Und das Old Trafford sprach: Es werde Gott!

Im Champions-League-Halbfinale 1997 gegen Manchester United erlangte Jürgen Kohler seinen Legenden-Status. Durch eine aberwitzige Rettungsaktion und eine außerirdische Abwehrleistung.

Große Spieler prägen große Spiele. Helden und Legenden-Status aber erlangen auch die großen Spieler erst in den ganz großen Spielen. Dann, wenn es um Titel und Trophäen geht – und auf dem Weg dorthin. Jürgen Kohler war 1997 längst ein großer Spieler. Er war Welt- und Europameister, Deutscher und Italienischer Meister. Er musste sich und der Fußballwelt nichts mehr beweisen. Unsterblich aber machte sich Kohler am Abend des 23. April 1997. Auf der größten Bühne des Fußballs, im „Old Trafford“ von Manchester United, dem „Theatre of Dreams“, lieferte der Abwehrspieler eine außerirdische Leistung ab, die ihm bei den Fans den Beinamen „Fußball-Gott“ einbrachte. Seit einigen Wochen nun hat Kohler im schwarzgelben Fußball-Himmel einen zweiten Gott an seiner Seite: Sven Bender! Dass sich die Szenen, die man mit ihnen verbindet, extrem ähneln, ist kein Zufall, sondern sagt viel über den Charakter und die Persönlichkeit der beiden Spieler aus.

Meist sind es ja die Stürmer oder die Torhüter, die in großen Spielen zu Legenden werden. Auch in der Historie von Borussia Dortmund gibt es solche Heldengeschichten. Sie handeln von Stan Libuda, von Norbert Dickel und Lars Ricken, von Hans Tilkowski, Stefan Klos und Roman Weidenfeller. Zum Beispiel. Manchmal – und ganz besonders beim BVB – sind es aber auch die Verteidiger, die zur Legende werden. Das hat mit der Mentalität der Menschen im Ruhrgebiet zu tun. Damit, dass harte Arbeit hier besonders respektiert und wertgeschätzt wird. „Stopper“ Paul, „Hoppy“ Kurrat, „Knuuuuut“ Reinhardt und Günter „Kutte“ Kutowski sind solche Spieler.

Und Jürgen Kohler, Fußball-Gott!

Und „Manni“ Bender, Fußball-Gott!

Borussia Dortmund hatte das Hinspiel des Champions-League-Halbfinals 1997 gegen Manchester United durch ein Tor von René Tretschok mit 1:0 gewonnen. Stark ersatzgeschwächt. Stark ersatzgeschwächt trat das Team am 23. April auch zum Rückspiel im Old Trafford an. Und erhöhte bereits nach acht Minuten durch Ricken in der Addition auf 2:0. Drei Tore brauchte ManU, gespickt mit Stars wie Eric Cantona, David Beckham, Ryan Giggs und Paul Scholes, nun – und so spielte die Mannschaft von Alex Ferguson dann auch. Sie drehte auf. Sie drückte und drängte. Das Spiel wurde zur Abwehrschlacht. Und Jürgen Kohler wurde zum Turm.

Die Szene, die ihn zum „Fußball-Gott“ machte, ereignete sich in der 18. Minute. Ashley Cole brachte den Ball scharf vor das Tor, BVB-Keeper Stefan Klos bekam die Hand noch dazwischen, konnte aber nicht endgültig klären. Am langen Pfosten verlor Kohler das Gleichgewicht, fiel auf den Rücken – und Cantona musste nur noch einschieben. Eigentlich. Doch irgendwie brachte Kohler, auf dem Rücken liegend, den linken Fuß noch an den Ball. Eine irre Rettungstat, die stark an Benders gigantische Grätsche gegen Arjen Robbens Schuss im DFB-Pokal-Halbfinale erinnert.

„Dieses Spiel im Old Trafford war zweifellos eines der Highlights meiner Karriere“, sagt Jürgen Kohler rückblickend. „Es war ja auch nicht nur diese eine Szene. Ich weiß gar nicht, wie oft ich in den 90 Minuten in höchster Not habe retten müssen.“ Die Situation selbst hat er im Spiel kaum bewusst wahrgenommen. Wie Bender in München.

Sein Versuch einer Schilderung: „Ich schaue auf Cole und habe Eric Cantona aus dem Augenwinkel im Blick. Dann fälscht Stefan Klos die Hereingabe von Cole so ab, dass ich die Laufrichtung ändern muss. Ich strauchle und stürze. Ich liege am Boden. Ich sehe Eric Cantona über mir und denke: Versuch‘ irgendwas, um ihn zu irritieren und noch an den Ball zu kommen.“

Das Ergebnis war ein Wahnsinns-Reflex, der Borussia im Spiel hielt. Das 1:1 zu diesem Zeitpunkt hätte Old Trafford „explodieren“ lassen und dem Spiel vermutlich einen ganz anderen Spin gegeben. So aber verzweifelt ManU an Borussias Bollwerk und namentlich Eric Cantona an Jürgen Kohler und dessen Nebenmann Martin Kree. Am Ende, auch diese Erinnerung hat sich beim Fußball-Gott tief in die Festplatte seines Langzeit-Gedächtnisses eingebrannt, gab es fairen Applaus der englischen Fans für den Gegner aus Deutschland. „Wir wussten gar nicht recht, wie uns geschah“, sagt Kohler. „Die Engländer haben uns ihren Respekt bekundet.“

Für den Verteidiger, der aus der rustikalen Schule des SV Waldhof Mannheim hervorgegangen war und zuvor schon für große Klubs wie Bayern München und Juventus Turin gespielt hatte, wurde erst Dortmund zur Heimat und der BVB zur großen Liebe. Sieben Jahre lang, von 1995 bis 2002, spielte er für Borussia. „Ich war auf dem Platz nie ein Rastelli, sondern eher von der arbeitenden Zunft. Und ich bin ja nicht einmal im Ruhrgebiet geboren, aber ich habe dieselbe Mentalität wie die Menschen im Revier. Deshalb habe ich auch nie einen Gedanken daran verschwendet, noch einmal zu einem anderen Verein zu wechseln.“ Wichtiger, sagt Jürgen Kohler, sei ihm stets gewesen, etwas Bleibendes zu hinterlassen. „Diese Wärme, Wertschätzung und Zuneigung, aber auch diese Freude und Dankbarkeit, die ich in Dortmund gespürt habe, hätte ich an keinem anderen Ort dieser Welt vergleichbar noch einmal erleben können.“

Deshalb beendete Jürgen Kohler, der Fußball-Gott, seine Laufbahn 2002 beim BVB. Mit dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Mit tränenüberströmtem Gesicht bei der Verabschiedung gegen Werder Bremen. Und mit einer frühen Roten Karte vier Tage später im UEFA-Cup-Endspiel in Rotterdam gegen Feyenoord. Borussia verlor das Spiel – doch niemand, kein einziger Fan, hat Jürgen Kohler jemals auch nur einen Promillepunkt der Verantwortung zugewiesen. Ganz im Gegenteil: Als die Mannschaft nach ihrer Rückkehr auf dem offenen Truck durch Dortmund rollte, um die Meisterschaft mit den Fans nachzufeiern, stand Jürgen Kohler im Zentrum der Ovationen.

Und wenn er heute nach Dortmund kommt, dann sei das nicht, als ob er nach Hause komme. „Ich komme dann nach Hause. Ohne ‚als ob‘!“

Advertisements

Die alte Dame klingelte zur falschen Zeit

Juve also. Juventus Turin vs. Borussia Dortmund. Ein Europapokal-Klassiker der 1990er Jahre erlebt im Achtelfinale der Champions-League-Saison 2014/15 einen frischen Aufguss. Jener Klub, der seinerzeit im italienischen Fußball das Maß aller Dinge war und es nach (Bestechungs-)Skandalen, Zwangsabstieg und Wiederaufstieg inzwischen wieder ist, fordert jenen Klub heraus, der ihn damals fast leer gekauft hat. Stefan Reuter, Andreas Möller, Julio Cesar, Jürgen Kohler, Paulo Sousa – sie alle wechselten in der ersten Hälfte der 90er Jahre von Juventus zur Borussia. Mit dem einen, dem schönen Ergebnis, dass der BVB die „alte Dame“ Juve im CL-Finale 1997 besiegte. Und mit dem anderen, dem unschönen Ergebnis, dass Borussia wenige Jahre später quasi pleite war.

Die Geschichte der UEFA-Cup-Endspiele 1993 zwischen Juve und dem BVB könnt Ihr, reich bebildert, in meiner Westfalenstadion-Hommage „Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB“ nachlesen. Bestellen könnt Ihr das Buch unter den folgenden beiden Links. Wem die nackte Version reicht, der muss hier nur weiterlesen . . .

http://goo.gl/QLOC52

http://goo.gl/0WKSn5

Bor. Dortmund – Juventus Turin 1:3 (1:2)

(5. Mai 1993, UEFA-Pokal-Finale, Hinspiel)

Lediglich zweimal war Dortmunds Fußball-Oper in vier Jahrzehnten Schauplatz eines europäischen Endspiels. Das erste und einzige mit Beteiligung von Borussia Dortmund stieg am 5. Mai 1993. Es war zugleich der Auftakt zu einer Trilogie zwischen dem BVB und Italiens alter Dame Juventus Turin.

93 – 95 – 97

Im Rhythmus von zwei Jahren standen sich die beiden Klubs Mitte der 1990er dreimal auf höchstem Niveau gegenüber. 1993 setzte Juve sich in den damals noch zwei Finalspielen des UEFA-Cups, dem Vorgänger der heutigen Europa League, deutlich durch. 1995 im Halbfinale desselben Wettbewerbs war es erheblich enger. Und wieder hieß der Sieger Turin. Doch aller guten Dinge sind bekanntlich drei – und so entschied der BVB 1997 das hochwertigste der drei Duelle, das Endspiel der Champions League, für sich.

Im Mai 1993 war der BVB, der sich durch die Vizemeisterschaft gleich im ersten Jahr unter Trainer Ottmar Hitzfeld für den Wettbewerb qualifiziert hatte, letztlich nicht bereit für eine Herausforderung dieser Größenordnung. Das Team kroch personell auf dem Zahnfleisch. Matthias Sammer, im Winter von Inter Mailand an die Strobelallee gekommen, war international noch nicht für Borussia spielberechtigt. Stammlibero Ned Zelic war verletzt und musste durch Amateur Uwe Grauer ersetzt werden. Der war in den zehn UEFA-Cup-Spielen bis zum Finale zwar schon dreimal zum Einsatz gekommen – allerdings in Summe gerade einmal 22 Minuten: sechs gegen Celtic Glasgow, eine gegen AS Rom, 15 gegen AJ Auxerre. Und nun sollte er gegen eine der spielstärksten Offensivreihen Europas eine Abwehr organisieren, die völlig neu formiert war. Denn auch Michael Schulz und Günter Kutowski fehlten. „Kutte“ war vom europäischen Verband gleich für beide Finals gesperrt worden, weil er im Halbfinale gegen AJ Auxerre zunächst seine zweite gelbe Karte im Wettbewerb und anschließend auch noch Gelb-Rot gesehen hatte. Da Hitzfeld in der Offensive auch Flemming Povlsen ersetzen musste, sanken die Chancen auf den ersten internationalen Titel seit 1966 schon im Vorfeld auf ein rechnerisches Minimum.

Jammerschade, denn der BVB hatte bis dahin eine wirklich tolle Europapokal-Saison gespielt und sich den Finaleinzug redlich verdient. Dem standesgemäßen Erstrundensieg gegen die maltesischen Feierabend-Kicker des FC Floriana (1:0/A, 7:2 H) folgten ein umkämpftes Duell gegen Celtic Glasgow (1:0/H, 2:1/A) und ein Drittrunden-Erfolg gegen Real Saragossa, der letztlich souveräner war, als es die Ergebnisse (3:1/H, 1:2/A) zum Ausdruck brachten. Im Viertelfinale gegen AS Rom (mit dem deutschen Nationalspieler und späteren Dortmunder Thomas Häßler) drehte Borussia die 0:1-Auswärtsniederlage im Rückspiel vor eigenem Publikum mit 2:0 um (Tore: Michael Schulz, Thomas Sippel). Im Halbfinale schließlich legten sie gegen AJ Auxerre ein 2:0 vor. Steffen Karl (59.) und Michael Zorc (88.), der wenige Minuten zuvor noch mit einem Elfmeter am französischen Schlussmann Bruno Martini gescheitert war, schossen die Tore.

Das Rückspiel entwickelte sich zu einem der größten Dramen der schwarz-gelben Europacup-Historie. Auxerre ging früh in Führung und erzwang in der zweiten Halbzeit die Verlängerung. In der flog erst Günter Kutowski mit Gelb-Rot vom Platz (98.), neun Minuten später erwischte es auch AJ-Akteur Raphaël Guerreiro. Tore fielen auch bei Zehn-gegen-Zehn nicht mehr. Elfmeterschießen also – und auch das musste, nachdem die ersten zehn Schützen allesamt verwandelt hatten (Karl, Stephane Chapuisat, Knut Reinhardt, Schulz und Zorc für den BVB) in die Verlängerung. Dort traf Michael Rummenigge für die Westfalen, und Torwart Stefan Klos parierte gegen Stephane Mahé. Riesenjubel bei den Dortmundern, Riesenjubel auch in Dortmund, wo 20.000 Fans den Elfmeter-Krimi vor einer Großleinwand auf dem Friedensplatz verfolgten.

Und nun also Juventus Turin. Mit Trainerfuchs Giovanni Trapattoni. Mit dem Ballkünstler Roberto Baggio, den die UEFA später zu Europas Fußballer des Jahres 1993 kürte. Mit Dino Baggio. Mit Gianluca Vialli. Zwar nicht mehr mit Stefan Reuter, der ein Jahr zuvor bereits zum BVB gewechselt war. Dafür aber mit drei Spielern, die in den folgenden Jahren ebenfalls noch zum BVB wechseln sollten: Andreas Möller, Julio Cesar, Jürgen Kohler. Borussia Dortmund und Juventus Turin – das war in den 1990er Jahren nicht nur eine sportliche Rivalität, sondern auch eine florierende Geschäftsbeziehung. Der BVB-Vorstand Niebaum/Meier kaufte gerne bei den Norditalienern ein.

Das Duell wurde zu einer einseitigen Auseinandersetzung. „Wir hätten auch in Bestbesetzung Probleme gehabt“, räumte Ottmar Hitzfeld später ein. Das Improvisationstheater-Ensemble, das er im Hinspiel vor 37.000 Zuschauern auf den Platz schicken musste, hatte aber nicht nur Probleme. Es hatte Riesenprobleme. Wobei: nicht von Anfang an. Im Gegenteil. Der BVB erwischte einen Blitzstart, ging nach nur 61 Sekunden und feiner Vorarbeit von Reinhardt durch Rummenigge in Führung, setzte seinen Sturmlauf auch danach noch eine Weile fort. Wer weiß, ob Juve sich von dem Schock erholt hätte, wenn Michael Lusch das 2:0 gelungen wäre – der Ball strich um Zentimeter am linken Pfosten vorbei.

Hätte – wäre – wenn. Tatsächlich reichten den gnadenlos abgezockten Italienern drei Minuten, um das Finale zu ihren Gunsten zu kippen. Dino Baggio glich aus (27.), Roberto Baggio, mit seinem Namensvetter übrigens weder verwandt noch verschwägert, brachte die Gäste nach einer halben Stunde in Führung und legte eine Viertelstunde vor Schluss nach – 1:3. Der Drops war damit im Grunde schon gelutscht. „Die beiden Super-Baggios waren einfach nicht zu halten“, schwärmte die „Gazzetta dello Sport“. Und während Bundestrainer Berti Vogts höflich konstatierte, „ein 2:2 wäre auch gerecht gewesen“, gaben sich die Schwarz-Gelben realistisch. „Juve war eine Nummer zu groß“, sagte Torwart Klos. Manager Meier hatte Turin „eine Klasse besser“ gesehen. Und Trainer Hitzfeld musste einräumen: „Wir sind eiskalt ausgekontert worden.“

Vor dem Rückspiel im Stadio delle Alpi mussten dann auch Zorc und Chapuisat verletzungsbedingt passen. Noch vor der Pause erwischte es zudem Rummenigge. Es fehlte nicht viel, und Hitzfeld hätte Fußlahme mit Gehhilfe oder Rollator einwechseln müssen. Allerletzte Zweifel am Sieger räumte Dino Baggio nach nur fünf Minuten aus; kurz vor der Pause erhöhte er auf 2:0 – und ausgerechnet Möller, der Ex- und Bald-wieder-Dortmunder, setzte den Schlusspunkt (65.). Den 4.000 mitgereisten Fans war’s wurscht. Auch der Dauerregen störte sie nicht. Sie feierten trotzdem.

1:3 + 0:3 = 1:6. Die Endspiel-Gleichung war beinahe schon Mitleid erweckend. „Wir haben Juventus Turin, diese absolute Klassemannschaft, mit unserem ersatzgeschwächten Team definitiv zum falschen Zeitpunkt erwischt“, haderte Hitzfeld, der sich sein erstes ganz großes Finale natürlich anders vorgestellt hatte.

Als der BVB 1994/95 im UEFA-Cup-Halbfinale erneut auf Turin traf, hatten nach Reuter auch Möller und Cesar die Seiten gewechselt. Allein Kohler spielte noch für Juve. Möller war es auch, der Borussia im Hinspiel in Italien in der 71. Minute mit 2:1 in Führung brachte; Kohler glich zwei Minuten vor dem Schlusspfiff aus. Im Rückspiel war Cesar zum zwischenzeitlichen 1:1 für Dortmund erfolgreich. Doch wiederum war es Roberto Baggio, der mit seinem 2:1-Siegtor Juve ins Finale und Borussia aus dem Wettbewerb schoss. Und so fehlt der UEFA-Cup bis heute im Trophäenschrank des BVB.