Die alte Dame klingelte zur falschen Zeit

Juve also. Juventus Turin vs. Borussia Dortmund. Ein Europapokal-Klassiker der 1990er Jahre erlebt im Achtelfinale der Champions-League-Saison 2014/15 einen frischen Aufguss. Jener Klub, der seinerzeit im italienischen Fußball das Maß aller Dinge war und es nach (Bestechungs-)Skandalen, Zwangsabstieg und Wiederaufstieg inzwischen wieder ist, fordert jenen Klub heraus, der ihn damals fast leer gekauft hat. Stefan Reuter, Andreas Möller, Julio Cesar, Jürgen Kohler, Paulo Sousa – sie alle wechselten in der ersten Hälfte der 90er Jahre von Juventus zur Borussia. Mit dem einen, dem schönen Ergebnis, dass der BVB die „alte Dame“ Juve im CL-Finale 1997 besiegte. Und mit dem anderen, dem unschönen Ergebnis, dass Borussia wenige Jahre später quasi pleite war.

Die Geschichte der UEFA-Cup-Endspiele 1993 zwischen Juve und dem BVB könnt Ihr, reich bebildert, in meiner Westfalenstadion-Hommage „Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB“ nachlesen. Bestellen könnt Ihr das Buch unter den folgenden beiden Links. Wem die nackte Version reicht, der muss hier nur weiterlesen . . .

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Bor. Dortmund – Juventus Turin 1:3 (1:2)

(5. Mai 1993, UEFA-Pokal-Finale, Hinspiel)

Lediglich zweimal war Dortmunds Fußball-Oper in vier Jahrzehnten Schauplatz eines europäischen Endspiels. Das erste und einzige mit Beteiligung von Borussia Dortmund stieg am 5. Mai 1993. Es war zugleich der Auftakt zu einer Trilogie zwischen dem BVB und Italiens alter Dame Juventus Turin.

93 – 95 – 97

Im Rhythmus von zwei Jahren standen sich die beiden Klubs Mitte der 1990er dreimal auf höchstem Niveau gegenüber. 1993 setzte Juve sich in den damals noch zwei Finalspielen des UEFA-Cups, dem Vorgänger der heutigen Europa League, deutlich durch. 1995 im Halbfinale desselben Wettbewerbs war es erheblich enger. Und wieder hieß der Sieger Turin. Doch aller guten Dinge sind bekanntlich drei – und so entschied der BVB 1997 das hochwertigste der drei Duelle, das Endspiel der Champions League, für sich.

Im Mai 1993 war der BVB, der sich durch die Vizemeisterschaft gleich im ersten Jahr unter Trainer Ottmar Hitzfeld für den Wettbewerb qualifiziert hatte, letztlich nicht bereit für eine Herausforderung dieser Größenordnung. Das Team kroch personell auf dem Zahnfleisch. Matthias Sammer, im Winter von Inter Mailand an die Strobelallee gekommen, war international noch nicht für Borussia spielberechtigt. Stammlibero Ned Zelic war verletzt und musste durch Amateur Uwe Grauer ersetzt werden. Der war in den zehn UEFA-Cup-Spielen bis zum Finale zwar schon dreimal zum Einsatz gekommen – allerdings in Summe gerade einmal 22 Minuten: sechs gegen Celtic Glasgow, eine gegen AS Rom, 15 gegen AJ Auxerre. Und nun sollte er gegen eine der spielstärksten Offensivreihen Europas eine Abwehr organisieren, die völlig neu formiert war. Denn auch Michael Schulz und Günter Kutowski fehlten. „Kutte“ war vom europäischen Verband gleich für beide Finals gesperrt worden, weil er im Halbfinale gegen AJ Auxerre zunächst seine zweite gelbe Karte im Wettbewerb und anschließend auch noch Gelb-Rot gesehen hatte. Da Hitzfeld in der Offensive auch Flemming Povlsen ersetzen musste, sanken die Chancen auf den ersten internationalen Titel seit 1966 schon im Vorfeld auf ein rechnerisches Minimum.

Jammerschade, denn der BVB hatte bis dahin eine wirklich tolle Europapokal-Saison gespielt und sich den Finaleinzug redlich verdient. Dem standesgemäßen Erstrundensieg gegen die maltesischen Feierabend-Kicker des FC Floriana (1:0/A, 7:2 H) folgten ein umkämpftes Duell gegen Celtic Glasgow (1:0/H, 2:1/A) und ein Drittrunden-Erfolg gegen Real Saragossa, der letztlich souveräner war, als es die Ergebnisse (3:1/H, 1:2/A) zum Ausdruck brachten. Im Viertelfinale gegen AS Rom (mit dem deutschen Nationalspieler und späteren Dortmunder Thomas Häßler) drehte Borussia die 0:1-Auswärtsniederlage im Rückspiel vor eigenem Publikum mit 2:0 um (Tore: Michael Schulz, Thomas Sippel). Im Halbfinale schließlich legten sie gegen AJ Auxerre ein 2:0 vor. Steffen Karl (59.) und Michael Zorc (88.), der wenige Minuten zuvor noch mit einem Elfmeter am französischen Schlussmann Bruno Martini gescheitert war, schossen die Tore.

Das Rückspiel entwickelte sich zu einem der größten Dramen der schwarz-gelben Europacup-Historie. Auxerre ging früh in Führung und erzwang in der zweiten Halbzeit die Verlängerung. In der flog erst Günter Kutowski mit Gelb-Rot vom Platz (98.), neun Minuten später erwischte es auch AJ-Akteur Raphaël Guerreiro. Tore fielen auch bei Zehn-gegen-Zehn nicht mehr. Elfmeterschießen also – und auch das musste, nachdem die ersten zehn Schützen allesamt verwandelt hatten (Karl, Stephane Chapuisat, Knut Reinhardt, Schulz und Zorc für den BVB) in die Verlängerung. Dort traf Michael Rummenigge für die Westfalen, und Torwart Stefan Klos parierte gegen Stephane Mahé. Riesenjubel bei den Dortmundern, Riesenjubel auch in Dortmund, wo 20.000 Fans den Elfmeter-Krimi vor einer Großleinwand auf dem Friedensplatz verfolgten.

Und nun also Juventus Turin. Mit Trainerfuchs Giovanni Trapattoni. Mit dem Ballkünstler Roberto Baggio, den die UEFA später zu Europas Fußballer des Jahres 1993 kürte. Mit Dino Baggio. Mit Gianluca Vialli. Zwar nicht mehr mit Stefan Reuter, der ein Jahr zuvor bereits zum BVB gewechselt war. Dafür aber mit drei Spielern, die in den folgenden Jahren ebenfalls noch zum BVB wechseln sollten: Andreas Möller, Julio Cesar, Jürgen Kohler. Borussia Dortmund und Juventus Turin – das war in den 1990er Jahren nicht nur eine sportliche Rivalität, sondern auch eine florierende Geschäftsbeziehung. Der BVB-Vorstand Niebaum/Meier kaufte gerne bei den Norditalienern ein.

Das Duell wurde zu einer einseitigen Auseinandersetzung. „Wir hätten auch in Bestbesetzung Probleme gehabt“, räumte Ottmar Hitzfeld später ein. Das Improvisationstheater-Ensemble, das er im Hinspiel vor 37.000 Zuschauern auf den Platz schicken musste, hatte aber nicht nur Probleme. Es hatte Riesenprobleme. Wobei: nicht von Anfang an. Im Gegenteil. Der BVB erwischte einen Blitzstart, ging nach nur 61 Sekunden und feiner Vorarbeit von Reinhardt durch Rummenigge in Führung, setzte seinen Sturmlauf auch danach noch eine Weile fort. Wer weiß, ob Juve sich von dem Schock erholt hätte, wenn Michael Lusch das 2:0 gelungen wäre – der Ball strich um Zentimeter am linken Pfosten vorbei.

Hätte – wäre – wenn. Tatsächlich reichten den gnadenlos abgezockten Italienern drei Minuten, um das Finale zu ihren Gunsten zu kippen. Dino Baggio glich aus (27.), Roberto Baggio, mit seinem Namensvetter übrigens weder verwandt noch verschwägert, brachte die Gäste nach einer halben Stunde in Führung und legte eine Viertelstunde vor Schluss nach – 1:3. Der Drops war damit im Grunde schon gelutscht. „Die beiden Super-Baggios waren einfach nicht zu halten“, schwärmte die „Gazzetta dello Sport“. Und während Bundestrainer Berti Vogts höflich konstatierte, „ein 2:2 wäre auch gerecht gewesen“, gaben sich die Schwarz-Gelben realistisch. „Juve war eine Nummer zu groß“, sagte Torwart Klos. Manager Meier hatte Turin „eine Klasse besser“ gesehen. Und Trainer Hitzfeld musste einräumen: „Wir sind eiskalt ausgekontert worden.“

Vor dem Rückspiel im Stadio delle Alpi mussten dann auch Zorc und Chapuisat verletzungsbedingt passen. Noch vor der Pause erwischte es zudem Rummenigge. Es fehlte nicht viel, und Hitzfeld hätte Fußlahme mit Gehhilfe oder Rollator einwechseln müssen. Allerletzte Zweifel am Sieger räumte Dino Baggio nach nur fünf Minuten aus; kurz vor der Pause erhöhte er auf 2:0 – und ausgerechnet Möller, der Ex- und Bald-wieder-Dortmunder, setzte den Schlusspunkt (65.). Den 4.000 mitgereisten Fans war’s wurscht. Auch der Dauerregen störte sie nicht. Sie feierten trotzdem.

1:3 + 0:3 = 1:6. Die Endspiel-Gleichung war beinahe schon Mitleid erweckend. „Wir haben Juventus Turin, diese absolute Klassemannschaft, mit unserem ersatzgeschwächten Team definitiv zum falschen Zeitpunkt erwischt“, haderte Hitzfeld, der sich sein erstes ganz großes Finale natürlich anders vorgestellt hatte.

Als der BVB 1994/95 im UEFA-Cup-Halbfinale erneut auf Turin traf, hatten nach Reuter auch Möller und Cesar die Seiten gewechselt. Allein Kohler spielte noch für Juve. Möller war es auch, der Borussia im Hinspiel in Italien in der 71. Minute mit 2:1 in Führung brachte; Kohler glich zwei Minuten vor dem Schlusspfiff aus. Im Rückspiel war Cesar zum zwischenzeitlichen 1:1 für Dortmund erfolgreich. Doch wiederum war es Roberto Baggio, der mit seinem 2:1-Siegtor Juve ins Finale und Borussia aus dem Wettbewerb schoss. Und so fehlt der UEFA-Cup bis heute im Trophäenschrank des BVB.

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Vor 20 Jahren: Ricken müsste schießen – Ricken schießt – Toooooooooor!!!

Die fabelhafte Fußballliebhaber-App "MitPicke", die Ihr kostenlos downloaden könnt, hat zu den "Wunder"-Spielen BVB - La Coruna und BVB - Malaga ein umfangreiches Themenpaket geschnürt.

Die fabelhafte Fußballliebhaber-App „MitPicke“, die Ihr kostenlos downloaden könnt, hat zu den „Wunder“-Spielen BVB – La Coruna und BVB – Malaga ein umfangreiches Themenpaket geschnürt.

Dortmund im Spätherbst 2014 – eine Stadt trägt Grau. Die sportliche Talfahrt des BVB hat sich in den zurückliegenden Wochen wie ein Depressivum über die Stimmung der Menschen gelegt. Ein wenig wirkt es, als hätten sie, wie einst Timm Thaler, ihr Lachen verkauft.

Auf der Suche nach Erfolgserlebnissen müssen Fans dieser Tage in ihren Erinnerungen kramen. Dort werden sie reichlich fündig – zum Beispiel am 6. Dezember 1994. Nikolaus vor exakt 20 Jahren erlebte das Westfalenstadion eines jener Spiele, die als „legendär“ in die Klubgeschichte eingingen. „La Coruna“ und „Lars Ricken“ – mehr muss man gar nicht sagen . . .

Aus Anlass des Jubiläums habe ich das „La-Coruna-Kapitel“ aus meinem Buch „Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB“ als Blogbeitrag eingestellt. Und wenn Ihr weiter herunterscrollt oder auf den folgenden Link klickt, findet Ihr dort unter der Überschrift „Selbst Julio Cesar ist völlig ausgerastet“ auch den Gastbeitrag von Lars Ricken. http://goo.gl/v9Vjzh

Das Buch ist, nebenbei bemerkt, zauberhaftes Weihnachtsgeschenk für BVB-Fans. Bestellen könnt Ihr es z.B. unter http://goo.gl/0WKSn5 und http://goo.gl/QLOC52

BORUSSIA DORTMUND – DEPORTIVO LA CORUNA 3:1 n.V. (1:0, 0:0)

(6. Dezember 1994, UEFA-Cup-Achtelfinale, Rückspiel)

18 ½ Jahre lang galt die Partie gegen La Coruna als der „Hitchcock“ unter den Europapokal-Krimis auf Dortmunder Boden. 18 ½ Jahre – dann kamen die legendären 69 Sekunden im Champions-League-Halbfinale 2012/13 gegen den FC Malaga. Heute genießen beide Begegnungen Kultstatus. Was sie verbindet, ist die hoch dramatische Schlussphase mit zwei ganz späten Treffern und einer nicht mehr für möglich gehaltenen Wendung. Viele Fans, die auch andere große Duelle der Borussia live im Stadion miterlebt haben, beschreiben dennoch das Rückspiel im UEFA-Cup-Achtelfinale der Saison 1994/95 gegen den spanischen Vertreter Deportivo La Coruna als  e i n e n  Allzeit-Höhepunkt.

Beispielhaft zwei kurze Schilderungen aus dem Forum des Internet-Fanzines schwatzgelb.de. Dort schreibt ein User mit dem Nickname . . .

. . . Rupo:

„Ich war 28, mit Kumpels im 11er (Block 11, Südtribüne/Anm. des Autors) und bekomme jedesmal Gänsehaut, wenn ich an den Moment denke, als Bodo Schmidt den Ball gegen das Schienbein bekommt, der Ball nach rechts (von uns aus nach links) rollt, Ricken ihn aufnimmt, Riedle in der Mitte startet, Ricken das völlig egal ist . . . er abzieht (da wussten wir, datt Dingen passt), die Murmel unter der Latte einschlägt, hinter die Linie, Ricken abdreht nach rechts – und wir nach unten auf der Süd 😉 . . . Ich werde DIESES TOR niemals in meinem ganzen Leben vergessen!“

Und auch für Searcher 78 hat sich dieses Spiel, als Vater-Sohn-Erlebnis, für alle Zeiten im Gedächtnis festgefressen:

„Nach dem 1:1 war ich total geknickt, quasi alle Hoffnung verloren. Ich war zu dem Zeitpunkt 16. Neben mir saßen mein Vater und mein Onkel. Als die Spanier noch feiern, meint mein Vater ganz trocken: „Keine Sorge, die packen das noch!“ Ich hab’ ihn ungläubig angeguckt und er war sich wirklich absolut sicher. Dann vergingen die Minuten und das Ende der Verlängerung rückte immer näher. Mein Onkel, der am nächsten Tag sehr früh arbeiten musste, hatte sich auf den Weg Richtung Parkplatz gemacht – ein folgenschwerer Fehler. Die letzten Minuten sind halt Legende, mein Onkel hat beim Jubel zum 2:1 noch überlegt, ob er schnell zurück laufen soll, aber was sollte in den paar Minuten dann schon passieren. Kurze Zeit später ist er beim Ohren betäubenden Jubel, der hinter ihm erklang, vor einen Baum gelaufen und hat sich eine ziemliche Beule geholt. Im Stadion stand mein Vater neben mir mit Tränen in den Augen: ‚Hab’ ich doch gesagt!’ Für mich DAS Spiel überhaupt, ich weiß nicht, wie viele hundert Male ich mit meinem Vater an genau diese letzten Minuten zurück gedacht habe . . ., na ja, seit einiger Zeit denke ich alleine an dieses Spiel zurück, aber ich hoffe, irgendwann einmal meinen Kindern davon erzählen zu können. Ich war auch beim Champions-League-Finale in München und hab’ alle Meisterschaften im Stadion erlebt, aber ich glaube, dieses Spiel wird mir von allen am meisten in Erinnerung bleiben.“

Der deutsch-spanische Liga-Gipfel

Das Duell zwischen Borussia Dortmund und Deportivo La Coruna war im Herbst 1994 nicht irgendein Duell zwischen einem Bundesligisten und einem Primera-Division-Klub. Es war sozusagen der deutsch-spanische Liga-Gipfel. Der BVB, von Präsident Dr. Gerd Niebaum und Manager Michael Meier in den Jahren zuvor mit gigantischem Finanzaufwand und den Italien-Rückkehrern Matthias Sammer, Andreas Möller, Karlheinz Riedle, Stefan Reuter sowie mit Julio Cesar, Flemming Povlsen und Stéphane Chapuisat hochgerüstet, führte die Bundesliga-Tabelle souverän an. Am Ende der Saison sollte der erste Deutsche Meistertitel nach 32-jähriger Durststrecke stehen.

La Coruna wiederum stieg ab Anfang der 1990er Jahre in den Kreis der spanischen Spitzenteams auf und krönte diese Entwicklung mit der Meisterschaft 2000 sowie den Pokalsiegen 1995 und 2002 – ehe es, wie in Dortmund nach der 2002er Meisterschaft, wieder bergab ging. 1992/93 hatten sich die Galizier als Dritter hinter dem FC Barcelona und Real Madrid erstmals für einen europäischen Wettbewerb qualifiziert und waren ein Jahr später punktgleich nur aufgrund des etwas schlechteren Torverhältnisses hinter Barca spanischer Vizemeister geworden. Zum Zeitpunkt des Aufeinandertreffens mit dem BVB lag Deportivo gleichauf mit Real Saragossa und Real Madrid an der Tabellenspitze der Primera Division.

Bebeto entscheidet das Hinspiel zugunsten von La Coruna

Da trafen also keine No-Name-Teams aufeinander, sondern zwei aufstrebende Top-Klubs mit Top-Leuten. Der bekannteste im Kader von La Coruna: Bebeto, brasilianischer Nationalspieler, als Sturmpartner von Romario frischgebackener Weltmeister, spanischer Torschützenkönig – und Schütze des 1:0 im Hinspiel gegen den BVB. Da pflasterte er das Leder schon nach 23 Minuten unhaltbar in den Winkel. Dortmund hatte in der Folge Glück, dass Stefan Klos einige tolle Paraden zeigte und der Schweizer Unparteiische Serge Muhmenthaler einem weiteren Treffer der Spanier wegen angeblicher Abseitsposition zu Unrecht die Anerkennung verweigerte. Dortmund hatte aber auch Pech bei einem Lattenkracher von Sammer und einer weiteren Fehlentscheidung des Schiedsrichters, der bei Chapuisats vermeintlichem Ausgleich ebenfalls auf Abseits entschied. Auch damit lag er daneben.

Der BVB musste 14 Tage später, am Nikolausabend, im eigenen Stadion also einen Rückstand umbiegen. Dass er das konnte, hatte er zuvor bereits bewiesen, denn nach glanzlosen Erstrunden-Erfolgen gegen den FC Motherwell aus Schottland (1:0/H, 2:0/A) setzte es in Runde zwei bei Slovan Bratislava eine 1:2-Niederlage. Riedle (2) und Möller sorgten im Rückspiel beim 3:0 für klare Verhältnisse.

Zorc gleicht im Rückspiel aus – doch in der Verlängerung spricht ALLES für die Spanier

La Coruna allerdings war ungleich schwerer zu knacken, und so dauerte es auch bis zur 50. Minute, ehe Michael Zorc mit dem 1:0 in der Addition beider Spiele der Ausgleich gelang. Zweimal trafen die Iberer in der Folge durch Fran (59.) und Salinas (68.) die Latte; der BVB wurde von Borussia zu Fortuna Dortmund. Es ging in die Verlängerung, und in der hatte Deportivo das Geschehen nicht nur im Griff – der Gast holte in der 102. Minute auch zum scheinbar finalen Schlag aus, als Alfredo nach einem Sensationslupfer plötzlich frei vor Klos auftauchte und den Ball zum 1:1 über den Keeper hinweg ins lange Eck setzte. Schockstarre auf den Rängen. Nun benötigte das Team von Ottmar Hitzfeld wieder zwei Tore – und es waren nur noch 18 Minuten zu spielen. Dann 15 . . . 10 . . . 7, 6, 5.

„Ich habe den Spielern schon oft gepredigt, dass selbst zwei Minuten vor dem Ende nichts entschieden und ein Wunder im Fußball immer möglich ist“, sagte Hitzfeld später. Ob der BVB-Trainer auch daran geglaubt hat, sagte er nicht.

Fünf Minuten vor Schluss fehlen dem BVB zwei Treffer. Viele Zuschauer gehen schon . . .

Die meisten Zuschauer jedenfalls hatten den Glauben und die Hoffnung verloren; viele hatten sich bereits auf den Heimweg gemacht und die Sitzreihen auf den Tribünen ließen deutliche Lücken erkennen, als Sammer im Mittelfeld in wilder Entschlossenheit den Ball eroberte, Möller in den Strafraum flankte und wer sonst als „Air“ Riedle zum 2:1 vollendete. Es war die 116. Minute. Nur noch ein Tor. Und noch 4 Minuten . . . 3, 2 . . . Noch ein letztes Mal der BVB. Bodo Schmidt, der Manndecker, fräste sich in zentraler Position durch den spanischen Beton, von seinem Schienbein prallte der Ball Lars Ricken vor die Füße. Der 18-Jährige, als Joker eingewechselt, guckte nicht rechts und nicht links. Er schaute in den Tunnel, und am Ende des Tunnels stand das Tor.

. . . und verpassen eines der „Wunder von Dortmund“

Manch einer unter den älteren Zuschauern mag sich in diesem Moment an Herbert Zimmermanns Live-Reportage vom WM-Endspiel 1954 zwischen Deutschland und Ungarn erinnert haben. An sein Unvergessenes „Rahn müsste schießen – Rahn schießt . . .“ Rahn hieß diesmal Ricken. Ricken musste schießen – Ricken schoss – und der Rest klang 1994 im Dortmunder Westfalenstadion genau so wie 40 Jahre zuvor im Berner Wankdorfstadion: „Tooooor!!!“ Mit dem rechten Fuß nagelte Ricken den Ball aus zehn Metern Entfernung via Lattenunterkante ins Netz. Ein Schuss mitten ins pure Glück.

BVB-Fan Vito_Corleone erinnert sich auf schwatzgelb.de:

„Die Süd explodiert, aber es ist keine einfache Explosion, keine Verpuffung. Die Süd bebt wie ich es noch NIE davor und NIE danach erlebt habe. Die Explosion dauert minutenlang, so stelle ich mir einen Multiorgasmus vor, hier multipliziert durch die Tausende auf der Süd, die im gleichen Moment so etwas Unbeschreibliches erleben.“

Sammer fand nicht so schöne Worte, gestand aber mit reichlich Pathos: „Dieses Ergebnis hat bei mir unglaubliche Emotionen freigesetzt. Vergleichbares habe ich erst zweimal erlebt: Beim Gewinn der Deutschen Meisterschaft mit Stuttgart und bei der Geburt meiner Tochter Sarah.“ Hitzfeld versuchte das wundersame Geschehen medizinisch zu diagnostizieren: „Wir waren klinisch fast tot, aber mit den allerletzten Herzschlägen haben wir uns aufgerappelt und ein anatomisches Wunder geschafft.“

Für Ricken, der das Angebot seines Trainers, ihm eine Entschuldigung zu schreiben, nicht annahm und stattdessen am nächsten Morgen brav die Schulbank drückte, war es das erste von mehreren legendären Europapokal-Toren. 1996/97 gegen Manchester United schoss er den BVB mit seinem goldenen Tor in Old Trafford ins Finale von München. Dort erzielte Ricken mit seinem 30-Meter-Heber zum 3:1-Endstand gegen Juventus Turin jenen Treffer, den die Fans von Borussia Dortmund anlässlich des 100-jährigen Bestehens im Jahr 2009 zum „Tor des Jahrhunderts“ wählten.

Die Europapokal-Saison 1994/95 trug Borussia Dortmund über Lazio Rom (0:1/A, 2:0/H – wieder durch ein Last-Minute-Tor, diesmal von Riedle) noch bis ins Halbfinale. Dort war Juventus Turin, wie schon in den 1993er UEFA-Cup-Endspielen, eine Nummer zu groß.

An den Jubelorkan vom 3:1 gegen Deportivo La Coruna kam lange Zeit kein Heimtor mehr heran. Erst Ewerthons 2:1-Meistertreffer gegen Werder Bremen am 4. Mai 2002 erreichte wieder vergleichbare Dezibelstärken und löste Vibrationsalarm auf der Südtribüne aus.

Brutal Stark ausgebremst

Ich bin ein großer Freund der Selbstkritik. Wenn’s nicht so läuft wie’s eigentlich sollte, ist man gut beraten, die Gründe dafür zuerst bei sich selbst und erst dann bei anderen zu suchen. Das gilt im Sport wie in allen Lebenslagen.
Borussia Dortmund hat die Fähigkeit zur Selbstkritik in den zurückliegenden Monaten unter Beweis gestellt. Die Verantwortlichen haben das bislang völlig indiskutable Abschneiden in der Fußball-Bundesliga intern analysiert, haben keine Keile zwischen sich treiben lassen, sind vielmehr noch ein weniger enger zusammengerückt – wenn das bei Hans-Joachim Watzke, Michael Zorc und Jürgen Klopp denn überhaupt noch möglich ist. Sie haben keinen Voodoo-Zauber, keinen bösen Fluch oder gar unfreundliche Schiedsrichter als Ursache ausgemacht, sondern neben gigantischem Verletzungspech auch eigene Fehler und Versäumnisse im Spiel.
So weit – so gut. Irgendwann aber stößt du mit der Fehlersuche in den eigenen Reihen an Grenzen. Dann nämlich, wenn ganz offenkundig andere die Fehler machen, die dir selbst Probleme bescheren. Und so wird dem BVB der Blick auf eigene Versäumnisse nach dem enttäuschenden 2:2 in Paderborn wenig weiterhelfen. Hinweise wie „Wer als Vizemeister und Champions-League-Teilnehmer bei einem Aufsteiger eine 2:0-Führung verspielt, ist selbst Schuld“, die gestern in Online-Foren und sozialen Medien schnell die Runde machten, sind so richtig wie sie in diesem konkreten Fall falsch sind.
Denn Borussia Dortmund hat die 2:0-Führung nicht verspielt. Sie wurde ihm verspielt. Vom Schiedsrichter. Von Wolfgang Stark.
Keine Frage: Es ist schwer verständlich, dass der BVB, der die erste Halbzeit komplett dominiert und kontrolliert hatte, nach der Pause 15 Minuten lang die Zügel schleifen, Paderborn ins Spiel und zum 1:2-Anschlusstreffer kommen ließ. An dieser Stelle muss Jürgen Klopp dringend den Hebel ansetzen, zumal solche Spielentwicklungen durchaus ein Muster aufweisen. Wie auch die Schwäche bei Standardsituationen, den eigenen wie den gegnerischen, ein Muster ist, an dessen Behebung man arbeiten kann und muss.

Die beiden entscheidenden Szenen aber beurteilten Wolfgang Stark und seine Assistenten falsch.

ERSTENS: Das brutale Foul, mit dem Marvin Bakalorz BVB-Stürmer Marco Reus vom Spielfeld direkt ins Krankenhaus grätschte, hätte zwingend einen Platzverweis zur Folge haben müssen. Stark selber sah das nach Ansicht der TV-Bilder so, und jede Diskussion darüber, ob eine Rote Karte die angemessene Strafe gewesen wäre, ist lächerlich. Angemessen wäre nach solchen Aktionen ohnehin nur eine Strafe: Den Verursacher so lange zu sperren wie der Gefoulte verletzungsbedingt ausfällt. Fakt ist jedenfalls: Paderborn hätte am Samstag ab der 65. Minute in Unterzahl spielen müssen.
Für Marco Reus ist es die dritte schwere Knöchelverletzung binnen weniger Monate, und mancher Fan wird sich an zwei andere brutale Fouls erinnert haben. 1999 grätschte der Bielefelder Uwe Fuchs an der Seitenauslinie Lars Ricken mit Anlauf direkt in den Spielertunnel. Dreifacher Bänderriss – eine Verletzung, von der Ricken sich nie wieder richtig erholt hat. Einige Jahre später wurde Sebastian Kehl zum Opfer von Bayerns Hasan Salihamidzic – und auch Kehl brauchte lange, um wieder auf die Beine zu kommen. Man kann Marco Reus also nur die Daumen drücken, dass es ihn nicht ähnlich erwischt hat.
ZWEITENS: Der Treffer von Kevin Großkreutz zum 3:1 war regulär; Milos Jojic stand passiv im Abseits. Der Serbe griff in keinster Weise ins Spielgeschehen ein. Mit diesem Tor, zumal – siehe oben – in Überzahl, wäre die Partie gelaufen gewesen. Stattdessen glich Saglik quasi im Gegenzug nach einer Ecke aus. Aus der endgültigen Wende und dem Sprung ins Tabellenmittelfeld wurde ein weiteres Frusterlebnis.
Das wegzustecken und auch noch den Schock des neuerlichen Reus-Ausfalls zu verkraften, ist für Jürgen Klopp und seine Mannschaft eine noch größere Herausforderung, als selbst verschuldete Misserfolge zu analysieren und zu verarbeiten. Die Gesichter nach dem Spiel zeigten Züge von Resignation. Es wird schwer für den BVB, sich jetzt durchzuschütteln und bis zur Winterpause noch Schadensbegrenzung zu betreiben.
Dank Wolfgang Stark.

(Beitragsbild: Screenshot BVB-App)