Freistoß Sahin. Kopfball Hummels. TOOOR! Eigentlich.

Zwei Jahre nach dem Pokalfinale 2014 brechen der Ball und die Torlinie endlich ihr Schweigen

Der 17. Mai 2014 war schon tagsüber fies. Oben an der Spree. Es war ungemütlich kalt in Berlin. Nasskalt. Immer wieder schauerte es. Und als am Abend im Olympiastadion der BVB und Bayern München auf der letzten Rille um den DFB-Pokal kämpften, da kübelte es phasenweise sogar wie aus Eimern. Eines aber hatte das Wetter an diesem Endspielabend nicht im Repertoire: Nebel! Das Flutlicht schien hell und die Fernsicht war exzellent, als die 64. Spielminute anbrach. Als Mats Hummels den Ball im Flug artistisch aufs Tor und ins Tor hinein köpfte. 76.197 Zuschauer sahen das auch. Nur die beiden Zuschauer auf den besten Plätzen – die sahen es nicht: Schiedsrichter Florian Meyer und sein Assistent an der Linie. Jetzt, zwei Jahre später, melden sich erstmals zwei Kronzeugen zu Wort, die bislang beharrlich geschwiegen haben: Der Ball. Und die Torlinie.

Mal Hand aufs Herz, Ball, wie war das damals – wie hast Du die Szene gesehen?

Der Ball: Aus allernächster Nähe. Ich war ja quasi mittendrin. Also erst im Geschehen und dann im Tor.

Der Reihe nach . . .

Der Ball: Es gab Freistoß für Borussia. Ein ruhender Ball also. Wobei: Wer hat sich eigentlich diesen Begriff ausgedacht: ruhender Ball. Wisst Ihr, wie nervös ich war. . .?! Aber egal, ich schweife ab. Der Nuri Sahin streichelt mich also mit dem linken Fuß in den Strafraum. Herrlich! Wenn ich daran denke, krieg‘ ich heute noch ’ne Lederhaut. Dann fliegen Lewandowski und dieser Dante mit seiner Stromschlag-Frisur auf mich zu. Oder ich auf sie. Egal. Lewi lässt mich so gerade eben über den Scheitel rutschen. Dann geht alles sehr schnell. Ich faaaaalleeeee – plötzlich ist der Mats da, der Hummels. Bäääm!

Wie jetzt – bäääm?!

Der Ball: Ja, bäääm eben! Der Mats liegt waagerecht in der Luft. Ziemlich verdreht, wenn ihr mich fragt. Aber irgendwie erwischt er mich mit dem Kopf. Ich fliege also Richtung Tor, sehe unter mir die Torlinie vorbeirauschen, sehe vor mir das Netz. Ich denke noch: Genau da musst Du hin. Ins Netz! Ihr wisst ja, das Runde, ich also, muss ins Eckige. Alte Fußball-Weisheit.

Und dann?

Der Ball: Das Nächste, was ich spüre, ist der Fuß von diesem Dante. Der tritt mich mit voller Wucht aus dem Tor. Aber war ja wurscht. Ich war ja vorher schon drin. Ätschibätsch, du Dante! Dachte ich. Ich bin dann ja auch direkt im hohen Bogen Richtung Mittelkreis geflogen. Zum Anstoß. Aber als ich da ankam, nahm mich niemand, um mich auf den Anstoßpunkt zu legen. Das Spiel lief einfach weiter.

Und Du, Torlinie, wie hast Du den Treffer gesehen?

Die Torlinie: Eher zufällig, um ehrlich zu sein. Schlechte Sicht. Es hat ja Bindfäden geregnet. Von der Latte prasselten ständig Wassertropfen auf mich herab. Ich wollte mir gerade die Brille putzen, als plötzlich der Ball über mir auftaucht und über mich hinweg fliegt. „Tooor!“, will ich also pflichtgemäß rufen . . .

. . . aber?

Die Torlinie: Aber da latscht dieser Dante mit seinem rechten Fuß voll auf mich drauf, bohrt seine Eisenstollen in mich hinein und schlägt mit links den Ball aus der Kiste.

ECHT: Ein regulärer Treffer also?

Ball und Torlinie (irritiert): Ist die Erde rund?

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@bastifuenf – der alte Mann und das Mehr

Reden wir nicht über den, der seit Sonntag, 19.25 Uhr, überall das Thema Nummer 1 ist. Wobei: Reden wir vielleicht doch ganz kurz über Christoph Kramer, den Gladbacher Gedächtnislücken-Weltmeister, der mit seinem 45-Meter-Traumeigentor die Niederlagenserie des Übernacht-Schlusslichts Borussia Dortmund auf so spektakuläre Weise beendet hat. Sollte also dieser Christoph Kramer ab der Saison 2015/16 für die andere, die einzig richtige Borussia spielen, die in Schwarzgelb also, wäre ich gerne der Erste, der gleich nach dem Schlusspfiff die Vermutung geäußert hat, dass die Rückpass-Bogenlampe zum 1:0-Sieg des BVB sein vorgezogenes Antrittsgeschenk an den neuen Arbeitgeber war. Womit dieser böse Verdacht schriftlich nieder- und im Langzeitgedächtnis des WorldWideWeb abgelegt wäre . . .

Als Schlusslicht ins 300. BVB-Spiel

Und damit zum eigentlichen Thema: Reden wir doch mal über @bastifuenf, bei Nicht-Twitterern als Sebastian Kehl bekannt. Reden wir nicht deshalb über ihn, weil er der Erste war, der Kramer, kaum dass der Ball die Linie überschritten hatte, Trost spendete – er stand halt zufällig gerade unmittelbar neben dem Unglücksschützen. Reden wir auch nicht darüber, dass Kehl gegen Gladbach sein 300. Bundesligaspiel für Borussia Dortmund absolvierte. Eines, das auf dem 18. Platz begann und auf einem Nicht-Abstiegsplatz endete.

Die Forderungen nach Rücktritt vom Rücktritt werden lauter . . .

Reden wir lieber deshalb über Sebastian Kehl, weil er im zarten Alter von 34einhalb Jahren gerade so gut spielt wie lange nicht und damit so wertvoll ist wie noch länger nicht. Und das auf seiner Abschiedstournee durch die Bundesligastadien, denn schließlich hat „Kehli“ bereits während der zurückliegenden Spielzeit beschlossen, dass die nun laufende definitiv seine letzte sein soll. Konsequenterweise hat er aus diesem Grund im Sommer die Kapitänsbinde abgegeben. Doch während Mats Hummels, dank seiner sportlichen Klasse, seiner Persönlichkeit und menschlichen Reife der „geborene“ Nachfolger, diese Rolle aufgrund vieler Verletzungsprobleme noch gar nicht übernehmen konnte, spielt Kehl sie heimlich und inoffiziell einfach weiter – und sorgt dafür, dass die Zahl derer, die einen Rücktritt vom Rücktritt fordern, wöchentlich wächst. Mittlerweile – und an der Stelle wird’s dann ja wirklich spannend – entwächst diese Diskussion den sozialen Medien und Internetforen und kommt bei den sportlich Verantwortlichen des BVB an.

. . . und sogar das Duo Klopp/Zorc stimmt ein

„Überragend, wie er im Moment spielt“, lobte Sportdirektor Michael Zorc am Sonntag nach dem 1:0 gegen Gladbach – und deutete an: „Sicherlich werden wir noch einmal reden. Aber ich sehe keinen Grund, jetzt etwas zu entscheiden.“ Trainer Jürgen Klopp wurde sehr viel deutlicher, wobei man schlecht einschätzen konnte, welche seiner Worte der Erleichterung über das Ende der Talfahrt geschuldet waren. Jedenfalls kündigte Klopp an: „Sollte Kehli im nächsten Sommer noch so rennen, ackern und fighten, sorge ich persönlich dafür, dass er weitermacht.“ Und der Gelobte selbst, was sagt der? – Er schweigt und genießt. Nur soviel: „Gut, dass ich solche Entscheidungen immer noch selber treffe.“

Im Kern dreht sich die Diskussion um Charakter und Persönlichkeit. Wer eine Mannschaft wirklich führen kann, bereit ist, auf dem Platz und außerhalb Verantwortung zu übernehmen und sich reinzuhauen, zeigt sich bekanntlich nicht, wenn’s sportlich super läuft. Sondern wenn’s super hakt. Dann tauchen die Feingeister und Mitschwimmer ab. Dann gehen die Ärmelhochkrempler und In-die-Hände-Spucker nach vorne. Und zu denen gehört Sebastian Kehl. Der alte Mann und das Mehr.

Kehl und Bender – eine Entscheidung für defensive Stabilität

Nun muss man natürlich der Wahrheit die Ehre geben. Wäre Ilkay Gündogan nicht so lange, wären Nuri Sahin und Oliver Kirch nicht seit Saisonbeginn und wäre nicht auch Sven Bender zwischendurch immer wieder ausgefallen; würde es insgesamt beim BVB runder laufen als es läuft, hätte @bastifuenf nicht die Einsatzzeiten, die er hat. Weil es aber ist wie es ist, konnte Klopp im gewohnten 4-2-3-1-System die defensive Mittelfeldzentrale seltenst mit einem Sechser (Bender oder Kehl) und einem Achter (Gündogan oder Sahin oder Jojic) besetzen. Und um Rhythmus und Stabilität ins Spiel zu bekommen, entschied er sich auch nach Gündogans Genesung zuletzt in Serie für die Doppel-Sechs mit Kehl UND Bender. Keine Lösung für alle Zeiten – aber allemal eine für Krisenzeiten.

@bastifuenf steht für physische Präsenz

Klar ist: Mit seinen demnächst 35 Jahren macht Sebastian Kehl das BVB-Spiel nicht mehr schnell. Er spielt auch eher selten den genialen Pass in die Tiefe. Ein Edeltechniker war er nie und wird auch keiner mehr werden. Aber Kehl macht Meter. Er ist – wie Bender – physisch präsent, geht Zweikämpfen nicht aus dem Weg, sondern sucht sie. Bei Standards verbreitet er auch im gegnerischen Strafraum ein gewisses Unwohlsein. Zuletzt setzte er sich gegen Galatasaray Istanbul im Luftduell entschlossen durch und legte Papa Sokratis das 2:0 auf.

Zu alt? – Sind Totti, Olic, Gerrard & Co. doch auch nicht!

Typen wie Kehl braucht jede Mannschaft, und das Alter an sich ist kein Gegenargument – siehe Francesco Totti bei der Roma, Miro Klose bei der WM, Ivica Olic in Wolfsburg, Martin Stranzl in Gladbach, Steven Gerrard in Liverpool oder Didier Drogbá bei Chelsea. Das Alter wäre nur dann ein Argument, wenn der Spieler altersbedingt verletzungsanfälliger würde. Sebastian Kehl hat in seiner Laufbahn zahlreiche, auch schwere Verletzungen verkraften müssen. Er fiel auch in der jüngeren Vergangenheit immer wieder mal aufgrund von Blessuren aus. Aktuell aber wirkt er auch in dieser Hinsicht stabil.

Will sagen: Wenn Kehl sich vorstellen kann, 2015/16 die Rolle des Backup-Sechsers zu spielen, die ihm eigentlich schon für die laufende Saison zugedacht war: Warum dann nicht einfach noch ein Jahr dranhängen?!

(Beitragsbild: Screenshot von http://www.sebastian-kehl.de)

Rückblende: Als Mats Hummels den BVB zum Pokalsieg 2014 köpfte

17. Mai 2014

Berlin. Borussia Dortmund hat zum vierten Mal in der Klubgeschichte den Deutschen Fußball-Pokal gewonnen. Im Endspiel vor 74.907 Zuschauern im Berliner Olympiastadion setzte sich der Vizemeister wie schon 2012 gegen den FC Bayern durch. Schütze des goldenen Tores war Nationalspieler Mats Hummels in der 65. Minute. Ein Jahr nach dem Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokalsieg und Champions-League-Triumph bleibt den Münchenern somit am Ende der ersten Saison unter Startrainer Pep Guardiola allein die Meisterschale.

Es war eine Neuauflage des Finals von 2012. Eine Neuauflage des CL-Endspiels von 2013 – aber das Spiel bot nicht annähernd so viel Spektakel und Rasanz wie die beiden großartigen Duelle in den Vorjahren, als der BVB die großen Bayern einmal nach allen Regeln der Kochkunst filetiert und einmal erst in letzter Minute unglücklich verloren hatte.

Im Mittelpunkt: Robert Lewandowski. Der Dortmunder Weltklasse-Torjäger, 2012 beim 5:2 noch dreifacher Torschütze, bestritt sein letztes Spiel im BVB-Trikot, bevor er ausgerechnet zum FC Bayern wechselt. Doch der Pole trat diesmal kaum in Erscheinung; ihm blieb nur die Nebenrolle.

Beide Mannschaften krochen gewissermaßen auf dem Zahnfleisch ins Olympiastadion. Bei den Bayern fiel nach Bastian Schweinsteiger und Thiago (verletzt) sowie dem ausgemusterten Mario Mandzukic kurzfristig auch noch David Alaba aus. Nach gut einer halben Stunde humpelte obendrein Kapitän Philipp Lahm nach einem Zweikampf mit Nuri Sahin vom Platz; für ihn kam der angeschlagene Franck Ribery. Beim BVB fehlten die Langzeitverletzten Neven Subotic, Jakub Blaszczykowski und Ilkay Gündogan.

Und so hatten sich beide Trainer taktisch etwas einfallen lassen. Pep Guardiola schickte sein Team erstmals in einer 3-4-2-1-Formation aufs Feld; Klopp rückte zugunsten eines 4-3-3 vom eingeübten 4-2-3-1 ab. Besser bekam das zunächst den favorisierten Münchnern, die in einer an Höhepunkten armen ersten Halbzeit ein klares Ballbesitz-Übergewicht hatten.

Erst nach dem Wechsel wurde es munterer, denn nun machten auch die Borussen mit. Erst scheiterte noch Thomas Müller an BVB-Keeper Roman Weidenfeller (56.), dann senkte sich auf der Gegenseite ein abgefälschter Freistoß von Marco Reus gefährlich auf die Latte. Nationalkeeper Manual Neuer hatte den Ball falsch eingeschätzt – und irrte auch in der nächsten Szene durch den Strafraum: Freistoß Nuri Sahin, Kopfballverlängerung Lewandowski – und Mats Hummels köpfte das Spielgerät mit einer akrobatischen Flugeinlage ins Tor. Die Bayern reklamierten doppelt, wollten Hummels im Abseits und den Ball nicht hinter der Linie gesehen haben. Beides falsch. der Torschütze stand auf gleicher Höhe und Dantes Rettungsversuch erfolgte klar hinter der Linie. Schiedsrichter Florian Meyer zögerte denn auch keine Sekunde und entschied nach einem kurzen Blick zu seinem Assistenten an der Seitenlinie auf Tor – 1:0 (65.).

Der FC Bayern mobilisierte nun noch einmal alles, erhöhte den Druck. Doch mehr als eine klare Chance durch Ribery, die erneut Weidenfeller zunichte machte, sprang während der Schlussoffensive nicht heraus. Der Rest war Jubel in Schwarz und Gelb. Wie 2012. Anders als 2013. Die Geschichte des deutschen „Clásico“ ist um ein weiteres Kapitel länger.

Die Gründe für Borussias „Gala“-Gala – und was das für die Liga bedeutet

BVB – FC Arsenal 2:0

RSC Anderlecht – BVB 0:3

Galatasaray – BVB 0:4

Drei Champions-League-Spiele, drei Siege, dreimal ohne Gegentor. Die Null steht – und vorne läuft’s. Warum nur in der Liga der Besten, warum nicht auch in der Liga der Weltmeister? Da lief’s vorne bislang nicht wie aus den Vorjahren gewohnt, davon, dass die Null steht, kann schon gar nicht die Rede sein.

Will sagen: Nun geht sie wieder los, die Debatte über die zwei Gesichter von Borussia Dortmund. Darüber, ob die Mannschaft nur in der Königsklasse, nicht aber im Bundesliga-Alltag voll motiviert, voll konzentriert, kurz: voll gallig sei. Eine Diskussion, die am Kern der bisherigen Saison allerdings so weit vorbei zischt wie mancher Distanzschuss am Tor.

Nein, es gibt keine zwei Borussias, sondern zwei Sportarten. Die Sportart in der Champions League heißt FUßBALL. Die Sportart in der Bundesliga heißt 11 GEGEN DIE GUMMIWAND. Fußball kann der BVB. Gummiwand kann er nicht so gut.

Im Klartext: Die Gegner in der Königsklasse spielen mit. Der FC Arsenal definiert sich seit Jahren über technisch versierten, kombinationsfreudigen Ballbesitzfußball. Der RSC Anderlecht war naiv genug, die Flucht nach vorne anzutreten, und „Gala“ musste nach nur einem Punkt aus zwei Partien bereits ein gewisses Risiko eingehen. Hinzu kommt: Alle Mannschaften in der CL, selbst Borissow, Maribor und Ludogorets, spielen in ihren Heimatligen eine dominante Rolle. Sie sind es gewöhnt, selbst initiativ zu werden. Sie sind nicht geübt darin, sich hinten reinzustellen. Das kommt einem Team wie dem BVB, der für sein blitzschnelles Umschaltspiel Räume benötigt, natürlich entgegen.

Punkt zwei: Von wegen Jürgen Klopp hat keinen Plan B! Der Trainer, der nach dem Köln-Spiel schwer enttäuscht und für den Moment auch ein wenig ratlos wirkte, hatte eben doch Rat. Weil die etatmäßigen Linksverteidiger Marcel Schmelzer und Erik Durm verletzt sind und die erste Alternative Kevin Großkreutz zuletzt etwas überspielt wirkte, nahm Klopp in Istanbul eine Anleihe bei Bundestrainer Joachim Löw. Der war mit dem Schalker Benedikt Höwedes, einem gelernten Innen- und Gelegenheits-Rechtsverteidiger, auf der linken Außenverteidigerposition Weltmeister geworden. Klopp verlieh seiner zuletzt wackligen Viererkette in Istanbul mit Sokratis auf Links deutlich mehr Stabilität. Der Grieche ist – genau: gelernter Innen- und Gelegenheits-Rechtsverteidiger.

Zweite Überraschung in der Startelf: Nicht Ciro Immobile spielte in der Spitze und auch nicht Adrian Ramos, sondern Pierre-Emerick Aubamayang. Der Gabuner, seit Wochen in Topform, allerdings meist über den rechten Flügel kommend, spielte in vorderster Linie seine Schnelligkeit und seinen Torriecher aus und netzte in der Anfangsphase zweimal eiskalt ein. Hinter ihm agierte eine Reihe mit drei „Zehnern“: Kagawa in der Schaltzentrale, Reus links, Mkhitaryan rechts, wobei die drei viel rochierten und Galatasaray auch durch Tempowechsel das Verteidigen schwer machten.

Und was bedeutet das für die Partie am Samstag gegen Hannover 96: Leider NICHTS – sieht man einmal davon ab, dass die „Krise“ medial vorerst nicht zur drohenden Apokalypse aufgeblasen wird. Und sieht man außerdem davon ab, dass der klare Zu-Null-Erfolg natürlich ein Stück Sicherheit und Selbstvertrauen zurück gibt. Letztlich aber wird am Samstag wieder 11 GEGEN DIE GUMMIWAND gespielt. Diese andere Sportart. Weil sich die Niedersachsen, nach zuletzt drei Niederlagen selbst in der Mini-Krise, wie schon der HSV, Stuttgart und Köln mit zehn Mann um den eigenen Strafraum aufbauen, auf Dortmunder Fehler warten und auf gelegentliche Konter setzen werden. Der BVB, namentlich Spieler wie Kagawa, Reus und Mkhitaryan, aber auch Ilkay Gündogan, der in Istanbul im Zusammenspiel der Edeljoker das 4:0 durch Ramos brillant vorbereitete, wird Geduld haben und beizeiten den Türöffner finden müssen. Das gelang gegen eine taktisch so ausgerichtete Mannschaft in dieser Saison erst einmal: beim 3:1 gegen Freiburg.

Es wird höchste Zeit für den zweiten Heimsieg. Denn die nächsten Gegner heißen FC Bayern München und Borussia Mönchengladbach. Wobei: Die spielen ja auch lieber Fußball als Gummiwand.

Weg mit dem Sternen-Firlefanz – zurück an die Arbeit!

Man sah es ihm an. Joachim Löw hatte richtig Bock. Supersuperbock, sozusagen.

Er hatte Supersuperbock, nach dem Last-Minute-Schock gegen Irland zum Interview ins RTL-Studio zu dackeln – genauer: zu pudeln. Denn wie ein begossener Pudel saß der Bundestrainer zwischen Florian König und Jens Lehmann. Jener König, der sonst Formel 1 und Koch-Shows moderiert. Und jener Lehmann, der schon als Spieler stets sehr speziell gewesen war und nun als Experte renitent und tendenziell respektlos daher kommt. Jener Lehmann, dem es ganz offenkundig mehr als jedem anderen vollkommen egal ist, was andere über ihn denken. Was der schon nach dem 0:2 in Polen für Fragen gefragt hatte. Nachgerade dreist! Eine ganz neue Erfahrung für Joachim Löw, der sich in Warschau vermutlich viel lieber zum verbalen Trostkuscheln zu Katrin Müller-Hohenstein begeben hätte und nun in Gelsenkirchen ahnte, dass er neuerlich vornehmlich kritische Fragen würde beantworten müssen.

Er, der Weltmeister-Trainer!

Wer weiß, vielleicht hat Joachim Löw ja am Dienstagabend auf dem Weg von der Kabine der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zum RTL-Studio erstmals darüber gegrübelt, ob es wohl die beste aller Ideen gewesen war, nach der WM weiterzumachen. Statt abzutreten. Auf dem Gipfel des Denkbaren. Vielleicht hat Löw bei sich gedacht: „Mensch, Jogi, hättest Du es mal gemacht wie der kleine Philipp.“ Der Lahm. Das Kapitänchen. Weltmeister geworden. Den Pott geküsst. Abgetreten! Oder der lange Per. Der Mertesacker. Der „Big fuckin‘ German“, wie sie ihn beim FC Arsenal liebevoll nennen. Weltmeister geworden. Abgetreten! Oder der olle Miro. Der Klose. Weltmeister geworden. Weltmeisterschaftsrekordtorschütze geworden. Abgetreten! Alles richtig gemacht. Den Moment eingefroren. Besser kann’s nicht mehr sein!

Joachim Löw wollte das nicht. Abtreten auf dem Höhepunkt. Er wollte weitermachen. Die Mannschaft weiterentwickeln. Sie zur EM 2016 führen. Und dort der erste Trainer seit Helmut Schön (1972 & ’74) werden, der mit der N11 Welt- und Europameister wird. Nun hat er den Salat – und muss mit Kritik leben. Nach nur vier Punkten aus drei Qualispielen mit nur drei erzielten und vier kassierten Toren hat ein herbstlicher Fußballblues den weltmeisterlichen Sternenglanz abgelöst.

Es fehlen nur noch die Klatschpappen

Vielleicht wäre genau das ein erster Schritt aus der Leistungs- und Ergebniskrise: Diesen ganzen WM-Firlefanz endlich mal beiseite zu legen und wieder zur Alltagsarbeit überzugehen. Kein Länderspiel mehr ohne Hochglanzglitter-Sterne-Choreographie auf den Stadiontribünen. Auch am Dienstag in der Gelsenkirchener Dreifach-Turnhalle wurden die Event- und Erfolgszuschauer wieder genötigt, bunte Papptafeln in die Höhe zu halten. Ein Wunder eigentlich, dass beim DFB – anders als beim FC Bayern – noch niemand auf die Idee gekommen ist, versponserte Klatschpappen samt Bedienungsanleitung auf die Sitzschalen zu legen. Von „Fans“ kann bei Spielen der N11 längst keine Rede mehr sein. Fans bringen inzwischen nur noch die Gästeteams mit. Schottische Fans sorgten in Dortmund für Stimmung. Irische Fans in Gelsenkirchen. Deutsche Fans klatschen brav bei Eckbällen und singen gelegentlich „Die Nummer eins der Welt sind wir“ – was angesichts der vitaminarmen Darbietungen auf dem Rasen allerdings zunehmend albern klingt.

Das Märchen ist vorbei . . .

Das WM-Finale liegt inzwischen drei Monate zurück. Drei Monate. Das war vorvorvorvorvor…gestern. Jetzt ist heute. Willkommen zurück in der Realität! Es ist Herbst. Es ist kühl. Es ist regnerisch. Es ist Quali. Die Gegner beißen. Und ja, ihr schlaft wieder zu Hause. Nicht mehr in der Schmuseatmosphäre der Campo-Bahia-WG, die Löw und Teammanager Oliver Bierhoff – einer Kunst- und Phantasiewelt ähnlich – eigens hatten bauen lassen. Das Märchen ist vorbei.

. . . und die Realität geht so:

Nein, es sind nicht nur drei wichtige Spieler zurückgetreten. Ja, es fehlen auch viele wichtige Spieler. Marco Reus und Ilkay Gündogan – aber die fehlten auch schon bei der WM. Christoph Kramer und Andre Schürrle – aber die waren zumindest in Polen noch dabei und bei der WM obendrein nur Ergänzungsspieler. Bastian Schweinsteiger, ja, der fehlt tatsächlich – aber wer weiß, ob er überhaupt noch einmal richtig zurück kommt. Sami Khedira fehlt. Mesut Özil fehlt auch – aber in der Form der letzten Wochen irgendwie auch wieder nicht.

Nirgendwo ein „Wickie“, der mal „Ich hab’s!“ ruft

Will sagen: Gegen Irland standen mit Thomas Müller, Mario Götze und Toni Kroos drei Akteure auf dem Platz, die gemeinhin unter „Weltklasse“ einsortiert werden. Dazu ein Julian Draxler, nach dem vermeintlich halb Fußball-Europa schielt. Vier Kreativ-Kicker also, von denen kaum Kreatives kam. Götze war bemüht, arbeitete mehr als früher und hätte einen Elfmeter bekommen müssen. Müller bot, wie schon in Polen, eine Nicht-Leistung, für die er in einigen durchaus ernst zu nehmen Medien sogar noch die Note „3“ erhielt. Der MüllerBayern-Bonus. Draxler stand neben sich – wie zuletzt meist auch auf Schalke. Und Kroos? Hatte viel Ballkontrolle. Hatte viele Ballkontakte. Erzielte schließlich auch das 1:0. Aber Ideen, Geistesblitze, mal ein genialer Moment, ein öffnender Pass, dazu geeignet, die irische Abwehr zu durchschneiden und zu filetieren? Nichts dergleichen. Man hätte sich einen „Wickie“ herbei gewünscht, der sich eine Weile lang mit dem Zeigefinger unter der Nase reibt und im Moment der plötzlichen Erleuchtung „Ich hab’s!“ ruft.

Es waren die Mittelfeld- und Offensivkräfte, die das @DFB_Team in der Schlussphase von einer Panikattacke in die nächste manövrierten. Vorne wurde nicht mehr attackiert, in der Mitte der Ball hergeschenkt, statt gehalten. Und hinten gerieten sie in Not. Der späte Ausgleich war die Folge einer langen Fehlerkette, an deren Ende der Dortmunder Mats Hummels doof aussah und deshalb verständlicherweise angefressen reagierte. „Man wird mir wieder die Schuld geben, aber ganz ehrlich: In der Situation kann ich auch nur noch versuchen, zu retten.“ Was schwer zu retten war.

Hummels hat Recht: Schon die WM war keine Gala, sondern knallharte Arbeit

Es war jener Hummels, der darauf verwies, dass auch in Brasilien nicht alles nur Gold und Glanz, sondern zuvorderst knallharte Arbeit und bisweilen auch gehöriges Glück war. Weder gegen die USA noch gegen Algerien noch gegen Frankreich noch im Endspiel gegen Argentinien hatte die deutsche Mannschaft geglänzt. Und sie hatte auch bei der WM, sieht man vom Eröffnungsspiel gegen Portugal und dem nach wie vor unerklärlichen 7:1 gegen Brasilien ab, keine Offensiv-Feuerwerke abgebrannt. Das 1:0-Siegtor gegen die USA fiel durch einen Distanzschuss. Das 1:0-Siegtor gegen Frankreich nach einer Standardsituation durch einen Abwehrspieler. Gegen Algerien und Argentinien fiel in 90 Minuten gar kein Tor. Klingt das nach Spektakel? Nach Rausch und Gala? Wohl eher nicht. Wohl eher, wie Hummels korrekt feststellte, nach „knallharter Arbeit“ und nach funktionierendem Kollektiv.

Genau das funktioniert derzeit nicht. Und wenn weiterhin die vollkommen verfehlte Diskussion über vermeintlich minderbemittelte Außenverteidiger geführt wird (übrigens hatte der zuletzt heftig kritisierte Erik Durm gegen Irland weit mehr starke als schwache Szenen!), wird sich daran auch nichts ändern. Dann wird zwar nicht Gibraltar, wohl aber der entthronte Weltmeister Spanien deutlich aufzeigen, wo die Schwächen liegen.

Mehr zu #GERIRL, zu Mats Hummels – und was er zur Kritik von Joachim Löw sagt:

http://www.derwesten.de/wr/sport/fussball/bvb/bvb-kapitaen-hummels-und-bundestrainer-loew-sind-sich-uneinig-id9938175.html

http://www.spox.com/de/sport/fussball/dfb-team/em-2016-qualifikation/spielberichte/deutschland-irland/mats-hummels-interview-1-1-gegen-irland-unfassbare-dinger.html

http://www.spiegel.de/sport/fussball/em-quali-weltmeister-deutschland-schwaechelt-gegen-irland-a-997230.html

http://www.spiegel.de/sport/fussball/em-quali-deutschland-gegen-irland-mit-spaetem-ausgleich-a-997189.html

http://www.ruhrnachrichten.de/sport/bvb/So-einfach-ist-es-nicht-Hummels-ueber-Erwartungen-und-das-Irland-Spiel;art11635,2511803