BVB (49:65 Tore/-16) bei Punktgleichheit mit Eintracht Frankfurt (35:49 Tore/-14) lediglich zwei Treffer zum direkten Klassenerhalt, während sich die vor dem Schlussakt ebenfalls noch gefährdeten Traditionsvereine 1. FC Köln und 1. FC Nürnberg mit knappem Punktvorsprung retteten.

So kam es zum Duell mit dem schwer angezählten Zweitliga-Dritten Fortuna Köln. Die Südstädter hatten die Tabelle sechs Spieltage vor dem Saisonende noch angeführt und befanden sich klar auf direktem Aufstiegskurs. Doch dann folgte ein unerklärlicher Einbruch mit nur noch einem Punkt aus dem Nachholspiel in Osnabrück (0:0) und Niederlagen in Aachen (0:3), in Kassel (0:3), daheim gegen den Tabellenvorletzten Tennis Borussia Berlin (0:2) sowie beim direkten Konkurrenten Blau-Weiß Berlin (1:3).

Vor den beiden letzten Spieltagen rutschte die Fortuna aus den Aufstiegsrängen, kletterte am vorletzten Spieltag durch ein 6:0 gegen Bayreuth wieder auf den Relegationsplatz – und schien diesen beim Saisonfinale doch wieder zu verspielen. Eine Viertelstunde vor Schluss lagen die Kölner beim Karlsruher SC mit 0:2 zurück. Erst der Doppelschlag von Achim Kropp (75.) und Bernd Grabosch (77.) zum 2:2 und Kassels späte 0:1-Niederlage beim Absteiger Bayreuth zementierten Platz drei.

Als Zweitligist ohnehin Außenseiter, unterstrich die fallende Formkurve die Rolle der Kölner zusätzlich. Der BVB hingegen ging mit dem frischen Saftig-Schwung in die Spiele. Doch was auf dem Papier nach einer Formsache aussah, entwickelte sich auf dem grünen Rasen komplett anders. Spiel eins vor 44.000 Zuschauern im größeren Müngersdorfer Stadion, Heimstatt des ungeliebten Lokalrivalen 1. FC Köln, dominierte der Zweitligist, gewann durch Tore von Bernd Grabosch (53.) und Karl Richter (75.) mit 2:0 und kam vier Tage später in Dortmund mit ganz breitem Kreuz aus dem Spielertunnel.

Ganz anders die Gastgeber, die zwar das Gros der 54.000 plus x Zuschauer im hochgradig ausverkauften – manche sagen: hoffnungslos überfüllten – Westfalenstadion hinter sich wussten. Die aber auch eine zusätzliche Last im Rucksack mitschleppten: ihren Torjäger Jürgen Wegmann. „Für mich war der Druck besonders groß, denn nur wenige Tage zuvor war bekannt geworden, dass ich nach Schalke wechseln würde. Für die Dortmunder Fans war das natürlich Hochverrat. Vergessen waren meine 14 Saisontore, sie nannten mich `Judas´ und pfiffen mich aus, als ich an diesem schwülen Nachmittag das Feld betrat. Doch das gellende Pfeifkonzert beflügelte mich nur noch mehr“, erzählte Wegmann im Mai 2011 anlässlich des 25. Jahrestages des „Wunders von Dortmund“ dem Fußball-Magazin 11 Freunde.

Dass Wegmann die Hauptrolle bei diesem Wunder spielen würde; dass es überhaupt noch ein Wunder geben würde, darauf deutete lange Zeit wenig bis gar nichts hin. Im Gegenteil: Bernd Grabosch erwischte den BVB bei brütender Hitze eiskalt und schraubte das Ergebnis mit seinem frühen Führungstreffer zum 1:0 (14.) in der Addition beider Spiele auf 3:0. So stand es auch zur Pause – und die Hoffnungen der Dortmunder Anhänger schmolzen dahin wie das Eis von Trikotsponsor Artic in der prallen Pfingstsonne.

Was dann geschah, war nicht nur die unglaubliche Wiederauferstehung einer totgesagten Mannschaft, sondern mehr noch einer der Wendepunkte in der Vereinsgeschichte des BVB. „In der Halbzeit war es ganz ruhig in der Kabine“, erinnerte sich Jürgen Wegmann im November 2011 für einen Beitrag der Magazin-Sendung Sport inside im WDR-Fernsehen. „Da konnte man eine Stecknadel fallen hören.“ Er aber habe, sagt er im Magazin 11 Freunde, „den Jungs in der Kabine gesagt, dass dieses Spiel erst in den letzten Minuten entschieden werden würde, und ich hatte bereits eine Ahnung, dass ich entscheidend daran beteiligt sein sollte“.

Die zweite Halbzeit, der BVB spielte auf die Südtribüne und die Fans standen nach dem Motto „Jetzt erst recht“ wie ein Mann hinter dem Team, hat Wegmann Detail für Detail abgespeichert. Nach dem schnellen Ausgleich durch einen ebenso umstrittenen wie von Michael Zorc sicher verwandelten Strafstoß (53.) „gab es einen Sturmlauf auf ein Tor, und nach 68 Minuten macht der Marcel Raducanu auf Flanke von Daniel Simmes ein sehr schönes Kopfballtor“. Dortmund führte, aber ein Tor fehlte – und es fehlte auch noch kurz vor Schluss. Jürgen Wegmann in 11 Freunde über die letzte Minute: „Noch heute sehe ich die große Stadionuhr vor mir, die Zeiger drehten sich unerbittlich. Der Abpfiff rückte immer näher, wir waren körperlich am Ende, die Beine waren schwer, der Kreislauf spielte verrückt und auch das Publikum hatte die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben. Doch ich spürte tief in mir, dass da noch etwas gehen musste.“

Und das ging so:

Bernd Storck kommt im Mittelfeld an den Ball, flankt ihn vom rechten Flügel aus der Drehung blind an die Strafraumgrenze. Doppel-Kopfballverlängerung durch Michael Zorc und Daniel Simmes. Das Leder fällt im Sechzehner Ingo Anderbrüge vor die Füße, der zieht es fast von der Torauslinie von links mit links scharf vor das Tor. Kölns Keeper Jacek Jarecki kann den Ball nicht festhalten. Den Rest schildert wieder Wegmann im WDR: „Der Torwart macht einen kleinen Fehler, lässt den Ball abprallen – und ich stehe dann da, wo man als Stürmer stehen sollte, und drücke ihn irgendwie rein.“ Wenige Sekunden vor Schluss. Das Stadion gleicht einem Tollhaus, das Spiel wird unmittelbar nach dem Mittelanstoß abgepfiffen. Und weil die Europacup-Regel, nach der bei einem Remis in der Addition beider Spiele die Auswärtstore doppelt zählen, in der Relegation damals noch nicht zur Anwendung kommt, gibt es ein Entscheidungsspiel auf neutralem Platz.

Der Rest ist bekannt. Das Entscheidungsspiel, für den 23. Mai terminiert, musste kurzfristig um eine Woche verschoben werden, weil Kölns Mäzen und Macher Jean „Schäng“ Löring beim Deutschen Fußball-Bund plötzlich 13 Krankenscheine vorlegte. Magen-Darm-Virus im Fortuna-Kader. Angeblich. Für die BVB-Fans war klar: Ein taktisches Manöver, um die Euphorie, die Wegmanns 3:1 in Fußball-Dortmund ausgelöst hatte, auszubremsen. So dauerte es quälend lange 13 Tage bis zum Showdown vor 50.000 Zuschauern im Düsseldorfer Rheinstadion, darunter mehr als 30.000 Fans in Schwarz und Gelb.

30 Minuten lang verteidigte Köln gegen die entschlossen anrennenden Borussen ein 0:0. Dann brach Dirk Hupe den Bann, und der schnelle Doppelschlag nach Wiederbeginn durch Michael Zorc (46.) und Ingo Anderbrügge (49.) versetzte Fortuna endgültig den K.O. – Völlig demoralisiert kam der Zweitligist unter die Räder einer nun rauschhaft aufspielenden Borussia, für die Bernd Storck, Daniel Simmes, Jürgen Wegmann, noch einmal Michael Zorc und Frank Pagelsdorf die weiteren Tore erzielten.

Dortmund blieb erstklassig, qualifizierte sich in der Saison darauf als Vierter für den UEFA-Cup und feierte 1989 mit dem DFB-Pokalsieg gegen Werder Bremen den ersten Titelgewinn seit dem Triumph im Europapokal der Pokalsieger 1966. Diesen Erfolg, aber auch den sportlichen und wirtschaftlichen Aufstieg der 1990-er Jahre, die Meisterschaften 1995 und 1996, den Champions-League-Sieg und den Weltpokal-Triumph von 1997 hätte es nicht gegeben, wäre da nicht die 90. Minute im Rückspiel gegen Fortuna Köln gewesen. Die Relegation, die zum Anfang vom Ende der ruhmreichen Borussia hätte werden können, wurde zum Anfang der Wiedergeburt. Deshalb ist das 3:1 gegen Fortuna Köln das größte aller BVB-Spiele in 40 Jahren Westfalenstadion / Signal Iduna Park.

Für Dr. Reinhard Rauball war seine zweite Rettungsmission damit erledigt. Er zog sich zurück und gab das Amt weiter an Dr. Gerd Niebaum. „Wären wir damals abgestiegen, ich hätte weitergemacht. Meine Arbeit wäre in dem Fall nicht erledigt gewesen – und halbe Sachen mag ich nun einmal gar nicht“, sagte Rauball im Rückblick. Der Grusel-Saison 1985/86 gewann er letztlich etwas Positives ab: „Durch den dramatischen Abstiegskampf wurde das Fußball-Feuer in Dortmund neu entfacht.“

Wie VW die Bundesliga gefährdet und RedBull den DFB vorführt

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat ein Problem.

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat ein Problem.

Und damit hat: der deutsche Fußball ein Problem!

Das Problem ist: Der zunehmende Einfluss großer Konzerne auf den Sport. Auf die strategische Ausrichtung von Fußball-Klubs. Auf ihre Transferpolitik. Auf ihre Eigentümerstruktur. Am Beispiel von FC Bayern München und VfL Wolfsburg wird das gerade überdeutlich. Und auch über RB Leipzig ist zu reden. Der mit österreichischer Dosenlimonade künstlich hochgezüchtete Retortenklub droht gerade die WM-Chancen der U20- und die EM-Chancen der U21-Nationalmannschaft zu schmälern, indem er seine Neuzugänge Davie Selke (Werder Bremen) und Willi Orban (1. FC Kaiserslautern) von der Teilnahme abhält. Offiziell verzichten beide natürlich freiwillig und „aus persönlichen Gründen“.

Aufgeweichte Schutzwälle

Noch verschließt die Deutsche Fußball-Liga die Augen vor dem Dilemma, in das sie immer tiefer hinein schliddert. Sie verweist auf die 50+1-Regelung, nach der – anders als u.a. in England – kein Kapitalanleger die Stimmenmehrheit in einem Profiklub übernehmen kann. Damit, sagt die DFL weiter, sei man vor Übergriffen geschützt. Doch erstens wurde 50+1 längst durch Ausnahmen aufgeweicht. So muss der Mutterverein keine Mehrheit mehr halten, wenn ein Unternehmen/Sponsor „den Fußballsport seit mehr als 20 Jahren ununterbrochen und erheblich gefördert hat“. Durch dieses Hintertürchen, auch „Lex Leverkusen“ genannt, schlüpften bereits Bayer 04 Leverkusen, der VfL Wolfsburg und die TSG 1899 Hoffenheim. Hannovers bei den Fans umstrittener Präsident Martin Kind erwirkte die Streichung des Stichtages 1. Januar 1999.

Zweitens sieht auch die am 26. März 2015 von der Mitgliederversammlung der DFL beschlossene Beschränkung von Mehrfachbeteiligungen, nach der ein Investor maximal an drei Betreibergesellschaften beteiligt sein darf und an zwei davon mit höchstens zehn Prozent, einen prominenten Sonderfall vor: die Volkswagen AG. Deren Beteiligungen genießen „Bestandsschutz“ und bergen erhebliche Brisanz. Weniger deshalb, weil mit dem FC Ingolstadt ein weiterer Klub in die Bundesliga aufgestiegen ist, bei dem VW über Audi Karten im Spiel hat. Vielmehr deshalb, weil der aktuelle Meister FC Bayern und sein Vize und frischgebackener DFB-Pokalsieger VfL Wolfsburg durch Audi/VW mitgelenkt werden. Und das sogar in Personaleinheit!

Der doppelte Herr Winterkorn

Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender des Volkswagen-Konzerns mit Sitz in Wolfsburg, ist nicht nur VfL-Boss, sondern auch Bayern-Aufsichtsrat. Als solcher muss er natürlich maximales Interesse daran haben, dass die Münchener die bestmögliche Mannschaft auf den Platz bringen, um ihrem Anspruch, nicht nur national, sondern auch in Europa die erste Geige zu spielen, gerecht werden zu können. Er muss also beispielsweise ein Interesse daran haben, dass Kevin de Bruyne, Topscorer der abgelaufenen Bundesliga-Saison und zurzeit einer der interessantesten Akteure auf dem weltweiten Spielermarkt, von Wolfsburg nach München wechselt. Schließlich befiehlt das „Mia san mia“ der Bayern geradezu, auf jeder Position die stärksten Akteure zur Verfügung zu haben. Und in der Liga gibt es gerade keinen Besseren als de Bruyne.

Blöd nur: Als Boss der 100-prozentigen VW-Tochter VfL Wolfsburg kann Winterkorn natürlich überhaupt kein Interesse daran haben, dass ihm seine mit unfassbar großem Geldeinsatz zusammengebastelte Mannschaft, kaum, dass sie sich anschickt, den immensen Aufwand durch erste sportliche Erfolge wieder einzuspielen, prompt auseinander bröselt. Schließlich hat sich Wolfsburg für die Champions League qualifiziert und will auch dort bestehen. Andererseits hat der VfL in den vergangenen Jahren eine negative Transferbilanz in deutlich dreistelliger Millionenhöhe in den Büchern stehen. Eine 70-Millionen-Euro-Einnahme aus einem de-Bruyne-Verkauf an den FC Bayern würde die Zahlen erheblich schönen.

Über die Spannung in der Bundesliga entscheidet der VW-Konzern

Die Frage, ob der FC Bayern München künftig im Wettbewerb mit Branchengrößen wie Real Madrid, FC Barcelona, FC Chelsea und den Manchester-Klubs United bzw. City konkurrenzfähig sein kann, entscheidet also auch Herr Winterkorn. Ebenso entscheidet Herr Winterkorn, ob der VfL Wolfsburg künftig konkurrenzfähig mit dem FC Bayern München sein kann und die Bundesliga im Titelkampf auf mehr Spannung als zuletzt hoffen darf; eben weil den Wolfsburgern erspart bleibt, was in der Vergangenheit Borussia Mönchengladbach, Werder Bremen, dem VfB Stuttgart und zuletzt dem BVB ereilte: Dass nämlich die Bayern dem jeweils ärgsten Konkurrenten die besten Spieler wegkauften und sich so die lästige Konkurrenz vom Hals hielten.

Gar nicht auszudenken: Was, wenn der FC Bayern oder der VfL Wolfsburg am letzten Spieltag Meister werden und der eine Klub den Erfolg des anderen beeinflussen kann?! Oder beide können Meister werden und spielen auch noch gegeneinander. Oder einer spielt gegen den Audi-Klub Ingolstadt, der seinerseits die Punkte für den Klassenerhalt braucht. Gibt es dann womöglich VW-intern eine Stallorder? Wie in der Formel1? – Ach, stimmt: Dort gibt es ja gar keine Stallorder. Und jeder hält sich selbstverständlich daran . . . Eine überaus bedenkliche Entwicklung.

Was ist schon ein WM-Titel gegen einen Bundesliga-Aufstieg?!

Nicht nur bedenklich, sondern fast schon perfide ist das Spielchen, das Rasendingsbums Leipzig gerade mit dem Deutschen Fußball-Bund treibt. Die Leipziger verpflichteten für die kommende Saison zunächst Bremens Sturmtalent Davie Selke (8 Mio. €) und unlängst auch den Kaiserslauterer Willi Orban (2,5 Mio. €). Das Geld kommt vom österreichischen EnergyDrink-Hersteller Red Bull, der sich den Standort in Ostdeutschland ausgeguckt hat, um ihn im Rahmen einer großangelegten Investitions- und Marketingstrategie in die Bundesliga zu pushen. Kaum hatte Selke in Leipzig unterschrieben, sagte er seine Teilnahme an der derzeit laufenden U20-Weltmeisterschaft in Neuseeland ab. Und Orban gab Bundestrainer Horst Hrubesch nun einen Korb für die U21-Europameisterschaft vom 17. Bis 30. Juni in Tschechien – „aus persönlichen Gründen“ wie es heißt.

Doch wie wahrscheinlich ist es, dass ein Talent wie Selke, der die U19 im vergangenen Jahr zum EM-Titel schoss, freiwillig auf die Chance verzichtet, Weltmeister zu werden? Bremens Ex-Stürmer Wynton Rufer, Botschafter des Turniers in seiner Heimat Neuseeland, hat dazu jedenfalls eine glasklare Meinung: „Das kann mir niemand erzählen – es sei denn, Selke wäre bescheuert!“

Plausibler als Grund für den Doppelverzicht ist diese Erklärung: Selke und Orban würden, nähmen sie an den Turnieren teil, Leipzigs Sportdirektor und neuem Trainer Ralf Rangnick in der Saisonvorbereitung nicht von Anfang an zur Verfügung stehen. Und Rangnick ist 2015/16 zum Bundesliga-Aufstieg verdammt. Konzerninteressen gehen also offensichtlich vor DFB-Interessen. Wie konsequent RedBull seine Linie durchzieht, wissen viele Extremsportler zu berichten, die von der Brausemarke zu immer waghalsigeren und immer öfter lebensgefährlichen Stunts angetrieben werden. Die ARD hat dieses Vorgehen, das fast an den Science-Fiction-Film „Rollerball“ aus dem Jahr 1978 erinnert (https://m.youtube.com/watch?v=aVUxK1mNups), vor einiger Zeit in der Reportage „Die dunkle Seite von RedBull“ beleuchtet (https://www.youtube.com/watch?v=5I2mrD-PEFE).

Man darf gespannt sein, ob und wie lange sich der DFB von RedBull-Braumeister Dietrich Mateschitz am Nasenring durch die Manege führen lässt.

Der BVB und die Relativitätstheorie

Erfolg ist messbar. Jedenfalls im Sport. Doch auf dem Weg zum Erfolg ist vieles RELATIV – und noch mehr relativiert sich im Laufe einer Spielzeit.

Vom FC Augsburg etwa erzählte man sich unlängst noch, er spiele eine überragende Saison. Die fand Anfang Februar mit dem 1:0 beim kriselnden BVB ihren vorläufigen Höhepunkt. Das Team von Markus Weinzierl kletterte auf Rang vier – punktgleich mit dem Tabellendritten Borussia Mönchengladbach. Von Champions League war plötzlich die Rede. Nicht in Augsburg, wohlgemerkt. Aber um Augsburg herum. Seither hat der FCA aus neun Spielen schlappe 6 von 27 Punkten geholt. Fünf von ihnen, was RELATIV gut ist, gegen Spitzenteams: Wolfsburg, Leverkusen und Schalke. Von Champions League spricht dennoch längst niemand mehr. Nicht in Augsburg und auch nicht mehr um Augsburg herum. Längst ist sogar die Europa League in Gefahr. Ganz gleich, wie’s ausgeht: Am Ende wird der FCA eine starke Saison gespielt haben – eine „überragende“ aber wohl eher nicht.

Von Werder Bremen erzählte man sich unlängst noch, das Team sei nach mehreren vergeblichen Anläufen 2014/15 endgültig und todsicher reif für die zweite Liga. Wie zum Beweis, rutschten die Hanseaten am 16. Spieltag durch ein 1:4 in Gladbach auf den letzten Tabellenplatz ab. Trainer Robin Dutt hatte man zu diesem Zeitpunkt schon geschasst; Victor Skripnik hatte übernommen. Er feierte gegen Aufbaugegner BVB den ersten Sieg, legte gegen Hertha, in Hoffenheim, gegen Leverkusen und Augsburg nach und verlor auch auf Schalke nicht – 16 von 18 Punkten aus sechs Spielen. Plötzlich sprach man an der Weser wieder von der Europa League und tut es noch – auch wenn längst so etwas wie Normalität eingekehrt ist (5 von 18 Punkten aus den letzten sechs Spielen; zuletzt ein RELATIV unglückliches 2:3 beim Schlusslicht Stuttgart). Egal, wie’s ausgeht: Am Ende werden sie in Bremen mit der Saison RELATIV zufrieden sein.

Oder nehmen wir Hoffenheim: Tolle Offensive, dazu endlich auch defensiv stabilisiert. Ein Kandidat für Europa folglich – hieß es in der Anfangsphase der Saison und heißt es noch. Doch inzwischen sind’s schon wieder 45 Gegentore. RELATIV viele. Zuletzt gab’s drei in Köln. Formkurve fallend.

Irgendwo im Niemandsland der Tabelle, hinter Augsburg, Hoffenheim und Bremen, DERZEIT NOCH hinter Augsburg, Hoffenheim und Bremen: der BVB. Der spielt ohne jedes Wenn und Aber eine grausige Saison, und man darf trefflich darüber diskutieren, ob es denn überhaupt als Erfolg zu werten wäre, wenn sich das Team von Trainer Jürgen Klopp auf der Zielgeraden noch für die Europa League qualifizieren würde. Und doch winkt der Borussia ein RELATIV glimpflicher Ausgang einer Spielzeit, über die man eigentlich das Deckmäntelchen des Schweigens ausbreiten müsste.

Beim 1:3 in Mönchengladbach wirkte das Team zuletzt derart vitaminarm und blutleer, dass selbst dem sonst so besonnenen Sportdirektor Michael Zorc der Kragen platzte. Kapitän Mats Hummels patzte in Serie, Ilkay Gündogan trabte neben dem Spiel her als müsse er sich mental auf die TV-Übertragung von Derby ManU -ManCity am Tag darauf vorbereiten. Shinji Kagawa strahlte die Torgefahr einer Rolle Sushi aus – kurz: Es war ein Jammer. Mal wieder.
Trotzdem – und obschon es nach dem 0:1 gegen die Bayern die zweite Pleite in Folge und die 13. (!) insgesamt war – verschlechterte sich die Ausgangsposition nicht. Da auch die Klubs auf den Plätzen sieben bis neun allesamt patzten, beträgt der Rückstand der Borussia auf Rang sieben, der am Ende mutmaßlich für die Qualifikation zur Europa League reichen wird, nach wie vor vier Punkte. NUR vier Punkte. Das ist RELATIV wenig – und objektiv aufholbar, denn der BVB hat nur noch zwei Auswärts- (Hoffenheim!!! / Wolfsburg) bei noch vier Heimspielen gegen Paderborn, Hertha sowie die direkten Konkurrenten Frankfurt und Bremen. Und hätte die Klopp-Truppe in dieser Saison schon ein wenig öfter gezeigt, dass sie Willens und in de Lage ist, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, wäre man geneigt, ihr zu attestieren: Jungs, Ihr habt es selbst in de Hand!

Platz 7 am Ende – das wäre nach diesem Saisonverlauf RELATIV zufriedenstellend. Zufriedenstellender allemal als es Platz 6 für den FC Schalke 04 wäre. Denn der hat noch bis zum vergangenen Wochenende von der Champions League geträumt. Zufriedenstellender vielleicht sogar, als es Platz 8 für den FC Augsburg wäre. Und würde der BVB dann noch das DFB-Pokal-Finale erreichen (die Chance ist klein, aber der Pokal hat seine eigenen . . . – Ihr wisst schon!); und würde er es womöglich sogar gewinnen: Die Saison 2014/15 wäre im Rückblick eine RELATIV erfolgreiche gewesen. Und würde Borussia schließlich auch noch an Schalke vorbeiziehen, viele Fans würden das „RELATIV“ streichen und durch ein „ABSOLUT“ ersetzen.

Viele Konjunktive, zugegeben. Aber die gehören halt auch zur deutschen Sprache. Und zum Fußball. Jedenfalls so lange der Ball rund ist, ein Spiel 90 Minuten und eine Saison 34 Spieltage dauert.

Showdown am Flughafen – der Schicksalstag des BVB

Es war vor exakt zehn Jahren, am 14. März 2005, da wurde am Düsseldorfer Flughafen über den BVB gerichtet. Knapp einen Monat nachdem die Verantwortlichen eine „existenzbedrohende Situation” eingeräumt hatten, mussten die Anteilseigner des Stadionfonds Molsiris über das Sanierungskonzept abstimmen. Je nach Ausgang bedeutete dies: entweder die Chance zum Neustart – oder die sofortige Insolvenz. In unserem Buch “Die Akte Schwarzgelb”, das Ende 2005 erschien, haben mein Bruder und ich den Aufstieg und Niedergang des BVB unter Dr. Gerd Niebaum und Michael Meier als das nachgezeichnet, was es letztlich war: ein Wirtschaftskrimi. Zum 10. Jahrestag hier noch einmal das Kapitel über den 14. März – zweifellos einer der denkwürdigsten und surrealsten Tage in der langen Geschichte des Traditionsklubs – in voller Länge:

Hier also.

Die „Event Halle“ am Rhein-Ruhr-Airport in Düsseldorf. Adresse: Flughafenstraße 120. Irgendwo zwischen Betriebshof und Landebahn. Event Halle – ein großes Wort für diese trostlose graue Wellblechbüchse mit den kahlen Wänden, kaltem Licht aus Neonröhren und unzähligen Kaugummiflecken im schäbigen, zerschlissenen Teppichboden. Ein Provisorium, nach der Brandkatastrophe im April 1996 flugs errichtet, um Urlauber abfertigen zu können. Und nun brennt es wieder am Airport. Lichterloh sogar. Zwischen den Ausgängen E91 und E92 wird die Borussia Dortmund GmbH & Co. KgaA abgefertigt. Der Blick schweift für einen Moment aus dem Fenster auf das Vorfeld. Ein Frachtjumbo der „Atlas Air“ ist dort geparkt. Seit Wochen schon. Zerbeultes Heck, zerfetztes Triebwerk. Abgebrannt – im Wortsinn. Wie Borussia Dortmund. Auch der BVB ist hoch geflogen und brutal abgestürzt. Jetzt ist er total abgebrannt – im übertragenen Sinn.

Hier also. Und heute.

Am Montag, 14. März 2005, entscheiden die 444 anwesenden der insgesamt 5780 Gesellschafter des Stadionfonds Molsiris über den Fortbestand des Ballspielvereins Borussia 09 Dortmund. Spielen Menschen, von denen die meisten emotional keinerlei Bindung zum schwarzgelben Traditionsklub haben, Schicksal. Kühl kalkulierende Kapitalanleger, die mindestens 5000, manche 100.000 Euro in dem Fonds platziert haben, weil er fette Rendite versprach. Sie spielen Schicksal für den äBVB. Für Hunderttausende Fans. Für eine Stadt und eine ganze Region. „Entscheidend“, hat Adi Preißler, verstorbenes BVB-Idol der 50er Jahre, einmal gesagt, „entscheidend is‘ auffem Platz.“ Man füge vier Buchstaben hinzu – und die Erkenntnis ist aktueller denn je. Entscheidend is‘ auffem FLUGplatz.

Am Ende eines Tages, wie Präsident Dr. Reinhard Rauball ihn „nie mehr erleben möchte“, wird es ein bisschen sein wie bei Günter Jauchs Publikums-Joker: Abgestimmt wird mit einem Televoter. Per Knopfdruck. Was könnte die Ohnmacht und das Ausgeliefertsein der Borussia deutlicher zum Ausdruck bringen. Doch weil der Kandidat zuvor bereits den Fifty-Fifty-Joker gezogen hat, müssen sich die Gesellschafter nur noch zwischen zwei Optionen entscheiden. 94,4 % der anonymen Anleger drücken die grüne Taste: JA – der BVB darf weiterleben! JA – er kann durchstarten in eine allerdings ungewisse Zukunft. Das hat er dem havarierten Jumbo von Atlas Air voraus. „Dieser Sieg“, sagt Hans Tilkowski, auch ein schwarzgelbes Idol, allerdings der 60er Jahre, „war wichtiger als der Triumph im Weltpokal.“

Showdown – selten zuvor hat dieser Begriff ein Ereignis so treffend bezeichnet wie die Marathonsitzung in der Event Halle. Sie bildet das finale furioso einer unerträglichen Hängepartie, die seit dem 18. Februar andauerte. Nur einen Tag, nachdem der BVB seine „existenzbedrohende Ertrags- und Finanzsituation“ hatte einräumen müssen, verbreitete er in einer Pressemitteilung, die Teilentwarnung: „Auf einem Treffen am Freitagnachmittag in Dortmund einigte sich der BVB mit seinen Gläubigern. (…). Ein erster Etappensieg ist uns damit gelungen. Entscheidend wird jetzt allerdings sein, dass auch die Gesellschafterversammlung des Immobilienfonds Molsiris dem Sanierungsplan zustimmt. Die Zustimmung ist unabdingbar für die Realisierung unseres Sanierungskonzeptes“, erklärte Geschäftsführer Michael Meier. Wirtschaftsberater Jochen Rölfs, der das Sanierungskonzept erarbeitet hat, verdeutlichte: „Alternativkonzepte gibt es nicht.“ Ein Nein der Anleger wäre gleichbedeutend mit dem Gang zum Insolvenzrichter.

Am selben Tag, noch während Molsiris-Vertreter mit anderen Gläubigern und der BVB-Geschäftsführung über Auswege aus dem finanziellen Desaster verhandeln, sendet Karolina Müller, Sprecherin der Commerzbank Leasing Immobilien AG, vorsichtig erste positive Signale aus. „Ziel ist, die Finanzierung des Stadions auf eine langfristig tragfähige Basis zu stellen. Wenn der BVB ein schlüssiges Konzept präsentiert, wird es an uns nicht scheitern.“ Eine Aussage ohne jede Verbindlichkeit, denn nicht Frau Müller wird vier Wochen später am Düsseldorfer Flughafen über das Schicksal der ruhmreichen Borussia entscheiden, sondern 5800 Meiers, Schmidts und andere Namenlose.

Dass die KGaA mittendrin, am 28. Februar, ihr Halbjahresergebnis (1. Juli bis 31. Dezember 2004) veröffentlichen muss und ein Defizit vor Steuern in Höhe von 30,8 Mio. Euro ausweist, schürt nicht eben die Zuversicht auf ein gutes Ende.

Das krampfhafte Bemühen der Pressesprecherin um eine Beruhigung der Situation aber zeigt, dass die Commerzbank-Tochter, die den Stadionfonds aufgelegt hat, das schlechte Gewissen umtreibt. Mit 8 % Zinsen plus X hatte sie die Anleger geködert. X = Erfolgsbeteiligungen bei Qualifikation für europäische Wettbewerbe (siehe Kapitel „Molsiris – vorher und nachher“). Längst steht der Vorwurf, sie habe die Zeichner nicht hinreichend über die Risiken aufgeklärt. „Wir haben hier die Wahl zwischen einer miesen und einer miserablen Alternative“, sagt ein Gesellschafter vor Beginn der Außerordentlichen Versammlung in Düsseldorf. Ein anderer, der sechsstellig investiert hat, verrät in einer von mehreren Sitzungspausen: „Ich mag den BVB, aber in diesem Fall bin ich Geschäftsmann. Hier gibt’s nur wenige, die bei der Abstimmung ihr Herz über den Verstand stellen werden.“ In einem waren sich die Anleger nach mehr als 6-stündiger Generalaussprache schließlich einig: Während Rölfs und Watzke „offen, ehrlich und überzeugend“ argumentierten, habe die Commerz Leasing „eine erbärmliche Figur abgegeben“. Der gute Ruf der Commerzbank-Tochter ist beschädigt.

Wie groß die Unsicherheit bei den Schwarzgelben im Vorfeld ist, gleichzeitig aber auch ihr unbedingter Wille, nichts unversucht zu lassen, wird deutlich, als sie für die Molsiris-Anleger der Fondsgesellschaft eine E-Mail-Hotline einrichten. Vom 7. bis zum 11. März können Gesellschafter „Fragen zur vorgeschlagenen Umstrukturierung des Fonds oder zum Sanierungskonzept zur Zukunftssicherung von Borussia Dortmund stellen. Die Antworten liefert ein Expertenteam, dem auch die Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Michael Meier angehören“.

Bereits am 23. Februar hatte sich die KGaA-Geschäftsführung in einem 5-seitigen Brief an die Anleger gewandt. Darin erklärt sie „das ursprüngliche, sehr ambitionierte sale & lease-back Fondskonzept“ für „gescheitert“, räumt erstmals „unverhältnismäßig hohe Transferzahlungen“ in der Ära Niebaum/Meier ein und appelliert in der Schlussbemerkung an die Emotionen. „Die weitere Zukunft des BVB liegt nunmehr in Ihrer Hand. Von Ihrer Entscheidung wird abhängen, ob auch in Zukunft der BVB als einer der ältesten Traditionsvereine, (…), erhalten bleibt und ob der BVB dem Mittelstand auch als Wirtschaftsfaktor der Region weiterhin als unerlässlicher Partner dienen kann. Letztlich – und auch dieses Argument möchten wir in diesen Zeiten und gerade in der Ruhrgebietsregion in Erinnerung bringen – erfolgt diese Bitte auch im Namen von fast 400 Mitarbeitern (ohne Lizenzspieler), die in unserem Hause beschäftigt sind.“

Es ist eine Wanderung auf ganz schmalem Grat, die Rauball, Watzke und Rölfs in den Tagen vor dem 14. März bewältigen müssen. Denn zu viele Emotionen wollen sie auch vermeiden. So bitten sie die Fans, von Solidaritätsbekundungen am Flughafen Abstand zu nehmen. „Wir wollten nicht, dass sich die Versammlung durch eine inszenierte Kundgebung beeinflusst oder gar bevormundet fühlt. Das ist nicht unser Stil. Die Leute sollten völlig frei entscheiden können“, sagt Hans-Joachim Watzke – der um 8.58 Uhr gemeinsam mit Rauball im schwarzen Mercedes vorfährt. Ohne Michael Meier.

Der komme nicht, weil er die Lizenzierungsunterlagen für die Abgabe bei der DFL am Tag darauf komplettieren müsse. So die offizielle Sprachregelung. Tatsächlich war Meier wild entschlossen gewesen, in Düsseldorf persönlich vor die Molsiris-Anleger zu treten, und es hatte Watzke/Rauball alle Überredungskunst gekostet, ihn davon abzubringen. Es war eine Demontage in Abwesenheit, aber die aggressive Anti-Meier-Stimmung unter den Fonds-Zeichnern in der Event Halle macht schnell deutlich, wie richtig und wichtig Meiers Fernbleiben im Sinne einer sachlichen Aussprache war.

Um 9.13 Uhr schließlich betritt Jochen Rölfs den Saal, um das Sanierungskonzept zu erläutern. Selbstbewusst – und doch unsicher. „Ich bin kein Prophet. Vor der Gläubiger-Versammlung konnte ich alle Gläubiger mal besuchen. Bei Molsiris konnte ich keinen einzigen besuchen. Ich weiß ja nicht einmal, wer mir dort gegenüber sitzt“, sagt er. Er sagt aber auch: „Seien sie unbesorgt, ich kann auch Emotionen rüberbringen. Ich muss Vertrauen schaffen. Nur über Sachinformation können sie nicht Hunderte von Leuten einfangen. Ich werde den Fondszeichnern zeigen, dass sich das Vertrauen lohnt. Denn wenn das Projekt scheitert, dann habe ich auch ein Problem.“

Es scheitert nicht. Um 15.29 Uhr leuchtet das Ergebnis auf. 94,4 % Zustimmung. Rauball steht auf, wendet sich dem Plenum zu und klatscht Beifall. Wenige Minuten später stellt er sich mit Watzke und Rölfs den Medien. „Das war mit das Schwerste, was ich überhaupt je mitgemacht habe, weil wir total abhängig waren von der Zustimmung anderer“, sagt der Präsident. Watzke spricht von „unglaublicher Erleichterung“ und einem „irren Glückgefühl“. Rölfs ist „froh und ein wenig stolz, dass wir diesen Beitrag leisten konnten, dem BVB eine Perspektive zu eröffnen“. 780.000 Euro Honorar haben er und seine Mitarbeiter kassiert. „Und natürlich habe ich Vorkasse verlangt“, sagt er selbstbewusst. „Schließlich bin ich Sanierer.“

Und keine Frage: Wenn das Sanierungskonzept greift, ist Rölfs jeden Cent wert.

Plädoyer für die Fußball-Romantik

(Beitragsbild: Screenshot von http://www.gibmich-diekirsche.de)

Eben nicht!

Es ist eben noch nicht alles gesagt in der Debatte über Retortenklubs wie RasenBallsport Leipzig. Oder VfL Golfsburg. Oder TSG 1899 Hoppenheim.

Gesagt ist, dass sie den Fußball kaputt machen. Den Fußball, so wie wir ihn lieben. Mit Tradition, Leidenschaft und Emotion. Mit sportlichen und wirtschaftlichen Aufs und Abs. Fußball mit glanzvollen Triumphen und grandiosem Scheitern. Fußball, der auf gewachsenen Strukturen aufsetzt und nicht ausschließlich im wirtschaftlichen Interesse eines einzelnen Sponsors oder Finanzinvestors begründet liegt. Fußball, der organisch gewachsen ist und nicht im Blitztempo bis an die Grenze zur Überdüngung künstlich hochgezüchtet wurde. So ein Produkt-Fußball, der zwar schnell Erfolge zeitigt, aber auch ganz schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit versinkt, wenn der großzügige Gönner den Spaß an seinem Marketing-Instrument verliert. Beispiele dafür gibt es viele – in Spanien, Italien, England. In Frankreich – siehe AS Monaco. Bald auch in Deutschland.

Das alles ist gesagt.

Was in der Diskussion bisher zu kurz kommt, ist ein ganz anderer Grund dafür, dass die Bundesliga den österreichischen Gummibärchenbrauseklub aus Leipzig nicht braucht. Warum sie auch ohne Hoffenheim und Wolfsburg ganz prima zurecht käme – nicht aber ohne den Hamburger SV, Werder Bremen, den VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt, den 1. FC Köln. Ein Grund dafür, dass es schade ist, dass Nürnberg, Kaiserslautern, Bochum in der zweiten und viele andere Traditionsklubs sogar in der dritten oder vierten Liga verrotten.

Nun bin ich weit davon entfernt, übermäßige Sympathie für Stuttgart oder Frankfurt zu empfinden. Und im Gegensatz zu Kevin Großkreutz spüre ich auch keine gefühlsmäßige Nähe zu den Geißböcken.

Und doch empfinde ich für jeden dieser Klubs etwas. Jeder von uns Fußballfans empfindet für diese Klubs etwas, weil wir einen gemeinsamen Erfahrungs- und Erlebnisschatz haben. Wir teilen auf die eine oder andere Weise Freud’ und Leid miteinander, und genau das ist gewissermaßen der kleinste gemeinsame Nenner, der uns in fußball-politischen Diskussionen wie jener über die Legitimation von Retortenklubs, über die Anstoßzeit 15:30 Uhr, über den Kampf gegen Rechts und den Protest gegen überhöhte Ticketpreise immer wieder zusammenführt.

Ein paar Beispiele, betrachtet durch die schwarzgelbe Brille

Beispiel HSV: Gegen die Hamburger gewann Borussia Dortmund 1957 den zweiten und 1995 – nach 32-jähriger Abstinenz – den vierten Meistertitel. Zwei Meilensteine im schwarzgelben Fußballgedächtnis. Nun haben die Hanseaten in den zurückliegenden Jahren alles, aber auch wirklich alles getan, um endlich in der Zweitklassigkeit zu versinken. Aber wenn ich die Wahl habe – HSV oder RasenBallsport . . .?!

Beispiel Bremen: Der Dortmunder Timo Konietzka erzielte gegen Werder Bremen das erste Tor der Bundesliga-Geschichte. 1989 gewann der BVB gegen Werder völlig überraschend den DFB-Pokal – ein Urknall für die weitere Entwicklung der Borussia. Ein Urknall auch: Der Jubelschrei der Fans, als Henrique Ewerthon de Souza am 4. Mai 2002 den 2:1-Siegtreffer erzielte und damit die sechste Meisterschaft perfekt machte. Im Westfalenstadion. Gegen – genau: Werder Bremen! Nun haben die Norddeutschen in den zurückliegenden Jahren alles, aber auch wirklich alles getan, um endlich in der Zweitklassigkeit zu versinken. Aber wenn ich die Wahl habe – Werder oder RasenBallsport . . .?!

Beispiel Stuttgart: Ich habe den VfB verflucht, als Guido Buchwald 1992 in Leverkusen zum 2:1 traf und dem BVB vier Minuten vor Saisonende die Meisterschale aus den Händen riss. Aber ich habe den VfB gepriesen, als er 2007 im Schlussspurt noch am FC Schalke 04 vorbei zog. Ich habe meinen Augen nicht getraut als Borussia die Stuttgarter mit Elber, Bobic & Co. unter Ottmar Hitzfeld in Unterzahl mit 6:3 aus dem Stadion schoss. Und wir alle schwärmen heute noch vom 4:4 gegen die Schwaben in der BVB-Meistersaison 2011/12. Nun tun die Stuttgarter seit Jahren alles, aber auch wirklich alles dafür, endlich in der Zweitklassigkeit zu versinken. Aber wenn ich die Wahl habe – VfB oder RasenballSport . . .

Oder Eintracht Frankfurt: Zwei Tore besser als der BVB waren die Hessen 1985/86 als Fünfzehnter. Dortmund musste in die Relegation – dort folgte die Mutter aller Dramen gegen Fortuna Köln.

Oder der 1. FC Nürnberg: Die Franken waren unser Gegner in den Wiederaufstiegsspielen 1976. Und sie waren der Gegner, als der BVB 2011 im Fernduell mit Leverkusen vorzeitig den Titelgewinn perfekt machte.

Man könnte diese Liste fortsetzen. Man könnte den FC Bayern München, Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach mit hinzu ziehen – wobei die aktuell nicht vom Abstieg bedroht sind und die Frage „Sie oder RasenBallsport?!“ sich nicht stellt. Man könnte die Liste auch umdrehen, denn natürlich verbinden jeden der genannten Vereine auch ein paar ganz besondere Erinnerungen mit dem BVB. Man kann es deshalb aber auch abkürzen – und feststellen: Es sind diese gemeinsamen Erinnerungen, es ist die bei allen Unterschieden und Differenzen eben doch auch gemeinsame Geschichte, die das Faszinosum Bundesliga ausmacht.

Wenn immer mehr Golfsburgs, Hoppenheims und RasenBallsports in der Bundesliga kicken, geht ihr das Faszinierende bald ab. Sie verliert Emotionen. Sie verliert ihren Reiz. In den Stadien sitzen dann Erfolgs- und Modefans, die Sponsorenfreikarten erhalten haben und in ihrer Sitzschale eine Klatschpappe nebst Gebrauchsanleitung vorfinden.

Ich will so einen Fußball nicht. Und die Bundesliga sollte ihn auch nicht wollen.

@bastifuenf – der alte Mann und das Mehr

Reden wir nicht über den, der seit Sonntag, 19.25 Uhr, überall das Thema Nummer 1 ist. Wobei: Reden wir vielleicht doch ganz kurz über Christoph Kramer, den Gladbacher Gedächtnislücken-Weltmeister, der mit seinem 45-Meter-Traumeigentor die Niederlagenserie des Übernacht-Schlusslichts Borussia Dortmund auf so spektakuläre Weise beendet hat. Sollte also dieser Christoph Kramer ab der Saison 2015/16 für die andere, die einzig richtige Borussia spielen, die in Schwarzgelb also, wäre ich gerne der Erste, der gleich nach dem Schlusspfiff die Vermutung geäußert hat, dass die Rückpass-Bogenlampe zum 1:0-Sieg des BVB sein vorgezogenes Antrittsgeschenk an den neuen Arbeitgeber war. Womit dieser böse Verdacht schriftlich nieder- und im Langzeitgedächtnis des WorldWideWeb abgelegt wäre . . .

Als Schlusslicht ins 300. BVB-Spiel

Und damit zum eigentlichen Thema: Reden wir doch mal über @bastifuenf, bei Nicht-Twitterern als Sebastian Kehl bekannt. Reden wir nicht deshalb über ihn, weil er der Erste war, der Kramer, kaum dass der Ball die Linie überschritten hatte, Trost spendete – er stand halt zufällig gerade unmittelbar neben dem Unglücksschützen. Reden wir auch nicht darüber, dass Kehl gegen Gladbach sein 300. Bundesligaspiel für Borussia Dortmund absolvierte. Eines, das auf dem 18. Platz begann und auf einem Nicht-Abstiegsplatz endete.

Die Forderungen nach Rücktritt vom Rücktritt werden lauter . . .

Reden wir lieber deshalb über Sebastian Kehl, weil er im zarten Alter von 34einhalb Jahren gerade so gut spielt wie lange nicht und damit so wertvoll ist wie noch länger nicht. Und das auf seiner Abschiedstournee durch die Bundesligastadien, denn schließlich hat „Kehli“ bereits während der zurückliegenden Spielzeit beschlossen, dass die nun laufende definitiv seine letzte sein soll. Konsequenterweise hat er aus diesem Grund im Sommer die Kapitänsbinde abgegeben. Doch während Mats Hummels, dank seiner sportlichen Klasse, seiner Persönlichkeit und menschlichen Reife der „geborene“ Nachfolger, diese Rolle aufgrund vieler Verletzungsprobleme noch gar nicht übernehmen konnte, spielt Kehl sie heimlich und inoffiziell einfach weiter – und sorgt dafür, dass die Zahl derer, die einen Rücktritt vom Rücktritt fordern, wöchentlich wächst. Mittlerweile – und an der Stelle wird’s dann ja wirklich spannend – entwächst diese Diskussion den sozialen Medien und Internetforen und kommt bei den sportlich Verantwortlichen des BVB an.

. . . und sogar das Duo Klopp/Zorc stimmt ein

„Überragend, wie er im Moment spielt“, lobte Sportdirektor Michael Zorc am Sonntag nach dem 1:0 gegen Gladbach – und deutete an: „Sicherlich werden wir noch einmal reden. Aber ich sehe keinen Grund, jetzt etwas zu entscheiden.“ Trainer Jürgen Klopp wurde sehr viel deutlicher, wobei man schlecht einschätzen konnte, welche seiner Worte der Erleichterung über das Ende der Talfahrt geschuldet waren. Jedenfalls kündigte Klopp an: „Sollte Kehli im nächsten Sommer noch so rennen, ackern und fighten, sorge ich persönlich dafür, dass er weitermacht.“ Und der Gelobte selbst, was sagt der? – Er schweigt und genießt. Nur soviel: „Gut, dass ich solche Entscheidungen immer noch selber treffe.“

Im Kern dreht sich die Diskussion um Charakter und Persönlichkeit. Wer eine Mannschaft wirklich führen kann, bereit ist, auf dem Platz und außerhalb Verantwortung zu übernehmen und sich reinzuhauen, zeigt sich bekanntlich nicht, wenn’s sportlich super läuft. Sondern wenn’s super hakt. Dann tauchen die Feingeister und Mitschwimmer ab. Dann gehen die Ärmelhochkrempler und In-die-Hände-Spucker nach vorne. Und zu denen gehört Sebastian Kehl. Der alte Mann und das Mehr.

Kehl und Bender – eine Entscheidung für defensive Stabilität

Nun muss man natürlich der Wahrheit die Ehre geben. Wäre Ilkay Gündogan nicht so lange, wären Nuri Sahin und Oliver Kirch nicht seit Saisonbeginn und wäre nicht auch Sven Bender zwischendurch immer wieder ausgefallen; würde es insgesamt beim BVB runder laufen als es läuft, hätte @bastifuenf nicht die Einsatzzeiten, die er hat. Weil es aber ist wie es ist, konnte Klopp im gewohnten 4-2-3-1-System die defensive Mittelfeldzentrale seltenst mit einem Sechser (Bender oder Kehl) und einem Achter (Gündogan oder Sahin oder Jojic) besetzen. Und um Rhythmus und Stabilität ins Spiel zu bekommen, entschied er sich auch nach Gündogans Genesung zuletzt in Serie für die Doppel-Sechs mit Kehl UND Bender. Keine Lösung für alle Zeiten – aber allemal eine für Krisenzeiten.

@bastifuenf steht für physische Präsenz

Klar ist: Mit seinen demnächst 35 Jahren macht Sebastian Kehl das BVB-Spiel nicht mehr schnell. Er spielt auch eher selten den genialen Pass in die Tiefe. Ein Edeltechniker war er nie und wird auch keiner mehr werden. Aber Kehl macht Meter. Er ist – wie Bender – physisch präsent, geht Zweikämpfen nicht aus dem Weg, sondern sucht sie. Bei Standards verbreitet er auch im gegnerischen Strafraum ein gewisses Unwohlsein. Zuletzt setzte er sich gegen Galatasaray Istanbul im Luftduell entschlossen durch und legte Papa Sokratis das 2:0 auf.

Zu alt? – Sind Totti, Olic, Gerrard & Co. doch auch nicht!

Typen wie Kehl braucht jede Mannschaft, und das Alter an sich ist kein Gegenargument – siehe Francesco Totti bei der Roma, Miro Klose bei der WM, Ivica Olic in Wolfsburg, Martin Stranzl in Gladbach, Steven Gerrard in Liverpool oder Didier Drogbá bei Chelsea. Das Alter wäre nur dann ein Argument, wenn der Spieler altersbedingt verletzungsanfälliger würde. Sebastian Kehl hat in seiner Laufbahn zahlreiche, auch schwere Verletzungen verkraften müssen. Er fiel auch in der jüngeren Vergangenheit immer wieder mal aufgrund von Blessuren aus. Aktuell aber wirkt er auch in dieser Hinsicht stabil.

Will sagen: Wenn Kehl sich vorstellen kann, 2015/16 die Rolle des Backup-Sechsers zu spielen, die ihm eigentlich schon für die laufende Saison zugedacht war: Warum dann nicht einfach noch ein Jahr dranhängen?!

(Beitragsbild: Screenshot von http://www.sebastian-kehl.de)

10 + 1 Gründe, warum der BVB in München gewinnt

Dreimal haben Borussia Dortmund und der FC Bayern München 2014 bereits gegeneinander gespielt. Dreimal gewann der BVB:

– in der Bundesliga in München mit 3:0 (Tore: Mkhitaryan, Reus, Hofmann)

– im DFB-Pokalfinale in Berlin mit 1:0 (Tor: Hummels)

– im Supercup in Dortmund mit 2:0 (Tore: Mkhitaryan, Aubameyang)

(Anm. d. Autors: Wer bezüglich des Pokalfinals Zweifel hegt – hier werden sie ausgeräumthttp://fliggwerk.com/2014/10/28/ruckblende-als-mats-hummels-den-bvb-zum-pokalsieg-2014-kopfte/)

Am Samstag (1.11., 18.30 Uhr) steigt der vierte deutsche „Clásico“ in diesem Jahr. Grob geschätzt 1000 Gründe sprechen dafür, dass Borussia Dortmund auch diesmal wieder die Oberhand behalten wird.

Hier sind nur die zehn wichtigsten:

Erstens: Der FC Bayern muss kurzfristig auf Thomas Müller verzichten. Das rosarote Dirndl des Stürmers verstößt gegen die Spielordnung. Ein Trachtenkleid in den Trikotfarben (rot-blau gestreift) ist auf die Schnelle nicht aufzutreiben. Das Schiedsrichtergespann streicht Müller daraufhin vom Spielberichtsbogen.

Zweitens: Sportlich läuft es bei den Bayern nun schon im dritten Jahr in Folge so perfekt, dass Matthias Sammer, der fleischgewordene Bluthochdruck, praktisch nichts mehr zu meckern hat. Der Sportdirektor ist in den vergangenen Wochen in einen Wachkoma ähnlichen Zustand gefallen – und das ausgerechnet jetzt, da seine Vertragsverlängerung ansteht. Die Mannschaft beschließt daher, mal richtige Grütze zu spielen, damit Sammer seinem Spitznamen „Motzki“ endlich wieder Ehre machen und Argumente für die Gespräche mit dem Vorstand sammeln kann.

Drittens: Der FC Bayern muss kurzfristig auf Franck Ribéry verzichten. Der Franzose wird auf dem Weg zum Stadion aus dem Mannschaftsbus heraus festgenommen. Später stellt sich heraus: Die bayerische Polizei hat ihn mit einem international gesuchten Radikalislamisten verwechselt.

Viertens: Das Spiel findet unter Flutlicht statt – und da ist der BVB quasi unschlagbar oder jedenfalls in dieser Saison noch ungeschlagen. Klugscheißern, die an dieser Stelle einwenden wollen, dass die mit 0:2 verlorene Partie in Mainz doch auch im Dunkeln endete, sei gesagt: Ja, aber beim Anpfiff war’s noch hell. Basta!

Fünftens: Der FC Bayern muss bereits nach drei Minuten auf Arjen Robben verzichten. Nachdem er zweimal im Tiefflug durch den Dortmunder Strafraum gesegelt ist, zwingt ihn eine Fliegerstaffel der Luftwaffe zur Landung.

Sechstens: Das Spiel wird weder von Nicola Rizzoli noch von Florian Meyer geleitet.

Siebtens: Der FC Bayern muss kurzfristig auf Mario Götze verzichten. Weil der Ex-Dortmunder zum Treffpunkt mit einem Mercedes und im Puma-Shirt erscheint, erzwingen die Bayern-Sponsoren Audi und Adidas seine fristlose Kündigung. Dem Vernehmen nach wird Götze in der Winterpause zum BVB zurückkehren.

Achtens: #rummeniggeisso verrät der BILD kurz vor dem Spiel, er habe das Interesse der Bayern an Marco Reus nur vorgetäuscht, um bei der Borussia Unruhe zu schüren und ein wenig auf dem am Boden liegenden Gegner herum zu trampeln. Blöderweise verrät die BILD das im Kabinengang Marco Reus. Der BVB-Star macht daraufhin das Spiel seines Lebens und erzielt sämtliche sieben Dortmunder Tore.

Neuntens: Der FC Bayern muss langfristig auf Uli Hoeneß verzichten.

Zehntens: Bayern-Siege sind stinklaaaaaaaaaaaaaaaaangweilig! Die Bundesliga ist stinklaaaaaaaaaangweilig!

Zehntens + 1:

http://www.bundesliga.de/de/bundesliga-tv/partner/fifa-15-ea-prognose-fc-bayern-muenchen-gegen-borussia-dortmund.php

(Bildquelle des Beitragsbildes: Trailer „Die Mannschaft“, Constantin-Film, youtube.com)

(Screenshot: SkySportNewsHD)

BVB in Köln vor Neustart mit Neuzugang

Man muss in so ein Kleidungsstück gewiss nichts hinein geheimnissen – andererseits: Bei Jürgen Klopp hat das Outfit bisweilen auch einen symbolischen Charakter. So ersetzt der Trainer von Borussia Dortmund in der feinen Champions League durchaus mal den edlen Anzugzwirn durch Trainingshose und Hoodie, um Spielern und Fans zu signalisieren: So sehr der Wettbewerb auch nach Fußball-Oper auf großer Freilicht-Bühne duftet, so sehr sind heute harte Arbeit und Schweißgestank gefragt.

Rock’n’Roll statt Beethoven

Bei der Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel beim Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Köln trug Klopp am Donnerstag eine schwarze Lederjacke. Seine Kernaussage lautete: „Für uns beginnt jetzt der Rest der Saison!“ Optisch und akustisch war also Rock’n’Roll angesagt. Kein Beethoven. Angesichts von nur sieben Punkten aus eben so vielen Spielen sind beim BVB kernige Jungs gefragt.

Schon nach dem deprimierenden 0:1 gegen das bis dahin sieglose Schlusslicht HSV hatte der Trainer für die Zeit nach der Länderspielpause den „Neustart“ angekündigt. Auch deshalb, weil einige zuletzt verletzte und schmerzlich vermisste Spieler wieder zur Verfügung stehen: Marco Reus hat seine zweite Nationalmannschafts-Verletzung innerhalb von drei Monaten ebenso auskuriert wie Henrikh Mkhitaryan die Blessur, die er sich beim 0:2 in Mainz in der Nachspielzeit zugezogen hatte. Und weil auch Shinji Kagawa seine leichte Gehirnerschütterung, die ihn um das Test-Länderspiel gegen Brasilien brachte, inzwischen auskuriert hat, stehen Klopp drei Akteure zur Verfügung, die Kreativität, Tempo und Torgefahr ins zuletzt statische und wenig inspirierte BVB-Spiel einbringen.

Gündogan-Comeback elektrisiert die Fans

Was die Fans seit Tagen vor allem elektrisiert, ist aber das Debüt eines weiteren Neuzugangs: Ilkay Gündogan! Klar, der Mittelfeldspieler, der am nächsten Freitag seinen 24. Geburtstag feiern wird, steht schon seit Juli 2011 im Kader der Schwarzgelben. Er hat den BVB bereits zum ersten Double der Klubgeschichte und in ein Champions-League-Finale geführt. Aber er hat eben auch 14 Monate lang kein Spiel mehr bestritten. Seine Rückkehr in den Kader ist damit mehr Debüt als Comeback. Gündogan ist ein Quasi-Neuzugang bei geschlossenem Transferfenster. Sein letztes Spiel für Borussia Dortmund bestritt er am 1. Spieltag (10. August 2013) der Saison 13/14 gegen den FC Augsburg. Das letzte überhaupt wenige Tage später beim 3:3 gegen Paraguay für die deutsche Nationalmannschaft. Seinerzeit schied er mit einer Rückenverletzung vorzeitig aus – und die erwies sich in der Folge als so hartnäckig und schwierig zu behandeln, dass sich Gündogans Zwangspause verlängerte und verlängerte und verlängerte. Eine Leidenszeit, eine Qual, die nur noch schlimmer wurde, wenn er von der Medientribüne aus den Kollegen beim Kicken zuschauen musste und ein ums andere Mal gedacht haben dürfte: Hmmh – das kann ich aber besser!

In seiner Not reiste Gündogan sogar in die Ukraine auf die Krim, um sich behandeln zu lassen, ehe er sich im Frühjahr 2014 letztlich doch einer Operation unterzog. Die bezeichnet er heute als „eine der besten Entscheidungen meiner Karriere“. Seither ist er endlich wieder beschwerdefrei, konnte endlich Reha-Maßnahmen beginnen, irgendwann auch endlich wieder trainieren, anfangs noch individuell und sehr dosiert, seit einigen Wochen schließlich mit der Mannschaft. Zuletzt absolvierte Gündogan zwei Testspiele mit der U23 des BVB, erzielte dabei sogar ein Tor – und signalisiert seinem Trainer nun volle Einsatzbereitschaft.

Keinen Druck ausüben, keine Wunderdinge erwarten

Dass Jürgen Klopp seinen zentralen Ballverteiler in Köln über 90 Minuten bringen wird, ist auszuschließen. Ob Gündogan beginnen oder von der Bank kommen wird, lässt der Trainer noch offen. Druck wird er auf Gündogan nicht ausüben, Wunderdinge nicht erwarten, zumal mit Sebastian Kehl und Sven Bender zwei klassische „Sechser“ einsatzbereit sind und neben ihnen mit Milos Jojic auch eine Alternative als „Achter“ vorhanden ist. Auch wenn die Zukunft des jungen und talentierten Serben eher in der Offensivzentrale oder auf der rechten Seite zu sehen ist.

Keine Frage, Ilkay Gündogan wird Zeit und Geduld brauchen, eigene Geduld wie die der Fans, um nach so langer Fußball-Abstinenz Selbstvertrauen und Substanz aufzubauen. Selbstvertrauen, dass aus gelungenen Aktionen erwächst. Substanz, die man sich nicht im Training holen kann, sondern nur im echten Wettkampf. Substanz, die du als Spieler brauchst, um auf ihr eine konstant gute Form aufzusetzen. Jene Substanz, die beispielsweise auch Shinji Kagawa noch nicht wieder hat und gar nicht haben kann, weil er in den vergangenen zwei Jahren in Manchester zu wenig gespielt hat.

15 Spiele bis zur Winterpause

So sehr Klopp das Comeback von Gündogan herbei gesehnt hat: Seine Aufgabe besteht – wie auch bei Kagawa, der, für viele unverständlich, genau aus diesem Grund auf Schalke nicht in der Startelf stand – darin, die Belastung zu dosieren. In den zwei Monaten bis zur Winterpause stehen 15 (!) Begegnungen auf dem Programm und alle drei Saisonziele auf dem Prüfstand. Es geht darum, in der Champions-League und im DFB-Pokal zu überwintern und in der Liga zumindest den Kontakt zu den CL-Plätzen wieder herzustellen. Dabei heißen die Gegner u.a. Bayern München, Borussia Mönchengladbach, Galatasaray Istanbul und FC Arsenal.

Trotz der absehbaren Strapazen klagt Klopp vor dem Köln-Spiel nicht über die zahlreichen Länderspiel-Einsätze seiner Profis, verbunden mit zum Teil weiten Reisen, die u.a. dazu führten, dass Adrian Ramos erst am Donnerstag wieder in Deutschland landete und Pierre-Emerick Aubamayang sogar erst am Freitag um 15 Uhr zurückerwartet wird. Mit dem Gabuner kann der BVB-Coach guten Gewissens für Köln kaum planen. Andererseits aber auch kaum auf ihn verzichten, weil sich Aubameyang seit Wochen in bestechender Verfassung befindet und auch auf der jüngsten Länderspielreise wieder zwei Tore erzielte.

„Länderspiele haben Hummels und Durm weitergebracht“

Über die Einsätze von Mats Hummels und Erik Durm in der DFB-Auswahl zeigte sich Dortmunds Trainer sogar ausdrücklich erfreut. „Auch wenn die Nationalmannschaft nicht irre erfolgreich war, haben die Spiele in Polen und gegen Irland beide weitergebracht“, so Klopp. Stichwort „Substanzaufbau“! Schließlich hatte auch Hummels nach dem WM-Finale von Rio zwei Monate lang nur dosiert trainieren können und kein Spiel bestritten. Und bei Durm überwogen nach der heftigen Kritik im Anschluss an das Polen-Spiel gegen Irland eindeutig die starken Szenen. Ein Beinahe-Tor in der Anfangsphase, ein grandios verhindertes Gegentor in der Schlussphase; dazu die Wahl zum „Player of the Match“ – das dürfte dem Außenverteidiger gut getan haben.

Den Ärger kanalisieren und positiv nutzen

Es mehren sich also, zumal am Wochenende Oliver Kirch und in Kürze dann auch Nuri Sahin und Jakub Blaszczykowski wieder zum Team stoßen sollen, die positiven Nachrichten rund um den BVB. Dass der von ihm heraufbeschworene „Rest der Saison“ deshalb noch lange kein Selbstläufer wird, weiß Jürgen Klopp. Deshalb will er in der Vorbereitung auf das Köln-Spiel auch den Frust und Ärger über den bisher unbefriedigenden Saisonverlauf kanalisieren und positiv nutzen. „Diese Galligkeit brauchen wir auf dem Platz. Wir haben jetzt noch zwei Tage Zeit, eine Einheit zu formen.“

Und dann, am Samstag ab 15.30 Uhr, ist alle Theorie ohnehin wieder grau. Entscheidend is‘ auffem Platz. Lange galt das legendäre Adi-Preißler-Motto in Dortmund nicht mehr so uneingeschränkt wie gerade jetzt.

(Beitragsbild oben: Screenshot von SkySportNewsHD)