Die Helden von Glasgow – Hoppy Kurrat: Borussia Dortmunds DNA, verteilt auf 162 Zentimeter

Dieter „Hoppy“ Kurrat verkörpert wie kaum ein anderer alles das, wofür der BVB steht – Sobald er die Turmspitze der Reinoldikirche nicht mehr sieht, beginnt das Heimweh

Nein, Desoxyribonukleinsäure ist kein Begriff, mit dem üblicherweise Geschichten über Fußballspieler beginnen. Aber: Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist der denkbar beste Begriff, um eine Geschichte über Dieter Kurrat zu beginnen. Denn DNA ist der Träger der Erbinformation. Und wenn es einen Spieler gibt, der das Genmaterial von Borussia Dortmund zu 100 Prozent in sich trägt, dann ist es der 162 Zentimeter kleine Mann, den niemand Dieter nennt, weil er für alle der „Hoppy“ ist – für alle, außer für Theo Redder. Sein früherer Mannschaftskamerad und enger Freund nennt ihn „Spatzel“!

Hobby Kurrat – am Borsigplatz geboren. Der Vater hatte ein Fuhrunternehmen. Heute würde man sagen: eine kleine Spedition. Der Sohn, von kleiner Statur und nicht körperlich nicht eben das, was man sich in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts unter einem Ruhrgebiets-Malocher vorstellte, lernte genau das: Malocher! Drahtzieher bei Hoesch zunächst, später, schon als BVB-“Profi“, arbeitete Hoppy Kurrat bei der Hansa-Brauerei. Jahre, die ihn geprägt haben wir nichts anderes.

Wer begreifen möchte, was Dortmund für ihn bedeutet, spricht am besten mit seiner Frau. „Sobald er die Turmspitze der Reinoldikirche nicht mehr sehen kann, beginnt sein Heimweh“, erzählt Marga Kurrat. Und schildert mit unglaublichen Geschichten, wie wörtlich das zu nehmen ist. „Wir mussten Urlaube in Italien und auf Texel nach ein paar Tagen abbrechen, weil ihm sein Dortmund so fehlte. Einmal ist er von Garmisch-Partenkirchen aus mit dem Auto zurück gefahren, einmal um den Borsigplatz und zum Stadion – und dann wieder nach Garmisch.“ Hoppy Kurrat sitzt daneben, hört der Gattin aufmerksam zu. Er widerspricht nicht. Nickt leicht. Es fasst ihn emotional an. Echte Liebe in einer anderen, einer eigenen Dimension.

Als Hoppy Kurrat entdeckt wurde, war er 15 Jahre jung und kickte beim FC Merkur. Sein Entdecker: der gefürchtete Schleifer Max Merkel, gegen den Felix Magath ein Wellness-Coach ist. „Heute klagen die Profis, wenn sie zweimal in der Woche spielen müssen. Wenn die nur EINMAL unter Merkel trainiert hätten müssen . . .“, sagt Kurrat. Und dann bricht er den Satz ab, weil er eigentlich gar nicht über die heutige Fußballer-Generation meckern möchte. Klar, manchmal nervt es ihn, wenn sie sich nach Torerfolgen heroisch auf das BVB-Emblem klopfen oder die Hände zum Herz formen. Aber in Wahrheit mag er sie; mag es, alle 14 Tage ins Stadion zu gehen, sie spielen, kämpfen und siegen zu sehen. „Es ist toll“, sagt er, „dass die Jungs wieder so attraktiv und erfolgreich spielen.“

Erfolge hat er selbst reichlich gefeiert. Deutscher Meister 1963, Schütze des 1:0 im Endspiel gegen den 1. FC Köln – da war er gerade 21 und damit volljährig geworden. Seinen ersten Vertrag beim BVB hatte noch seine Mama unterschreiben müssen. „120 D-Mark bekam ich im Monat.“ Nach Einführung der Bundesliga wurde es mehr. 1965 dann der DFB-Pokalsieg, ein Jahr später der Europapokal-Triumph gegen den turmhoch favorisierten FC Liverpool. Auch bei Hoppy Kurrat hat sich der legendäre Satz von Trainer „Fischken“ Multhaup aus der abschließenden Mannschaftssitzung festgefressen: „Männer, von zehn Spielen gegen Liverpool verlieren wir neun – aber heute ist das eine, das wir gewinnen!“

Viele der „Helden von Glasgow“ verließen den BVB in den Folgejahren. Kurrat blieb. Er, den sie den „Terrier“ nannten, weil er internationalen Superstars wie Wolfgang Overath, Günter Netzer, Sandro Mazzola und Bobby Charlton notfalls auch bis auf die Toilette folgte, hielt Schwarzgelb die Treue. Der Wadenbeißer, gegen den niemand gerne spielte, stand zur Borussia in guten wie in schlechten Zeiten. Eusebio, der große Portugiese, würgte Kurrat aus Frust und Verzweiflung einmal sogar am Hals und Atalanta Bergamo wollte ihn verpflichten, nachdem er Regisseur Luis Suarez komplett ausgeschaltet hatte. Für Kurrat kein Thema. Er lehnte ab. Auch das Angebot von Hertha BSC. Er hätte weder aus Bergamo noch aus Berlin die Turmspitze der Reinoldikirche sehen können.

Kurrat blieb. Er verzichtete auf Prämien, als es dem BVB finanziell schlecht ging. Und er ging mit seiner Borussia auch den schweren Weg in die Zweitklassigkeit. 1972 der Abstieg in die Regionalliga. Sportlicher Tiefpunkt. Es flossen bittere Tränen. Als Hoppy zwei Jahre später, nach mehr als 300 Spielen für den BVB, davon 247 in der Bundesliga (9 Tore), seine Profilaufbahn beendete, erhielt er als erster Borusse überhaupt ein Abschiedsspiel. Ganz lassen konnte er vom Fußball aber auch danach nicht: 1976 führte Kurrat den SV Holzwickede als Spielertrainer zum Gewinn der Deutschen Amateurmeisterschaft.

Holzwickede, der Dortmunder Vorort, wurde schließlich auch seine zweite Heimat. Noch während seiner aktiven Zeit übernahmen Hoppy und Marga Kurrat an der Bahnhofstraße eine Gaststätte. „Hoppy’s Treff“ entwickelte sich zum lokalen Treffpunkt Nummer 1 und zur Kultstätte für Fußball-Fans aus der ganzen Region. Mehr als 30 Jahre stand das Ehepaar hinter der Theke. „Der Hoppy“, sagt Marga Kurrat, „konnte ein feines Bier zapfen!“ In Wahrheit aber war das Leben nach dem Fußball wie das Leben vor dem Fußball und sein Leben als Fußballer: Maloche. Harte Arbeit, oft bis 3 Uhr in der Nacht.

Heute, mit fast 74, muss Hoppy Kurrat auch ein wenig auf die Gesundheit achten. Er erfreut sich an seinem BVB. Er genießt die regelmäßigen Treffen mit den alten Mannschaftskameraden – mit Theo Redder, Aki Schmidt, Wolfgang Paul, Hans Tilkowski. „Das sind Freunde fürs Leben“, sagt er. „Eine tolle Gemeinschaft.“ Und wenn ihm zu Hause doch mal die Decke auf den Kopf fällt: Dann fährt Hoppy Kurrat einfach einmal um den Borsigplatz.

Warum der Hoppy Hoppy heißt . . .
„Als ich ein kleiner Junge war, spielten wir auf der Straße oft Cowboy. Zu der Zeit gab es einen Western-Held, der hieß Hopalong Cassidy (dargestellt von Schauspieler William Lawrence Boyd/d. Red.). Er hatte zwei Colts und war unglaublich schnell. So wie ich. In den Filmen wurde dieser Hopalong kurz ‚Hoppy‘ genannnt – und so hatte ich meinen Spitznamen weg.“
Link-Tipp: https://www.youtube.com/watch?v=n2kw3RieY5A

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Die Helden von Glasgow – Bernhard Wessel: Man muss nicht groß sein, um ein Großer zu sein!

Mit 1,75 m war Bernhard Wessel für einen Torwart ziemlich klein – wettgemacht hat er es durch sensationelle Reflexe und „abenteuerliche Flugeinlagen“

Er ist das lebende Beispiel dafür, dass man nicht groß sein muss, um ein Großer zu sein. Dafür, dass Länge und Größe zwei völlig unterschiedliche Kategorien sind. Lang ist Bernhard Wessel mit seinen 1,75 Metern nun wirklich nicht. Insbesondere für einen Torwart ist er damit sogar ziemlich klein. Groß ist er dennoch: Wessel wurde mit Borussia Dortmund 1963 Deutscher Meister, gewann 1965 den DFB-Pokal und 1966 den Europacup. „Ich habe die fehlenden Zentimeter durch meine fantastische Sprungkraft kompensiert“, sagt er rückblickend. Zeitgenossen bescheinigen ihm „sensationelle Reflexe“ und erinnern sich an bisweilen „abenteuerliche Flugeinlagen“. Wessel selbst erinnert sich daran, dass er „Bälle manchmal mit einer Hand hielt“ – festhielt, versteht sich. In diesem Jahr, in dem sich der EC-Triumph gegen den FC Liverpool zum 50. Male jährt, vollendet der gebürtige Ostwestfale sein 80. Lebensjahr. Sportlich aktiv ist er immer noch: Als Tennislehrer steht Bernhard Wessel fast täglich auf dem Court. Ein Leben für den Sport.

An ein Spiel erinnern sich alle BVB-Fans, die die große Zeit der Schwarzgelben in der ersten Hälfte der 1960er Jahre miterlebt haben, ganz besonders: Es ist der 1:0-Erfolg beim Hamburger SV in der Endrunde zur Deutschen Meisterschaft am 8. Juni 1963. Die Hanseaten um Uwe Seeler nahmen den Keeper des BVB unter Dauerbeschuss. „Der HSV hätte 5:0 oder 6:0 gewinnen können“, sagt Wessel. Doch Dortmunds Torwart zog die Bälle an wie ein Magnet eine Eisenkugel. Schließlich stellte Jürgen „Charly“ Schütz den Spielverlauf auf den Kopf. „Ein Wahnsinnsspiel“, sagt Wessel, der wenige Wochen zuvor Heini Kwiatkowski zwischen den Pfosten abgelöst hatte und auch am 29. Juni 1963 beim Endspiel um die Deutsche Meisterschaft in der ersten Elf stand. Der BVB besiegte Köln mit 3:1 und Bernhard Wessel, der über die SG Sendenhorst und die TSG Rheda an die Strobelallee gekommen war, durfte sich Meister nennen. Um ein Haar hätte der BVB sogar das Double gewonnen, doch im DFB-Pokalfinale setzte es eine 0:3-Niederlage gegen – eben jenen HSV! „Wir hatten damals“, erzählt Wessel, „eine ganz tolle Truppe und einen irren Zusammenhalt. Die Mannschaft passte zusammen wie die berühmte Faust aufs Auge.“ Mit Hoppy Kurrat teilte er jahrelang das Zimmer. „Mit Hoppy habe ich damals mehr Zeit verbracht als mit meiner Frau Marianne.“

In den folgenden Jahren stand Wessel dann ein wenig im Schatten von Hans Tilkowski. So hütete er in der DFB-Pokalsaison 1964/65 zwar in allen Runden das BVB-Tor – nicht aber im Finale. Beim 2:0 über Alemannia Aachen erhielt Tilkowski den Vorzug. Am Europapokal-Triumph hatte Wessel ebenfalls seinen Anteil – er hielt sein Gehäuse beim 8:0 gegen den FC Floriana und beim 3:0 im hitzigen Duell mit ZSKA Sofia sauber. Und wer weiß, welche Wege seine Karriere eingeschlagen hätte, wäre er nicht 1,75, sondern 1,85 Meter groß gewesen. „Wenn Du doch bloß eine Handbreit größer wärst . . .“, hat der legendäre Bundestrainer Sepp Herber einmal zu ihm gesagt.

Nach 20 Ober- und 87 Bundesligaspielen, 14 Einsätzen im DFB- und 7 im Europapokal verließ Bernhard Wessel Borussia Dortmund am Ende der Saison 1968/69 und beendete nach einer langwierigen Leistenverletzung seine aktive Laufbahn. Als Trainer war er anschließend beim TuS Iserlohn, VfB Westhofen und Hüsten 09 tätig. Den TuS Neuenrade führte er bis ins Viertelfinale der Deutschen Amateurmeisterschaft und beim VfL Schwerte bildete er Wolfgang Kleff aus – später Nationalkeeper und Meistertorwart von Borussia Mönchengladbach.

Noch während er aktiv Fußball spielte, entdeckte Bernhard Wessel seine zweite Liebe: den Tennissport. Die grünen Filzkugeln wurden Beruf und Berufung zugleich. Wessel spielte in der zweithöchsten Spielklasse, erwarb die Tennislehrer-Lizenz, führte über 30 Jahre hinweg mit seiner Gattin eine Tennishalle in der Wahlheimat Boppard und war zwischenzeitlich fünf Jahre lang als Tennislehrer im Ausland tätig. Erst seit zwei Jahren kämpft er nicht mehr um Spiel, Satz und Sieg. Als Trainer freilich steht er nach wie vor mehrfach pro Woche auf dem Court; samstags auch gerne mal fünf oder sechs Stunden am Stück. Mit jetzt 79 Jahren. Jüngster Schüler ist sein Urenkel, kaum groß genug, um einen Schläger zu halten, aber schon ganz verrückt nach Tennis.

Das Geschehen beim BVB verfolgt Bernhard Wessel natürlich ebenfalls intensiv. Meist aus der Ferne. Wenn die Zeit es zulässt, reist er aber auch zu Heimspielen an. Einmal Borusse, immer Borusse. Das gilt insbesondere für Spieler wie ihn. Große Spieler – die manchmal so groß gar nicht sind.

Die Helden von Glasgow – Jürgen Weber: Ein Tor auf Malta als Eintrag ins Geschichtsbuch

Jürgen Weber, dem in Dortmund der Durchbruch nicht gelang, löste später in Südafrika eine Fußball-Euphorie aus

Borussia Dortmund 1965/66 – die Helden von Glasgow, die um ein Haar ja auch noch Deutscher Meister geworden wären: Keine Frage, das war eine Mannschaft der großen Namen. Tilkowski, Paul, Kurrat, Held, Emmerich, Libuda, Schmidt . . . als Fan des BVB kann man sie alle aufzählen. Zur vollen Wahrheit aber gehört: Neben den Häuptlingen gab es auch Indianer. Jene Spieler, die eher im zweiten Glied standen und deren Namen nur die Statistik-Nerds und Geschichts-Freaks unter den Anhängern auf der neuronalen Festplatte abgespeichert haben. Spieler wie Jürgen Weber.

Weber war 21 Jahre jung und hatte bis dahin beim VfL Hörde und beim SV Schüren gekickt, als er im Sommer 1965 zum amtierenden DFB-Pokalsieger und Europacup-Teilnehmer Borussia Dortmund wechselte. Und der Mittelfeldspieler erwischte unter Trainer „Fischken“ Multhaup einen wirklich guten Start. Am ersten Bundesliga-Spieltag bei Eintracht Braunschweig stand er in der BVB-Elf. Allerdings kam die mit 0:4 unter die Räder. Weber habe „keineswegs Bundesliga-Format“ gezeigt – so kann man es heute noch auf fussballdaten.de nachlesen. Das traf an jenem Tag auf seine zehn Teamkollegen aber gleichermaßen zu.

Weber blieb im Team. Am 4. Spieltag beim 4:1 über den Karlsruher SC gelang ihm zum zwischenzeitlichen 2:0 sein erstes Bundesliga-Tor. Zwei Spieltage später bereitete er beim 3:2 auf Schalke per Freistoß die 1:0-Führung durch einen Kopfball von Lothar Emmerich vor. Und auch im Erstrunden-Hinspiel im Europapokal beim FC Floriana auf Malta stand Jürgen Weber auf dem Platz. Mehr noch: Er erzielte den Treffer zum 5:1-Endstand – und sicherte sich so seinen aktiven Part im Kreise der Helden.

Doch dem vielversprechenden Auftakt folgten bis zum Ende seiner Dortmunder Zeit im Sommer 1968 nur noch wenige sporadische Einsätze. So etwa in der Endphase der Spielzeit 66/67 im Derby beim FC Schalke 04, das der BVB in der Glückauf-Kampfbahn mit 4:1 gewann – auch dank Webers Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0. Letztlich standen nach drei Jahren aber lediglich 18 Bundesliga-Spiele auf seinem Tätigkeitsnachweis. Mit drei Toren. Das legendäre Endspiel gegen den FC Liverpool erlebte Jürgen Weber von der Tribüne aus. Ein Schicksal, das er allerdings mit weitaus namhafteren Akteuren teilte, denn Spielerwechsel gab es damals noch nicht. Wer bei Anpfiff nicht auf dem Platz stand, stand dort auch beim Abpfiff nicht.

Und dennoch: Borussia Dortmund hatte Jürgen Weber immerhin die Türen für eine langjährige Bundesliga-Karriere geöffnet. Er wechselte von der Roten Erde zu Hertha BSC und wurde 1969/70 mit den Berlinern überraschend Dritter. Als Stammspieler, der bei 28 Einsätzen fünf Tore erzielte. Stammspieler war er auch bei seinem nächsten Klub, dem SV Werder Bremen – bis, ja bis Jürgen Weber im Zuge des Bundesliga-Skandals vom 21. Juni 1972 bis zum 20. Juni 1974 für zwei Jahre gesperrt wurde.
Weber verließ die Bundesliga. Weber verließ Deutschland. Gemeinsam mit vier ehemaligen und ebenfalls gesperrten Berliner Teamkollegen – Torwart Volkmar Groß, Arno Steffenhagen, Bernd Patzke und Wolfgang Gayer – ging er nach Südafrika, zu Hellenic FC. Das deutsche Quintett löste dort vorübergehend eine regelrechte Fußball-Euphorie aus. 20.000 Zuschauer kamen zu den Spielen; die Fans campierten vor den Stadionkassen, um Tickets zu ergattern. Zustände wie heutzutage in Dortmund . . .

Als Jürgen Weber im November 1973 ein halbes Jahr vor Ablauf seiner Sperre begnadigt wurde, kehrte er umgehend in die Heimat zurück. Mit Eintracht Braunschweig stieg er in die Bundesliga auf, spielte anschließend noch für Hannover 96 und kam zum Ende seiner Profilaufbahn auf 137 Einsätze in der Bundesliga (19 Tore), 17 (2) im DFB-Pokal und 11 (1) im Europacup.

Die Helden von Glasgow – Hans Tilkowski: Das große Jahr von Dortmunds „Mister Zuverlässig“

Hätte es das Wembley-Tor nicht gegeben … wäre Hans Tilkowski dennoch eine Legende

99,99 Prozent aller Geschichten über Hans Tilkowski beginnen mit der berühmtesten und schwerwiegendsten Fehlentscheidung der Fußball-Geschichte. Diese nicht! Weil eine Geschichte über Hans Tilkowski dieses vermaledeite Wembley-Nicht-Tor gar nicht braucht. Nehmen wir doch einfach mal an, es hätte dieses Spiel, dieses WM-Finale 1966 zwischen England und Deutschland, nie gegeben – was wäre Hans Tilkowski dann: Richtig, immer noch eine Torwart-Legende! Immer noch einer, über den man unglaublich viel erzählen kann. Und immer noch einer, der gerne erzählt. Vor allem von den großartigen Jahren Mitte der 60er. Große Jahre für Borussia Dortmund und auch für ihn ganz persönlich.

Hans Tilkowski, geboren am 12. Juli 1935 in Dortmund-Husen, Sohn eines Bergmanns, begann seine aktive Zeit als Fußballer beim SV Husen 19, wechselte über die Stadtgrenze nach Kamen zu SuS Kaiserau und feierte seine ersten großen Erfolge mit Westfalia Herne. In der Saison 1958/59 wurde er mit dem Traditionsklub vom Schloss Strünkede überlegen Westdeutscher Meister. Nur 23 Gegentreffer hatte Tilkowski in der gesamten Oberliga-Saison zugelassen. Rekord!

Nationalspieler war er zu diesem Zeitpunkt auch schon. Sein Debüt im Team von Sepp Herberger feierte er 1957 beim 2:1-Erfolg über die Niederlande in Amsterdam. Als er sich fast auf den Tag genau zehn Jahre später beim 6:0 über Albanien im Stadion Rote Erde von der DFB-Auswahl verabschiedete, war es sein Länderspiel Nummer 39. Zur damaligen Zeit: Rekord für Torhüter!

Und es hätten noch weit mehr internationale Einsätze sein können. Doch der legendäre Bundestrainer Sepp Herberger und der legendäre Torwart Hans Tilkowski waren nicht immer die allerbesten Freunde. Als Herberger bei der WM 1962 in Chile überraschend dem jungen Wolfgang Fahrian den Vorzug gab, war Tilkowski nachhaltig verstimmt. Für zwei Jahre zog er sich aus der Nationalmannschaft zurück – dann stand Herberger auf der Matte und überredete ihn zum Comeback.

Geprägt hat Herberger Tilkowskis Spiel wie kaum ein anderer. Dass der Dortmunder als „Mr. Zuverlässig“ galt, als „sachlich“ und „gewissenhaft“, und dass er auf jegliche Show-Effekte verzichtete, das lag nicht zuletzt am Bundestrainer. Denn Selbstdarsteller waren Herberger suspekt. „Ich würde ihn gerne mal heute erleben. Diese jungen Spieler mit ihren ständigen Selfies würden ihn wahrscheinlich verrückt machen“, sagt Tilkowski über Herberger, der seinerzeit zu Tilkowski sagte: „Jede Flugeinlage ist eine zuviel. Du musst da stehen, wo der Ball hinkommt.“ Antizipieren – wie es neudeutsch heißt. Und genau das war Tilkowskis Stärke: sein Stellungsspiel, die Strafraumbeherrschung. Noch etwas hatte Herberger ihm mitgegeben: „Sie müssen die Abwehr dirigieren. Wenn sie das nicht schaffen, sind sie offenbar nicht von ihrem Können überzeugt.“ Also dirigierte Tilkowski, oft lautstark, denn Herberger wollte seinen Torwart hören können, auch dann noch, wenn es laut war im Stadion und er selbst weit entfernt saß.

Das alles machte Hans Tilkowski so gut, dass er 1964 zusammen mit dem gleichermaßen legendären Lew Jaschin in die Europaauswahl berufen wurde und 1965 nicht nur den DFB-Pokal mit Borussia Dortmund gewann, sondern auch als erster Torhüter überhaupt die Auszeichnung als Deutschlands „Fußballer des Jahres“ erhielt. Er stand im Tor der Nationalelf, als diese im Maracana von Rio de Janeiro gegen Brasilien zwar mit 0:2 unterlag. Doch nach dem Abpfiff feierten die 140.000 Zuschauer ihn mit Ovationen für seine tollen Paraden.

Und: Hans Tilkowski war der erste Torwart in der Geschichte der Fußball-Bundesliga, der einen Elfmeter parierte – am 2. Spieltag der Premieren-Saison 1963/64 gegen Alfons Stemmer. Der Akteur der Münchener Löwen galt als sicherer Schütze. Nach dem Spiel kam er kleinlaut zu Tilkowski und sagte: „Dass du den Ball gehalten hast, ist nicht so schlimm. Wirklich deprimierend ist, das du ihn FESTgehalten hast.“ Gleichwohl befand sich Stemmer in bester Gesellschaft. Auch ganz große Stars wie Wolfgang Overath und Franz Beckenbauer wurden im Duell Mann-gegen-Mann am ominösen Punkt nervös, wenn sich Hans Tilkowski vor ihnen aufbaute. Und scheiterten. Der Keeper parierte 7 der 17 Elfmeter, die in der Bundesliga gegen ihn geschossen wurden – eine Topquote.

Die Saison 1965/66, die in der Bundesliga mit einer großen Enttäuschung – der im Finish verspielten Meisterschaft – endete, aber im Europapokal mit dem ersten Triumph einer deutschen Mannschaft überhaupt, hat Hans Tilkowski in seinem Buch „Und ewig fällt das Wembley-Tor. Die Geschichte meines Lebens“ (Verlag Die Werkstatt) ausführlich geschildert. Es sind eindrucksvolle Erinnerungen – etwa an das Achtelfinale gegen den bulgarischen Armeesportklub ZSKA Sofia, dessen Spieler „Fußball offensichtlich für Ersatzkrieg“ hielten und gehörig austeilten. Im Rückspiel erhielt Tilkowski schon nach wenigen Minuten einen Faustschlag ins Gesicht. Der türkische Schiedsrichter Servan, der „das Prädikat ‚unparteiisch‘ nicht verdient“ hatte, ahndete das Vergehen nicht. Dafür zeigte er Hoppy Kurrat die Rote Karte, weil der sich über ein Foul an „Stan“ Libuda beschwert hatte. Kurrat schlich unter Tränen vom Platz.

Auch das 1:1 im Viertelfinale bei Atletico Madrid, die Regenschlacht, ist Tilkowski noch gut und in guter Erinnerung. Die Sportzeitung „Marca“ lobte den BVB anschließend als „Deutschlands beste Mannschaft der letzten 20 Jahre“. Im Halbfinale dann das Duell gegen Titelverteidiger West Ham United, das englische Spitzenteam mit dem Ausnahmetrio Bobby Moore, Geoff Hurst und Martin Peters, das England wenige Wochen später zum WM-Titel führte. „Wir waren krasser Außenseiter, wie auch im Endspiel gegen Liverpool. Aber unser Trainer Hennes Multhaup hat uns so lange stark geredet, bis wir’s ihm geglaubt haben. Er hat uns zusammengeschweißt. ‚Kann sein, dass wir neun von zehn Spielen gegen Liverpool verlieren‘, hat er gesagt. Aber heute nicht. Heute ist das eine Spiel, das wir gewinnen.“ Multhaup behielt Recht. Obwohl Liverpool nach Helds Führungstor zum irregulären Ausgleich kam. „Der Ball war vor Thompsons Flanke klar im Toraus. Ich bin sofort zum Schiedsrichter und habe reklamiert“, erinnert sich Tilkowski. Vergeblich. Verlängerung. Die Bogenlampe von Libuda. Pfosten. Tor. Fußball-Geschichte!

Hans Tilkowski, der Dortmunder Junge aus einer Bergmanns-Familie, ist bodenständig genug geblieben, um wertzuschätzen, was er als Sportler erleben durfte. „Fußball, alter Freund, ich danke Dir!“, sagte er 2015 anlässlich seines 80. Geburtstages. Der frühere Weltklasse-Torwart, für den Glaubwürdigkeit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Respekt immer die wichtigsten Werte waren, hat viel zurückgegeben in den vergangenen Jahrzehnten. Er hat sich als UNICEF-Botschafter und für andere gemeinnützige Zwecke engagiert, hat gewaltige Spendensummen eingesammt. In Herne, wo er mit Gattin Luise lebt, ist eine Schule nach ihm benannt. In Dortmund wählten die Leser der Westfälischen Rundschau Hans Tilkowski 2009 anlässlich des 100-jährigen Vereinsjubiläums zum Torwart der Jahrhundert-Elf. Eine schwarzgelbe Legende. Ein fester Bestandteil der BVB-DNA. Das Wembley-Tor spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Die Helden von Glasgow – Sigi Held: „Ich war doch auch nur einer von elf!“

Es gibt Aufträge, die sind Ehre und Fluch zugleich. „Schreib‘ doch bitte die Geschichte über Sigi Held“ – das ist so ein Auftrag. Eine Ehre, natürlich, über einen Borussen dieser Kategorie schreiben zu dürfen. Eine BVB-Legende der Ehrenkategorie. Ein Fluch natürlich auch, denn was willst du schreiben über einen, über den alles geschrieben worden ist?! Und zwar nicht einmal, sondern zig Mal.

Frage an Sigi Held: „Fällt Ihnen im Rückblick auf die Europapokal-Saison 1965/66 irgendetwas ein, eine Anekdote oder ein kleines Detail, das noch nie berichtet wurde?“ Antwort Sigi Held, den man nicht von ungefähr den „Schweiger“ nennt: „Nein.“ Kurze Pause. „Nichts!“ Kurze Pause. „Erinnerungen verblassen mit der Zeit.“

Nun könnte diese Geschichte hier enden. Oder man erzählt sie einfach mal anders. Man erzählt ausnahmsweise mal n i c h t die Geschichte von den „Terrible Twins“. So tauften die britischen Medien das schwarzgelbe Angriffsduo Sigfried „Sigi“ Held/Lothar „Emma“ Emmerich, das seinen Gegenspielern im Verbund mit Reinhard „Stan“ Libuda Knoten in die Beine spielte, im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger den Titelverteidiger West Ham United eliminierte und im Finale den FC Liverpool schlug. Wobei Held mit einem satten Vollspannschuss aus 17 Metern den 1:0-Führungstreffer erzielte. Alles bekannt. Alles Geschichte – aber nicht unsere Geschichte für hier und heute.

Erzählen wir lieber die Geschichte des großartigen Fußballers und des schier unglaublich bescheidenen und zurückhaltenden Menschen Sigi Held. Der im Rückblick Sätze wie diesen sagt: „Ich war nur einer von elf. In jeder erfolgreichen Mannschaft ist es doch letztlich so, dass der Einzelne nur glänzen kann, wenn das Kollektiv funktioniert.“ Klingt nach Fußball-Floskel, doch Sigi Held meint das genau so, wie er es sagt. Kaum einer ist an dieser Stelle glaubwürdiger als der Mann mit den buschigsten Augenbrauen nach Theo Waigel. Denn Sigi Held hat dieses Motto gelebt – als Spieler wie später als Trainer-Weltenbummler.

Eigentlich, und das verkompliziert das Schreiben dieser Geschichte ein klein wenig, schaut er gar nicht gerne zurück. „Natürlich ist Tradition für einen Klub wie Borussia Dortmund wichtig“, sagt er zwar. „Aber man darf nicht den Fehler machen, sich in der Vergangenheit zu verlieren. Wer zu lange im Gestern lebt, verliert die Gegenwart und die Zukunft aus den Augen – und das ist es, was wirklich zählt!“

Also blicken  w i r  zurück für Sigi Held, der 1942 als Kriegskind das Licht der Welt erblickte und über den TV Marktheidenfeld und Kickers Offenbach 1965 zum BVB kam. Der war gerade DFB-Pokalsieger geworden und stellte für den Bundesliga-Newcomer „die Eintrittskarte in die große Fußballwelt dar“.

Gleich im ersten Jahr gewann Held mit Borussia den Europapokal. Als Leistungsträger. Im Februar 1966 – eine Randepisode – schoss Held zunächst als erster Gast überhaupt auf die Torwand des ZDF-Sportstudios und feierte kurz darauf sein Länderspieldebüt. Alles andere als eine Randepisode, denn im Sommer desselben Jahres wurde er nicht nur mit dem BVB Deutscher Vizemeister, sondern auch Vize-Weltmeister. Vier Jahre später in Mexiko folgte Platz drei. Sigi Held wirkte binnen weniger Tage bei zwei „Jahrhundertspielen“ mit – erst beim 3:2 gegen England, dann beim 3:4 gegen Italien. Insgesamt 41 Länderspieleinsätze mit fünf Toren krönten seine aktive Laufbahn.

Eine große, beeindruckende Laufbahn und „eine wunderschöne Zeit“ – wie auch andere Zahlen belegen: 422 Bundesligaspiele mit 72 Toren, davon 230 für Borussia Dortmund (44 Tore), 133 für Kickers Offenbach (25) und 59 für Bayer Uerdingen (3). Hinzu kommen 49 Zweitliga-Einsätze (4 Tore), 47 DFB- (8) und 11 Europapokal-Spiele (4). Sigi Held ist Rekord-Bundesligaspieler der Kickers. Er kickte für Offenbach und Dortmund, dann wieder für Offenbach, dann noch einmal für Dortmund, ehe er, inzwischen 37-jährig, nach Uerdingen wechselte und zwei Jahre später mit den Krefeldern abstieg.

Es folgte „der schwarze Fleck auf meiner ansonsten blütenweißen Weste“, wie Sigi Held heute scherzt, wenn er auf das Kapitel FC Schalke 04 angesprochen wird. Die Knappen waren mit Uerdingen abgestiegen. „Rudi Assauer, mit dem ich ja 1966 Europapokalsieger geworden war, fragte mich, ob ich Schalke nicht als Trainer übernehmen wolle“, erinnert sich Sigi Held. „Ich war damals 39 und dachte: Okay, irgendwann musst du wohl mal mit dem Fußballspielen aufhören.“ Held führte S04 in die Bundesliga zurück – und erlebte, als es dort nicht auf Anhieb lief wie gewünscht, seine erste Beurlaubung.

Das Trainerleben, das sich an sein Schalke-Kapitel anschloss, hat so gar nichts gemein mit seiner bodenständigen, verwurzelten Spielerlaufbahn. Sigi Held arbeitete als Nationalcoach in Island, auf Malta und in Thailand. Er trainierte Galatasaray Istanbul in der Türkei, Admira Wacker in Österreich, Gamba Osaka in Japan, Dynamo Dresden und den VfB Leipzig. Ein Leben als Vagabund, das „so nie geplant“ war und nur funktionieren konnte, weil Gattin Christin zwischen der Heimat und dem Herrn Gemahl hin und her pendelte.

Im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 kürte die Stadt Dortmund Sigi Held zum WM-Botschafter. Beim BVB ist er seit 2007 Fanbeauftragter. Mitglied des Ältestenrates ist er obendrein. In all diesen Funktionen stand er stets und steht noch immer für Bescheidenheit und Demut. Und wenn, nach zwei oder drei weniger guten Spielen, die ersten von Krise zu reden beginnen, ist es Sigi Held, der sie wieder einfängt: „Wir haben ein phantastisches Stadion. Wir haben großartige Fans. Wir haben in den vergangenen Jahren so viele tolle Spiele erlebt und Erfolge gefeiert. Was wir in Dortmund erleben, sind goldene Zeiten.“

Die Helden von Glasgow – Rudi Assauer: Wie Akis Drohung dem Assi Beine machte

Revierfußballer durch und durch: Rudi Assauer hat sich in Dortmund und Schalke gleichermaßen unsterblich gemacht

Bestimmt kennen Sie alle diese hübschen kleinen Büchlein: „111 Gründe, Borussia Dortmund zu lieben!“ Obwohl es in Wahrheit natürlich 1909 Gründe sind. Oder „111 Gründe, Bayern München zu hassen!“ Ein Büchlein aus dieser Serie ist noch immer nicht geschrieben – vielleicht wegen des, zugegebenermaßen, recht sperrigen Titels: „111 Dinge, an denen du erkennst, dass du im Fußball (fast) alles richtig gemacht hast!“ Sollte es je geschrieben werden, gebührt Rudi Assauer darin eine zentrale Rolle. Denn wer von den Fans des BVB und des FC Schalke 04 gleichermaßen als Kultfigur respektiert wird, hat definitiv mehr richtig als falsch gemacht.

Rudi Assauer hat mit Borussia Dortmund seine beiden einzigen Titel als aktiver Fußballer gewonnen: den DFB-Pokal 1965 und den Europapokal der Pokalsieger 1966. Schalke führte er als Manager 1997 zum UEFA-Cup-Triumph sowie 2001 und 2002 zu zwei Erfolgen im DFB-Pokal. Und auch wenn Assauer in der Rückschau natürlich vor allem Schalker ist, so hat er seine BVB-Vergangenheit doch nie verleugnet – 2010 wurde er sogar für 40-jährige Mitgliedschaft geehrt. Das war zwei Jahre bevor die Alzheimer-Erkrankung bekannt wurde, die seine Erinnerungen in den vergangenen Jahren mehr und mehr ausgelöscht hat.

Man darf letztlich wohl sagen: Rudi Assauer ist, obschon im Saarland geboren, ein Kind des Ruhrgebiets – und es ist letztlich der Ruhrgebiets-Fußball, der ihm stets am Herzen lag. In den Farben getrennt, in der Sache vereint! Derby-Tage wie der heutige waren immer Feiertage für ihn.

Stahlbauschlosser hat Rudi Assauer gelernt. Auf Zeche Ewald in Gelsenkirchen gearbeitet. Dann noch eine Ausbildung zum Bankkaufmann draufgesattelt – Grundlage für seine spätere Manager-Tätigkeit. Als er 1964 von seinem Heimatklub, der Spielvereinigung Herten, zum BVB wechselt, ist er gerade 20 Jahre alt geworden. Zwei Jahre später steht er in der BVB-Elf, die in Glasgow als erste deutsche Mannschaft überhaupt einen Europapokal gewinnt. Mit 22 Jahren ist er das „Küken“ im Kader.

Torwart Hans Tilkowski erinnert sich in seiner Biographie „Und ewig fällt das Wembley-Tor“ an die Tage und Stunden vor dem bis dahin größten Spiel der schwarzgelben Klubgeschichte: Trainer „Multhaup knobelt noch an der Taktik. Eigentlich besteht für ihn kein Grund, seine Aufstellung zu ändern. Die einzige Frage, die ihn bewegt: Soll, wie in den letzten Wochen immer, Friedhelm Groppe spielen oder Rudi Assauer? Der Trainer kommt und fragt nach meiner Meinung. ‚Hugo‘, wie wir Groppe rufen, ist ein feiner Kerl, die Zuverlässigkeit in Person. Und er hat wirklich stark gespielt. Assauer kann mehr für die Offensive tun. Und außerdem ist er mein Zimmernachbar. Also lege ich ein gutes Wort für ihn ein. Ob es für Multhaup ausschlaggebend gewesen ist, weiß ich nicht.“

Tilkowski gesteht an selber Stelle, dass er Groppe gegenüber bis heute ein schlechtes Gewissen hat. Er betont aber auch, dass Rudi Assauer im Finale „eine gute Leistung“ abgeliefert hat. Das deckt sich mit der Einschätzung, zu der BVB-Historiker Gerd Kolbe in seinem Beitrag für das Buch „Gelbfieber – Wie Dortmund Fußballhauptstadt wurde“ kommt: „Aus einer geschlossenen Mannschaft ragten Rudi Assauer, Willi Sturm, Wolfgang Paul und Hans Tilkowski als ruhende Pole heraus.“

Auch Aki Schmidt, in dessen Erinnerung „Hugo“ Groppe freilich verletzt war und wohl gar nicht hätte spielen können, bescheingt Assauer eine Klasseleistung. Schmidt, gerade 80 Jahre alt geworden und am Tag des Finals mit 30 Jahren einer der Routiniers im Team, reklamiert aber auch seinen eigenen Anteil daran. Erstens habe er dem Trainer – wie auch Tilkowski und Mannschaftskapitän Wolfgang Paul – dazu geraten, Assauer im Endspiel aufzustellen. Und zweitens „habe ich ihm beim Einlaufen noch mit auf den Weg gegeben: Spielst Du auch nur einen Fehlpass, trete ich Dich in den Hintern“. Die Angst vor Akis Tritt hat dem „Assi“ dann wohl Beine gemacht. „Er hat das dann während der 120 Minuten richtig gut gemacht“, lobt Schmidt. „Deshalb bin ich nach dem Spiel auch sofort zu ihm hin und habe ihm gesagt: Assi, Du warst heute einer der Besten auf dem Platz!“ Statt des Tritts in den Allerwertesten gab’s also anerkennendes Schulterklopfen. Und auch heute noch findet Aki Schmidt ausnahmslos warme Worte für Assauer, der „auf dem Spielfeld manchmal ein ganz schöner Bruder Leichtfuß“ war und neben dem Spielfeld „ein ganz liebenswerter Mensch und mein Kumpel“ ist.

Insgesamt bestreitet Rudi Assauer zwischen 1964 und 1976 für den BVB (119/8 Tore) und Werder Bremen (188/4) 307 Bundesligaspiele und wird 1966/67 zweimal in die U23-Nationalmannschaft berufen – u.a. steht er beim legendären „Pfostenbruch-Spiel“ auf dem Gladbacher Bökelberg für Werder auf dem Platz.

Als Manager arbeitet er jeweils fünf Jahre in Bremen (1976 bis 81) und auf Schalke (1981 bis 86), ehe er dem Fußball für vier Jahre den Rücken kehrt und sein Glück in der Immobilienbranche sucht. Über den VfB Oldenburg kehrt er 1993 schließlich nach Schalke zurück. Unter seiner sportlichen Verantwortung wird der Klub UEFA-Cup-Sieger. Assauer ist einer der Väter und Bauherren der Schalker Arena – seine schlimmste Stunde aber erlebt er noch nebenan, im altehrwürdigen Parkstadion. Dort wähnt sich S04 im Mai 2001 nach einem 5:3 gegen die SpVg. Unterhaching als Meister, weil der HSV parallel mit 1:0 gegen den FC Bayern führt. Es wäre das ersehnte Ende einer 43 Jahre währenden, vergeblichen Titeljagd. Doch nach vier Minuten schlägt der königsblaue Jubel in Schockstarre um. Bayern hat in der Nachspielzeit ausgeglichen. Bayern ist Meister. Schalke ist es wieder nicht. Statt die Schale in die Luft zu recken, bleibt auch Rudi Assauer nur der Griff zum Papiertaschentuch. Der Mann, der sich selbst über Jahre hinweg ein hartes Macho-Image gegeben hat, weint dicke Tränen der Enttäuschung. Und selbst in Dortmund haben an jenem Tag viele über den unerträglichen Bayern-Dusel geflucht.

Die Helden von Glasgow – Theo Redder: Auf die Standpauke folgte der Paukenschlag

Borussia Dortmund ist für Theo Redder nicht allein die Erinnerung an 1966, sondern ein Fixpunkt in seinem Leben

Wenn es eine Adresse gibt, die einem Europapokal-Helden gerecht wird, dann ist es diese: Kaiserstraße! Hier wohnt seit vielen Jahren Theo Redder mit seiner Gattin Gerdi. Mitten in Dortmund. Gar nicht weit entfernt vom Borsigplatz.

Theo Redder ist das, was man gemeinhin einen „Riesentyp“ nennt. Bodenständig, erdverbunden und gerade heraus. Einer, der aus Werl kommt, aber die Ruhrgebiets-Mentalität ganz tief inhaliert hat. Dem das kumpelhafte „Du“ leichter über die Lippen geht als ein formelles „Sie“. Der sowieso das Herz auf der Zunge trägt und gerne mal Sätze wie diesen sagt: „Wenn die Bayern in Dortmund spielen, haben sie doch eh ‘nen Köttel in der Hose.“

Theo Redder ist keiner, der Brimborium um seine Person veranstaltet. Er nimmt sich selbst nicht so wichtig. Wichtig ist ihm der BVB. Die Borussia, zu deren Ruhm er maßgeblich beigetragen hat – sie ist „bis heute ein Fixpunkt“ in seinem Leben und dem von Gattin Gerdi. Die schwarzgelbe Vereinsfamilie – sie war stets ein Halt in seinem Leben, das neben vielen großartigen Momenten auch schwierige Phasen hatte. Ein Leben wie der BVB. Mal oben, mal nicht, aber immer authentisch. Immer Redder. Der letzte Nackenschlag liegt noch gar nicht lange zurück. Sein Enkel beichtete ihm unlängst, er sei jetzt Fan von Paris St. Germain.

Man macht schon was mit als Opa . . .

Was Theo Redder auch gut kann: erzählen! Es gelingt ihm sogar, zu all den vielen Geschichten, die man über die 1966er Europapokal-Helden schon hundertfach gehört hat und immer wieder gerne hört, Geschichten hinzuzufügen, die man noch nicht gehört hat.

Eine Geschichte also: Theo Redders Vater war mit drei Kegelbrüdern zum Finale nach Glasgow angereist. Sie wohnten im selben Hotel wie die Mannschaft und bekamen zufällig die abschließende Teamsitzung mit. Die fand nämlich, heute unvorstellbar, in einem halb offenen Raum statt. Papa Redder musste also ungewollt mit anhören, wie Trainer „Fischken“ Multhaup seinen Sohnemann und dessen Verteidiger-Kollegen Gerd Cyliax verbal auf ein Format zusammenfaltete, dass locker in die Hosentasche passte. Redder erinnert sich: „Wir hatten zuvor in der Bundesliga ziemliche Grütze gespielt. Der Trainer hatte also völlig Recht, und er wusste auch, dass Gerd und ich eine klare Ansage verpacken können.“ Nur Papa Redder wusste das nicht. Papa Redder dachte: Mein Gott, wie soll der Junge denn nach so einer Standpauke eine Topleistung zeigen?!“ – Beim Schlusspfiff nach 120 Minuten kannte er die Antwort. Das Duo Redder/Cyliax hatte sie gegen Liverpools Klasse-Stürmerzange Callaghan/Thompson auf sehr eindrucksvolle Weise gegeben. „Der Trainer hatte an unser Ehrgefühl appelliert. Er hat uns gekitzelt – und alles richtig gemacht“, sagt Theo Redder.

„Wir wussten, wir sind Außenseiter.Aber wir wussten auch: Wir haben’s drauf!

Natürlich ist in der Erinnerung noch viel mehr hängen geblieben vom Triumphzug durch Europa. Die Wasserschlacht von Madrid auf einem Platz, „auf dem du prima schwimmen, aber eigentlich nicht Fußball spielen konntest“. Die großartigen Halbfinal-Duelle gegen Titelverteidiger West Ham United. Liverpools Führungstreffer im Endspiel. Der fiel über Theo Redders Seite – aber der Ball war vorher mindestens so deutlich im Toraus wie Mats Hummels‘ Kopfball im DFB-Pokalfinale 2014 hinter der Linie. „Ich bin sofort stehengeblieben, habe den Arm gehoben und reklamiert“, erinnert sich Theo Redder. Doch Schieds- und Linienrichter erkannten den Treffer an. Heute kann der Dortmunder darüber schmunzeln: „Na ja, das Flutlicht im Hampden Park war auch wirklich schlecht.“

Was auch hängen geblieben ist: Die tolle Harmonie in der Mannschaft, die zum Zeitpunkt des Endspiels im Kern schon drei Jahre zusammenspielte. Die DFB-Pokalsieger wurde, in der Liga noch auf Meisterkurs steuerte und obendrein auch international einiges an Erfahrung angesammelt hatte: gegen Dukla Prag, Inter Mailand, Benfica Lissabon. „Wir wussten, dass wir gegen Liverpool Außenseiter sind. Aber wir wussten auch, dass wir’s drauf haben. Wir waren selbstbewusst und locker.“

„Der Willi Sturm hat dasSpiel seines Lebens gemacht!“

Gut, selbstbewusst waren die Briten auch – aber vielleicht war es die Lockerheit, die ihnen abging. Jedenfalls verloren sie nach stürmischer Anfangsphase, in der Theo Redder einmal den Ball von der Linie kratzen musste, irgendwie den Zugriff. Borussias Defensive, die stets ein wenig im Schatten der überragenden Offensivabteilung um Siggi Held, Lothar Emmerich und Stan Libuda stand, gewann zunehmend die Kontrolle. „Und in der Verbindung zwischen Abwehr und Angriff machte Willi Sturm das Spiel seines Lebens“, lobt Theo Redder.

Am Ende reckten die Borussen den Pokal in die Höhe. Sie erhielten 6.000 D-Mark Prämie, eine Armbanduhr und wenige Tage später aus den Händen von Bundeskanzler Ludwig Erhard das „Silberne Lorbeerblatt“, die höchste Auszeichnung für deutsche Sportler – als erste Fußballmannschaft. Was sie nicht erhielten: ein Bier nach dem Spiel. Denn bei der Rückkehr ins Teamhotel hatte die Bar bereits geschlossen. Eine Feier oder gar ein Bankett hatte der Vorstand nicht vorbereitet. Die Helden von Glasgow gingen, vollgepumpt mit Glückshormonen, zum Schlafen aufs Zimmer. Ein trister Triumph. Entschädigt wurden sie tags darauf bei der Rückkehr nach Dortmund. Ein Autokorso durch Hunderttausende über die „Traumstraße“, die B54, hinein nach Dortmund. „Ein Wahnsinn“, schwärmt Theo Redder.

Für ihn selber markiert das Finale auch einen Wendepunkt in seiner Karriere. Nachdem er sich die Schmerzen in der Leiste häufig hatte wegspritzen lassen, ließ er sich in der Sommerpause 1966 operieren. Er begann zu früh wieder mit dem Training, erlitt einen Muskelriss, absolvierte 1966/67 keine einzige Partie und fand auch danach nie mehr zu seiner Topform zurück. „Mein Spiel war das Rennen und Grätschen, doch das funktionierte nicht mehr so.“ Wohl auch, weil der Kopf blockierte. Als dann auch noch sein Vater schwer erkrankte, beendete Theo Redder mit 28 Jahren seine Laufbahn und übernahm die elterliche Bäckerei.

Sein Wunsch für 2015/16:„Die Bayern mal wieder so richtig ärgern!“

Borusse ist er immer geblieben. Bis 2006 hat er 17 Jahre lang die Traditionsmannschaft gemanagt – und mit ihr die Welt bereist. In den USA und Kanada, in Dubai und Ägypten waren die Ehemaligen. Heute ist Theo Redder zweiter Vorsitzender des Ältestenrates. Den leichten Schlaganfall, den er vor zehn Jahren erlitt, markt man ihm nicht an. Theo Redder läuft viel, fährt gerne Fahrrad – und die vielen Stufen bis zur Wohnung an der Kaiserstraße halten ebenfalls fit. Mit Gattin Gerdi besucht er jedes Heimspiel und trifft die ehemaligen Mitspieler.

Der Zusammenhalt ist groß, das Miteinander so harmonisch wie 1966

Bei der Feier zu Theo Redders 70. Geburtstag kamen neben dem Vorstand auch Jürgen Klopp und Sebastian Kehl. „Der Jürgen hat sechs Jahre lang ein schwarzgelbes Märchen geschrieben. Im siebten war er platt – und die Mannschaft wohl auch“, sagt Theo Redder. „Ich rechne ihm ganz hoch an, dass er den richtigen Zeitpunkt erkannt hat, um Schluss zu machen.“ Jetzt wünscht der Europapokal-Held Thomas Tuchel ähnlich viel Erfolg wie seinem Vorgänger. „Ich will nicht so vermessen sein, in diesem Jahr schon das Wort ‘Titel‘ in den Mund zu nehmen, aber eine richtig gute Rolle sollten wir spielen und um die Champions-League-Plätze mitkämpfen können.“ Und vielleicht, daran hätte er richtig Spaß, „die Bayern ordentlich ärgern“. Sie wissen schon, die mit den „Kötteln in der Hose“.