Nur(i) anders stark – über Sahins neue Rolle beim BVB

(Beitragsbild: Screenshot http://www.bvbtotal.de)

Die Schlagzeilen gehörten anderen nach dem 3:0-Erfolg des BVB in Freiburg: Pierre-Emerick Aubameyang natürlich, dem Gabuner, der den ersten Treffer vorbereitet und die beiden anderen selbst erzielt hatte. Marco Reus natürlich, der mit dem 1:0 die Dose geöffnet und sich gegenüber seinem vitaminarmen Auftritt gegen Augsburg stark formverbessert präsentiert hatte. Auch Ilkay Gündogan wurde viel gelobt – vor allem für seinen brillanten Pass zum zweiten Treffer. Und Kuba und Kagawa für ihre Blitzkombination vor dem dritten Tor. Das erinnerte schon wieder sehr an den Dortmunder Vollgasfußball der allerbesten Zeiten zwischen 2010 und 2013.

Einer, der ebenfalls erheblichen Anteil am Sechs-Punkte-Sieg im Breisgau hatte, ackerte offenbar unterhalb des Radars vieler Beobachter: Nuri Sahin!

In den Ruhr Nachrichten erhielt der Mittelfeldspieler die Note 3,5 – im Reviersport sogar nur eine 4. Einer der schwächsten Dortmunder also? Mitnichten! Denn es war Nuri Sahin, der vor dem 2:0 an der Mittellinie den entscheidenden Zweikampf gewann. Seine Balleroberung ermöglichte Gündogan erst den Traumpass auf Aubameyang. Und es war Nuri Sahin, der vor dem 3:0 an der Mittellinie einen Freiburger Pass abfing und somit die Traumkombination über Kagawa – Kuba – Reus – Kuba – Reus – Kagawa – Aubameyang einleitete. Zwei Szenen, für die es nicht einmal einen Assistpunkt gibt. Was wiederum belegt, dass derlei Statistiken ganz nett, aber eben nur bedingt aussagekräftig sind.

Apropos Statistik: Die Partie in Freiburg war erst Sahins vierter Bundesliga-Einsatz in dieser Saison. Seine Premiere feierte er nach der langwierigen Knieverletzung, die er sich während der Sommervorbereitung zugezogen hatte, am 15. (!) Spieltag beim 0:1 in Berlin – ein siebenminütiger Kurzeinsatz. Will sagen: Sahin war in der Hinrunde nicht Teil des Problems. Dafür könnte er jetzt Teil der Lösung sein.

Sein Startelf-Debüt 2014/15 gar er sogar erst zum Rückrundenauftakt in Leverkusen. Dort gehörte er gleich zu den besten Dortmundern. Beim 0:1 gegen Augsburg gehörte er noch zu den besseren Dortmundern. Jetzt die starke Leistung in Freiburg – und die Erkenntnis: Es geht auch mit einer Doppel-Acht.

Dabei war die Skepsis groß, als nach „Manni“ Bender mit Sebastian Kehl auch der zweite etatmäßige „Sechser“ verletzungsbedingt ausfiel. Ein Duo Sahin/Gündogan im zentralen Mittelfeld; zwei Spieler also, die gelernt sogar eher auf der „Zehn“ als auf der „Acht“ zu Hause sind, ganz sicher aber nicht auf der „Sechs“ – kann das funktionieren angesichts der ohnehin labilen BVB-Defensive? Angesichts der Tatsache, dass Gündogan nach mehr als einjähriger Verletzungspause physisch immer noch nicht voll auf der Höhe ist? Angesichts der Tatsache, dass Sahin noch nie der Schnellsten einer war und es auch nicht mehr werden wird?

Es kann!

Auch deshalb, weil Nuri Sahin seine spielerischen Ambitionen zurücknimmt und sich mit defensiverer Denkweise in den Dienst der Mannschaft stellt. Weil er Zweikämpfe führt. Und gewinnt. Weil er sogar in Kopfballduelle geht. Doch was er selbst verinnerlicht hat, ist in den Köpfen vieler Fans und Experten noch nicht so richtig angekommen. Sie haben immer noch den Sahin der Saison 2010/11 vor Augen. Den Zauberfuß, der Borussia Dortmund mit 14 Scorerpunkten zur Deutschen Meisterschaft dirigierte, von den Profikollegen zum „Spieler der Saison“ gewählt und von Real Madrid abgeworben wurde. Sie messen ihn an der Brillanz jener Tage, an seinen Traumpässen in die Tiefe, an seinen präzisen Freistößen. Wenn das der Maßstab ist, ist Nuri Sahin tatsächlich schwächer geworden.

Vielleicht lautet die Wahrheit aber auch: Nuri Sahin ist immer noch stark. Nur(i) anders stark!

Mitte 20 ist er inzwischen. Er wirkt noch immer jungenhaft und ist dabei doch erstaunlich abgeklärt. Einer, der erst denkt und dann spricht und dann auch stets etwas zu sagen hat. Der sich traut, seine Meinung zu vertreten, weil er weiß, dass er sich das erlauben darf. Sein sportliches Leistungsblatt reicht heute schon locker für eine komplette Karriere. U17-Europameister und bester Spieler des Turniers. Jüngster Bundesligaspieler (Debüt für den BVB mit 16 Jahren am 6. August 2005 beim 2:2 in Wolfsburg). Jüngster Bundesliga-Torschütze (am 26. November 2005 beim 2:1-Sieg in Nürnberg). Jüngster türkischer Nationalspieler und -torschütze. Holländischer Pokalsieger mit Feyenoord Rotterdam. Deutscher Meister mit dem BVB und bester Spieler der Saison. Spanischer Meister mit Real Madrid. Nuri Sahin ist nicht nur erfolgreich. Er hat mit 26 Jahren auch schon mehr von der Welt gesehen als andere in ihrem Leben: Meinerzhagen – Dortmund – Rotterdam – Madrid – Liverpool. Nun wieder Dortmund.

Eine Rückkehr in Dankbarkeit und Demut war das im Januar 2013. Bei den Königlichen von Real Madrid hatte er sich nicht durchsetzen können. Auch deshalb, weil er schon verletzt in Madrid aufschlug und als Fehleinkauf galt, bevor er überhaupt erstmals richtig fit war. Vier Einsätze standen schließlich nur zu Buche; deren sieben waren es in Liverpool. So richtig wohl gefühlt hat er sich weder in Spanien noch in England. Wohl fühlt er sich in Dortmund. Beim BVB. Dieser Klub ist seine Heimat. Schwarzgelb ist seine Farbe und „Echte Liebe“ sein Empfinden. Für Borussia übernimmt Nuri Sahin Verantwortung – auf dem Platz wie außerhalb. Ihm glaubt man, dass er unter dem bisherigen Saisonverlauf leidet. „Uns geht die Situation nahe, aber wir sind voll auf die Arbeit fokussiert und wollen die Wende schaffen“, sagte er nach dem Sieg in Freiburg – und fügte ein Versprechen hinzu: „Das wird man auch am Freitag gegen Mainz sehen!“

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(Screenshot: SkySportNewsHD)

BVB in Köln vor Neustart mit Neuzugang

Man muss in so ein Kleidungsstück gewiss nichts hinein geheimnissen – andererseits: Bei Jürgen Klopp hat das Outfit bisweilen auch einen symbolischen Charakter. So ersetzt der Trainer von Borussia Dortmund in der feinen Champions League durchaus mal den edlen Anzugzwirn durch Trainingshose und Hoodie, um Spielern und Fans zu signalisieren: So sehr der Wettbewerb auch nach Fußball-Oper auf großer Freilicht-Bühne duftet, so sehr sind heute harte Arbeit und Schweißgestank gefragt.

Rock’n’Roll statt Beethoven

Bei der Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel beim Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Köln trug Klopp am Donnerstag eine schwarze Lederjacke. Seine Kernaussage lautete: „Für uns beginnt jetzt der Rest der Saison!“ Optisch und akustisch war also Rock’n’Roll angesagt. Kein Beethoven. Angesichts von nur sieben Punkten aus eben so vielen Spielen sind beim BVB kernige Jungs gefragt.

Schon nach dem deprimierenden 0:1 gegen das bis dahin sieglose Schlusslicht HSV hatte der Trainer für die Zeit nach der Länderspielpause den „Neustart“ angekündigt. Auch deshalb, weil einige zuletzt verletzte und schmerzlich vermisste Spieler wieder zur Verfügung stehen: Marco Reus hat seine zweite Nationalmannschafts-Verletzung innerhalb von drei Monaten ebenso auskuriert wie Henrikh Mkhitaryan die Blessur, die er sich beim 0:2 in Mainz in der Nachspielzeit zugezogen hatte. Und weil auch Shinji Kagawa seine leichte Gehirnerschütterung, die ihn um das Test-Länderspiel gegen Brasilien brachte, inzwischen auskuriert hat, stehen Klopp drei Akteure zur Verfügung, die Kreativität, Tempo und Torgefahr ins zuletzt statische und wenig inspirierte BVB-Spiel einbringen.

Gündogan-Comeback elektrisiert die Fans

Was die Fans seit Tagen vor allem elektrisiert, ist aber das Debüt eines weiteren Neuzugangs: Ilkay Gündogan! Klar, der Mittelfeldspieler, der am nächsten Freitag seinen 24. Geburtstag feiern wird, steht schon seit Juli 2011 im Kader der Schwarzgelben. Er hat den BVB bereits zum ersten Double der Klubgeschichte und in ein Champions-League-Finale geführt. Aber er hat eben auch 14 Monate lang kein Spiel mehr bestritten. Seine Rückkehr in den Kader ist damit mehr Debüt als Comeback. Gündogan ist ein Quasi-Neuzugang bei geschlossenem Transferfenster. Sein letztes Spiel für Borussia Dortmund bestritt er am 1. Spieltag (10. August 2013) der Saison 13/14 gegen den FC Augsburg. Das letzte überhaupt wenige Tage später beim 3:3 gegen Paraguay für die deutsche Nationalmannschaft. Seinerzeit schied er mit einer Rückenverletzung vorzeitig aus – und die erwies sich in der Folge als so hartnäckig und schwierig zu behandeln, dass sich Gündogans Zwangspause verlängerte und verlängerte und verlängerte. Eine Leidenszeit, eine Qual, die nur noch schlimmer wurde, wenn er von der Medientribüne aus den Kollegen beim Kicken zuschauen musste und ein ums andere Mal gedacht haben dürfte: Hmmh – das kann ich aber besser!

In seiner Not reiste Gündogan sogar in die Ukraine auf die Krim, um sich behandeln zu lassen, ehe er sich im Frühjahr 2014 letztlich doch einer Operation unterzog. Die bezeichnet er heute als „eine der besten Entscheidungen meiner Karriere“. Seither ist er endlich wieder beschwerdefrei, konnte endlich Reha-Maßnahmen beginnen, irgendwann auch endlich wieder trainieren, anfangs noch individuell und sehr dosiert, seit einigen Wochen schließlich mit der Mannschaft. Zuletzt absolvierte Gündogan zwei Testspiele mit der U23 des BVB, erzielte dabei sogar ein Tor – und signalisiert seinem Trainer nun volle Einsatzbereitschaft.

Keinen Druck ausüben, keine Wunderdinge erwarten

Dass Jürgen Klopp seinen zentralen Ballverteiler in Köln über 90 Minuten bringen wird, ist auszuschließen. Ob Gündogan beginnen oder von der Bank kommen wird, lässt der Trainer noch offen. Druck wird er auf Gündogan nicht ausüben, Wunderdinge nicht erwarten, zumal mit Sebastian Kehl und Sven Bender zwei klassische „Sechser“ einsatzbereit sind und neben ihnen mit Milos Jojic auch eine Alternative als „Achter“ vorhanden ist. Auch wenn die Zukunft des jungen und talentierten Serben eher in der Offensivzentrale oder auf der rechten Seite zu sehen ist.

Keine Frage, Ilkay Gündogan wird Zeit und Geduld brauchen, eigene Geduld wie die der Fans, um nach so langer Fußball-Abstinenz Selbstvertrauen und Substanz aufzubauen. Selbstvertrauen, dass aus gelungenen Aktionen erwächst. Substanz, die man sich nicht im Training holen kann, sondern nur im echten Wettkampf. Substanz, die du als Spieler brauchst, um auf ihr eine konstant gute Form aufzusetzen. Jene Substanz, die beispielsweise auch Shinji Kagawa noch nicht wieder hat und gar nicht haben kann, weil er in den vergangenen zwei Jahren in Manchester zu wenig gespielt hat.

15 Spiele bis zur Winterpause

So sehr Klopp das Comeback von Gündogan herbei gesehnt hat: Seine Aufgabe besteht – wie auch bei Kagawa, der, für viele unverständlich, genau aus diesem Grund auf Schalke nicht in der Startelf stand – darin, die Belastung zu dosieren. In den zwei Monaten bis zur Winterpause stehen 15 (!) Begegnungen auf dem Programm und alle drei Saisonziele auf dem Prüfstand. Es geht darum, in der Champions-League und im DFB-Pokal zu überwintern und in der Liga zumindest den Kontakt zu den CL-Plätzen wieder herzustellen. Dabei heißen die Gegner u.a. Bayern München, Borussia Mönchengladbach, Galatasaray Istanbul und FC Arsenal.

Trotz der absehbaren Strapazen klagt Klopp vor dem Köln-Spiel nicht über die zahlreichen Länderspiel-Einsätze seiner Profis, verbunden mit zum Teil weiten Reisen, die u.a. dazu führten, dass Adrian Ramos erst am Donnerstag wieder in Deutschland landete und Pierre-Emerick Aubamayang sogar erst am Freitag um 15 Uhr zurückerwartet wird. Mit dem Gabuner kann der BVB-Coach guten Gewissens für Köln kaum planen. Andererseits aber auch kaum auf ihn verzichten, weil sich Aubameyang seit Wochen in bestechender Verfassung befindet und auch auf der jüngsten Länderspielreise wieder zwei Tore erzielte.

„Länderspiele haben Hummels und Durm weitergebracht“

Über die Einsätze von Mats Hummels und Erik Durm in der DFB-Auswahl zeigte sich Dortmunds Trainer sogar ausdrücklich erfreut. „Auch wenn die Nationalmannschaft nicht irre erfolgreich war, haben die Spiele in Polen und gegen Irland beide weitergebracht“, so Klopp. Stichwort „Substanzaufbau“! Schließlich hatte auch Hummels nach dem WM-Finale von Rio zwei Monate lang nur dosiert trainieren können und kein Spiel bestritten. Und bei Durm überwogen nach der heftigen Kritik im Anschluss an das Polen-Spiel gegen Irland eindeutig die starken Szenen. Ein Beinahe-Tor in der Anfangsphase, ein grandios verhindertes Gegentor in der Schlussphase; dazu die Wahl zum „Player of the Match“ – das dürfte dem Außenverteidiger gut getan haben.

Den Ärger kanalisieren und positiv nutzen

Es mehren sich also, zumal am Wochenende Oliver Kirch und in Kürze dann auch Nuri Sahin und Jakub Blaszczykowski wieder zum Team stoßen sollen, die positiven Nachrichten rund um den BVB. Dass der von ihm heraufbeschworene „Rest der Saison“ deshalb noch lange kein Selbstläufer wird, weiß Jürgen Klopp. Deshalb will er in der Vorbereitung auf das Köln-Spiel auch den Frust und Ärger über den bisher unbefriedigenden Saisonverlauf kanalisieren und positiv nutzen. „Diese Galligkeit brauchen wir auf dem Platz. Wir haben jetzt noch zwei Tage Zeit, eine Einheit zu formen.“

Und dann, am Samstag ab 15.30 Uhr, ist alle Theorie ohnehin wieder grau. Entscheidend is‘ auffem Platz. Lange galt das legendäre Adi-Preißler-Motto in Dortmund nicht mehr so uneingeschränkt wie gerade jetzt.

(Beitragsbild oben: Screenshot von SkySportNewsHD)