Showdown am Flughafen – der Schicksalstag des BVB

Es war vor exakt zehn Jahren, am 14. März 2005, da wurde am Düsseldorfer Flughafen über den BVB gerichtet. Knapp einen Monat nachdem die Verantwortlichen eine „existenzbedrohende Situation” eingeräumt hatten, mussten die Anteilseigner des Stadionfonds Molsiris über das Sanierungskonzept abstimmen. Je nach Ausgang bedeutete dies: entweder die Chance zum Neustart – oder die sofortige Insolvenz. In unserem Buch “Die Akte Schwarzgelb”, das Ende 2005 erschien, haben mein Bruder und ich den Aufstieg und Niedergang des BVB unter Dr. Gerd Niebaum und Michael Meier als das nachgezeichnet, was es letztlich war: ein Wirtschaftskrimi. Zum 10. Jahrestag hier noch einmal das Kapitel über den 14. März – zweifellos einer der denkwürdigsten und surrealsten Tage in der langen Geschichte des Traditionsklubs – in voller Länge:

Hier also.

Die „Event Halle“ am Rhein-Ruhr-Airport in Düsseldorf. Adresse: Flughafenstraße 120. Irgendwo zwischen Betriebshof und Landebahn. Event Halle – ein großes Wort für diese trostlose graue Wellblechbüchse mit den kahlen Wänden, kaltem Licht aus Neonröhren und unzähligen Kaugummiflecken im schäbigen, zerschlissenen Teppichboden. Ein Provisorium, nach der Brandkatastrophe im April 1996 flugs errichtet, um Urlauber abfertigen zu können. Und nun brennt es wieder am Airport. Lichterloh sogar. Zwischen den Ausgängen E91 und E92 wird die Borussia Dortmund GmbH & Co. KgaA abgefertigt. Der Blick schweift für einen Moment aus dem Fenster auf das Vorfeld. Ein Frachtjumbo der „Atlas Air“ ist dort geparkt. Seit Wochen schon. Zerbeultes Heck, zerfetztes Triebwerk. Abgebrannt – im Wortsinn. Wie Borussia Dortmund. Auch der BVB ist hoch geflogen und brutal abgestürzt. Jetzt ist er total abgebrannt – im übertragenen Sinn.

Hier also. Und heute.

Am Montag, 14. März 2005, entscheiden die 444 anwesenden der insgesamt 5780 Gesellschafter des Stadionfonds Molsiris über den Fortbestand des Ballspielvereins Borussia 09 Dortmund. Spielen Menschen, von denen die meisten emotional keinerlei Bindung zum schwarzgelben Traditionsklub haben, Schicksal. Kühl kalkulierende Kapitalanleger, die mindestens 5000, manche 100.000 Euro in dem Fonds platziert haben, weil er fette Rendite versprach. Sie spielen Schicksal für den äBVB. Für Hunderttausende Fans. Für eine Stadt und eine ganze Region. „Entscheidend“, hat Adi Preißler, verstorbenes BVB-Idol der 50er Jahre, einmal gesagt, „entscheidend is‘ auffem Platz.“ Man füge vier Buchstaben hinzu – und die Erkenntnis ist aktueller denn je. Entscheidend is‘ auffem FLUGplatz.

Am Ende eines Tages, wie Präsident Dr. Reinhard Rauball ihn „nie mehr erleben möchte“, wird es ein bisschen sein wie bei Günter Jauchs Publikums-Joker: Abgestimmt wird mit einem Televoter. Per Knopfdruck. Was könnte die Ohnmacht und das Ausgeliefertsein der Borussia deutlicher zum Ausdruck bringen. Doch weil der Kandidat zuvor bereits den Fifty-Fifty-Joker gezogen hat, müssen sich die Gesellschafter nur noch zwischen zwei Optionen entscheiden. 94,4 % der anonymen Anleger drücken die grüne Taste: JA – der BVB darf weiterleben! JA – er kann durchstarten in eine allerdings ungewisse Zukunft. Das hat er dem havarierten Jumbo von Atlas Air voraus. „Dieser Sieg“, sagt Hans Tilkowski, auch ein schwarzgelbes Idol, allerdings der 60er Jahre, „war wichtiger als der Triumph im Weltpokal.“

Showdown – selten zuvor hat dieser Begriff ein Ereignis so treffend bezeichnet wie die Marathonsitzung in der Event Halle. Sie bildet das finale furioso einer unerträglichen Hängepartie, die seit dem 18. Februar andauerte. Nur einen Tag, nachdem der BVB seine „existenzbedrohende Ertrags- und Finanzsituation“ hatte einräumen müssen, verbreitete er in einer Pressemitteilung, die Teilentwarnung: „Auf einem Treffen am Freitagnachmittag in Dortmund einigte sich der BVB mit seinen Gläubigern. (…). Ein erster Etappensieg ist uns damit gelungen. Entscheidend wird jetzt allerdings sein, dass auch die Gesellschafterversammlung des Immobilienfonds Molsiris dem Sanierungsplan zustimmt. Die Zustimmung ist unabdingbar für die Realisierung unseres Sanierungskonzeptes“, erklärte Geschäftsführer Michael Meier. Wirtschaftsberater Jochen Rölfs, der das Sanierungskonzept erarbeitet hat, verdeutlichte: „Alternativkonzepte gibt es nicht.“ Ein Nein der Anleger wäre gleichbedeutend mit dem Gang zum Insolvenzrichter.

Am selben Tag, noch während Molsiris-Vertreter mit anderen Gläubigern und der BVB-Geschäftsführung über Auswege aus dem finanziellen Desaster verhandeln, sendet Karolina Müller, Sprecherin der Commerzbank Leasing Immobilien AG, vorsichtig erste positive Signale aus. „Ziel ist, die Finanzierung des Stadions auf eine langfristig tragfähige Basis zu stellen. Wenn der BVB ein schlüssiges Konzept präsentiert, wird es an uns nicht scheitern.“ Eine Aussage ohne jede Verbindlichkeit, denn nicht Frau Müller wird vier Wochen später am Düsseldorfer Flughafen über das Schicksal der ruhmreichen Borussia entscheiden, sondern 5800 Meiers, Schmidts und andere Namenlose.

Dass die KGaA mittendrin, am 28. Februar, ihr Halbjahresergebnis (1. Juli bis 31. Dezember 2004) veröffentlichen muss und ein Defizit vor Steuern in Höhe von 30,8 Mio. Euro ausweist, schürt nicht eben die Zuversicht auf ein gutes Ende.

Das krampfhafte Bemühen der Pressesprecherin um eine Beruhigung der Situation aber zeigt, dass die Commerzbank-Tochter, die den Stadionfonds aufgelegt hat, das schlechte Gewissen umtreibt. Mit 8 % Zinsen plus X hatte sie die Anleger geködert. X = Erfolgsbeteiligungen bei Qualifikation für europäische Wettbewerbe (siehe Kapitel „Molsiris – vorher und nachher“). Längst steht der Vorwurf, sie habe die Zeichner nicht hinreichend über die Risiken aufgeklärt. „Wir haben hier die Wahl zwischen einer miesen und einer miserablen Alternative“, sagt ein Gesellschafter vor Beginn der Außerordentlichen Versammlung in Düsseldorf. Ein anderer, der sechsstellig investiert hat, verrät in einer von mehreren Sitzungspausen: „Ich mag den BVB, aber in diesem Fall bin ich Geschäftsmann. Hier gibt’s nur wenige, die bei der Abstimmung ihr Herz über den Verstand stellen werden.“ In einem waren sich die Anleger nach mehr als 6-stündiger Generalaussprache schließlich einig: Während Rölfs und Watzke „offen, ehrlich und überzeugend“ argumentierten, habe die Commerz Leasing „eine erbärmliche Figur abgegeben“. Der gute Ruf der Commerzbank-Tochter ist beschädigt.

Wie groß die Unsicherheit bei den Schwarzgelben im Vorfeld ist, gleichzeitig aber auch ihr unbedingter Wille, nichts unversucht zu lassen, wird deutlich, als sie für die Molsiris-Anleger der Fondsgesellschaft eine E-Mail-Hotline einrichten. Vom 7. bis zum 11. März können Gesellschafter „Fragen zur vorgeschlagenen Umstrukturierung des Fonds oder zum Sanierungskonzept zur Zukunftssicherung von Borussia Dortmund stellen. Die Antworten liefert ein Expertenteam, dem auch die Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Michael Meier angehören“.

Bereits am 23. Februar hatte sich die KGaA-Geschäftsführung in einem 5-seitigen Brief an die Anleger gewandt. Darin erklärt sie „das ursprüngliche, sehr ambitionierte sale & lease-back Fondskonzept“ für „gescheitert“, räumt erstmals „unverhältnismäßig hohe Transferzahlungen“ in der Ära Niebaum/Meier ein und appelliert in der Schlussbemerkung an die Emotionen. „Die weitere Zukunft des BVB liegt nunmehr in Ihrer Hand. Von Ihrer Entscheidung wird abhängen, ob auch in Zukunft der BVB als einer der ältesten Traditionsvereine, (…), erhalten bleibt und ob der BVB dem Mittelstand auch als Wirtschaftsfaktor der Region weiterhin als unerlässlicher Partner dienen kann. Letztlich – und auch dieses Argument möchten wir in diesen Zeiten und gerade in der Ruhrgebietsregion in Erinnerung bringen – erfolgt diese Bitte auch im Namen von fast 400 Mitarbeitern (ohne Lizenzspieler), die in unserem Hause beschäftigt sind.“

Es ist eine Wanderung auf ganz schmalem Grat, die Rauball, Watzke und Rölfs in den Tagen vor dem 14. März bewältigen müssen. Denn zu viele Emotionen wollen sie auch vermeiden. So bitten sie die Fans, von Solidaritätsbekundungen am Flughafen Abstand zu nehmen. „Wir wollten nicht, dass sich die Versammlung durch eine inszenierte Kundgebung beeinflusst oder gar bevormundet fühlt. Das ist nicht unser Stil. Die Leute sollten völlig frei entscheiden können“, sagt Hans-Joachim Watzke – der um 8.58 Uhr gemeinsam mit Rauball im schwarzen Mercedes vorfährt. Ohne Michael Meier.

Der komme nicht, weil er die Lizenzierungsunterlagen für die Abgabe bei der DFL am Tag darauf komplettieren müsse. So die offizielle Sprachregelung. Tatsächlich war Meier wild entschlossen gewesen, in Düsseldorf persönlich vor die Molsiris-Anleger zu treten, und es hatte Watzke/Rauball alle Überredungskunst gekostet, ihn davon abzubringen. Es war eine Demontage in Abwesenheit, aber die aggressive Anti-Meier-Stimmung unter den Fonds-Zeichnern in der Event Halle macht schnell deutlich, wie richtig und wichtig Meiers Fernbleiben im Sinne einer sachlichen Aussprache war.

Um 9.13 Uhr schließlich betritt Jochen Rölfs den Saal, um das Sanierungskonzept zu erläutern. Selbstbewusst – und doch unsicher. „Ich bin kein Prophet. Vor der Gläubiger-Versammlung konnte ich alle Gläubiger mal besuchen. Bei Molsiris konnte ich keinen einzigen besuchen. Ich weiß ja nicht einmal, wer mir dort gegenüber sitzt“, sagt er. Er sagt aber auch: „Seien sie unbesorgt, ich kann auch Emotionen rüberbringen. Ich muss Vertrauen schaffen. Nur über Sachinformation können sie nicht Hunderte von Leuten einfangen. Ich werde den Fondszeichnern zeigen, dass sich das Vertrauen lohnt. Denn wenn das Projekt scheitert, dann habe ich auch ein Problem.“

Es scheitert nicht. Um 15.29 Uhr leuchtet das Ergebnis auf. 94,4 % Zustimmung. Rauball steht auf, wendet sich dem Plenum zu und klatscht Beifall. Wenige Minuten später stellt er sich mit Watzke und Rölfs den Medien. „Das war mit das Schwerste, was ich überhaupt je mitgemacht habe, weil wir total abhängig waren von der Zustimmung anderer“, sagt der Präsident. Watzke spricht von „unglaublicher Erleichterung“ und einem „irren Glückgefühl“. Rölfs ist „froh und ein wenig stolz, dass wir diesen Beitrag leisten konnten, dem BVB eine Perspektive zu eröffnen“. 780.000 Euro Honorar haben er und seine Mitarbeiter kassiert. „Und natürlich habe ich Vorkasse verlangt“, sagt er selbstbewusst. „Schließlich bin ich Sanierer.“

Und keine Frage: Wenn das Sanierungskonzept greift, ist Rölfs jeden Cent wert.

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Vor 10 Jahren: Der BVB und die „existenzbedrohende Situation“

Es war vor exakt zehn Jahren, am 17. Februar 2005, da fand im alten Presseraum des Signal Iduna Parks, der damals noch Westfalenstadion hieß, eine gespenstische Pressekonferenz statt. Borussia Dortmund hatte eingeladen, um einzugestehen, dass sich der Klub in einer „existenzbedrohenden Situation“ befand. Der dunkle Tiefpunkt der Ära Niebaum/Meier – aber, was damals noch niemand ahnen konnte, auch der Aufbruch in eine neue Zeit. In unserem Buch „Die Akte Schwarzgelb“, das Ende 2005 erschien, haben mein Bruder und ich den Aufstieg und Niedergang des BVB unter Dr. Gerd Niebaum und Michael Meier als das nachgezeichnet, was es letztlich war: ein Wirtschaftskrimi. Zum 10. Jahrestag hier noch einmal das Kapitel über den 17. Februar 2005 in voller Länge. Eine Menge Lesestoff, aber die Lektüre relativiert Vieles von dem, was BVB-Fans heute als „Katastrophe“ bezeichnen.

Am Aschermittwoch ist alles vorbei;

die Schwüre von Treue, sie brechen entzwei.

(Karnevalslied von Jupp Schmitz *1901 – + 1991)

Beate Uhse hat sich um Deutschland verdient gemacht. Ohne diese mutige Frau, so viel steht fest, hätten wir alle deutlich weniger Spaß. Dafür hat Frau Uhse zu Lebzeiten verdiente Würdigungen erfahren. Apropos Spaß: Als solcher entpuppte sich Anfang 2005 auch die Ankündigung des Magazins „Der Spiegel“, Richard Orthmann, Mehrheitsaktionär und Aufsichtsratsvorsitzender der Beate Uhse AG, wolle mit wenigstens 5 % beim BVB einsteigen. Wohl, um die schwarzgelbe Aktie am Kapitalmarkt wieder sexy zu machen. Denn Herr Orthmann ist ein guter Bekannter von Herrn Homm.

Nun gut, der Erotikkonzern und Bälle: Da hätte sich mit vergleichsweise geringem Phantasieaufwand immerhin noch eine metaphorische Beziehung herstellen lassen. Aber Beate Uhse und Fußbälle… – Carsten Cramer, für Borussia Dortmund verantwortlicher Teamleiter bei der einflussreichen Vermarktungsagentur Sportfive, schüttelte denn auch ohne erst groß zu überlegen einigermaßen vehement den Kopf. Viel zu schlüpfrig, so eine Nummer. Er rate dringend ab.

Spaß machte die Meldung dennoch. Auch weil sie perfekt in die Zeit passte. Denn es war Ende Januar, und der Höhepunkt der närrischen Session stand unmittelbar bevor. Begonnen hatte sie drei Tage nach dem Elften im Elften mit Gerd Niebaums Rücktritt vom Präsidentenamt auf der Mitgliederversammlung. Was noch niemand ahnte, als das Uhse-Gerücht nach zwei vergleichsweise ruhigen Monaten neues Erregungspotenzial lieferte: Im Karnevalsmonat Februar sollten die Hormone komplett verrückt spielen. Erhöhte Adrenalinausschüttung.

Ein Monat, so turbulent wie die Prunksitzungen am Rhein. Die schiere Narretei. Mit dem dramaturgischen Höhepunkt am 9. Februar, dem Tag, an dem Gerd Niebaum auch als Geschäftsführer der KGaA das Handtuch warf. Es war – als hätte das Prinzenpaar Regie geführt – Aschermittwoch. Und es war alles vorbei. Jupp Schmitz, aus dessen Feder dieser bekannte Abgesang auf den Karneval stammt, hat übrigens noch ein anderes Lied geschrieben, das in der Ära Niebaum/Meier eigentlich zur neuen BVB-Vereinshymne hätte erklärt werden müssen: „Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt; wer hat so viel Pinkepinke, wer hat so viel Geld?“

Doch genug der verbalen Schunkelei. Die Fakten.

1. Februar 2005 – Eiskalt ausgekon:tert

Es sollten Profis ran. Am 12. November 2004, zwei Tage vor der Mitglieder- und – wichtiger noch – vier Tage vor der Aktionärsversammlung, präsentierte die Borussia Dortmund KGaA auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz stolz das Hilfsprogramm in eigener Sache. Projektname: Kon:ter. Fast 250 Seiten stark – Laufzeit: bis 2007/08. Erarbeitet worden war es gemeinsam mit der Münchener Metrum Managementberatung GmbH. Zweieinhalb Monate später wurde Metrum eiskalt ausgekon:tert.

Im Rückblick hatte es wohl vor allem psychologische Gründe, dass Gerd Niebaum und Michael Meier im November schnell noch ein Konsolidierungsprogramm auf die Schiene setzten. Den maßlos enttäuschten und gefährlich gereizten Anlegern sollte die Maßnahme signalisieren: Wir haben unsere Lektion gelernt. Wir sind nicht beratungsresistent. Wir holen uns externe Hilfe und sind bereit, alles zu unternehmen, um den havarierten Tanker BVB wieder flott zu machen. „Es ist ein Gebot der Stunde, mit einer externen Wirtschaftsberatung zusammenzuarbeiten“, sagte Niebaum.

Stärkung der Eigenkapitalbasis, Abbau des Schuldenbergs, Ergebnis-Verbesserung von 45 Mio. Euro pro Jahr. Vor allem aber die „Neustrukturierung“ der Stadionfinanzierung – im Klartext: Rückkauf des Stadions. Das waren die Kernpunkte des Programms. Die Beteiligungen (goool.de, hotellennhof, B.E.S.T. Reisebüro, Orthomed) sollten auf den Prüfstand, die Erlöse aus Ticketing und Catering gesteigert werden – will sagen: Aufschläge auf Eintrittskarten, Bier und Bratwürstchen. Niebaum bremste prompt: Eine Erhöhung der Kartenpreise schließe er kategorisch aus. Stefan Mohr, Metrum-Geschäftsführer, betonte, es seien „gewaltige Anstrengungen“ erforderlich, um 2005/06 ein ausgeglichenes Ergebnis vorweisen zu können. „Es geht jetzt darum, hier jeden Stein umzudrehen.“

Doch das wollte der BVB dann offenbar doch lieber alleine machen. Schon zu Jahresbeginn 2005 habe man sich „einvernehmlich darauf geeinigt“, so Meier, auf Hilfe von außen fortan zu verzichten. Begründung: Wir haben das Gutachten von Metrum ja vorliegen. Das arbeiten wir jetzt Punkt für Punkt ab. Dazu brauchen wir keine fremden Leute, das können wir schon alleine.“

Frei nach dem Motto: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Der Mohr kann gehen. Stefan Mohr ist über die Aussetzung des Mandats wenig erfreut. „Es ist doch klar, dass wir mit dieser Situation nicht ganz glücklich sind. Das operative Geschäft hätten wir in den Griff bekommen. Wir waren auf einem guten Weg und hätten gerne weitergemacht.“

Aus dem Hause BVB heißt es, Metrum habe Insiderinformationen an ausgewählte Medienvertreter weitergegeben…

2. Februar 2005 – Die schwarzgelben Pfandleiher

Die Enthüllung schlägt in der Fanseele ein wie ein Seitensprung der Liebsten mit dem besten Freund: Bereits im Spätsommer 2000, wenige Wochen vor dem Börsengang also, hat der BVB nach eigenen Angaben sechs, tatsächlich sogar sieben Markenrechte am Vereinslogo (beim Deutschen Marken- und Patentamt unter der Nummer 39758565 eingetragen) und –namen im Wege der Sicherungsübereignung an den Kölner Versicherungskonzern Gerling übertragen.

Das komplizierte Geschäft, das 20 Mio. Euro in die Kassen der KGaA spülte, funktionierte so: Der BVB verkaufte seine Sportbekleidungstochter goool.de an Gerling, sicherte sich aber nach dem Sale-and-lease-back-Verfahren die weitere Nutzung. Im Gegenzug musste die KGaA jährlich 1,4 Mio. Euro an Gerling zahlen. Eine reine Leasinggebühr, um den Namen der eigenen 100 %-Tochter goool.de weiter nutzen zu dürfen. Eine Tilgung war in der Summe nicht enthalten, der Eindruck, es handele sich um ein verkapptes Kreditgeschäft, so abwegig daher nicht.

Richtig spannend wurde es auf Seite 10 des 14 Seiten umfassenden Vertrages, den Michael Meier am 18. September 2000 unterschrieben hatte und der zwei Tage später in Kraft trat. Dort heißt es unter Ziffer IV, Sicherungsübereignung (Juristendeutsch für Verpfändung), wörtlich: „Die Lizenznehmerin überträgt zur Absicherung aller Ansprüche, die (…) aus und im Zusammenhang mit diesem Vertrag erwachsen können, ihre Marken im Hinblick auf den Vereinsnamen Borussia Dortmund und das Vereinsemblem.“

Auch damit noch nicht genug. Unter Ziffer III beinhaltete der Vertrag auf Seite 9 zusätzlichen Sprengstoff – eine so genannte Call-Put-Option. Danach konnten beide Vertragspartner das Geschäft erstmalig zum 30. Juni 2005 komplett rückgängig machen. Hätte Gerling diese Option gezogen, und die Gerüchte verdichteten sich Anfang 2005, hätte der BVB auf einen Schlag 20 Mio. Euro zurückzahlen müssen. Und weil er dazu nicht in der Lage gewesen wäre, hätte Gerling von den Markenrechten Gebrauch machen können.

Von den umstrittenen Inhalten abgesehen, stellte sich eine ganz andere Frage: Warum ließ sich der BVB im September 2000, sechs Wochen vor dem Börsengang, der rd. 270 Mio. D-Mark in die Kasse spülen würde, auf ein solches Geschäft überhaupt ein. Es gibt zwei mögliche Antworten: Erstens, weil der Klub schon damals finanziell klamm war, oder zweitens, weil er seine Bilanz für die Aktionäre aufhübschen wollte.

Interessant auch: Einflussreicher Großaktionär beim Gerling-Konzern, der die 20 Mio. Euro Frischgeld über Borussia ausschüttete, war dieselbe Deutsche Bank, die beim Börsengang des BVB als Konsortialführer fungierte und anfangs selbst ein dickes schwarzgelbes Aktienpaket hielt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

So sehr sich Niebaum und Meier („Ich verstehe die Aufregung nicht. Die Fan-Seele ist insofern nicht betroffen, als der Vereinsname des e.V. nicht betroffen ist. Gerling kann selbst bei Pfandverwertung keinen Einfluss darauf geltend machen.“) nach Bekanntwerden auch bemühen, die Vertragsinhalte herunterzuspielen: Die Brisanz, die in diesen 14 Seiten Papier steckt, ist ihnen sehr wohl bewusst. Wie anders wäre es zu erklären, dass sie ihn so lange unter Verschluss gehalten haben. Selbst der neue Präsident Reinhard Rauball und die Gremien erfuhren erst im Januar 2005 von den Feinheiten des Gerling-Deals. Intern hat Rauball daraufhin getobt. Nach Bekanntwerden des Deals legt er sich auch öffentlich wenig bis keine Zurückhaltung auf. Rauballs Ankündigung muss Niebaum und Meier wie eine Drohung in den Ohren klingen: „Wir werden jetzt sehr emotionale Gespräche führen.“

Rückblende

19. Juni 2005 – Der verkaufte Stadionname

Die Verpfändung von Markenrechten an Logo und Namen war bereits der zweite Coup dieser Art, der die Anhänger von Borussia Dortmund auf die Palme brachte. Keine acht Monate zuvor, am 19. Juni 2004, hatten die Ruhr Nachrichten berichtet, dass der BVB das Namensrecht am Westfalenstadion bereits zu Jahresanfang für 4.310.344,83 Euro (inkl. MwSt. 5 Mio. Euro) an die Düsseldorfer Assunta Grundstücks-Vermietungsgesellschaft mbH, wie die Stadiongesellschaft Molsiris eine Tochter der CommerzLeasing und Immobilien AG, verkauft hat. Den entsprechenden Namensrechtsüberlassungsvertrag hatte Gerd Niebaum am 9. Januar 2004 unterschrieben. Die Unterschriften der Assunta-Bevollmächtigten datieren vom 15. Januar.

In dem Vertrag übertrug der BVB unter § 1 sein Recht, den Namen „Westfalenstadion Dortmund“ weltweit und exklusiv zu vermarkten, an die Assunta GmbH. Diese durfte den Namen auch zu Werbezwecken einsetzen, ihn ändern und sogar das Nutzungsrecht am Namen an Dritte übertragen. Vertragslaufzeit: bis 30. Juni 2008. Allerdings vereinbarten die Vertragspartner ein Rücktrittsrecht bis zum 30. Juni 2004. Als Sicherheiten trat der BVB die Ansprüche an den Transfererlösen für die Profis Andre Bergdölmo, Dede, Guy Demel, Niclas Jensen und Christian Wörns an Assunta ab. Zur Erinnerung: Den Vertrag unterschrieb Niebaum am 9. Januar 2004. Tags darauf hatte er in einem Interview mit den Ruhr Nachrichten erklärt: „Die Transferrechte wie auch die Transfererlöse sind nicht verpfändet. Sämtliche Transferrechte bis auf die von Conceicao liegen beim BVB.“

Auch diesmal blieben Fragen offen. Vor allem diese: Warum haben die Geschäftsführer ihren Aktionären nicht von der unverhofften Einnahme berichtet? Immerhin entsprachen die 5 Mio. Euro rund 10 % der Gesamtleistung, die die KGaA in der ersten Hälfte des damals laufenden Geschäftsjahres erwirtschaftete. Durchaus keine „Peanuts“ also.

Niebaum und Meier versuchten einmal mehr, das Geschäft klein zu reden. Eine Verwertung des Namensrechtes sei „während der Laufzeit nicht beabsichtigt“; Borussia sei weiterhin „wirtschaftlicher Eigentümer“ des Namensrechts; es handele sich um ein Geschäft von „vorübergehender Natur“. In einer vom BVB so genannten „Richtigstellung“ zum Bericht der Ruhr Nachrichten verbreitete Borussias gut geölte Dementiermaschine:

  1. Derzeit sei keine Umbenennung des Westfalenstadions geplant (Das hatte auch nie jemand behauptet);

  2. die Vereinbarung mit der Assunta GmbH stelle keinen endgültigen Verkauf des Namensrechts „Westfalenstadion“ dar (Auch das hatte nie jemand behauptet) und

  3. die Vereinbarung stehe „unter dem Vorbehalt des jederzeitigen Rücktritts durch Borussia Dortmund (Das wiederum war schlichtweg falsch – die Rücktrittsfrist endete am 30. Juni 2004).

Auf der BVB-Homepage erklärte Niebaum:

„Man muss unterscheiden, ob ich das Stadion wirklich umbenenne und damit den Nerv der Fans treffe, oder ob ich eine Vermögensposition wie das Namensrecht zur Verbesserung meiner Liquidität nutze, ohne das Stadion tatsächlich umzubenennen. Wir haben im Januar einen Vertrag mit vorläufigem Charakter geschlossen und damit einen Betrag von fünf Millionen Euro erhalten, der uns bis zum 30. Juni zur Verfügung steht. Wir haben ein Rücktrittsrecht vereinbart mit der klaren Absicht, von dieser Vereinbarung – die also ausschließlich den Charakter einer Zwischenfinanzierung hat – wieder Abstand zu nehmen. Deshalb war dieses Geschäft auch nicht zu publizieren.“

Was Börsenexperten durchaus ganz anders sahen.

In verständliches Deutsch übersetzt, bedeutete Niebaums Aussage nichts anderes, als dass der BVB Anfang 2004 mal wieder so klamm war, dass er um nahezu jeden Preis frisches Geld benötigte. Dafür, dass er ein halbes Jahr lang mit dem Assunta-Geld arbeiten konnte, musste er 6 % Zinsen zahlen. Wie knapp bei Kasse die KGaA tatsächlich gewesen sein muss, zeigt auch die Abwicklungsvereinbarung zwischen Assunta und dem BVB, nachdem Borussia tatsächlich zum 30. Juni 2004 vom Vertrag zurückgetreten war.

Niebaum und Meier mussten um Stundung bitten, die Assunta erklärte sich einverstanden und streckte die Rückzahlung der 5 Mio. Euro auf drei Raten über sechs Monate: je 1 Mio. Euro wären danach am 9. Juli und 30. September 2004 fällig gewesen, die restlichen 3 Mio. Euro am 30. Dezember. Eine Zinszahlung in Höhe von 244.833,33 Euro hingegen war sofort zu zahlen. Tatsächlich hat der BVB bis heute nicht die volle Summe zurück gezahlt. Assunta gehört zu den Gläubigern, die im Februar 2005 dem Sanierungskonzept zustimmten. Mit anderen Worten: Auch die vertraglich vereinbarten Rechte liegen nach wie vor bei der Assunta GmbH.

Wenige Wochen später, im September 2004, räumte Meier, ebenfalls gegenüber den Ruhr Nachrichten, ein, dass absehbar eine Gewerbesteuerzahlung an die Stadt Dortmund in Höhe von rd. 5 Mio. Euro fällig werde. Einschließlich Zinsen waren es exakt 5,6 Mio. Euro. Die Summe errechnete sich aus Gewinnen der Stadiongesellschaft, die das Westfalenstadion für 75,4 Mio. Euro an Molsiris verkauft und nur einen Teil des Erlöses, rund 42 Mio. Euro in den Ausbau reinvestiert hatte. Wie die RN erfahren hatten, war Meier in dieser Angelegenheit bereits im Sommer 2004 bei Dortmunds Stadtkämmerer Guntram Pehlke vorstellig geworden. Am 17. März 2005 schließlich stimmte der Rat der Stadt Dortmund einer Stundung der Gewerbesteuer bis 2006 zu. Sie war damit, drei Tage nach den Molsiris-Anlegern, der letzte Gläubiger, der die Ampel für das Sanierungskonzept auf Grün stellte.

Zurück im Karneval

3. Februar 2005 – Die Einschläge mehren sich

Es geht stramm auf Rosenmontag zu – und der BVB-Spitze fliegen die Negativmeldungen um die Ohren wie die Spitzen einer besonders bösartigen Büttenrede.

  • Das „Handelsblatt“ berichtet, der Londoner Finanzmakler Stephen Lloyd Schechter habe seine Beziehung zur Borussia, die faktisch nie über das Flirt-Stadium hinausgekommen war, nun endgültig beendet. Keine Millionen-Anleihe also.

  • Die „Financial Times“ hat erfahren, dass die Zulassungsstelle der Frankfurter Wertpapierbörse prüft, ob Borussia, indem sie den Gerling-Deal verschwieg, beim Börsengang gegen § 44 Aktiengesetz verstoßen hat.

  • Nach ersten betriebsbedingten Kündigungen zu Jahresbeginn feuert der BVB erstmals einen Top-Verdiener aus der mittleren Management-Ebene. Willi Kühne, Merchandising-Chef und Geschäftsführer von goool.de, bekommt die Papiere ausgehändigt. Er zieht vor das Arbeitsgericht und erstreitet eine Abfindung in Höhe von 275.000 Euro zuzüglich ausstehender Gehaltszahlungen in Höhe von 90.000 Euro. Dem Vernehmen nach hat Kühne („Ich bin 58. In meinem Alter finde ich so schnell nichts Neues“), der gerne beim BVB geblieben wäre, notfalls auch zu deutlich verringerten Bezügen, brutto mehr als 300.000 Euro im Jahr verdient.

  • Während Gerd Niebaum und Michael Meier die Mär von der gezielten Medienkampagne weiter stricken, wird Reinhard Rauball erstmals Opfer des Intrigenspiels hinter den Kulissen. Ausgerechnet in der Woche, in der die ersten Kündigungen bekannt werden, berichtet die Niebaum nahe stehende Sport BILD, Rauball werde für seine Rolle als sportlich Verantwortlicher, die Niebaum ihm im November 2004 buchstäblich aufs Auge gedrückt hat, mit 480.000 Euro fürstlich entlohnt. Gegenüber den Ruhr Nachrichten stellt Rauball am selben Tag klar: „Ich habe noch keinen Cent von Borussia bekommen und werde auch keinen Cent annehmen, solange die finanzielle Situation es verbietet.“ Sämtliche Rechnungen und alle Spesen zahle er aus eigener Tasche. Richtig sei, dass Niebaum ihm jenen Teil seines Gehaltes angeboten habe, den er selbst für den sportlichen Part kassiert hat – eben 480.000 Euro. Richtig sei auch, dass er, Rauball, die Entlohnung im Präsidialausschuss zur Diskussion gestellt habe. Hans-Joachim Watzke als Schatzmeister des e.V. bestätigt: „Wir haben sie ohne Rauballs Stimme mit 5:0 Stimmen abgesegnet.“

Die Ruhr Nachrichten erfahren zudem, dass Rauball sein Büro in der BVB-Zentrale wieder geräumt hat und neuerdings von seiner Kanzlei aus arbeitet. Grund: Der neue Präsident war wiederholt Opfer gezielter Indiskretionen geworden.

Für Niebaum und Meier tritt derweil der Super-GAU ein. Durch den Gerling-Deal hat die Krise eine neue Qualität erreicht. Sie hat das Bösenparkett verlassen und ist auf der Südtribüne angekommen. In den Internet-Foren, auf Seiten wie www.schwatzgelb.de oder www.westline.de, lassen Tausende Fans Dampf ab. Die schwarzgelbe Anhängerschaft ist auf dem Baum. Olaf Suplicki, stellvertretender Vorsitzender der von Rauball und Watzke befürworteten und nur einen Monat nach Rauballs Wahl zum Präsidenten gegründeten Fanabteilung, macht klar: „Es geht doch gar nicht darum, wer was mit der Marke BVB machen darf und wer was nicht darf. Es geht vielmehr darum, dass immer mehr Halb- und Unwahrheiten ans Tageslicht kommen. Und darum, dass wir 20 Jahre brauchen werden, um diesen Imageschaden zu reparieren. Was die Anhänger vor allem stört, ist die Tatsache, dass die Markenrechte im Sommer 2000 verpfändet wurden. Das heißt doch, dass Borussia schon vor dem Börsengang das Wasser bis zum Hals stand. Und es bedeutet, dass wir jahrelang an der Nase herumgeführt worden sind.“

4. Februar 2005 – Von Rasierwasser und Kaffeetassen

Reinhard Rauball gibt eine persönliche Erklärung ab, in der er seinen Verzicht auf eine Bezahlung erklärt. Auch deshalb, heißt es darin, „weil ich es unerträglich finde, dass in der Öffentlichkeit eine Verbindung hergestellt worden ist zwischen den erfolgten betriebsbedingten Kündigungen auf der einen und der mir angebotenen Entlohnung auf der anderen Seite“.

Niebaum und Meier l a s s e n mal wieder erklären – diesmal den Patent- und Markenrechtler Dr. Peter Ksoll. Der Experte bemängelt, dass die Begriffe „Markenrecht“ und „Recht am eigenen Vereinsnamen“ nicht trennscharf auseinander gehalten würden. Der BVB habe nicht seinen Namen und sein Logo verpfändet, sondern „Gerling vielmehr das Recht an bestimmten Marken sicherheitsübereignet“. Soweit die Wortklauberei. Dann wird Ksoll konkret: „Dies beinhaltet, dass Gerling Handelswaren oder die Verpackungen von Handelswaren mit den Marken versehen und vertreiben kann.“ Unter diesen Marken seien auch die Bezeichnungen „Borussia Dortmund“, „Borsigplatz“, „Borussia vom Borsigplatz“ und das BVB-Logo. Sollte die KGaA ihren Verpflichtungen aus der Vereinbarung mit Gerling nicht mehr nachkommen, „könnte Gerling nun hingehen, Produkte wie Rasierwasser, Krawatten, Kaffeetassen oder Aschenbecher“ mit einer dieser Marken versehen, auf eigene Rechnung verkaufen und Borussia im Merchandising-Geschäft Konkurrenz machen.

Der vermeintliche Ent- wird somit faktisch zum Belastungszeugen. Niebaum und Meier merken offenbar immer noch nicht, dass sie mit solchen wachsweichen Verlautbarungen und juristischen Spitzfindigkeiten alles nur schlimmer machen.

5. Februar 2005 – „Not for sale!“

Der BVB spielt in Hannover – und gewinnt 3:1. Die Fans feiern das Team und protestieren gegen die Geschäftsführung. „Not for sale“ steht auf einem überdimensionalen Spruchband. Nicht zu verkaufen. „Der Tropfen zu viel im Fass, jetzt spürt ihr unseren tiefsten Hass“ steht auf einem anderen. Auf unzähligen kleinereren Plakate steht „Niebaum raus“, „Meier raus“, „Es reicht“. Fußball ist Nebensache in der Hannoveraner AWD-Arena, durch die immer wieder derselbe Ruf hallt: „Niebaum, Meier, Pleitegeier!“

9. Februar 2005 – Niebaum geht, kommt aber nicht.

Auf dem Höhepunkt der emotionalen Aufwallungen irritiert die Sachlichkeit, der Erklärung, die Borussia Dortmund um 11.45 Uhr über ihren Presseverteiler verbreitet.

Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA, Dr. Gerd Niebaum, hat sein Amt mit Wirkung zum heutigen Tage niedergelegt und das dem Präsidenten des BVB, Dr. Reinhard Rauball, mitgeteilt.

Aus. Vorbei. Am Aschermittwoch. Der Vereinspräsident Niebaum hatte sich dem Druck längst gebeugt. Der Geschäftsführer folgt nun, Monate zu spät. „Ich habe mich im Hinblick auf die zur Zeit sehr emotional geführte Diskussion zu diesem Schritt entschlossen, um damit einen Beitrag zur Versachlichung der Situation zu leisten. Ich bedanke mich bei allen, die mich in meiner über 20-jährigen Tätigkeit für den BVB unterstützt haben. Als Borusse, der ich immer bleiben werde, wünsche ich dem BVB und allen Beteiligten in der Zukunft sowohl sportlichen Erfolg als auch ein gutes Gelingen der bereits eingeleiteten Schritte zur Lösung der wirtschaftlichen Probleme“, erklärt Niebaum.

Er erklärt es schriftlich. Persönlich stellt er sich nicht. Der Mann, der die große Bühne liebte, sich im Erfolg gerne inszeniert hat, sitzt nicht mit auf dem Podium des Presseraums, als Reinhard Rauball um 15.16 Uhr die Fakten vermeldet. „Er wollte nicht“, lautet die knappe Auskunft des Präsidenten auf die Frage, warum Niebaum nicht gekommen sei. Dass er Niebaum und seiner Familie persönlich alles Gute wünsche, lässt Rauball sich noch entlocken. Und dass die großen Erfolge der 90er Jahre für immer mit dem Namen Niebaum verbunden bleiben. Das ist dann aber auch schon alles. Keine weiteren Sentimentalitäten. Keiner da, der Trude Herrs Hymne für solche Momente auflegt: „Niemals geht man so ganz…“ – Niebaum geht ganz. Ein Stück von ihm bleibt hier. Erinnerungen an Triumphe, ein Berg aus Schulden.

Rauball hatte den nun Ex-Präsidenten und -Geschäftsführer am Vortag in der Schweiz kontaktiert, ihn über die anhaltenden Proteste der Fans unterrichtet und persönliche Gespräche vereinbart. Das Ergebnis ist das Ende einer Ära – und allen ist klar: Niebaum ist mit seinem Rücktritt dem Rauswurf durch den Präsidialausschuss zuvorgekommen.

Mehr als überfällig“ nennt Carsten Heise von der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Niebaums Rücktritt. Großaktionär Florian Homm lässt wissen: „Niebaum hat lange hervorragend gearbeitet. In den vergangenen Jahren allerdings ist er ein wenig überheblich geworden.“ Rauball schließt sich indirekt an. „Ich hatte nicht das Gefühl, das Homm und ich unterschiedlicher Auffassung waren.“

Unterschiedliche Meinungen gibt es sehr wohl zur Weiterbeschäftigung von Michael Meier. Auch der habe Rauball seine Demission angeboten. Doch der Klubchef habe abgelehnt, „da eine Kontinuität innerhalb des operativen Geschäfts (…) zwingend erforderlich ist, heißt es in einem schnörkellosen Fünfzeiler, den BVB-Pressesprecher Josef Schneck der Meldung vom Niebaum-Rückritt hinterher schickt. Zwei Mitteilungen in gleicher Sache – kein Zufall: Rauball trennt die Personalien Niebaum und Meier strikt. „Eine Loslösung der kompletten Geschäftsführung in der jetzigen Situation kann sich das Unternehmen nicht erlauben. Sie ist absolut undenkbar“, sagt er und kündigt für die Suche nach einem geeigneten Nachfolger an: „Ich sortiere alle Leute aus, die glauben, das sei ein unheimlich interessanter und schöner Job.“

Ob Meier tatsächlich seinen Rücktritt angeboten hat: Insider zweifeln und vermuten ein Strategiespiel. Durch Rauballs eindeutiges Bekenntnis soll der zweite Geschäftsführer aus der Schusslinie genommen werden. Dazu passt, dass Großaktionär Florian Homm tags darauf im ARD-Morgenmagazin nachlegt. Meier sei „keine Übergangslösung, sondern eine langfristige. Er macht einen Superjob und treibt das Konsolidierungsprogramm voran“.

Allein, die Fans wollen diese Botschaft nicht hören. Sie haben für den kommenden Samstag, vor dem Derby gegen den VfL Bochum, eine Demonstration vom Friedensplatz, dem Ort zahlreicher schwarzgelber Jubelfeiern, zum Westfalenstadion angemeldet und wollen an ihrem Vorhaben festhalten. Rauball möchte sie nach Niebaums Rücktritt dazu bewegen, die Kundgebung abzusagen. Die Fanabteilung vermittelt. Bis zum späten Abend laufen intensive Gespräche – um 22.20 Uhr liegt der Kompromissvorschlag auf dem Tisch: Meier soll von seinem Amt als geschäftsführendes Vorstandsmitglied im e.V. zurücktreten. „Das wäre letztlich nur ein Zugeständnis mit Symbolwert“, sagt Abteilungsvorsitzender Reinhard Beck. Rauball signalisiert: „Wenn das die Hürde ist, werde ich mit Michael Meier darüber reden.“ Was er noch am selben Abend tut. Unterdessen empfiehlt die Fanabteilung der Fangruppierung „The Unity“, die Demonstration abzusagen.

10. Februar 2005 – Meier fastet, verzichtet aber nicht

Was Michael Meier in der Nacht vom Aschermittwoch auf Donnerstag geträumt hat, bleibt sein Geheimnis. Fest steht: Als er am ersten Tag der Fastenzeit, in der Meier stets sieben Wochen lang Verzicht übt, wach wird, hat er beschlossen, auf eines ganz sicher nicht zu verzichten: sein Amt im e.V. – Ein Affront auch gegen Rauball, denn dessen mit den Fans ausgehandelter Kompromiss ist von einer Sekunde auf die andere dahin.

Die Entscheidung habe ich Michael Meier selbst überlassen. Er hat sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt gegen einen Rücktritt entschieden“, konstatiert der Präsident etwas zerknirscht. Meier präzisiert, warum er am Amt klebt: „Weil irgend jemand auch noch die Geschäfte im e.V. wahrnehmen muss. Damenhandball, Tischtennis, der Fußball-Nachwuchs: Das sind auch Abteilungen, um die sich jemand kümmern muss.“ Er habe überhaupt kein Problem damit, sich „auf der nächsten Mitgliederversammlung wieder beschimpfen zu lassen“ und sein Amt dann turnusmäßig an einen Nachfolger abzugeben. Die Formel „Fans fordern Rücktritt – Meier kuscht umgehend – sonst Demo“ funktioniere aber nicht.

Damit ist die neue Sachlage die alte. Jens Volke, Sprecher von „The Unity“, erklärt: „Die Kundgebung findet statt. Definitiv!“ Und der Vorstand der Fanabteilung stellt sich ihr nicht mehr in den Weg. „Ja – aufgrund der Entwicklung der letzten Monate und der Zuspitzung der letzten Tage muss die Demonstration sein. Ich sehe sie auch als Überdruckventil für die Anhänger. Da hat sich so viel Ärger aufgestaut, der muss raus!“, sagt Reinhard Beck. Gemeinsam mit Rauball appelliert er: Der Protest dürfe auf keinen Fall gegen die Mannschaft gehen. Im Stadion dürfe es nur noch bedingungslose Unterstützung geben. „Wer meint, er müsse dort 90 Minuten lang ‚Meier raus‘ brüllen, hat’s nicht kapiert“, erklärt Beck.

12. Februar 2005 – Demo „gegen Lügen und Intrigen“

Im Mai 2002 sind sie zuletzt zum Friedensplatz gepilgert, die Fans des BVB. Um einen Titel zu feiern, wie so oft zuvor. Knapp drei Jahre später versammeln sie sich erneut vor dem Dortmunder Rathaus. Doch nach Jubeln ist ihnen diesmal nicht zumute. Sondern nach Dampfablassen. Zwischen 1200 und 1500 BVB-Anhänger machen sich schließlich unter „Niebaum, Meier, Pleitegeier“-Sprechchören bei Regen und Sturm in geschlossener Formation auf den Weg zum Westfalenstadion. An der Spitze des Zuges wieder das breite Banner „Not for sale!“, das zum Symbol geworden ist für den Protest gegen Niebaum und Meier.

Letzterer hat einen sehr eigenen Interpretationsansatz und schürt damit neuerlichen Unmut: „Das sind nicht einfach überschäumende Emotionen von Leuten gewesen, die sich nichts dabei gedacht haben. Dahinter steckte eine Absicht. Das waren Fans, denen die Kommerzialisierung im Fußball zuwider ist. Und ich stehe als Manager für den Kommerz. Aber da gibt es keine einheitliche Meinung bei den Fans, das ist nur ein Teil, eine Strömung“, sagt Meier. Jens Volke, Initiator der Demo, schüttelt den Kopf. „Die Protestierenden sind ein breiter Querschnitt der Fanszene. Es geht heute nicht gegen die Kommerzialisierung, sondern gegen Lügen und Intrigen.“

15. Februar 2005 – Der neue Mann

Wieder Pressekonferenz im Stadion. Wieder Rauball. Diesmal nicht alleine. Neben ihm sitzt Hans-Joachim Watzke, bisher Schatzmeister des e.V., jetzt auch Geschäftsführer der KGaA. Bisher Niebaum-Kritiker, jetzt Niebaum-Nachfolger. Fünf Stunden lang hat der Präsidialauschuss im „hotellennhof“ beraten. Lediglich Dr. Henning Kreke, Vize-Präsident und Niebaum-Getreuer, habe sich der Stimme enthalten, ist zu erfahren. Während Niebaum in der Vergangenheit der Vorsitz der Geschäftsführung oblag, sollen Watzke und Meier fortan gleichberechtigt arbeiten.

Herr Watzke erhält einen Vertrag bis zum 31. Dezember 2006. Die Dotierung wurde den schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen angepasst. Ich würde sie ins untere Drittel der Geschäftsführerbezüge in der Bundesliga einordnen“, erklärt Rauball. Mehr noch: Der Marsberger Unternehmer (Watex Schutzbekleidungs-GmbH, 250 Mitarbeiter, rd. 20 Mio. Euro Jahresumsatz) verzichtet bis 30. Juni 2005 vollständig auf sein Salär. In seiner Firma nimmt er ab sofort nur noch eine passive Rolle ein, um sich hundertprozentig auf den BVB konzentrieren zu können. „Ich habe keine aufwändigen Hobbys, kein Ferienhaus, keine Yacht. Ich spiele nicht Golf und werde in diesem Jahr keinen Urlaub machen. Ich nehme mir in Dortmund eine Wohnung und arbeite rund um die Uhr für Borussia“, versichert Watzke.

17. Februar 2005 – „Eine existenzbedrohende Situation

Wieder Pressekonferenz im Stadion. Wieder Watzke. Diesmal ohne Rauball. Dafür mit Meier. Und Rölfs. Jochen Rölfs, Wirtschaftsberater. Sanierer. Schon seit dem 23. Dezember 2004, als die Öffentlichkeit noch die Metrum GmbH mit dieser Aufgabe betraut glaubte, sind er und seine Mitarbeiter damit beschäftigt, den BVB zu durchleuchten.

Am Vormittag bereits hat die KGaA in einer Ad-hoc-Meldung erklärt, sie befinde sich in einer „existenzbedrohenden Ertrags- und Finanzsituation“. Watzkes erste Amtshandlung als Geschäftsführer hätte wirklich erfreulicher sein können. Denn im Klartext bedeutet die Mitteilung: Verweigern die Gläubiger in den nächsten Tagen die Zustimmung zu einem weitreichenden Sanierungsprogramm, erarbeitet von der Düsseldorfer Wirtschaftsberatung RölfsPartner, droht mangels Liquidität die Insolvenz. Noch deutlicher: Der BVB steht mit beiden Füßen vor einem tiefen Abgrund – und könnte schon sehr bald einen Schritt weiter sein. Gewissermaßen auf den Spuren der Aktie, die 30 % verliert und ihre Talfahrt erst in der Nähe des Allzeittiefs (1,82 Euro) bei 1,88 Euro beendet. Bis zum Abend erholt sie sich wieder (2,19 Euro).

Nun sitzen sie auf dem Podium des Presseraums, links Watzke, in der Mitte Meier, rechts Rölfs, die Mienen versteinert, und leiten verbal den nackten Überlebenskampf der alten Dame Borussia ein. Der Charakter der Veranstaltung: spektakulär, dramatisch, gespenstisch. Über 100 Journalisten hören zu, gut ein Dutzend Kameras surren, als Meier gefragt wird, ob das von ihm geleitete Unternehmen noch liquide sei. Ein hilfloser Blick, zähe Sekunden peinlichen Schweigens, dann die Übergabe: „Herr Rölfs, antworten Sie…!“

Rölfs antwortet: „Lehnen die Gläubiger den Sanierungsplan ab, war’s das. Dann ist Schluss. Der BVB hat nichts mehr in der Hinterhand!“

Eine klare Ansage – dann übernimmt Meier wieder: „Die Gläubiger sollen nicht verzichten, sondern den Zeitraum ausdehnen und dafür eine entsprechende Verzinsung erhalten. Einige haben ihre Zustimmung signalisiert, drei müssen wir noch überzeugen“, sagt er. Es handelt sich um die Sparkasse Köln/Bonn, um den Grevener Bauunternehmer Albert Sahle und um die Anleger des Stadionfonds Molsiris.

Das Unternehmen Borussia Dortmund, sagt Meier, sei „sanierungsfähig, sanierungswürdig – und damit auch lizenzfähig“. Zwar sei bis 2006 mit einem weiteren Jahresfehlbetrag von 17 Mio. Euro zu rechnen. „Ab 2006 sollten wir aber in der Lage sein, dauerhaft Gewinne zu erzielen.“

Dann gibt die Geschäftsführung weitere Horrorzahlen bekannt. Unter Berücksichtung der Verluste aus den Vorjahren seien rund 79 % des eingezahlten Kapitals der Aktionäre in Höhe von 179,5 Mio. Euro „durch Verluste aufgezehrt“. Zudem gebe es keinen finanziellen Spielraum, um die Verpflichtungen in Höhe von 29,7 Mio. Euro im laufenden Halbjahr zu erfüllen. Falls Sanierungsmaßnahmen unterblieben, sei nach einem Fehlbetrag in Höhe von 27,2 Mio. Euro im Zeitraum 1. Juli bis 31. Dezember 2004 für das gesamte Geschäftsjahr mit 68,8 Mio. Euro Defizit zu rechnen. Der Schuldenberg würde im Planungszeitraum bis 30. Juni 2006 auf rund 135 Mio. Euro anwachsen.

Viel wahrscheinlicher aber ist, dass der BVB dieses Datum gar nicht mehr erleben würde. Die alte Dame Borussia würde ihr Leben aushauchen. Im 96. Jahr. „Sie starb in bitterer Armut“ würde auf ihrem Grabstein stehen. Und aus dem Jubelchor der Fans, „Olé, hier kommt der BVB“, würde ein Trauergesang. „Oh, je, hier geht der BVB!“

Weltuntergangsstimmung rund um den Borsigplatz. Nur Großaktionär Florian Homm gibt sich trotzig. „Im Falle einer Illiquidität ist Geld vorhanden – aber nur unter härtesten Bedingungen“, lässt er wissen. Und kündigt an: „Dann heißt der Verein demnächst eben FC Dortmund.“

Oh, je – geht hier der BVB?

18. Februar 2005 – Der Tag danach, ein Funke Hoffnung

Gläubigerversammlung im Westfalenstadion – Ergebnis: Eine Lösung der Krise rückt näher. Worlaut der Ad-hoc-meldung: „Die Finanzgläubiger einigten sich auf einen Kompromiss. Bis zum Geschäftsjahr 2006/07 wird ein Zins- und Tilgungsmoratorium für Altkredite der Finanzgläubiger eingeräumt.“ Sanierer Jochen Rölfs ist zufrieden und erleichtert. Zumal „wesentliche Finanzgläubiger“ (…) neue kurzfristige Liquidität zur Verfügung“ stellen. Künstlicher Sauerstoff, ohne den der Patient bis zum 14. März längst den Erstickungstod getsorben wäre. Und erst an diesem Tag können die Molsiris-Anleger das Bargelddepot freigeben. Wenn sie es denn wollen. Der BVB wird auf die Folter gespannt. Quälende vier Wochen lang.

Hingegen verständigt sich die KGaA mit der Sparkasse Köln/Bonn und dem Unternehmer Albert Sahle auf eine Stundung der Schulden. Sahle hatte dem BVB 15 Mio. Euro Flüssiggeld zur Verfügung gestellt. Im Gegenzug hatten Niebaum und Meier ihm, auch das kommt erst jetzt heraus, Transferrechte an Tomas Rosicky überschrieben. Auch der wertvollste Spieler gehört also nicht mehr dem BVB. Rosicky und sein Berater Pavel Paska reagieren empört: „Wir wussten von nichts!“ Was auch jetzt noch niemand erfährt: Die Rechte an Ewerthon und Christoph Metzelder hat sich Sahle ebenfalls als Sicherheit übertragen lassen. Als Ewerthon im Sommer 2005 für drei Millionen Euro zu Real Saragossa wechselt, fließt der Transfererlös in Sahles Geldschatulle.

28. Februar 2005 – Neuer Negativrekord

Das Restrukturierungsprogramm „Kon:ter“ der Beratungsfirma Metrum hatte im November 2004 für das gesamte Geschäftshalbjahr 2004/05 einen zu erwartenden Fehlbetrag in Höhe von 9 Mio. Euro genannt. Von der Realität war diese Zahl so weit entfernt wie Borussia Dortmund vom neuerlichen Gewinn der Champions League.

Allein im ersten Halbjahr (1. Juli bis 31. Dezember 2004) hat die KGaA 30,82 Mio. Euro Miese gemacht und damit das desaströse Ergebnis des Vorjahres (29,4 Mio. Euro) noch einmal in negativer Hinsicht übertroffen. Rechnet man die „Drohverlustrückstellung“ für den Fall einer Rückabwicklung des Gerling-Deals hinzu, ergibt sich sogar ein Ergebnis von –54,8 Mio. Euro. Wieder ein Minus-Rekord – und doch längst schwarzgelbe Normalität. „Das ist ja keine große Überraschung mehr“, sagt Michael Meier bei der Präsentation der Zahlen. Welch ein Zynismus – auch angesichts der anderen Zahlen. Das Eigenkapital ist binnen 24 Monaten von 152,6 (Ende 2002) über 119,9 (Ende 2003) auf 51,4 Mio. Euro (Ende 2004) gesunken. Die liquiden Mittel belaufen sich auf gerade 1,3 Mio. Euro – nach 72 Mio. zum 31. Dezember 2002 und 19 Mio. zum 31. Dezember 2003.

Jede Menge Zahlen. Jede einzelne ein Beweis für katastrophales Missmanagement.

Verlängerung:

22. März 2005 – Der Schlussstrich

Es ist der finale Akt, auf den Tag genau 15 Monate nach den ersten Enthüllungsberichten. Es ist auch das Ende einer Ära. Um 14.52 Uhr teilt Borussia Dortmund mit, dass der zum 30. Juni 2005 auslaufende Vertrag mit KGaA-Geschäftsführer Michael Meier nicht verlängert wird. Meier stellt zudem sein Amt als geschäftsführender Vorstand im e.V. zur Verfügung.

Ich wäre bereit gewesen, mich auch weiterhin in den Dienst der Borussia zu stellen“, so Meier. Doch Präsident Reinhard Rauball hat ihm am Morgen persönlich die Entscheidung des Präsidialausschusses überbracht. Er respektiere sie, sagt Meier, „auch wenn sie mir persönlich weh tut, denn der BVB war und ist für mich nie nur ein Job gewesen, sondern immer eine Herzensangelegenheit“. Wenn die Trennung dazu beitrage, die Stimmungslage bei den Fans zu beruhigen, sei der Schritt „sicherlich richtig“. Denn „unsere Fans sind das höchste Gut“. Er bedauere außerordentlich, „dass es zuletzt zu Dissonanzen mit einem Teil der Anhänger gekommen ist“.

Spürbar bewegt räumt Meier im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten ein, das alles sei „natürlich sehr emotional, das steckt man nicht so einfach weg“. Seine schönste Erinnerung: „Die Meisterschaft 1995. Diese Dankbarkeit der Menschen. Das hatte ich noch nie erlebt – und da wusste ich: Dafür lohnt es sich zu arbeiten. Das wirst du so nicht noch einmal finden.“

Der Präsidialausschuss würdigt ausdrücklich Meiers Verdienste, hält es aber „im Sinne eines kompletten Neuanfangs in der Geschäftsführung (…) für geboten, diesen Schritt zu vollziehen“. Die Fans reagieren mit Freude auf die Nachricht. „Ich hab‘ eine Flasche Sekt aufgemacht und mir am frühen Nachmittag ein kleines Gläschen gegönnt“, sagt Olaf Suplicki, 2. Vorsitzender der Fanabteilung. Der 1. Juli 2005 definiere den wahren Neuanfang beim BVB. „Dann sind die alten Seilschaften entfernt.“ Freude ja – Schadenfreude oder gar Häme nein. „Wir haben Herrn Meier gegenüber stets den Stil gewahrt und auch die Demo-Teilnehmer aufgefordert, ihre Kinderstube nicht zu vergessen. Ich möchte mich deshalb auch noch einmal bei Michael Meier bedanken, dass er sich in den vergangenen Wochen reingehängt hat, um die Sanierung mit einzuleiten.“

Watzke gibt den Sammer. Nur sympathisch!

Es hätten mal wieder zwei dieser Schulterklopfer-Treffen werden können. So wie in den vergangenen Jahren, als die stets an zwei aufeinanderfolgenden Tagen Ende November terminierten Versammlungen der Mitglieder von Borussia Dortmund und der Aktionäre der BVB KGaA im Überschwang sportlicher Erfolge und wirtschaftlicher Rekorde in voradventlicher Harmonie-Erbsensuppe ertranken.

Hätten. Werden. Können.

Schließlich steht der BVB in der Champions-League auf Platz eins der Gruppe und ist schon nach vier von sechs Spieltagen sicher für das Achtelfinale qualifiziert. Schließlich überwintern die Dortmunder auch im DFB-Pokal. Und schließlich – eine der größten Sportmanagement-Leistungen in Deutschland überhaupt – ist Borussia zehn Jahre nach der Quasi-Insolvenz vom Februar 2005 heute schuldenfrei und nicht nur das: Mit den neuen strategischen Partnern Puma, Evonik und Signal Iduna steht der Klub auch langfristig auf dem stabilsten Fundament ever. Everever!

Hätten. Werden. Können.

Wurden. Aber. Nicht.

Denn da gibt es ja dummerweise auch noch die Bundesliga. Das Kerngeschäft. Und da steht der BVB nach zwölf Spieltagen nicht auf Platz zwei oder drei. Auch nicht auf Platz 12 oder 13. Sondern auf Platz 16. Dem Relegationsplatz. Dem Platz, der nach 34 Spielen eine Saisonverlängerung bedeuten würde, die es zuletzt 1986 gab. Und auf die jeder verzichten kann.

Es gab also am Sonntag und heute in der Westfalenhalle keine Harmoniesuppe, sondern langen Hafer. Langen Hafer für die Mannschaft, die es nicht mehr kennt, auf so trockenem, spröden Zeug herum zu kauen. Der, der ihn verteilte, ist Vorstandsvorsitzender der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA. Er ist derjenige, der den BVB Ende 2004 gemeinsam mit Präsident Dr. Reinhard Rauball in nahezu aussichtsloser Situation übernahm und wieder in die nationale und sogar europäische Spitze führte. Er heißt Hans-Joachim Watzke – und er gab am Sonntag/Montag den Matthias Sammer. Den größten Kritiker in den eigenen Reihen. Den Mahner. Ein bisschen auch den Motzki. Nur in sympathisch. Watzke fand die richtigen Worte und – wichtiger noch – die richtige Tonlage. Wie man dem BVB-Boss überhaupt attestieren darf, dass er sich in den zurückliegenden Jahren zu einer echten „Rampensau“ entwickelt und – ob nun im Sport1-Doppelpass, ob im ZDF-Sportstudio oder bei Sky – durch seine sachlichen und humorvollen Auftritte viele Pluspunkte eingesammelt hat.

Einige KERNAUSSAGEN von Hans-Joachim Watzke . . .

. . . aus der MITGLIEDERVERSAMMLUNG

Zum Spiel in Paderborn:

„Es war gestern schon enttäuschend zu sehen, dass unsere Mannschaft in der ersten Halbzeit sehr souverän und sehr routiniert das Spiel bestimmt und dominiert hat und dann – und das ist ein Problem, darüber müsst Ihr (die Spieler/d. Autor) euch im Klaren sein –, möglicherweise in Erwartung eines sicheren Sieges so ein bisschen auf Verwaltungsmodus umschaltet. Das können wir uns in der jetzigen Situation als Borussia Dortmund an 15. Stelle einfach nicht leisten. Da müsst Ihr nachsetzen wie Ihr das früher gemacht habt. Dabei kann euch auch keiner helfen; kein Trainer, keiner von uns allen.“

Zur sportlichen Situation:

„Ich war diese Woche viel unterwegs, und auf jedem Flughafen der Welt sagen die Leute: ’Macht euch keine Gedanken. Ihr habt ’ne tolle Mannschaft, das wird schon wieder.’ – Glaubt das nicht, bitte! Denn wenn du nach zwölf Spieltagen in der Liga da stehst, wo wir jetzt stehen, waren das nicht bloß böse Mächte, sondern es war auch unser eigenes Verschulden.“

Zur Verantwortung der Mannschaft:

„Natürlich haben wir eine extrem gute Mannschaft, aber Ihr müsst es trotzdem jede Woche beweisen. Es muss für euch auch eine Verantwortung sein. Es muss für euch die Verantwortung sein, euch für uns alle, für euch, aber auch für alle bei Borussia Dortmund, wirklich die nächsten Wochen extremst zu konzentrieren, ganz konsequent zu sein. Denn wir müssen aus diesen Rängen der Bundesliga so schnell wie möglich raus!“

Zur Rückendeckung durch die Fans und Mitglieder:

„Und wenn Ihr, irgendwann, in absehbarer Zeit, der Eine oder Andere von euch, mal wieder mit dem Angebot eines anderen Vereins konfrontiert werdet, dann macht mal für einen Moment die Augen zu und denkt daran, wie ihr heute als Tabellenfünfzehnter von den BVB-Menschen empfangen worden seid.“

. . . aus der AKTIONÄRSVERSAMMLUNG

Zu aktuellen Misserfolgen und langfristigem Erfolg:

„Ich bin am Samstag mit einer gewissen Frustration aus Paderborn weggefahren, und das hat sich auch über Nacht nicht dramatisch verbessert. Aber dann habe ich zurückgeblickt auf das, was wir in den vergangenen zehn Jahren geschafft haben. Das ist ja zweifellos eine der größten Geschichten, die im Fußball je geschrieben wurden: von ganz, ganz unten, von Ground Zero nämlich, zu einem Klub zu werden, der wieder sportlichen Erfolg und keine Schulden mehr hat. Wenn man sich das vor Augen führt, gibt einem das doch wieder Kraft.“

Zur Mentalität von Borussia Dortmund:

„Der Weg des BVB war immer der Weg, den die Menschen im Ruhrgebiet generell gegangen sind. Er ist immer von mehr Schweiß getränkt worden als anderswo. Unser Fußball funktioniert über Laufbereitschaft und Kampfgeist. Wer glaubt, er müsse Fußball nur noch verwalten, der ist dann vielleicht an der falschen Stelle und muss woanders sein Glück suchen.“

(Beitragsbild: Screenshot vom Livestream auf bvb.de)