Und das Old Trafford sprach: Es werde Gott!

Im Champions-League-Halbfinale 1997 gegen Manchester United erlangte Jürgen Kohler seinen Legenden-Status. Durch eine aberwitzige Rettungsaktion und eine außerirdische Abwehrleistung.

Große Spieler prägen große Spiele. Helden und Legenden-Status aber erlangen auch die großen Spieler erst in den ganz großen Spielen. Dann, wenn es um Titel und Trophäen geht – und auf dem Weg dorthin. Jürgen Kohler war 1997 längst ein großer Spieler. Er war Welt- und Europameister, Deutscher und Italienischer Meister. Er musste sich und der Fußballwelt nichts mehr beweisen. Unsterblich aber machte sich Kohler am Abend des 23. April 1997. Auf der größten Bühne des Fußballs, im „Old Trafford“ von Manchester United, dem „Theatre of Dreams“, lieferte der Abwehrspieler eine außerirdische Leistung ab, die ihm bei den Fans den Beinamen „Fußball-Gott“ einbrachte. Seit einigen Wochen nun hat Kohler im schwarzgelben Fußball-Himmel einen zweiten Gott an seiner Seite: Sven Bender! Dass sich die Szenen, die man mit ihnen verbindet, extrem ähneln, ist kein Zufall, sondern sagt viel über den Charakter und die Persönlichkeit der beiden Spieler aus.

Meist sind es ja die Stürmer oder die Torhüter, die in großen Spielen zu Legenden werden. Auch in der Historie von Borussia Dortmund gibt es solche Heldengeschichten. Sie handeln von Stan Libuda, von Norbert Dickel und Lars Ricken, von Hans Tilkowski, Stefan Klos und Roman Weidenfeller. Zum Beispiel. Manchmal – und ganz besonders beim BVB – sind es aber auch die Verteidiger, die zur Legende werden. Das hat mit der Mentalität der Menschen im Ruhrgebiet zu tun. Damit, dass harte Arbeit hier besonders respektiert und wertgeschätzt wird. „Stopper“ Paul, „Hoppy“ Kurrat, „Knuuuuut“ Reinhardt und Günter „Kutte“ Kutowski sind solche Spieler.

Und Jürgen Kohler, Fußball-Gott!

Und „Manni“ Bender, Fußball-Gott!

Borussia Dortmund hatte das Hinspiel des Champions-League-Halbfinals 1997 gegen Manchester United durch ein Tor von René Tretschok mit 1:0 gewonnen. Stark ersatzgeschwächt. Stark ersatzgeschwächt trat das Team am 23. April auch zum Rückspiel im Old Trafford an. Und erhöhte bereits nach acht Minuten durch Ricken in der Addition auf 2:0. Drei Tore brauchte ManU, gespickt mit Stars wie Eric Cantona, David Beckham, Ryan Giggs und Paul Scholes, nun – und so spielte die Mannschaft von Alex Ferguson dann auch. Sie drehte auf. Sie drückte und drängte. Das Spiel wurde zur Abwehrschlacht. Und Jürgen Kohler wurde zum Turm.

Die Szene, die ihn zum „Fußball-Gott“ machte, ereignete sich in der 18. Minute. Ashley Cole brachte den Ball scharf vor das Tor, BVB-Keeper Stefan Klos bekam die Hand noch dazwischen, konnte aber nicht endgültig klären. Am langen Pfosten verlor Kohler das Gleichgewicht, fiel auf den Rücken – und Cantona musste nur noch einschieben. Eigentlich. Doch irgendwie brachte Kohler, auf dem Rücken liegend, den linken Fuß noch an den Ball. Eine irre Rettungstat, die stark an Benders gigantische Grätsche gegen Arjen Robbens Schuss im DFB-Pokal-Halbfinale erinnert.

„Dieses Spiel im Old Trafford war zweifellos eines der Highlights meiner Karriere“, sagt Jürgen Kohler rückblickend. „Es war ja auch nicht nur diese eine Szene. Ich weiß gar nicht, wie oft ich in den 90 Minuten in höchster Not habe retten müssen.“ Die Situation selbst hat er im Spiel kaum bewusst wahrgenommen. Wie Bender in München.

Sein Versuch einer Schilderung: „Ich schaue auf Cole und habe Eric Cantona aus dem Augenwinkel im Blick. Dann fälscht Stefan Klos die Hereingabe von Cole so ab, dass ich die Laufrichtung ändern muss. Ich strauchle und stürze. Ich liege am Boden. Ich sehe Eric Cantona über mir und denke: Versuch‘ irgendwas, um ihn zu irritieren und noch an den Ball zu kommen.“

Das Ergebnis war ein Wahnsinns-Reflex, der Borussia im Spiel hielt. Das 1:1 zu diesem Zeitpunkt hätte Old Trafford „explodieren“ lassen und dem Spiel vermutlich einen ganz anderen Spin gegeben. So aber verzweifelt ManU an Borussias Bollwerk und namentlich Eric Cantona an Jürgen Kohler und dessen Nebenmann Martin Kree. Am Ende, auch diese Erinnerung hat sich beim Fußball-Gott tief in die Festplatte seines Langzeit-Gedächtnisses eingebrannt, gab es fairen Applaus der englischen Fans für den Gegner aus Deutschland. „Wir wussten gar nicht recht, wie uns geschah“, sagt Kohler. „Die Engländer haben uns ihren Respekt bekundet.“

Für den Verteidiger, der aus der rustikalen Schule des SV Waldhof Mannheim hervorgegangen war und zuvor schon für große Klubs wie Bayern München und Juventus Turin gespielt hatte, wurde erst Dortmund zur Heimat und der BVB zur großen Liebe. Sieben Jahre lang, von 1995 bis 2002, spielte er für Borussia. „Ich war auf dem Platz nie ein Rastelli, sondern eher von der arbeitenden Zunft. Und ich bin ja nicht einmal im Ruhrgebiet geboren, aber ich habe dieselbe Mentalität wie die Menschen im Revier. Deshalb habe ich auch nie einen Gedanken daran verschwendet, noch einmal zu einem anderen Verein zu wechseln.“ Wichtiger, sagt Jürgen Kohler, sei ihm stets gewesen, etwas Bleibendes zu hinterlassen. „Diese Wärme, Wertschätzung und Zuneigung, aber auch diese Freude und Dankbarkeit, die ich in Dortmund gespürt habe, hätte ich an keinem anderen Ort dieser Welt vergleichbar noch einmal erleben können.“

Deshalb beendete Jürgen Kohler, der Fußball-Gott, seine Laufbahn 2002 beim BVB. Mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Mit tränenüberströmtem Gesicht bei der Verabschiedung gegen Werder Bremen. Und mit einer frühen Roten Karte vier Tage später im UEFA-Cup-Endspiel in Rotterdam gegen Feyenoord. Borussia verlor das Spiel – doch niemand, kein einziger Fan, hat Jürgen Kohler jemals auch nur einen Promillepunkt der Verantwortung zugewiesen. Ganz im Gegenteil: Als die Mannschaft nach ihrer Rückkehr auf dem offenen Truck durch Dortmund rollte, um die Meisterschaft mit den Fans nachzufeiern, stand Jürgen Kohler im Zentrum der Ovationen.

Und wenn er heute nach Dortmund kommt, dann sei das nicht, als ob er nach Hause komme. „Ich komme dann nach Hause. Ohne ‚als ob‘!“

. . . und es hat BÄMMM!!! gemacht

Am 4. Dezember 1963 erzielte Franz Brungs drei Tore gegen Benfica – und sicherte sich einen Logenplatz in der Geschichte von Borussia Dortmund

Machen wir uns nichts vor: Über jenen 4. Dezember 1963 ist alles geschrieben. Alles doppelt, dreifach, x-fach. Dass es lausig kalt war und der Rasen im Stadion Rote Erde hart gefroren . . . geschrieben! Dass das natürlich ein Vorteil für die Malochertruppe von Borussia Dortmund war und ein krasser Nachteil für die fußballerischen Feinmotoriker von Benfica Lissabon . . . geschrieben! Dutzendfach beschrieben wurden in den 53 Jahren, die seither vergangenen sind, die legendären goldgelb glänzenden Seidenhemden, die der BVB trug, damit die Spieler bei der Fernsehübertragung in der ARD trotz des eher schummrigen Flutlichts gut zu erkennen waren. Dass sich Präsident Dr. Werner Wilms im Prämienpoker mit Mannschaftskapitän Aki Schmidt breitschlagen ließ, für das Erreichen der nächsten Runde 500 statt 250 D-Mark zu zahlen – und später verriet, er habe eben nicht ans Weiterkommen geglaubt: Auch das hat man wieder und wieder gehört und gelesen. Und doch wird es nie langweilig; und doch liest man es immer wieder gerne – wie auch die Geschichte von Franz Brungs, der sich an diesem Abend unsterblich machte.

Pyrotechnik und Platzsturm
Natürlich könnte man investigativ an dieses „Jahrhundert-Spiel“ des BVB (für Benfica war’s eher eine Jahrhundert-Schmach) herangehen. Man könnte versuchen, herauszufinden, was seinerzeit die Stadion-Bratwurst kostete. Ob der Becher Bier noch im Pfennig-Bereich lag oder schon über einer Mark. Man könnte versuchen, zu ermitteln, wie viele Frauen und Kinder wohl im Stadion waren (Vermutung: sehr wenige). Oder wie viele der Männer im Stadion Mantel und Hut trugen (Vermutung: sehr viele). Man könnte die Geschichte auch an der Lautsprecher-Durchsage kurz vor dem 2:0 aufziehen: „Liebe Zuschauer, ich darf noch einmal wiederholen: Bitte unterlassen Sie das Abfeuern von Raketen. Sie gefährden die Zuschauer und die Spieler.“ Man könnte die Anhänger zählen, die nach jedem Tor jubelnd auf den Rasen liefen und die vielen Tausend, die nach dem Schlusspfiff den Platz stürmten. Und dann könnte man ausrechnen, wie oft heute wohl die Südtribüne gesperrt werden würde . . . aber lassen wir das!

„Mein Durchbruch beim BVB“
Reden wir lieber über Franz Brungs. Das „Goldköpfchen“, wie die Fans ihn nannten, weil er erstens blond war und zweitens den Kopf nicht zuletzt zum Toreerzielen zwischen den Schultern trug. Jenen Franz Brungs, der im Sommer 1963 von der niederrheinischen zur westfälischen Borussia gewechselt war. Zum amtierenden Deutschen Meister. „Ich kam in eine intakte, eingespielte Mannschaft mit tollen Offensivspielern. Es war nicht einfach, mich durchzusetzen“, erinnert sich der heute 80-Jährige. „Das Spiel gegen Lissabon war dann praktisch mein Durchbruch beim BVB.“ Was für eine maßlose Untertreibung. Es war viel mehr als das. Es war ein Urknall, ein BÄÄÄM!!! mit drei Ausrufezeichen. Ein unsterbliches Kapitel schwarzgelbe Fußballgeschichte.

Das Hinspiel: Elf Portugiesen gegen Hans Tilkowski
Aber fangen wir von vorne an: Dieses Sport Lisboa e Benfica, auf das Borussia Dortmund im Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister 1963/64 traf, war nichts weniger als die beste europäische Mannschaft ihrer Zeit. 1961 und ’62 hatte das Team um den genialen Eusebio den Wettbewerb gewonnen. „Ein Ausnahmeteam“, sagt Franz Brungs. Und genau so trumpften die Portugiesen im Hinspiel auch auf. „Das war ein Spiel auf ein Tor. Wir hätten uns über fünf oder sechs Gegentreffer nicht beschweren dürfen. Doch der Hans (Tilkowski/d. Red.) hat ein Riesenspiel gemacht. Was der alles gehalten hat, war unglaublich!“ Und weil Franz Brungs, der die einzige Aufgabe hatte, „gelegentlich für Entastung zu sorgen“, so viel rannte „wie nie zuvor und danach in meiner Laufbahn“; und weil Reinhold Wosab einen dieser Entlastungsangriffe mit einem Tor veredelte, hieß es nach 90 Minuten aus Dortmunder Sicht nur 1:2 – im Europapokal ein fast optimales Auswärtsergebnis.

Das Rückspiel: Dortmunder Vollgasfußball von Beginn an
Nur eben nicht gegen Benfica. Die Portugiesen galten auch vor dem Rückspiel in der Roten Erde als Favorit. Nur war dort der Boden hart gefroren. Und Eusebio war verletzungsbedingt nicht dabei. Dafür aber 42.000 anfangs erwartungsfrohe und von Minute zu Minute immer hemmungslosere Fans. Und eine Mannschaft von Borussia Dortmund, die Vollgas gab, als ob der Trainer schon damals Jürgen Klopp geheißen hätte und nicht Hermann Eppenhoff.

Gut eine halbe Stunde verteidigte Benfica das 0:0. Dann brach das schwarzgelbe Unheil über Lissabon herein.

  1. Minute: Flanke Willi Burgsmüller, Kopfball Timo Konietzka – 1:0.
  2. Minute: Steilpass Konietzka auf Franz Brungs – 2:0.
  3. Minute: Diesmal Reinhold Wosab auf Brungs – 3:0.

Drei Tore am 27. Geburtstag
Innerhalb von 180 Sekunden hatte der BVB die beste Mannschaft Europas in ihre Einzelteile zerlegt. Zwei Minuten nach der Pause erzielte Franz Brungs dann seinen dritten Treffer an diesem Abend; Wosab ließ nach Pfostenschuss von Willi Sturm das 5:0 folgen. Der Wahnsinn! „Niemand, der damals dabei war – als Spieler oder als Zuschauer ,– wird diesen Abend jemals vergessen“, sagt Franz Brungs, der Hauptdarsteller dieses Jahrhundert-Spiels. Dass er am Tag des Spiels auch noch seinen 27. Geburtstag feierte, macht die Geschichte endgültig zum Märchen. „An meinen Geburtstag hatte ich gar nicht mehr gedacht.“ Erst das Ständchen beim Bankett mit Bundestrainer Sepp Herberger rief ihn Brungs in Erinnerung.

Ein Europapokal-Abend als ganz großes Gefühlskino.

Von den Fans auf Schultern getragen
Selbst TV-Kommentator Ernst Huberty ließ sich in seiner Abmoderation zu so etwas wie einem emotionalen Ausbruch hinreißen: „Alle Menschen stürmen in die Mitte, um ihre Borussen auf den Schultern vom Rasen zu tragen. Und ich glaube, das ist ein schönes Bild zum Abschied aus dem Stadion Rote Erde hier in Dortmund.“ Auch Brungs verließ den Rasen nicht auf seinen eigenen Beinen. Auch er wurde getragen von restlos begeisterten Fans.

Franz Brungs hat als Fußballer weitere Erfolge gefeiert: den DFB-Pokalsieg mit dem BVB (1965), die Meisterschaft mit dem 1. FC Nürnberg (1968). Aber nie wieder hat er solche Emotionen erlebt wie am Abend des 4. Dezember 1963 in der Roten Erde. Er hat das abgespeichert auf der Festplatte in seinem Langzeitgedächtnis – und ruft es immer wieder gerne ab, wenn er nach seinen Erinnerungen gefragt wird.

„Der BVB ist in der europäischen Spitze angekommen!“
Inzwischen ist Franz Brungs 80 Jahre alt. Er ist in Nürnberg hängen geblieben, hat viele Jahrzehnte lang ein Lotto-Toto-Geschäft betrieben. Der Verlust seiner Ehefrau hat ihn vor einigen Jahren schwer getroffen. Aber seine beiden Söhne „kümmern sich toll um mich“; auch jetzt, da sein Herz manchmal unrund schlägt. Die beiden Enkel, sagt er, geben seinem Leben einen Sinn. Und natürlich der Fußball. Bei den Heimspielen des „Club“ ist er fast immer im Stadion. Und den BVB verfolgt er aus der Ferne mit Begeisterung. „Was in Dortmund in den letzten Jahren gewachsen ist, ist großartig. Der Klub ist in der europäischen Spitze angekommen.“ Noch nicht ganz dort, wo Benfica Lissabon Anfang der 60er stand – aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Marcel Schmelzer – der Hundertprozentborussiakapitän!

​Schmelle also!

Und nicht Marco Reus.

Die Kapitänsfrage bei Borussia Dortmund, die eigentlich gar keine war, in der nachrichten-armen Winterpause dann aber plötzlich eine wurde, ist beantwortet. Und die Antwort ist korrekt. Nicht, dass Reus als Spielführer eine Fehlbesetzung wäre. Ganz und gar nicht. Er wäre gleichfalls eine Top-Wahl. Aber Marcel Schmelzer ist die Toptop-Wahl. Und das hat Gründe. Zu denen komme ich gleich.

Vorab ein Blick zurück:

Die Liste der Spieler, die BVB-Mannschaften aufs Feld führten, ist gleichermaßen lang wie illuster. Adi Preißler gehört dazu, dann der unlängst verstorbene Aki Schmidt, Stopper Paul, Sigi Held und Hoppy Kurrat – allesamt 66er Europapokal-Helden. Später folgten, um nur einige zu nennen, Lothar Huber, Manni Burgsmüller, Frank Mill, Stefan Reuter, Sebastian Kehl, zuletzt Mats Hummels und zwischendrin natürlich Michael „Suuusiii“ Zorc. Wer auch immer die Armbinde überstreift, heute oder in Zukunft, tritt in große, sehr große Fußstapfen.

Marcel Schmelzers gar nicht mal so große Füße sind ausreichend groß und seine gar nicht mal so breiten Schultern breit genug, um der Verantwortung, die dieses Amt bei einem so traditions- und ruhmreichen Klub wie dem BVB naturgemäß mit sich bringt, gerecht zu werden. Den Nachweis hat er in den vergangenen Jahren immer und immer wieder angewiesen – schon zu Zeiten, da Kehl und Hummels noch Kapitän waren.

Was für Schmelzer spricht:

1.) Seine 100-prozentige Identifikation mit dem Klub. Schmelzer kam mit 17 Jahren als A-Jugendlicher aus Magdeburg zum BVB. Er zog ins Jugendhaus ein, diente sich über die „Amas“ hoch, wo Jürgen Klopp sein Talent erkannte und ihn in den Profikader holte. Schmelle gehörte zu dem Haufen der jungen Wilden, die Fußball-Deutschland insbesondere in den Jahren 2011 bis 2013 mit „Vollgasfußball“ verzückten. Meister 2011, Doublesieger 2012, Champions-League-Finalist 2013. Erst kürzlich gab er erneut ein Treuebekenntnis ab: „Ich möchte als der Spieler in Erinnerung bleiben, er seine gesamte Profilaufbahn beim BVB verbracht hat“, sagte er. Dass Ehefrau Jenny dieselbe enge Verbindung zu Dortmund und zur Borussia lebt, rundet das Bild ab. Gemeinsam engagieren sich die beiden außerdem für den Verein Tierschutzprojekt Italien e.V.

2.) Marcel Schmelzer ist ein Mentalitäts-Monster. Gewiss, wir alle haben schon weniger gute Spiele von ihm gesehen. Und auch wenige gar nicht gute. Ich glaube aber nicht, dass auch nur einem von uns ein Spiel einfällt, in dem Schmelle den Eindruck hinterlassen hat, er habe nicht alles gegeben. Marcel Schmelzer ist der Spieler, der auch dann noch an den Erfolg glaubt, wenn die regulären 90 Minuten abgelaufen sind und dem BVB noch zwei Tore zum Weiterkommen fehlen. Wie an jenem 9. April 2013 im Champions-League-Viertefinale gegen den FC Malaga, als der Linksverteidiger auch nach dem späten 1:2 in schier aussichtloser Situation noch mit jeder einzelnen Körperbewegung signalisierte: Das hier ist noch nicht zu Ende! Nuri Sahin hat mir später mal erzählt, sein „Schlüsselmoment“ in dieser Partie sei der Moment unmittelbar nach Malagas Trefer zum 1:2 gewesen. Er habe Schmelzer, der wegen eines Nasenbeinbruchs mit Gesichtsmaske spielte, in die Augen geschaut. „Wie Schmelle mich in diesem Moment angesehen hat – da wusste ich: Wir können es schaffen! Er hat so fest daran geglaubt, und ich habe von dem Moment an nur noch gedacht: Klopp‘ die Bälle lang nach vorne!“ Kurzum: Mehr BVB, als Marcel Schmelzer in diesen zwölf Minuten zwischen 82. und 94. Minute verkörperte, geht gar nicht!

3.) Wenn man sich die Stadt Dortmund und die Borussia mit allem, was sie ausmachen, als Fußballer vorstellt, käme Marcel Schmelzer dabei heraus. Kein Glamour-Kicker, kein Zauberfüßchen – eher einer, der Fußball arbeitet und dem auch schon einmal ein Ball verspringt. Einer, der seine Höhen hat – der aber auch Niederschläge wegstecken musste. Und wieder aufgestanden ist. Dass Erik Durm sich „Weltmeister“ nennen darf, wenn auch ohne Einsatz, und Marcel Schmelzer nicht, das ist – bei allem Respekt vor Durm – im Grunde ein Treppenwitz der Fußball-Geschichte. Bundestrainer Jogi Löw, in Dortmund auch deshalb ungefähr so beliebt wie Franck Ribery, Arjen Robben und Gerald Asmoah, steht nicht auf Schmelle. Er hat ihn sogar öffentlich abgewatscht, als er befand, man könne sich schließlich „keine Außenverteidiger backen“. Schmelzers Beliebtheit und sein Ansehen bei den eigenen Fans hatte die Löwsche Ignoranz nur noch mehr gesteigert. Motto: Wer Schmelzer nicht will, hat Schmelzer nicht verdient!

4.) Nirgendwo steht geschrieben, dass man ein Lautsprecher sein muss, um Spielführer zu werden. Ein Lautsprecher ist Marcel Schmelzer nicht. Das heißt aber im Umkehrschluss noch lange nicht, dass er nicht sein Wort macht. Schmelles Wort hat Gewicht in der Kabine. Und Schmelle duckt sich nie weg. Wenn andere nach Niederlagen mit Kopfhörern im Ohr hurtig an Kameras und Mikrofonen vorbei durch die Mixed-Zone huschen, stellt Schmelle sich den Fragen der Journalisten. Und wo sich andere in Gemeinplätze flüchten, redet er klare Kante und ist aufgrund seiner Erfahrung inzwischen auch in der Spielanalyse treffsicher. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass „Manni“ Bender, einer also, auf den viele Eigenschaften zutreffen, die auch Schmelzer auszeichnen, kurz vor der offiziellen Verlautbarung unmissverständlich erklärte: „Ich persönlich brauche das Thema nicht und es wird auch größer gemacht, als es ist. Innerhalb der Mannschaft ist es keines. Marcel Schmelzer ist unser Kapitän, fertig aus!“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Marcel Schmelzer ist und bleibt Kapitän von Borussia Dortmund.

Fertig.

Aus!

Der BVB und die Emotionen: Ein Plädoyer für mehr Personenkult

Gerade eben haben Sprachwissenschaftler „Volksverräter“, eine Vokabel, die der rechte Mob gerne verwendet, um demokratisch denkende und handelnde Menschen zu diffamieren, zum Unwort des Jahres 2016 gekürt. Wie in jedem Jahr kann man über die Wahl trefflich diskutieren, zumal jedem von uns auch noch eine Reihe weiterer Begriffe einfallen, die das „Unwort“-Prädikat verdient hätten. Mir als Anhänger der schwarzgelben Borussia zum Beispiel: „Entemotionalisierung“.

Diese merkwürdige Borussia-Müdigkeit
Entemotionalisierung beklagen viele und gefühlt immer mehr BVB-Fans im zwischenmenschlichen Verhältnis zum Klub ihrer Wahl. Größere Teile des vergangenen Wochenendes habe ich im Kreise von knapp zwei Dutzend Leuten verbracht, die von sich selbst mit Fug und Recht behaupten dürfen, genau das zu sein, was man landläufig unter „eingefleischten“ Fans versteht. Nicht nur Dauerkarteninhaber. Nicht nur Auswärts-Vielfahrer. Sondern darüber hinaus in ihrer Freizeit ehrenamtlich rund um Borussia Dortmund engagierte Menschen, für die Schwarzgelb neben ihren Familien und oft noch vor ihren Berufen DER zentrale Lebensinhalt ist. Fast unisono schilderten sie eine irgendwie merkwürdige, latente BVB-Müdigkeit und machten dieses mit Worten schwer zu beschreibende Phänomen daran fest, dass sich Borussia aktuell nicht mehr so intensiv anfühlt wie noch vor zwei, drei, vier Jahren.

Kommerzialisierung und Übersättigung
Nun sind die Gründe dafür vielfältig. Natürlich hat das etwas zu tun mit der zunehmenden Kommerzialisierung und Internationalisierung des Fußballs. Selbst wenn sich die Klubführung des BVB noch so große Mühe gibt, die „Nähe zum Borsigplatz“ über die Annäherung an Märkte in Asien und Übersee zu stellen, nimmt die Distanz zwischen der 400-plus-x-Umsatzmillionen schweren Kommanditgesellschaft auf Aktien und der Fan-Basis doch zu. Natürlich hat das auch etwas zu tun mit einer zunehmenden Übersättigung der Anhänger mit dem Grundnahrungsmittel Fußball. Immer mehr und immer aufgeblähtere Wettbewerbe senken das Fieber und killen die Vorfreude – ganz aktuell: Die aberwitzige Entscheidung der komplett entrückten, geld- und machtgeilen FIFA-Bosse, die Weltmeisterschaft 2026 auf 48 Nationen aufzustocken und uns auf diese Weise Vorrunden-Highlights zwischen Burkina-Faso und den Galapagos-Inseln oder zwischen Tibet und Katar zu bescheren. Oder der Wahnsinn, dass Sender wie Sport 1, Online-Portale per Livestream oder sogar die Vereine selbst auf ihren Websites inzwischen jeden noch so müden Test-Kick in Echtzeit übertragen. Wenn ein mittelmäßig spannender Bundesligist in seinem Trainingslager irgendwo in Asien ein freundschaftliches Bewegungsspielchen gegen den FC Kartoffelacker Kathmandu aus der ersten nepalesischen Profiliga austrägt, ist garantiert irgendein Anbieter mit einem Kamerateam vor Ort.

Braucht man das? Braucht man nicht!

Und dann machen viele Fans die Entemotionalisierung natürlich auch am Weggang von Jürgen Klopp fest, der fleischgewordenen Emotion. Klopp hat uns Borussen, zugegeben, sieben Jahre lang verwöhnt. Mit seinem Lachen, seinen Tränen, seinem Humor und Esprit, seinen Wutausbrüchen, seinem Jubel, seiner Hyperaktivität, seinen emotionalen Ausbrüchen, seiner Authentizität. Kurzum: mit seinem Menschsein! Nun ist er weg. Das kann man beklagen. Er ist nun allerdings auch schon seit eineinhalb Jahren weg. Und er wird, ziemlich sicher, so schnell auch nicht zurückkehren. Vielleicht – und die Wahrscheinlichkeit ist eher hoch als gering – wird er überhaupt nie mehr als Trainer an die Strobelallee zurückkehren. Deshalb könnte man jetzt auch allmählich mal aufhören, Klopps Abhandenkommen zu beklagen. Zumal, meine Meinung: Der Trainer muss im Sport durchaus nicht der emotionale Vorturner sein.

Wir Fans sind verwöhnt und dekadent geworden
Vielleicht, und darüber denke ich in letzter Zeit häufig nach, tragen wir Fans auch selber ein gerüttelt Maß Schuld an diesem Phänomen der Entemotionalisierung. Wir gebärden uns bisweilen wie verwöhnte und verhätschelte Millionärskinder in US-amerikanischen College-Filmen. Weil wir 2011 Meister waren, 2012 das Double gewonnen haben, 2013 im Champions-League-Finale standen und 2014, 2015, 2016 im DFB-Pokal-Endspiel, sind Titel das Maß der Dinge und Finalteilnahmen normal geworden. Manch ein Fan hat inzwischen „keinen Bock mehr, schon wieder nach Berlin zu fahren“. Wie dekadent ist das denn?! Merken wir eigentlich noch was?! Sind wir eigentlich noch Borussen oder schon Bauern? Ein Finale ist IMMER etwas Besonderes. Es ist NIEMALS normal. NIEMALS Alltag. Für die da unten in München vielleicht, aber doch nicht für uns hier oben in Dortmund.

Jürgen Klopp hat in seinem Gastbeitrag für eines meiner Bücher („Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB“) geschrieben, was ihn am Westfalenstadion und den BVB-Fans am meisten fasziniere, sei die einzigartige atmosphärische Wechselwirkung zwischen dem Geschehen auf dem Spielfeld und der Stimmung auf den Rängen. In Dortmunds Tempel herrsche eben nicht per se eine tolle Atmosphäre, sondern stets in Abhängigkeit vom Spiel. Das sei, so Klopp, in besonderer Weise ehrlich und authentisch. Was er meinte ist: Manchmal spielt die Mannschaft spektakulär gut – und die Stimmung schwappt über vom Feld auf die Fans. Manchmal aber spielt die Mannschaft auch spektakulär schlecht, wie bisweilen im letzten Klopp-Jahr – und die Stimmung schwappt dann trotzdem über, nur umgekehrt von den Tribünen auf den Rasen, weil die Fans spüren, dass ihr Team sie gerade jetzt braucht. Und manchmal schweigt ein ganzes, mit 81.357 Menschen gefülltes Stadion, weil die Nachricht eines dramatischen Todesfalls auf einer der Tribünen die Runde macht und die Sensibilität und der Respekt der Zuschauer ihren Drang zur Anfeuerung überlagern.

Wann sind wir eigentlich zuletzt richtig steil gegangen?
Aber seien wir doch mal ehrlich zu uns selbst: Wann haben wir Fans von Borussia Dortmund die Hütte letztmals so richtig gerockt? Wann waren wir letztmals so laut, dass dem Gegner schon im Spielertunnel der Darminhalt flüssig geworden ist?
Beim Derby? – Eher nicht!
Beim Sieg über die Bauern? – So richtig steil gegangen sind wir da doch auch nicht.
Gegen Real? – War okay. War aber auch schon einmal anders.

Blöderweise werden wir Trends wie die Kommerzialisierung und die Übersättigung nicht zurückdrehen. Und Klopp ist in Liverpool gerade auch nicht ganz so unglücklich. Die Frage stellt sich also: Was können wir selbst tun, um Spiele von Borussia Dortmund wieder zum emotionalen Orgasmus zu treiben? Meine Antwort: Wir brauchen mehr Personenkult! Das löst das Problem nicht in Gänze, wirkt aber gegen einige Symptome.

Spieler und Trainer kommen und gehen . . . Ja, aber!
Nun ist Personenkult unter BVB-Fans und gerade in der aktiven Fanszene blöderweise einigermaßen verpönt. Viel mehr übrigens als bei den allermeisten anderen Klubs. Nicht etwa, dass die Anhänger hier nicht auch ihre Lieblinge hätten. Äußerst selten aber, dass sie einzelne Akteure, etwa durch Anfeuerung oder individuelle Fangesänge während des laufenden Spiels, herausheben. Wenn überhaupt, dann allenfalls bei ihrer Ein- oder Auswechslung. Und Ikonen wie Jürgen Kohler eine war und Dédé immer noch eine ist, sind die absolute Ausnahme. Selbst Sebastian Kehl reichte da, bei aller Wertschätzung, nicht heran. Hinter alledem steckt eine grundsätzliche Haltung: Niemand ist größer als der Verein! Spieler und Trainer kommen und gehen – doch Borussia Dortmund bleibt bestehen! Diese Maxime ist gewissermaßen unsichtbar in den Beton der Stadiontribünen gemeißelt.

Ich kann dieser Einstellung viel abgewinnen. Zumal das einzige mir bekannte Abrücken, die irrationale Überhöhung der Figur Jürgen Klopp, am Ende ungesunde Ausmaße angenommen hatte. Manche hielten Klopp für größer als den BVB. Was natürlich völliger Unfug ist. Und dennoch: In einer Phase, in der Fans aufgrund anderer Effekte, auf die sie wenig oder keinen Einfluss haben, eine Entemotionalisierung beklagen, stehen sie sich mit diesem Anti-Personenkult selbst im Weg. Klar, Fußball ist ein Vereinssport, ist ein Mannschaftssport. Fußball ist aber auch ein Spielersport. Und es ist ja nicht so, als hätte der BVB keine Spieler mehr im Kader, die sich der besonderen Zuneigung der Anhängerschaft erfreuen. Die sich diese Zuneigung auch redlich verdient haben. Etwa, weil sie in schweren Zeiten zum Klub gehalten und/oder mit Borussia Erfolge gefeiert haben. Weil sie nach Experimenten bei anderen Vereinen geläutert zurückgekehrt sind. Weil sie durch langjährige Klubzugehörigkeit Treue nachgewiesen haben. Oder einfach nur deshalb, weil sie sich Spiel für Spiel bedingungslos reinhauen . . .

Es gibt viele Gründe.

Ich meine, Ihr ahnt es, Roman Weidenfeller und Nuri Sahin, Manni Bender und Neven Subotic, Papa Sokratis und Lukasz Piszczek. Ich meine Marco Reus, und ganz besonders meine ich Marcel Schmelzer, der durch seine Körpersprache signalisiert, dass er auch dann noch an den Erfolg glaubt, wenn die 90 Minuten um sind und der BVB zum Weiterkommen noch zwei Tore benötigt. Schmelzer gegen Malaga: Mehr Borussia Dortmund geht nicht!

Erobern wir uns doch die emotionalen Momente zurück!
Nun werdet Ihr möglicherweise sogar sagen: Stimmt! Aber einige der genannten Akteure spielen bei Thomas Tuchel aktuell und vielleicht auch in Zukunft keine große Rolle. Sie bekommen, wenn überhaupt, nur geringe Einsatzzeiten. Und ich sage: Na und?!!! Dann genießen und feiern wir eben jede einzelne Minute mit ihnen und erobern uns über diese – Achtung, Unwort! – „Gänsehaut“-Sequenzen das zurück, was uns offenbar ein Stück weit abhanden gekommen ist: die Identifikation und die hoch emotionalen Momente. Und wenn Weidenfeller aufhört? Und Neven den Klub wechselt? Dann wachsen andere nach. Warum soll nicht Roman Bürki ein Fanliebling der Zukunft werden? Oder Julian Weigl, der es eigentlich ja heute schon ist? Ich glaube – und meinetwegen verprügelt mich dafür –, dass sogar Mario Götze mittelfristig wieder in eine solche Rolle hineinwachsen kann.

Also:

Wenn der Fußball es – hoffentlich nur vorübergehend – nicht (mehr) schafft, uns anzufixen, ist das die eine Sache. Wenn es aber auch die Fußballer nicht mehr schaffen, uns zu emotionalisieren; und wenn wir es umgekehrt nicht mehr schaffen, über die Fußballer den Fußball zu emotionalisieren: Dann erst hätten wir ein wirklich ernsthaftes Problem.

Die Mutter aller Relegations-Dramen

Borussia Dortmund – Fortuna Köln 3:1 (0:1)

(19. Mai 1986, Bundesliga-Relegation, Rückspiel)

(Text aus: Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größtenSpiele im Fußball-Tempel des BVB, Klartext-Verlag)

Zweifelsohne gibt es eine ganze Reihe von Heimspielen des BVB, die sich für einen Spitzenplatz unter den größten Partien aller Zeiten im Westfalenstadion aufdrängen, und die Frage, welche dieser Partien nun die allerbeste, die allerwichtigste, die allerspannendste, die allerspektakulärste, die allerbegeisterndste – kurz: die allerallergrößte – war, lässt sich trefflich diskutieren. Die Antworten auf diese Frage können und werden unterschiedlich ausfallen, schon deshalb, weil sie – und eben das macht die Faszination Fußball letztlich aus – immer mit persönlichen Erlebnissen zusammenhängen.

Genug um den heißen Brei herum geschrieben. Reden wir Tacheles! Kommen wir zur Festlegung. Spulen wir die Geschichte von Borussia Dortmund zurück bis zum 19. Mai 1986. Erinnern wir uns an ein Spiel, in dem es nicht um Titel und Trophäen, um Glanz und Gloria ging; in dem der Gegner nicht Real Madrid, Manchester United, nicht einmal Bayern München oder FC Schalke 04 hieß, sondern: Fortuna Köln. Ein Klub, der in der Saison 2013/14 in der vierten Liga spielt, eine Klasse unter der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund. Der sich an jenem Pfingstmontag 1986 gleichwohl anschickte, erstklassig zu werden und den ruhmreichen BVB 14 Jahre nach dem bitteren Abstieg von 1972 und zehn Jahre nach der umjubelten Rückkehr wieder in die zweite Liga zu schicken.

Es gibt einfach zu viele Gründe, die ausgerechnet und unbedingt für das Rückspiel der Bundesliga-Relegation 1985/86 als Nummer eins aller BVB-Spiele im Westfalenstadion / Signal Iduna Park sprechen. Der wichtigste ist kein sportlicher, sondern ein wirtschaftlicher: Wäre die schier hoffnungslos abgewirtschaftete Borussia seinerzeit tatsächlich abgestiegen, der Klub, bei dem Dr. Reinhard Rauball – im Oktober 1984 vom Amtsgericht Dortmund als Notvorstand eingesetzt – zu retten versuchte, was zu retten war, wäre wohl nicht wieder auf die Beine gekommen. Nur ein Indiz für die Misere der Schwarzgelben war die Zuschauerresonanz. Der Schnitt war von 42.000 im ersten Jahr nach dem Wiederaufstieg auf nur noch 20.306 in der Saison 1983/84 gesunken. 1985/86 waren es 22.573 Zuschauer pro Spiel. Die Auslastungsquote pendelte um 40 Prozent. Heute, da der Schnitt bei über 80.000 und die Auslastung bei nahezu 100 Prozent liegt, unvorstellbar.

Zum Sport: Es war eine Grusel-Saison mit einem Frust-Finale, die hinter Borussia Dortmund lag, als es zum dramatischen Showdown mit Fortuna Köln kam. Der BVB rutschte schon am 4. Spieltag durch eine 1:4-Heimpleite in den Bundesliga-Keller, wurde drei Spieltage später durch ein 1:6 in Bochum auf Platz 17 durchgereicht und hielt am 13. Spieltag nach einem 2:3 gegen den neuen Spitzenreiter Borussia Mönchengladbach mit 8:18 Punkten die Rote Laterne. Einem kurzen Zwischenhoch mit einem 1:0-Erfolg bei den Bayern vor lediglich 15.000 Zuschauern im Münchener Olympiastadion und einem 2:0 gegen den VfB Stuttgart folgte eine 1:6-Derbyklatsche auf Schalke. Borussia überwinterte mit 14:20 Punkten auf Rang 14. Knapp vor der Abstiegszone.

Die Rückrunde avancierte zu einem Wechselbad der Gefühle. Nach einem 5:1 gegen Köln und einem 0:0 in Nürnberg kletterte der BVB am 21. Spieltag bis auf Platz 10, doch auf der Zielgeraden ging den Schwarz-Gelben die Luft aus. Negativer Höhepunkt war am 32. Spieltag der Sturz auf Relegationsplatz 16 durch ein 0:4 beim VfB Stuttgart. Die Klubführung zog die Notbremse: Trainer Pal Csernai wurde entlassen. Reinhard Saftig übernahm – und hätte durch ein 1:1 gegen Schalke und ein 4:1 bei Schlusslicht Hannover 96 um ein Haar noch die direkte Rettung geschafft. Am Ende fehlten dem BVB (49:65 Tore/-16) bei Punktgleichheit mit Eintracht Frankfurt (35:49 Tore/-14) lediglich zwei Treffer zum direkten Klassenerhalt, während sich die vor dem Schlussakt ebenfalls noch gefährdeten Traditionsvereine 1. FC Köln und 1. FC Nürnberg mit knappem Punktvorsprung retteten.

So kam es zum Duell mit dem schwer angezählten Zweitliga-Dritten Fortuna Köln. Die Südstädter hatten die Tabelle sechs Spieltage vor dem Saisonende noch angeführt und befanden sich klar auf direktem Aufstiegskurs. Doch dann folgte ein unerklärlicher Einbruch mit nur noch einem Punkt aus dem Nachholspiel in Osnabrück (0:0) und Niederlagen in Aachen (0:3), in Kassel (0:3), daheim gegen den Tabellenvorletzten Tennis Borussia Berlin (0:2) sowie beim direkten Konkurrenten Blau-Weiß Berlin (1:3).

Vor den beiden letzten Spieltagen rutschte die Fortuna aus den Aufstiegsrängen, kletterte am vorletzten Spieltag durch ein 6:0 gegen Bayreuth wieder auf den Relegationsplatz – und schien diesen beim Saisonfinale doch wieder zu verspielen. Eine Viertelstunde vor Schluss lagen die Kölner beim Karlsruher SC mit 0:2 zurück. Erst der Doppelschlag von Achim Kropp (75.) und Bernd Grabosch (77.) zum 2:2 und Kassels späte 0:1-Niederlage beim Absteiger Bayreuth zementierten Platz drei.

Als Zweitligist ohnehin Außenseiter, unterstrich die fallende Formkurve die Rolle der Kölner zusätzlich. Der BVB hingegen ging mit dem frischen Saftig-Schwung in die Spiele. Doch was auf dem Papier nach einer Formsache aussah, entwickelte sich auf dem grünen Rasen komplett anders. Spiel eins vor 44.000 Zuschauern im größeren Müngersdorfer Stadion, Heimstatt des ungeliebten Lokalrivalen 1. FC Köln, dominierte der Zweitligist, gewann durch Tore von Bernd Grabosch (53.) und Karl Richter (75.) mit 2:0 und kam vier Tage später in Dortmund mit ganz breitem Kreuz aus dem Spielertunnel.

Ganz anders die Gastgeber, die zwar das Gros der 54.000 plus x Zuschauer im hochgradig ausverkauften – manche sagen: hoffnungslos überfüllten – Westfalenstadion hinter sich wussten. Die aber auch eine zusätzliche Last im Rucksack mitschleppten: ihren Torjäger Jürgen Wegmann. „Für mich war der Druck besonders groß, denn nur wenige Tage zuvor war bekannt geworden, dass ich nach Schalke wechseln würde. Für die Dortmunder Fans war das natürlich Hochverrat. Vergessen waren meine 14 Saisontore, sie nannten mich `Judas´ und pfiffen mich aus, als ich an diesem schwülen Nachmittag das Feld betrat. Doch das gellende Pfeifkonzert beflügelte mich nur noch mehr“, erzählte Wegmann im Mai 2011 anlässlich des 25. Jahrestages des „Wunders von Dortmund“ dem Fußball-Magazin 11 Freunde.

Dass Wegmann die Hauptrolle bei diesem Wunder spielen würde; dass es überhaupt noch ein Wunder geben würde, darauf deutete lange Zeit wenig bis gar nichts hin. Im Gegenteil: Bernd Grabosch erwischte den BVB bei brütender Hitze eiskalt und schraubte das Ergebnis mit seinem frühen Führungstreffer zum 1:0 (14.) in der Addition beider Spiele auf 3:0. So stand es auch zur Pause – und die Hoffnungen der Dortmunder Anhänger schmolzen dahin wie das Eis von Trikotsponsor Artic in der prallen Pfingstsonne.

Was dann geschah, war nicht nur die unglaubliche Wiederauferstehung einer totgesagten Mannschaft, sondern mehr noch einer der Wendepunkte in der Vereinsgeschichte des BVB. „In der Halbzeit war es ganz ruhig in der Kabine“, erinnerte sich Jürgen Wegmann im November 2011 für einen Beitrag der Magazin-Sendung Sport inside im WDR-Fernsehen. „Da konnte man eine Stecknadel fallen hören.“ Er aber habe, sagt er im Magazin 11 Freunde, „den Jungs in der Kabine gesagt, dass dieses Spiel erst in den letzten Minuten entschieden werden würde, und ich hatte bereits eine Ahnung, dass ich entscheidend daran beteiligt sein sollte“.

Die zweite Halbzeit, der BVB spielte auf die Südtribüne und die Fans standen nach dem Motto „Jetzt erst recht“ wie ein Mann hinter dem Team, hat Wegmann Detail für Detail abgespeichert. Nach dem schnellen Ausgleich durch einen ebenso umstrittenen wie von Michael Zorc sicher verwandelten Strafstoß (53.) „gab es einen Sturmlauf auf ein Tor, und nach 68 Minuten macht der Marcel Raducanu auf Flanke von Daniel Simmes ein sehr schönes Kopfballtor“. Dortmund führte, aber ein Tor fehlte – und es fehlte auch noch kurz vor Schluss. Jürgen Wegmann in 11 Freunde über die letzte Minute: „Noch heute sehe ich die große Stadionuhr vor mir, die Zeiger drehten sich unerbittlich. Der Abpfiff rückte immer näher, wir waren körperlich am Ende, die Beine waren schwer, der Kreislauf spielte verrückt und auch das Publikum hatte die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben. Doch ich spürte tief in mir, dass da noch etwas gehen musste.“

Und das ging so:

Bernd Storck kommt im Mittelfeld an den Ball, flankt ihn vom rechten Flügel aus der Drehung blind an die Strafraumgrenze. Doppel-Kopfballverlängerung durch Michael Zorc und Daniel Simmes. Das Leder fällt im Sechzehner Ingo Anderbrüge vor die Füße, der zieht es fast von der Torauslinie von links mit links scharf vor das Tor. Kölns Keeper Jacek Jarecki kann den Ball nicht festhalten. Den Rest schildert wieder Wegmann im WDR: „Der Torwart macht einen kleinen Fehler, lässt den Ball abprallen – und ich stehe dann da, wo man als Stürmer stehen sollte, und drücke ihn irgendwie rein.“ Wenige Sekunden vor Schluss. Das Stadion gleicht einem Tollhaus, das Spiel wird unmittelbar nach dem Mittelanstoß abgepfiffen. Und weil die Europacup-Regel, nach der bei einem Remis in der Addition beider Spiele die Auswärtstore doppelt zählen, in der Relegation damals noch nicht zur Anwendung kommt, gibt es ein Entscheidungsspiel auf neutralem Platz.

Der Rest ist bekannt. Das Entscheidungsspiel, für den 23. Mai terminiert, musste kurzfristig um eine Woche verschoben werden, weil Kölns Mäzen und Macher Jean „Schäng“ Löring beim Deutschen Fußball-Bund plötzlich 13 Krankenscheine vorlegte. Magen-Darm-Virus im Fortuna-Kader. Angeblich. Für die BVB-Fans war klar: Ein taktisches Manöver, um die Euphorie, die Wegmanns 3:1 in Fußball-Dortmund ausgelöst hatte, auszubremsen. So dauerte es quälend lange 13 Tage bis zum Showdown vor 50.000 Zuschauern im Düsseldorfer Rheinstadion, darunter mehr als 30.000 Fans in Schwarz und Gelb.

30 Minuten lang verteidigte Köln gegen die entschlossen anrennenden Borussen ein 0:0. Dann brach Dirk Hupe den Bann, und der schnelle Doppelschlag nach Wiederbeginn durch Michael Zorc (46.) und Ingo Anderbrügge (49.) versetzte Fortuna endgültig den K.O. – Völlig demoralisiert kam der Zweitligist unter die Räder einer nun rauschhaft aufspielenden Borussia, für die Bernd Storck, Daniel Simmes, Jürgen Wegmann, noch einmal Michael Zorc und Frank Pagelsdorf die weiteren Tore erzielten.

Dortmund blieb erstklassig, qualifizierte sich in der Saison darauf als Vierter für den UEFA-Cup und feierte 1989 mit dem DFB-Pokalsieg gegen Werder Bremen den ersten Titelgewinn seit dem Triumph im Europapokal der Pokalsieger 1966. Diesen Erfolg, aber auch den sportlichen und wirtschaftlichen Aufstieg der 1990-er Jahre, die Meisterschaften 1995 und 1996, den Champions-League-Sieg und den Weltpokal-Triumph von 1997 hätte es nicht gegeben, wäre da nicht die 90. Minute im Rückspiel gegen Fortuna Köln gewesen. Die Relegation, die zum Anfang vom Ende der ruhmreichen Borussia hätte werden können, wurde zum Anfang der Wiedergeburt. Deshalb ist das 3:1 gegen Fortuna Köln das größte aller BVB-Spiele in 40 Jahren Westfalenstadion / Signal Iduna Park.

Für Dr. Reinhard Rauball war seine zweite Rettungsmission damit erledigt. Er zog sich zurück und gab das Amt weiter an Dr. Gerd Niebaum. „Wären wir damals abgestiegen, ich hätte weitergemacht. Meine Arbeit wäre in dem Fall nicht erledigt gewesen – und halbe Sachen mag ich nun einmal gar nicht“, sagte Rauball im Rückblick. Der Grusel-Saison 1985/86 gewann er letztlich etwas Positives ab: „Durch den dramatischen Abstiegskampf wurde das Fußball-Feuer in Dortmund neu entfacht.“

Mehr Spektakel war nie

FC Liverpool – CD Alaves 5:4 (4:4, 3:1) n.V.

(16. Mai 2001, Dortmund, Westfalenstadion)

Text aus: Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB, Klartext-Verlag

Zieht man alle entscheidenden Faktoren zur Bewertung eines Fußballspiels heran – die sportliche Bedeutung, die Dramaturgie, die Klasse, die Anzahl und Qualität der Tore und nicht zuletzt den Gänsehaut-Faktor der Atmosphäre auf den Rängen –, so kommt der Fußball-Gourmet an der Festlegung nicht vorbei: Das UEFA-Cup-Finale der Saison 2000/01 zwischen dem turmhohen Favoriten FC Liverpool und dem glasklaren Außenseiter CD Alaves gehört unbedingt zu den Top-3-Spielen im Dortmunder Stadion.

Serviert wurde: Eine Feinschmeckerplatte auf Sterne-Niveau. Ein Torfestival. Ein Finale, das – anders als viel zu viele vorher und nachher – nicht geprägt war von übergroßem Respekt der kickenden Hauptdarsteller voreinander. Nicht geprägt von zwei Trainern, die der Fußballwelt mit möglichst ausgeklügelten taktischen Kniffen beweisen wollten, welch brillante Strategen sie doch sind. Nicht geprägt von bestenfalls kontrollierter Offensive, die bisweilen in unkontrollierbare Langeweile mündet.

Das Finale von Dortmund bot unkontrollierbare Offensive auf beiden Seiten. Fußball mit Tempo, Leidenschaft und offenem Visier. Das Ergebnis war ein Drama in mehreren Akten – mit einem langen, nassen und feucht-fröhlichen Prolog auf den Plätzen und in den Kneipen der City. Mehr als 20.000 britische Anhänger hatten dort den Finaltag über gemeinsam mit gut und gerne 15.000 baskischen Fans gefeiert. Im zumeist strömenden Regen bei für die Jahreszeit ziemlich lausigen Temperaturen. Westfalen empfing seine finalen Gäste mit echtem Insel-Wetter.

Die Duellanten um den UEFA-Pokal 2001, sie hätten unterschiedlicher kaum sein können. Von der Papierform her ein Duell zwischen Goliath und David.

Der Goliath – FC Liverpool:

18 englische Meistertitel standen am Tag des Endspiels auf dem Briefkopf, dazu je sechs FA- und Liga-Cup-Siege. Viermal hatten die „Reds“ den Europapokal der Landesmeister gewonnen und zweimal auch schon den UEFA-Cup. Ein Traditionsklub, der wie wenige andere für die Ur-Tugenden des britischen Fußballs stand und steht: für Leidenschaft, Kampf und den unerschütterlichen „Never give up“-Spirit.

Der FC Liverpool – ein Verein, bei dem Legenden wie Bob Paisley und Bill Shankly auf der Trainerbank gesessen hatten. Jener Shankly, von dem eine Aussage stammt, die wie in Stein gemeißelt bis heute für das Selbstverständnis der Marke FC Liverpool steht. „Einige Leute“, hatte der Trainer einst angemerkt, „halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist.“ Jener Shankly auch, der am Ende des Tunnels, durch den die Spieler von den Kabinen aufs Feld gelangen, eine Tafel anbringen ließ. Aufschrift: „This is Anfield!“ Nicht irgend ein Stadion, sondern DAS Stadion. Eine Aufschrift wie eine Mahnung an jeden Gegner: Zeigt gefälligst Respekt! Und eine Warnung: Habt gefälligst Angst!

Der FC Liverpool – ein Verein, für den Legenden wie John Toshack, Ian Rush, Kenny Dalglish und Kevin Keegan auf dem Platz gestanden hatten, Graeme Souness, Ian Callaghan, Jamie Carragher und Steven Gerrard.

Der FC Liverpool – ein Verein, dessen Stadion an der Anfield Road zu den bedeutendsten Fußball-Kultstätten zählt. Mit einer Tribüne, „The Kop“ genannt, die, als sie noch eine Stehtribüne war, so gefürchtet war wie die „Gelbe Wand“ im Signal Iduna Park. Mit einer Lautstärke, die lange Zeit alles in den Schatten stellte, was man an Anfeuerung kannte. Der „Liverpool-Roar“ ist gleichermaßen ein Naturereignis, die Anfield Road also ein FußballweltKULTURerbe und der „Roar“ ein FußballweltNATURerbe. An jenem 16. Mai 2001 wurde die Nordtribüne des Signal Iduna Parks zu „The Kop“, denn dort standen – nicht saßen – die meisten Fans des Klubs aus der Beatles-Stadt.

Genug der Schwärmerei. Genug vom Goliath – und damit zum David: CD Alaves.

Club Deportivo Alavés, so der vollständige Name, ist das krasse Gegenteil. Tradition, gewiss, die hat der Verein auch. 1921 gegründet, ist der Briefkopf gleichwohl blank. Erfolge: Fehlanzeige. Nicht einmal eine Stadt ist Alavés, sondern eine Provinz. Die Stadt, in der CD spielt, heißt Vitoria-Gasteiz und ist zugleich Hauptstadt der spanischen autonomen Region Baskenland. Soweit der kleine geographische Exkurs.

Einzige Berühmtheit des Klubs ist Andoni Zubizareta, 126-facher Nationaltorwart und 1987 Spaniens Fußballer des Jahres. Für CD spielte er nur kurz – sein Transfer verhinderte immerhin den Konkurs des Vereins. Erfolge feierte er erst mit dem FC Barcelona und mit Athletic Bilbao, der Nummer eins im baskischen Fußball, gefolgt von Real Sociedad San Sebastian. Dahinter erst folgt mit Abstand CD Alaves, ein Klub, der es bis heute, Stand 2013, nicht einmal auf ein Dutzend Spielzeiten in der Primera Division bringt. Fünf in Folge, mithin die beste Phase der Klubgeschichte, von 1998 (Wiederaufstieg nach 42 Jahren) bis 2003.

Der Einzug der Basken ins Finale war die große Überraschung der UEFA-Cup-Saison 2000/01, zumal sie auf ihrem Weg nach Dortmund beileibe nicht nur sportliches Fallobst zugelost bekamen. Auf Gaziantespor (Türkei) und Lilleström (Norwegen) folgte mit dem Champions-League erfahrenen Rosenborg Trondheim der erste echte Gegner und anschließend mit Inter Mailand die vermeintliche Endstation. Doch Alaves setzte sich nach einem 3:3 daheim im Rückspiel in San Siro mit 2:0 durch, schaltete anschließend auch den Ligarivalen Rayo Vallecano aus und zerlegte im Halbfinale den 1. FC Kaiserslautern in der Addition der Spiele (5:1, 4:1) mit 9:2.

Den deutlich anspruchsvolleren Weg allerdings hatte der FC Liverpool. Auf Rapid Bukarest, Slovan Liberec und Olympiakos Piräus folgten der AS Rom (2:0 A, 0:1 H), der FC Porto und schließlich der FC Barcelona, damals noch als holländische Filiale mit Reiziger, de Boer, Cocu, Overmars, Kluivert – und einem gewissen Pep Guardiola als Denk- und Lenkzentrum im Mittelfeld. Nach einem 0:0 in Nou Camp nutzte Liverpool den Heimvorteil im Rückspiel und löste durch ein 1:0 das Final-Ticket.

Im Endspiel galten die „Reds“, die vier Tage zuvor den FA-Cup gewonnen hatten, als turmhoher Favorit. Und so begannen sie auch – vor 48.000 Zuschauern. „Nur“ 48.000 Zuschauer, weil die Ecken des Westfalenstadions seinerzeit noch nicht ausgebaut waren. Das Team von Trainer Gerard Houllier mit den jungen Michael Owen und Steven Gerrard, mit den beiden Deutschen Markus Babbel und Didi Hamann und mit dem finnischen Abwehr-Hünen Sami Hyypiä, führte nach einer Viertelstunde durch Babbel und Gerrard mit 2:0. Zwar gelang Ivan Alonso der Anschluss, doch Gary McAllister stellte unmittelbar vor der Pause den Zwei-Tore-Abstand wieder her. Spätestens mit diesem Treffer schien die Messe im Dortmunder Fußball-Tempel gelesen.

Doch der Außenseiter kam zurück – und wie! Binnen drei Minuten glich Javi Moreno zum 3:3 aus (48./51), und nach Liverpools neuerlicher Führung durch Robbie Fowler (73.), trat eine Minute vor dem Schlusspfiff ein Mann auf den Plan, dessen legendärer Vater Johan 27 Jahre zuvor an selber Stätte im WM-Zwischenrundenspiel gegen Brasilien ebenfalls Fußball-Geschichte geschrieben hatte: Jordi Cruyff.

4:4 also. Verlängerung. Und die endete nach 27 von 30 Minuten vorzeitig, weil Delfi Geli einen Freistoß von McAllister per Kopf ins lange Eck verlängerte. Dummerweise ins lange Eck des eigenen Tores. Was das Drama komplett machte: Erstens – Torwart Martin Herrera, der direkt hinter Geli heran geflogen kam, hätte den Ball problemlos aus der Gefahrenzone gefaustet. Zweitens – den nach zwei gelb-roten Karten in doppelter Unterzahl agierenden Basken blieb diesmal keine Restzeit für eine sportliche Antwort. Es war ein „Golden Goal“, ein goldenes Eigentor. Das Spiel war aus! Es endete kurz nach Mitternacht als baskische Tragödie und als britisches Freudenfest. Erster Sieger: Liverpool. Zweiter Sieger: Alaves. Dritter Sieger: der Fußball. Vierter Sieger: die Fußball-Hauptstadt Dortmund und ihr unglaubliches Stadion.

Liverpools deutscher Nationalspieler Didi Hamann war nach dem Spiel mit den Nerven am Ende: „Auch wenn wir letztlich gewonnen haben, hoffe ich, das war das erste und das letzte Mal, dass ich so etwas erleben musste.“ Und Trainer Houllier sagte seinem Team nach dem ersten Europacup-Triumph nach 17 Jahren voraus: „Die Mannschaft wird unsterblich werden.“ Immerhin für Teile der Mannschaft trat die Prognose ein, denn Gerrard, Hamann, Hyypiä und Jamie Carragher waren im Gegensatz zu Houllier selbst auch vier Jahre später noch dabei, als der FC Liverpool die Champions League gewann – in einem noch unglaublicheren Finale als es das 2001er gegen Alaves gewesen war.

In Istanbul lagen die „Reds“ 2005 gegen den AC Mailand zur Pause mit 0:3 (Tore: Hernan Crespo 2, Paolo Maldini) zurück, und wer zur Pause gegen den AC Mailand mit 0:3 zurück liegt, hat eine Siegchance im Promillebereich. Liverpool nutzte sie. Das Team brauchte nach dem Wechsel ganze sechs Minuten (54. – 60.), um durch Gerrard, Vladimir Smicer und Xabi Alonso auszugleichen. Im Elfmeterschießen versiebten dann Milans Superstars Serginho, Andrea Pirlo und Andrij Schewtschenko; die Briten triumphierten schließlich mit 6:5.

Von Toren aus

Gold und Silber

Um die Verlängerung im Fußball spannender zu machen, führte der Fußball-Weltverband FIFA in den 1990-er Jahren das „Golden Goal“ ein. Die Regel besagte – in Anlehnung an den Sudden Death („Plötzlicher Tod“) beim Eishockey –, dass ein Spiel beendet ist, sobald in der Verlängerung ein Tor fällt. Das UEFA-Cup-Endspiel 2001 in Dortmund zwischen Liverpool und Alaves war nicht das einzige, das durch einen solchen Treffer jäh entschieden wurde – wohl aber das einzige bedeutsame Spiel, in dem das „Golden Goal“ ein Eigentor war.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gewann ihren bis heute letzten Titel durch ein „Golden Goal“. Oliver Bierhoff erzielte es im Finale der Europameisterschaft 1996 im Londoner Wembley-Stadion in der 95. Minute zum 2:1 gegen Tschechien.

Gleich zweimal profitierte die deutsche Frauen-Nationalmannschaft von der Regel. Das Finale der Heim-EM 2001 in Ulm gewann sie durch einen Treffer von Claudia Müller in der Verlängerung; im Endspiel der WM 2003 in den USA war Nia Künzer erfolgreich – beide Treffer fielen in der 98. Minute.

Frankreich bemühte das „Golden Goal“ auf dem Weg zum Titelgewinn bei der Heim-EM 2000 zweimal. Das Halbfinale gegen Portugal beendete Zinedine Zidane nach 117 Minuten durch einen verwandelten Handelfmeter; im Endspiel gegen Italien traf David Trezeguet in der 103. Minute. Besondere Tragik für die Italiener: Sylvain Wiltord hatte Frankreich erst in der 90. Minute mit seinem Treffer zum 1:1-Ausgleich überhaupt in die Verlängerung gerettet.

Bei Weltmeisterschaften fielen vier „Golden Goals“. 1998 besiegte Frankreich im Viertelfinale Paraguay; 2002 setzten sich im Achtelfinale Senegal gegen Schweden und Südkorea gegen Italien durch; im Viertelfinale war die Türkei gegen den Senegal erfolgreich.

Der europäische Fußball-Verband UEFA änderte die Regel 2002 ab und führte das „Silver Goal“ ein. Danach wurde bei einem Torerfolg in der Verlängerung die laufende Halbzeit der Verlängerung noch zu Ende gespielt.

Auf diese Weise setzte sich Griechenland im Halbfinale der EM 2004 in Portugal gegen Tschechien durch. Weil Traianos Dellas allerdings in der Nachspielzeit der ersten Hälfte der Verlängerung (105 + 1) erfolgreich war, kam der Treffer einem „Golden Goal“ gleich – die Partie war danach sofort beendet.

Die Europameisterschaft 2004 war zugleich das letzte Turnier, bei dem die von Anfang an unbeliebte Regel der verkürzten Verlängerung angewendet wurde. 2004 schafften die Verbände sie wieder ab.

Freistoß Sahin. Kopfball Hummels. TOOOR! Eigentlich.

Zwei Jahre nach dem Pokalfinale 2014 brechen der Ball und die Torlinie endlich ihr Schweigen

Der 17. Mai 2014 war schon tagsüber fies. Oben an der Spree. Es war ungemütlich kalt in Berlin. Nasskalt. Immer wieder schauerte es. Und als am Abend im Olympiastadion der BVB und Bayern München auf der letzten Rille um den DFB-Pokal kämpften, da kübelte es phasenweise sogar wie aus Eimern. Eines aber hatte das Wetter an diesem Endspielabend nicht im Repertoire: Nebel! Das Flutlicht schien hell und die Fernsicht war exzellent, als die 64. Spielminute anbrach. Als Mats Hummels den Ball im Flug artistisch aufs Tor und ins Tor hinein köpfte. 76.197 Zuschauer sahen das auch. Nur die beiden Zuschauer auf den besten Plätzen – die sahen es nicht: Schiedsrichter Florian Meyer und sein Assistent an der Linie. Jetzt, zwei Jahre später, melden sich erstmals zwei Kronzeugen zu Wort, die bislang beharrlich geschwiegen haben: Der Ball. Und die Torlinie.

Mal Hand aufs Herz, Ball, wie war das damals – wie hast Du die Szene gesehen?

Der Ball: Aus allernächster Nähe. Ich war ja quasi mittendrin. Also erst im Geschehen und dann im Tor.

Der Reihe nach . . .

Der Ball: Es gab Freistoß für Borussia. Ein ruhender Ball also. Wobei: Wer hat sich eigentlich diesen Begriff ausgedacht: ruhender Ball. Wisst Ihr, wie nervös ich war. . .?! Aber egal, ich schweife ab. Der Nuri Sahin streichelt mich also mit dem linken Fuß in den Strafraum. Herrlich! Wenn ich daran denke, krieg‘ ich heute noch ’ne Lederhaut. Dann fliegen Lewandowski und dieser Dante mit seiner Stromschlag-Frisur auf mich zu. Oder ich auf sie. Egal. Lewi lässt mich so gerade eben über den Scheitel rutschen. Dann geht alles sehr schnell. Ich faaaaalleeeee – plötzlich ist der Mats da, der Hummels. Bäääm!

Wie jetzt – bäääm?!

Der Ball: Ja, bäääm eben! Der Mats liegt waagerecht in der Luft. Ziemlich verdreht, wenn ihr mich fragt. Aber irgendwie erwischt er mich mit dem Kopf. Ich fliege also Richtung Tor, sehe unter mir die Torlinie vorbeirauschen, sehe vor mir das Netz. Ich denke noch: Genau da musst Du hin. Ins Netz! Ihr wisst ja, das Runde, ich also, muss ins Eckige. Alte Fußball-Weisheit.

Und dann?

Der Ball: Das Nächste, was ich spüre, ist der Fuß von diesem Dante. Der tritt mich mit voller Wucht aus dem Tor. Aber war ja wurscht. Ich war ja vorher schon drin. Ätschibätsch, du Dante! Dachte ich. Ich bin dann ja auch direkt im hohen Bogen Richtung Mittelkreis geflogen. Zum Anstoß. Aber als ich da ankam, nahm mich niemand, um mich auf den Anstoßpunkt zu legen. Das Spiel lief einfach weiter.

Und Du, Torlinie, wie hast Du den Treffer gesehen?

Die Torlinie: Eher zufällig, um ehrlich zu sein. Schlechte Sicht. Es hat ja Bindfäden geregnet. Von der Latte prasselten ständig Wassertropfen auf mich herab. Ich wollte mir gerade die Brille putzen, als plötzlich der Ball über mir auftaucht und über mich hinweg fliegt. „Tooor!“, will ich also pflichtgemäß rufen . . .

. . . aber?

Die Torlinie: Aber da latscht dieser Dante mit seinem rechten Fuß voll auf mich drauf, bohrt seine Eisenstollen in mich hinein und schlägt mit links den Ball aus der Kiste.

ECHT: Ein regulärer Treffer also?

Ball und Torlinie (irritiert): Ist die Erde rund?

Wie VW die Bundesliga gefährdet und RedBull den DFB vorführt

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat ein Problem.

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat ein Problem.

Und damit hat: der deutsche Fußball ein Problem!

Das Problem ist: Der zunehmende Einfluss großer Konzerne auf den Sport. Auf die strategische Ausrichtung von Fußball-Klubs. Auf ihre Transferpolitik. Auf ihre Eigentümerstruktur. Am Beispiel von FC Bayern München und VfL Wolfsburg wird das gerade überdeutlich. Und auch über RB Leipzig ist zu reden. Der mit österreichischer Dosenlimonade künstlich hochgezüchtete Retortenklub droht gerade die WM-Chancen der U20- und die EM-Chancen der U21-Nationalmannschaft zu schmälern, indem er seine Neuzugänge Davie Selke (Werder Bremen) und Willi Orban (1. FC Kaiserslautern) von der Teilnahme abhält. Offiziell verzichten beide natürlich freiwillig und „aus persönlichen Gründen“.

Aufgeweichte Schutzwälle

Noch verschließt die Deutsche Fußball-Liga die Augen vor dem Dilemma, in das sie immer tiefer hinein schliddert. Sie verweist auf die 50+1-Regelung, nach der – anders als u.a. in England – kein Kapitalanleger die Stimmenmehrheit in einem Profiklub übernehmen kann. Damit, sagt die DFL weiter, sei man vor Übergriffen geschützt. Doch erstens wurde 50+1 längst durch Ausnahmen aufgeweicht. So muss der Mutterverein keine Mehrheit mehr halten, wenn ein Unternehmen/Sponsor „den Fußballsport seit mehr als 20 Jahren ununterbrochen und erheblich gefördert hat“. Durch dieses Hintertürchen, auch „Lex Leverkusen“ genannt, schlüpften bereits Bayer 04 Leverkusen, der VfL Wolfsburg und die TSG 1899 Hoffenheim. Hannovers bei den Fans umstrittener Präsident Martin Kind erwirkte die Streichung des Stichtages 1. Januar 1999.

Zweitens sieht auch die am 26. März 2015 von der Mitgliederversammlung der DFL beschlossene Beschränkung von Mehrfachbeteiligungen, nach der ein Investor maximal an drei Betreibergesellschaften beteiligt sein darf und an zwei davon mit höchstens zehn Prozent, einen prominenten Sonderfall vor: die Volkswagen AG. Deren Beteiligungen genießen „Bestandsschutz“ und bergen erhebliche Brisanz. Weniger deshalb, weil mit dem FC Ingolstadt ein weiterer Klub in die Bundesliga aufgestiegen ist, bei dem VW über Audi Karten im Spiel hat. Vielmehr deshalb, weil der aktuelle Meister FC Bayern und sein Vize und frischgebackener DFB-Pokalsieger VfL Wolfsburg durch Audi/VW mitgelenkt werden. Und das sogar in Personaleinheit!

Der doppelte Herr Winterkorn

Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender des Volkswagen-Konzerns mit Sitz in Wolfsburg, ist nicht nur VfL-Boss, sondern auch Bayern-Aufsichtsrat. Als solcher muss er natürlich maximales Interesse daran haben, dass die Münchener die bestmögliche Mannschaft auf den Platz bringen, um ihrem Anspruch, nicht nur national, sondern auch in Europa die erste Geige zu spielen, gerecht werden zu können. Er muss also beispielsweise ein Interesse daran haben, dass Kevin de Bruyne, Topscorer der abgelaufenen Bundesliga-Saison und zurzeit einer der interessantesten Akteure auf dem weltweiten Spielermarkt, von Wolfsburg nach München wechselt. Schließlich befiehlt das „Mia san mia“ der Bayern geradezu, auf jeder Position die stärksten Akteure zur Verfügung zu haben. Und in der Liga gibt es gerade keinen Besseren als de Bruyne.

Blöd nur: Als Boss der 100-prozentigen VW-Tochter VfL Wolfsburg kann Winterkorn natürlich überhaupt kein Interesse daran haben, dass ihm seine mit unfassbar großem Geldeinsatz zusammengebastelte Mannschaft, kaum, dass sie sich anschickt, den immensen Aufwand durch erste sportliche Erfolge wieder einzuspielen, prompt auseinander bröselt. Schließlich hat sich Wolfsburg für die Champions League qualifiziert und will auch dort bestehen. Andererseits hat der VfL in den vergangenen Jahren eine negative Transferbilanz in deutlich dreistelliger Millionenhöhe in den Büchern stehen. Eine 70-Millionen-Euro-Einnahme aus einem de-Bruyne-Verkauf an den FC Bayern würde die Zahlen erheblich schönen.

Über die Spannung in der Bundesliga entscheidet der VW-Konzern

Die Frage, ob der FC Bayern München künftig im Wettbewerb mit Branchengrößen wie Real Madrid, FC Barcelona, FC Chelsea und den Manchester-Klubs United bzw. City konkurrenzfähig sein kann, entscheidet also auch Herr Winterkorn. Ebenso entscheidet Herr Winterkorn, ob der VfL Wolfsburg künftig konkurrenzfähig mit dem FC Bayern München sein kann und die Bundesliga im Titelkampf auf mehr Spannung als zuletzt hoffen darf; eben weil den Wolfsburgern erspart bleibt, was in der Vergangenheit Borussia Mönchengladbach, Werder Bremen, dem VfB Stuttgart und zuletzt dem BVB ereilte: Dass nämlich die Bayern dem jeweils ärgsten Konkurrenten die besten Spieler wegkauften und sich so die lästige Konkurrenz vom Hals hielten.

Gar nicht auszudenken: Was, wenn der FC Bayern oder der VfL Wolfsburg am letzten Spieltag Meister werden und der eine Klub den Erfolg des anderen beeinflussen kann?! Oder beide können Meister werden und spielen auch noch gegeneinander. Oder einer spielt gegen den Audi-Klub Ingolstadt, der seinerseits die Punkte für den Klassenerhalt braucht. Gibt es dann womöglich VW-intern eine Stallorder? Wie in der Formel1? – Ach, stimmt: Dort gibt es ja gar keine Stallorder. Und jeder hält sich selbstverständlich daran . . . Eine überaus bedenkliche Entwicklung.

Was ist schon ein WM-Titel gegen einen Bundesliga-Aufstieg?!

Nicht nur bedenklich, sondern fast schon perfide ist das Spielchen, das Rasendingsbums Leipzig gerade mit dem Deutschen Fußball-Bund treibt. Die Leipziger verpflichteten für die kommende Saison zunächst Bremens Sturmtalent Davie Selke (8 Mio. €) und unlängst auch den Kaiserslauterer Willi Orban (2,5 Mio. €). Das Geld kommt vom österreichischen EnergyDrink-Hersteller Red Bull, der sich den Standort in Ostdeutschland ausgeguckt hat, um ihn im Rahmen einer großangelegten Investitions- und Marketingstrategie in die Bundesliga zu pushen. Kaum hatte Selke in Leipzig unterschrieben, sagte er seine Teilnahme an der derzeit laufenden U20-Weltmeisterschaft in Neuseeland ab. Und Orban gab Bundestrainer Horst Hrubesch nun einen Korb für die U21-Europameisterschaft vom 17. Bis 30. Juni in Tschechien – „aus persönlichen Gründen“ wie es heißt.

Doch wie wahrscheinlich ist es, dass ein Talent wie Selke, der die U19 im vergangenen Jahr zum EM-Titel schoss, freiwillig auf die Chance verzichtet, Weltmeister zu werden? Bremens Ex-Stürmer Wynton Rufer, Botschafter des Turniers in seiner Heimat Neuseeland, hat dazu jedenfalls eine glasklare Meinung: „Das kann mir niemand erzählen – es sei denn, Selke wäre bescheuert!“

Plausibler als Grund für den Doppelverzicht ist diese Erklärung: Selke und Orban würden, nähmen sie an den Turnieren teil, Leipzigs Sportdirektor und neuem Trainer Ralf Rangnick in der Saisonvorbereitung nicht von Anfang an zur Verfügung stehen. Und Rangnick ist 2015/16 zum Bundesliga-Aufstieg verdammt. Konzerninteressen gehen also offensichtlich vor DFB-Interessen. Wie konsequent RedBull seine Linie durchzieht, wissen viele Extremsportler zu berichten, die von der Brausemarke zu immer waghalsigeren und immer öfter lebensgefährlichen Stunts angetrieben werden. Die ARD hat dieses Vorgehen, das fast an den Science-Fiction-Film „Rollerball“ aus dem Jahr 1978 erinnert (https://m.youtube.com/watch?v=aVUxK1mNups), vor einiger Zeit in der Reportage „Die dunkle Seite von RedBull“ beleuchtet (https://www.youtube.com/watch?v=5I2mrD-PEFE).

Man darf gespannt sein, ob und wie lange sich der DFB von RedBull-Braumeister Dietrich Mateschitz am Nasenring durch die Manege führen lässt.

Showdown am Flughafen – der Schicksalstag des BVB

Es war vor exakt zehn Jahren, am 14. März 2005, da wurde am Düsseldorfer Flughafen über den BVB gerichtet. Knapp einen Monat nachdem die Verantwortlichen eine „existenzbedrohende Situation” eingeräumt hatten, mussten die Anteilseigner des Stadionfonds Molsiris über das Sanierungskonzept abstimmen. Je nach Ausgang bedeutete dies: entweder die Chance zum Neustart – oder die sofortige Insolvenz. In unserem Buch “Die Akte Schwarzgelb”, das Ende 2005 erschien, haben mein Bruder und ich den Aufstieg und Niedergang des BVB unter Dr. Gerd Niebaum und Michael Meier als das nachgezeichnet, was es letztlich war: ein Wirtschaftskrimi. Zum 10. Jahrestag hier noch einmal das Kapitel über den 14. März – zweifellos einer der denkwürdigsten und surrealsten Tage in der langen Geschichte des Traditionsklubs – in voller Länge:

Hier also.

Die „Event Halle“ am Rhein-Ruhr-Airport in Düsseldorf. Adresse: Flughafenstraße 120. Irgendwo zwischen Betriebshof und Landebahn. Event Halle – ein großes Wort für diese trostlose graue Wellblechbüchse mit den kahlen Wänden, kaltem Licht aus Neonröhren und unzähligen Kaugummiflecken im schäbigen, zerschlissenen Teppichboden. Ein Provisorium, nach der Brandkatastrophe im April 1996 flugs errichtet, um Urlauber abfertigen zu können. Und nun brennt es wieder am Airport. Lichterloh sogar. Zwischen den Ausgängen E91 und E92 wird die Borussia Dortmund GmbH & Co. KgaA abgefertigt. Der Blick schweift für einen Moment aus dem Fenster auf das Vorfeld. Ein Frachtjumbo der „Atlas Air“ ist dort geparkt. Seit Wochen schon. Zerbeultes Heck, zerfetztes Triebwerk. Abgebrannt – im Wortsinn. Wie Borussia Dortmund. Auch der BVB ist hoch geflogen und brutal abgestürzt. Jetzt ist er total abgebrannt – im übertragenen Sinn.

Hier also. Und heute.

Am Montag, 14. März 2005, entscheiden die 444 anwesenden der insgesamt 5780 Gesellschafter des Stadionfonds Molsiris über den Fortbestand des Ballspielvereins Borussia 09 Dortmund. Spielen Menschen, von denen die meisten emotional keinerlei Bindung zum schwarzgelben Traditionsklub haben, Schicksal. Kühl kalkulierende Kapitalanleger, die mindestens 5000, manche 100.000 Euro in dem Fonds platziert haben, weil er fette Rendite versprach. Sie spielen Schicksal für den äBVB. Für Hunderttausende Fans. Für eine Stadt und eine ganze Region. „Entscheidend“, hat Adi Preißler, verstorbenes BVB-Idol der 50er Jahre, einmal gesagt, „entscheidend is‘ auffem Platz.“ Man füge vier Buchstaben hinzu – und die Erkenntnis ist aktueller denn je. Entscheidend is‘ auffem FLUGplatz.

Am Ende eines Tages, wie Präsident Dr. Reinhard Rauball ihn „nie mehr erleben möchte“, wird es ein bisschen sein wie bei Günter Jauchs Publikums-Joker: Abgestimmt wird mit einem Televoter. Per Knopfdruck. Was könnte die Ohnmacht und das Ausgeliefertsein der Borussia deutlicher zum Ausdruck bringen. Doch weil der Kandidat zuvor bereits den Fifty-Fifty-Joker gezogen hat, müssen sich die Gesellschafter nur noch zwischen zwei Optionen entscheiden. 94,4 % der anonymen Anleger drücken die grüne Taste: JA – der BVB darf weiterleben! JA – er kann durchstarten in eine allerdings ungewisse Zukunft. Das hat er dem havarierten Jumbo von Atlas Air voraus. „Dieser Sieg“, sagt Hans Tilkowski, auch ein schwarzgelbes Idol, allerdings der 60er Jahre, „war wichtiger als der Triumph im Weltpokal.“

Showdown – selten zuvor hat dieser Begriff ein Ereignis so treffend bezeichnet wie die Marathonsitzung in der Event Halle. Sie bildet das finale furioso einer unerträglichen Hängepartie, die seit dem 18. Februar andauerte. Nur einen Tag, nachdem der BVB seine „existenzbedrohende Ertrags- und Finanzsituation“ hatte einräumen müssen, verbreitete er in einer Pressemitteilung, die Teilentwarnung: „Auf einem Treffen am Freitagnachmittag in Dortmund einigte sich der BVB mit seinen Gläubigern. (…). Ein erster Etappensieg ist uns damit gelungen. Entscheidend wird jetzt allerdings sein, dass auch die Gesellschafterversammlung des Immobilienfonds Molsiris dem Sanierungsplan zustimmt. Die Zustimmung ist unabdingbar für die Realisierung unseres Sanierungskonzeptes“, erklärte Geschäftsführer Michael Meier. Wirtschaftsberater Jochen Rölfs, der das Sanierungskonzept erarbeitet hat, verdeutlichte: „Alternativkonzepte gibt es nicht.“ Ein Nein der Anleger wäre gleichbedeutend mit dem Gang zum Insolvenzrichter.

Am selben Tag, noch während Molsiris-Vertreter mit anderen Gläubigern und der BVB-Geschäftsführung über Auswege aus dem finanziellen Desaster verhandeln, sendet Karolina Müller, Sprecherin der Commerzbank Leasing Immobilien AG, vorsichtig erste positive Signale aus. „Ziel ist, die Finanzierung des Stadions auf eine langfristig tragfähige Basis zu stellen. Wenn der BVB ein schlüssiges Konzept präsentiert, wird es an uns nicht scheitern.“ Eine Aussage ohne jede Verbindlichkeit, denn nicht Frau Müller wird vier Wochen später am Düsseldorfer Flughafen über das Schicksal der ruhmreichen Borussia entscheiden, sondern 5800 Meiers, Schmidts und andere Namenlose.

Dass die KGaA mittendrin, am 28. Februar, ihr Halbjahresergebnis (1. Juli bis 31. Dezember 2004) veröffentlichen muss und ein Defizit vor Steuern in Höhe von 30,8 Mio. Euro ausweist, schürt nicht eben die Zuversicht auf ein gutes Ende.

Das krampfhafte Bemühen der Pressesprecherin um eine Beruhigung der Situation aber zeigt, dass die Commerzbank-Tochter, die den Stadionfonds aufgelegt hat, das schlechte Gewissen umtreibt. Mit 8 % Zinsen plus X hatte sie die Anleger geködert. X = Erfolgsbeteiligungen bei Qualifikation für europäische Wettbewerbe (siehe Kapitel „Molsiris – vorher und nachher“). Längst steht der Vorwurf, sie habe die Zeichner nicht hinreichend über die Risiken aufgeklärt. „Wir haben hier die Wahl zwischen einer miesen und einer miserablen Alternative“, sagt ein Gesellschafter vor Beginn der Außerordentlichen Versammlung in Düsseldorf. Ein anderer, der sechsstellig investiert hat, verrät in einer von mehreren Sitzungspausen: „Ich mag den BVB, aber in diesem Fall bin ich Geschäftsmann. Hier gibt’s nur wenige, die bei der Abstimmung ihr Herz über den Verstand stellen werden.“ In einem waren sich die Anleger nach mehr als 6-stündiger Generalaussprache schließlich einig: Während Rölfs und Watzke „offen, ehrlich und überzeugend“ argumentierten, habe die Commerz Leasing „eine erbärmliche Figur abgegeben“. Der gute Ruf der Commerzbank-Tochter ist beschädigt.

Wie groß die Unsicherheit bei den Schwarzgelben im Vorfeld ist, gleichzeitig aber auch ihr unbedingter Wille, nichts unversucht zu lassen, wird deutlich, als sie für die Molsiris-Anleger der Fondsgesellschaft eine E-Mail-Hotline einrichten. Vom 7. bis zum 11. März können Gesellschafter „Fragen zur vorgeschlagenen Umstrukturierung des Fonds oder zum Sanierungskonzept zur Zukunftssicherung von Borussia Dortmund stellen. Die Antworten liefert ein Expertenteam, dem auch die Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Michael Meier angehören“.

Bereits am 23. Februar hatte sich die KGaA-Geschäftsführung in einem 5-seitigen Brief an die Anleger gewandt. Darin erklärt sie „das ursprüngliche, sehr ambitionierte sale & lease-back Fondskonzept“ für „gescheitert“, räumt erstmals „unverhältnismäßig hohe Transferzahlungen“ in der Ära Niebaum/Meier ein und appelliert in der Schlussbemerkung an die Emotionen. „Die weitere Zukunft des BVB liegt nunmehr in Ihrer Hand. Von Ihrer Entscheidung wird abhängen, ob auch in Zukunft der BVB als einer der ältesten Traditionsvereine, (…), erhalten bleibt und ob der BVB dem Mittelstand auch als Wirtschaftsfaktor der Region weiterhin als unerlässlicher Partner dienen kann. Letztlich – und auch dieses Argument möchten wir in diesen Zeiten und gerade in der Ruhrgebietsregion in Erinnerung bringen – erfolgt diese Bitte auch im Namen von fast 400 Mitarbeitern (ohne Lizenzspieler), die in unserem Hause beschäftigt sind.“

Es ist eine Wanderung auf ganz schmalem Grat, die Rauball, Watzke und Rölfs in den Tagen vor dem 14. März bewältigen müssen. Denn zu viele Emotionen wollen sie auch vermeiden. So bitten sie die Fans, von Solidaritätsbekundungen am Flughafen Abstand zu nehmen. „Wir wollten nicht, dass sich die Versammlung durch eine inszenierte Kundgebung beeinflusst oder gar bevormundet fühlt. Das ist nicht unser Stil. Die Leute sollten völlig frei entscheiden können“, sagt Hans-Joachim Watzke – der um 8.58 Uhr gemeinsam mit Rauball im schwarzen Mercedes vorfährt. Ohne Michael Meier.

Der komme nicht, weil er die Lizenzierungsunterlagen für die Abgabe bei der DFL am Tag darauf komplettieren müsse. So die offizielle Sprachregelung. Tatsächlich war Meier wild entschlossen gewesen, in Düsseldorf persönlich vor die Molsiris-Anleger zu treten, und es hatte Watzke/Rauball alle Überredungskunst gekostet, ihn davon abzubringen. Es war eine Demontage in Abwesenheit, aber die aggressive Anti-Meier-Stimmung unter den Fonds-Zeichnern in der Event Halle macht schnell deutlich, wie richtig und wichtig Meiers Fernbleiben im Sinne einer sachlichen Aussprache war.

Um 9.13 Uhr schließlich betritt Jochen Rölfs den Saal, um das Sanierungskonzept zu erläutern. Selbstbewusst – und doch unsicher. „Ich bin kein Prophet. Vor der Gläubiger-Versammlung konnte ich alle Gläubiger mal besuchen. Bei Molsiris konnte ich keinen einzigen besuchen. Ich weiß ja nicht einmal, wer mir dort gegenüber sitzt“, sagt er. Er sagt aber auch: „Seien sie unbesorgt, ich kann auch Emotionen rüberbringen. Ich muss Vertrauen schaffen. Nur über Sachinformation können sie nicht Hunderte von Leuten einfangen. Ich werde den Fondszeichnern zeigen, dass sich das Vertrauen lohnt. Denn wenn das Projekt scheitert, dann habe ich auch ein Problem.“

Es scheitert nicht. Um 15.29 Uhr leuchtet das Ergebnis auf. 94,4 % Zustimmung. Rauball steht auf, wendet sich dem Plenum zu und klatscht Beifall. Wenige Minuten später stellt er sich mit Watzke und Rölfs den Medien. „Das war mit das Schwerste, was ich überhaupt je mitgemacht habe, weil wir total abhängig waren von der Zustimmung anderer“, sagt der Präsident. Watzke spricht von „unglaublicher Erleichterung“ und einem „irren Glückgefühl“. Rölfs ist „froh und ein wenig stolz, dass wir diesen Beitrag leisten konnten, dem BVB eine Perspektive zu eröffnen“. 780.000 Euro Honorar haben er und seine Mitarbeiter kassiert. „Und natürlich habe ich Vorkasse verlangt“, sagt er selbstbewusst. „Schließlich bin ich Sanierer.“

Und keine Frage: Wenn das Sanierungskonzept greift, ist Rölfs jeden Cent wert.

Der Fußball braucht nicht weniger Klopp – sondern mehr!

Alles fing damit an, dass sich der Pierre, ihr wisst schon, der Junge mit den lustigen Frisuren und den schnellen Autos, diese Batman-Maske aufsetzte und der Marco, ihr wisst schon, der Junge, der auch schnelle Autos hat, aber keinen Führerschein, eine Robin-Maske. Das haben die aber nicht gemacht, weil Karneval war, sondern weil der Pierre bei irgendeinem Fußballspiel ein Tor geschossen hatte. Ganz viele Leute fanden das voll witzig, aber manche fanden das auch voll doof. Der Marcel zum Beispiel. Der fand das kindisch, hat er gesagt – und dass er über so etwas gar nicht lachen kann, weil er vermutlich zu alt dafür sei. Tatsächlich hat der Marcel schon ganz graue Haare und ist so alt, dass er gar nicht mehr arbeiten gehen müsste. Er könnte in Rente gehen – das ist, wenn man sein Geld von der Tante Angela fürs Rumsitzen kriegt. Jedenfalls fand der Jürgen, ihr wisst schon, der mit der „Pöhler“-Kappe, es gar nicht lustig, dass der Marcel das mit dem Pierre und seiner Maske nicht lustig fand. Andererseits, meint der Jürgen, finde der Marcel ja sowieso gar nichts lustig. Und jetzt behauptet der Marcel, der Jürgen sei Schuld daran, dass die anderen ihn nicht mehr mögen und nur noch Bierbecherwerfen mit ihm spielen wollen.

Boah Leute, ich glaube, erwachsen zu sein, ist manchmal ganz schön kompliziert.

Die Anfeindungen gegen Reif sind inakzeptabel

Okay, Spaß beiseite! Die Lage ist ernst, und ich wiederhole daher eingangs und sehr unmissverständlich, was ich die Tage schon einmal bei Facebook gepostet habe: Ich bin kein Marcel-Reif-Fan, halte es gleichwohl für komplett inakzeptabel, wenn Journalisten angefeindet, beschimpft, beleidigt und mit Gegenständen beworfen werden. Das sage ich als Journalist. Ich sage es aber vor allem als jemand, der gegenseitigen Respekt für die wichtigste Voraussetzung zivilisierten Zusammenlebens hält.

In den vergangenen Tagen nun hat sich die Sache umgedreht. Oder anders ausgedrückt: Marcel Reif, der ja ein brillanter Rhetoriker ist, hat es geschickt verstanden, sich selbst in die Rolle des bemitleidenswerten Opfers zu manövrieren – und BVB-Trainer Jürgen Klopp in die des Täters. Denn Klopp hatte nach dem Derby klargestellt, dass er den Masken-Jubel ganz lustig fand. Wie wohl alle – außer Marcel Reif, der aber „in seinem Leben gar nichts mehr lustig“ finde. Damit, so der Sky-Kommentator, habe Dortmunds Coach einigen hirnlosen Anhängern quasi die verbale Legitimation erteilt, ihn beim Pokalspiel in Dresden übelst anzufeinden und mit Bier zu überschütten.

Jürgen Klopp ein Aufstacheln der Fans zu unterstellen, ist natürlich grober Unfug. Dass Klopp sich den verbalen Seitenhieb gegen Reif dennoch hätte klemmen können, hat der Trainer inzwischen eingesehen – und sich entschuldigt.

Doch damit ist noch lange nicht gut. Denn nun stecken allerorten die Klopp-Kritiker ihre Köpfe aus dem Gebüsch und nehmen den BVB-Coach ins Visier. Schließlich sei das ja nicht das erste Mal gewesen . . . und überhaupt, wie der sich den Schiedsrichtern gegenüber immer . . . und wisst ihr noch, damals in Neapel, als er dem vierten Offiziellen um ein Haar die Nase abgebissen hätte . . . und sowieso: Seine großkotzige Art gegenüber Journalisten . . . daran sieht man doch, dass ihm der Erfolg zu Kopf gestiegen ist . . . und so weiter und so weiter.

Der Sky-Mann mag Klopp nicht

Marcel Reif wird’s mit innerer Genugtuung zur Kenntnis nehmen. Reif mag Klopp nicht. Schon 2008, der Trainer war gerade von Mainz zum BVB gewechselt, schrieb der Kommentator in seiner Kolumne im Berliner „Tagesspiegel“ wörtlich über Klopp:

Nach seinen jüngsten Auftritten als Rumpelstilzchen wäre es wohl für alle Beteiligten das Beste gewesen, er wäre etwas bodenständiger geblieben und damit in der Zweiten Liga verschwunden.“

Nun verschwand Klopp aber nicht in Liga zwei, sondern schrieb in Liga eins mit Borussia die ganz große Erfolgsgeschichte. Sie handelte von modernem, spektakulärem Fußball, von Titeln, Emotionen und Sympathien, die dem ‚Rumpelstilzchen‘ in Europa und der ganzen Welt zuflogen. Klopp bewegte sich plötzlich auf Augenhöhe mit Mourinho, Heynckes, Guardiola und van Gaal. An Marcel Reif, der ja nicht so ein Aufgeregter ist, sondern ein aufgesetzt Besonnener, ein Schöngeist, einer der über den Dingen nicht etwa steht, sondern gleichmaßen schwebt, muss diese Kloppsche Erfolgsstory genagt haben.

Dabei ist Reif selbst ein viel größerer Polarisierer als Klopp es jemals werden wird. Gewiss, als Kommentator hat er uns Fußball-Fans Sternstunden beschert. Gemeinsam mit Günter Jauch schrieb er beim „Torfall von Madrid“ TV-Geschichte, und als der FC Bayern München 1999 in Barcalona das CL-Finale gegen ManU in der Nachspielzeit aus der Hand gab, fand Reif die richtige Mischung aus Mitgefühl, Distanz und Analyse. Das war großes Kommentatoren-Können.

Reif ätzt wie kein anderer – er verpackt es nur hübsch

Aber: Mit seinem Mix aus Ironie, Arroganz, Sprachverliebtheit, Wissen und Besserwisserei hat sich Reif in all den Jahren eben nicht nur Freunde gemacht. Reif hat fußballerisch limitierte Mannschaften und Spieler verbal der Lächerlichkeit preis- und – gewiss nicht mit Vorsatz, aber faktisch sehr wohl – Trainer zum Abschuss freigegeben. Dass solche Kommentare bei ihm häufig durch die Formulierung „Bei allem Respekt vor . . ., aber . . .“ eingeleitet wurden, änderte an der Wirkung nichts – und der war sich Reif stets sehr wohl bewusst. Vielen Fußball-Fans, und eben nicht nur Dortmundern, geht das seit Jahren zunehmend auf den Keks. Im Gegensatz zu früher können solche Fans das seit einigen Jahren auch zum Ausdruck bringen. In Internet-Foren und sozialen Netzwerken. Reifs ZDF-Kollege Béla Rethy bezeichnet die deshalb unlängst als „asoziale Netzwerke“. Was sie auch sind, wenn (zumal anonym) beschimpft und beleidigt wird. Nicht aber, wenn Kritik geäußert wird. Die muss ein Journalist, auch auf diesem Weg, heutzutage aushalten – so, wie Spieler und Trainer Reifs und Rethys Kritik aushalten müssen.

Doch genug damit – wer noch mehr will, kann hier klicken und wird bestens bedient: http://www.schwatzgelb.de/2015-03-05-unsa-senf-lieber-marcel-reif.html

Dem Fußball fehlen mehr Typen wie Klopp

Noch einmal zurück zu Jürgen Klopp! Die Lehre aus der „Causa Reif“ kann nicht sein, dass die Bundesliga weniger Klopp braucht. Sie braucht, im Gegenteil, mehr Klopp. Mehr Typen. Typen, die auch mal über das Ziel hinaus schießen. Die anecken. Die ihr Inneres nach außen kehren und uns an ihrer Gemütsverfassung teilhaben lassen. Die, meinetwegen, auch einmal erst reden und dann denken. Typen, an denen man sich reiben kann. Typen, deretwegen Fußballfreunde sagen können: Ich finde Dortmund geil und Bayern scheiße! Oder umgekehrt. Wir brauchen solche Typen um so dringender, weil es sie unter den Profis kaum noch gibt. Die sind fast alle dreimal weichgespült, haben zig Medienschulungen durchlaufen und lassen, wenn’s ernst wird, ihren Berater sprechen. Auch bei den Trainern werden die Typen immer weniger. Und bei den Vereinen . . . Ich sage nur VfL Golfsburg, TSG 1899 Hoppenheim, Bayer Leverkusen, Rasendingsbums Leipzig, IngolstadTT . . .

Was wollen wir denn, wenn wir Typen wie Klopp oder Freiburgs Christian Streich nicht wollen?! Wollen wir nur noch Roberto di Matteos. Trainer, die so langweilig daher kommen wie der Fußball, den sie spielen lassen? Oder Typen wie Joachim Löw, so kuschelig-flauschig wie die Kaschmirpullis, die er so gerne trägt. Wollen wir die Konturlosen, die jederzeit Beherrschten?

Nein, danke, ich will die nicht!

Ich will mehr Klopp. Und das nicht nur in der Fußball-Bundesliga. Auch in der Politik wäre mehr Klopp eine Wohltat. Politiker, die sich mal wieder richtig die Meinung geigen und um die beste Lösung ringen, statt faule Kompromisse zu schließen. Warum rennen die Menschen denn wohl zu den Piraten, zur AfD oder, viel schlimmer noch, rechten Rattenfängern wie den Pegida-Dumpfbacken hinterher: Weil die wenigstens eine klare Meinung haben und obendrein auch noch den Mut, sie öffentlich auszusprechen.

Ich will mehr Streitkultur. Die gab’s mal in diesem Land, als Politiker noch Strauß, Brandt, Genscher und Wehner hießen. Es gibt sie nicht mehr, seit Kohl und Merkel das Aussitzen von Problemen zu politischen Maxime erklärten und das Land in den vergangenen drei Jahrzehnten, unterbrochen nur durch eine kurze Phase „Basta“-Schröder, mit ihrer Gluckenhaftigkeit lähmten und erstickten.

Gewiss, der Bogen von Aubameyangs Batman-Maske zu Merkels Tatenlos-Raute ist arg weit gespannt und mancher Zusammenhang mag konstruiert sein. Das Fazit lautet dennoch – frei nach Willy Brandt: Mehr Klopp wagen!