Die Mutter aller Relegations-Dramen

Borussia Dortmund – Fortuna Köln 3:1 (0:1)

(19. Mai 1986, Bundesliga-Relegation, Rückspiel)

(Text aus: Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größtenSpiele im Fußball-Tempel des BVB, Klartext-Verlag)

Zweifelsohne gibt es eine ganze Reihe von Heimspielen des BVB, die sich für einen Spitzenplatz unter den größten Partien aller Zeiten im Westfalenstadion aufdrängen, und die Frage, welche dieser Partien nun die allerbeste, die allerwichtigste, die allerspannendste, die allerspektakulärste, die allerbegeisterndste – kurz: die allerallergrößte – war, lässt sich trefflich diskutieren. Die Antworten auf diese Frage können und werden unterschiedlich ausfallen, schon deshalb, weil sie – und eben das macht die Faszination Fußball letztlich aus – immer mit persönlichen Erlebnissen zusammenhängen.

Genug um den heißen Brei herum geschrieben. Reden wir Tacheles! Kommen wir zur Festlegung. Spulen wir die Geschichte von Borussia Dortmund zurück bis zum 19. Mai 1986. Erinnern wir uns an ein Spiel, in dem es nicht um Titel und Trophäen, um Glanz und Gloria ging; in dem der Gegner nicht Real Madrid, Manchester United, nicht einmal Bayern München oder FC Schalke 04 hieß, sondern: Fortuna Köln. Ein Klub, der in der Saison 2013/14 in der vierten Liga spielt, eine Klasse unter der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund. Der sich an jenem Pfingstmontag 1986 gleichwohl anschickte, erstklassig zu werden und den ruhmreichen BVB 14 Jahre nach dem bitteren Abstieg von 1972 und zehn Jahre nach der umjubelten Rückkehr wieder in die zweite Liga zu schicken.

Es gibt einfach zu viele Gründe, die ausgerechnet und unbedingt für das Rückspiel der Bundesliga-Relegation 1985/86 als Nummer eins aller BVB-Spiele im Westfalenstadion / Signal Iduna Park sprechen. Der wichtigste ist kein sportlicher, sondern ein wirtschaftlicher: Wäre die schier hoffnungslos abgewirtschaftete Borussia seinerzeit tatsächlich abgestiegen, der Klub, bei dem Dr. Reinhard Rauball – im Oktober 1984 vom Amtsgericht Dortmund als Notvorstand eingesetzt – zu retten versuchte, was zu retten war, wäre wohl nicht wieder auf die Beine gekommen. Nur ein Indiz für die Misere der Schwarzgelben war die Zuschauerresonanz. Der Schnitt war von 42.000 im ersten Jahr nach dem Wiederaufstieg auf nur noch 20.306 in der Saison 1983/84 gesunken. 1985/86 waren es 22.573 Zuschauer pro Spiel. Die Auslastungsquote pendelte um 40 Prozent. Heute, da der Schnitt bei über 80.000 und die Auslastung bei nahezu 100 Prozent liegt, unvorstellbar.

Zum Sport: Es war eine Grusel-Saison mit einem Frust-Finale, die hinter Borussia Dortmund lag, als es zum dramatischen Showdown mit Fortuna Köln kam. Der BVB rutschte schon am 4. Spieltag durch eine 1:4-Heimpleite in den Bundesliga-Keller, wurde drei Spieltage später durch ein 1:6 in Bochum auf Platz 17 durchgereicht und hielt am 13. Spieltag nach einem 2:3 gegen den neuen Spitzenreiter Borussia Mönchengladbach mit 8:18 Punkten die Rote Laterne. Einem kurzen Zwischenhoch mit einem 1:0-Erfolg bei den Bayern vor lediglich 15.000 Zuschauern im Münchener Olympiastadion und einem 2:0 gegen den VfB Stuttgart folgte eine 1:6-Derbyklatsche auf Schalke. Borussia überwinterte mit 14:20 Punkten auf Rang 14. Knapp vor der Abstiegszone.

Die Rückrunde avancierte zu einem Wechselbad der Gefühle. Nach einem 5:1 gegen Köln und einem 0:0 in Nürnberg kletterte der BVB am 21. Spieltag bis auf Platz 10, doch auf der Zielgeraden ging den Schwarz-Gelben die Luft aus. Negativer Höhepunkt war am 32. Spieltag der Sturz auf Relegationsplatz 16 durch ein 0:4 beim VfB Stuttgart. Die Klubführung zog die Notbremse: Trainer Pal Csernai wurde entlassen. Reinhard Saftig übernahm – und hätte durch ein 1:1 gegen Schalke und ein 4:1 bei Schlusslicht Hannover 96 um ein Haar noch die direkte Rettung geschafft. Am Ende fehlten dem BVB (49:65 Tore/-16) bei Punktgleichheit mit Eintracht Frankfurt (35:49 Tore/-14) lediglich zwei Treffer zum direkten Klassenerhalt, während sich die vor dem Schlussakt ebenfalls noch gefährdeten Traditionsvereine 1. FC Köln und 1. FC Nürnberg mit knappem Punktvorsprung retteten.

So kam es zum Duell mit dem schwer angezählten Zweitliga-Dritten Fortuna Köln. Die Südstädter hatten die Tabelle sechs Spieltage vor dem Saisonende noch angeführt und befanden sich klar auf direktem Aufstiegskurs. Doch dann folgte ein unerklärlicher Einbruch mit nur noch einem Punkt aus dem Nachholspiel in Osnabrück (0:0) und Niederlagen in Aachen (0:3), in Kassel (0:3), daheim gegen den Tabellenvorletzten Tennis Borussia Berlin (0:2) sowie beim direkten Konkurrenten Blau-Weiß Berlin (1:3).

Vor den beiden letzten Spieltagen rutschte die Fortuna aus den Aufstiegsrängen, kletterte am vorletzten Spieltag durch ein 6:0 gegen Bayreuth wieder auf den Relegationsplatz – und schien diesen beim Saisonfinale doch wieder zu verspielen. Eine Viertelstunde vor Schluss lagen die Kölner beim Karlsruher SC mit 0:2 zurück. Erst der Doppelschlag von Achim Kropp (75.) und Bernd Grabosch (77.) zum 2:2 und Kassels späte 0:1-Niederlage beim Absteiger Bayreuth zementierten Platz drei.

Als Zweitligist ohnehin Außenseiter, unterstrich die fallende Formkurve die Rolle der Kölner zusätzlich. Der BVB hingegen ging mit dem frischen Saftig-Schwung in die Spiele. Doch was auf dem Papier nach einer Formsache aussah, entwickelte sich auf dem grünen Rasen komplett anders. Spiel eins vor 44.000 Zuschauern im größeren Müngersdorfer Stadion, Heimstatt des ungeliebten Lokalrivalen 1. FC Köln, dominierte der Zweitligist, gewann durch Tore von Bernd Grabosch (53.) und Karl Richter (75.) mit 2:0 und kam vier Tage später in Dortmund mit ganz breitem Kreuz aus dem Spielertunnel.

Ganz anders die Gastgeber, die zwar das Gros der 54.000 plus x Zuschauer im hochgradig ausverkauften – manche sagen: hoffnungslos überfüllten – Westfalenstadion hinter sich wussten. Die aber auch eine zusätzliche Last im Rucksack mitschleppten: ihren Torjäger Jürgen Wegmann. „Für mich war der Druck besonders groß, denn nur wenige Tage zuvor war bekannt geworden, dass ich nach Schalke wechseln würde. Für die Dortmunder Fans war das natürlich Hochverrat. Vergessen waren meine 14 Saisontore, sie nannten mich `Judas´ und pfiffen mich aus, als ich an diesem schwülen Nachmittag das Feld betrat. Doch das gellende Pfeifkonzert beflügelte mich nur noch mehr“, erzählte Wegmann im Mai 2011 anlässlich des 25. Jahrestages des „Wunders von Dortmund“ dem Fußball-Magazin 11 Freunde.

Dass Wegmann die Hauptrolle bei diesem Wunder spielen würde; dass es überhaupt noch ein Wunder geben würde, darauf deutete lange Zeit wenig bis gar nichts hin. Im Gegenteil: Bernd Grabosch erwischte den BVB bei brütender Hitze eiskalt und schraubte das Ergebnis mit seinem frühen Führungstreffer zum 1:0 (14.) in der Addition beider Spiele auf 3:0. So stand es auch zur Pause – und die Hoffnungen der Dortmunder Anhänger schmolzen dahin wie das Eis von Trikotsponsor Artic in der prallen Pfingstsonne.

Was dann geschah, war nicht nur die unglaubliche Wiederauferstehung einer totgesagten Mannschaft, sondern mehr noch einer der Wendepunkte in der Vereinsgeschichte des BVB. „In der Halbzeit war es ganz ruhig in der Kabine“, erinnerte sich Jürgen Wegmann im November 2011 für einen Beitrag der Magazin-Sendung Sport inside im WDR-Fernsehen. „Da konnte man eine Stecknadel fallen hören.“ Er aber habe, sagt er im Magazin 11 Freunde, „den Jungs in der Kabine gesagt, dass dieses Spiel erst in den letzten Minuten entschieden werden würde, und ich hatte bereits eine Ahnung, dass ich entscheidend daran beteiligt sein sollte“.

Die zweite Halbzeit, der BVB spielte auf die Südtribüne und die Fans standen nach dem Motto „Jetzt erst recht“ wie ein Mann hinter dem Team, hat Wegmann Detail für Detail abgespeichert. Nach dem schnellen Ausgleich durch einen ebenso umstrittenen wie von Michael Zorc sicher verwandelten Strafstoß (53.) „gab es einen Sturmlauf auf ein Tor, und nach 68 Minuten macht der Marcel Raducanu auf Flanke von Daniel Simmes ein sehr schönes Kopfballtor“. Dortmund führte, aber ein Tor fehlte – und es fehlte auch noch kurz vor Schluss. Jürgen Wegmann in 11 Freunde über die letzte Minute: „Noch heute sehe ich die große Stadionuhr vor mir, die Zeiger drehten sich unerbittlich. Der Abpfiff rückte immer näher, wir waren körperlich am Ende, die Beine waren schwer, der Kreislauf spielte verrückt und auch das Publikum hatte die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben. Doch ich spürte tief in mir, dass da noch etwas gehen musste.“

Und das ging so:

Bernd Storck kommt im Mittelfeld an den Ball, flankt ihn vom rechten Flügel aus der Drehung blind an die Strafraumgrenze. Doppel-Kopfballverlängerung durch Michael Zorc und Daniel Simmes. Das Leder fällt im Sechzehner Ingo Anderbrüge vor die Füße, der zieht es fast von der Torauslinie von links mit links scharf vor das Tor. Kölns Keeper Jacek Jarecki kann den Ball nicht festhalten. Den Rest schildert wieder Wegmann im WDR: „Der Torwart macht einen kleinen Fehler, lässt den Ball abprallen – und ich stehe dann da, wo man als Stürmer stehen sollte, und drücke ihn irgendwie rein.“ Wenige Sekunden vor Schluss. Das Stadion gleicht einem Tollhaus, das Spiel wird unmittelbar nach dem Mittelanstoß abgepfiffen. Und weil die Europacup-Regel, nach der bei einem Remis in der Addition beider Spiele die Auswärtstore doppelt zählen, in der Relegation damals noch nicht zur Anwendung kommt, gibt es ein Entscheidungsspiel auf neutralem Platz.

Der Rest ist bekannt. Das Entscheidungsspiel, für den 23. Mai terminiert, musste kurzfristig um eine Woche verschoben werden, weil Kölns Mäzen und Macher Jean „Schäng“ Löring beim Deutschen Fußball-Bund plötzlich 13 Krankenscheine vorlegte. Magen-Darm-Virus im Fortuna-Kader. Angeblich. Für die BVB-Fans war klar: Ein taktisches Manöver, um die Euphorie, die Wegmanns 3:1 in Fußball-Dortmund ausgelöst hatte, auszubremsen. So dauerte es quälend lange 13 Tage bis zum Showdown vor 50.000 Zuschauern im Düsseldorfer Rheinstadion, darunter mehr als 30.000 Fans in Schwarz und Gelb.

30 Minuten lang verteidigte Köln gegen die entschlossen anrennenden Borussen ein 0:0. Dann brach Dirk Hupe den Bann, und der schnelle Doppelschlag nach Wiederbeginn durch Michael Zorc (46.) und Ingo Anderbrügge (49.) versetzte Fortuna endgültig den K.O. – Völlig demoralisiert kam der Zweitligist unter die Räder einer nun rauschhaft aufspielenden Borussia, für die Bernd Storck, Daniel Simmes, Jürgen Wegmann, noch einmal Michael Zorc und Frank Pagelsdorf die weiteren Tore erzielten.

Dortmund blieb erstklassig, qualifizierte sich in der Saison darauf als Vierter für den UEFA-Cup und feierte 1989 mit dem DFB-Pokalsieg gegen Werder Bremen den ersten Titelgewinn seit dem Triumph im Europapokal der Pokalsieger 1966. Diesen Erfolg, aber auch den sportlichen und wirtschaftlichen Aufstieg der 1990-er Jahre, die Meisterschaften 1995 und 1996, den Champions-League-Sieg und den Weltpokal-Triumph von 1997 hätte es nicht gegeben, wäre da nicht die 90. Minute im Rückspiel gegen Fortuna Köln gewesen. Die Relegation, die zum Anfang vom Ende der ruhmreichen Borussia hätte werden können, wurde zum Anfang der Wiedergeburt. Deshalb ist das 3:1 gegen Fortuna Köln das größte aller BVB-Spiele in 40 Jahren Westfalenstadion / Signal Iduna Park.

Für Dr. Reinhard Rauball war seine zweite Rettungsmission damit erledigt. Er zog sich zurück und gab das Amt weiter an Dr. Gerd Niebaum. „Wären wir damals abgestiegen, ich hätte weitergemacht. Meine Arbeit wäre in dem Fall nicht erledigt gewesen – und halbe Sachen mag ich nun einmal gar nicht“, sagte Rauball im Rückblick. Der Grusel-Saison 1985/86 gewann er letztlich etwas Positives ab: „Durch den dramatischen Abstiegskampf wurde das Fußball-Feuer in Dortmund neu entfacht.“

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Der BVB und die Relativitätstheorie

Erfolg ist messbar. Jedenfalls im Sport. Doch auf dem Weg zum Erfolg ist vieles RELATIV – und noch mehr relativiert sich im Laufe einer Spielzeit.

Vom FC Augsburg etwa erzählte man sich unlängst noch, er spiele eine überragende Saison. Die fand Anfang Februar mit dem 1:0 beim kriselnden BVB ihren vorläufigen Höhepunkt. Das Team von Markus Weinzierl kletterte auf Rang vier – punktgleich mit dem Tabellendritten Borussia Mönchengladbach. Von Champions League war plötzlich die Rede. Nicht in Augsburg, wohlgemerkt. Aber um Augsburg herum. Seither hat der FCA aus neun Spielen schlappe 6 von 27 Punkten geholt. Fünf von ihnen, was RELATIV gut ist, gegen Spitzenteams: Wolfsburg, Leverkusen und Schalke. Von Champions League spricht dennoch längst niemand mehr. Nicht in Augsburg und auch nicht mehr um Augsburg herum. Längst ist sogar die Europa League in Gefahr. Ganz gleich, wie’s ausgeht: Am Ende wird der FCA eine starke Saison gespielt haben – eine „überragende“ aber wohl eher nicht.

Von Werder Bremen erzählte man sich unlängst noch, das Team sei nach mehreren vergeblichen Anläufen 2014/15 endgültig und todsicher reif für die zweite Liga. Wie zum Beweis, rutschten die Hanseaten am 16. Spieltag durch ein 1:4 in Gladbach auf den letzten Tabellenplatz ab. Trainer Robin Dutt hatte man zu diesem Zeitpunkt schon geschasst; Victor Skripnik hatte übernommen. Er feierte gegen Aufbaugegner BVB den ersten Sieg, legte gegen Hertha, in Hoffenheim, gegen Leverkusen und Augsburg nach und verlor auch auf Schalke nicht – 16 von 18 Punkten aus sechs Spielen. Plötzlich sprach man an der Weser wieder von der Europa League und tut es noch – auch wenn längst so etwas wie Normalität eingekehrt ist (5 von 18 Punkten aus den letzten sechs Spielen; zuletzt ein RELATIV unglückliches 2:3 beim Schlusslicht Stuttgart). Egal, wie’s ausgeht: Am Ende werden sie in Bremen mit der Saison RELATIV zufrieden sein.

Oder nehmen wir Hoffenheim: Tolle Offensive, dazu endlich auch defensiv stabilisiert. Ein Kandidat für Europa folglich – hieß es in der Anfangsphase der Saison und heißt es noch. Doch inzwischen sind’s schon wieder 45 Gegentore. RELATIV viele. Zuletzt gab’s drei in Köln. Formkurve fallend.

Irgendwo im Niemandsland der Tabelle, hinter Augsburg, Hoffenheim und Bremen, DERZEIT NOCH hinter Augsburg, Hoffenheim und Bremen: der BVB. Der spielt ohne jedes Wenn und Aber eine grausige Saison, und man darf trefflich darüber diskutieren, ob es denn überhaupt als Erfolg zu werten wäre, wenn sich das Team von Trainer Jürgen Klopp auf der Zielgeraden noch für die Europa League qualifizieren würde. Und doch winkt der Borussia ein RELATIV glimpflicher Ausgang einer Spielzeit, über die man eigentlich das Deckmäntelchen des Schweigens ausbreiten müsste.

Beim 1:3 in Mönchengladbach wirkte das Team zuletzt derart vitaminarm und blutleer, dass selbst dem sonst so besonnenen Sportdirektor Michael Zorc der Kragen platzte. Kapitän Mats Hummels patzte in Serie, Ilkay Gündogan trabte neben dem Spiel her als müsse er sich mental auf die TV-Übertragung von Derby ManU -ManCity am Tag darauf vorbereiten. Shinji Kagawa strahlte die Torgefahr einer Rolle Sushi aus – kurz: Es war ein Jammer. Mal wieder.
Trotzdem – und obschon es nach dem 0:1 gegen die Bayern die zweite Pleite in Folge und die 13. (!) insgesamt war – verschlechterte sich die Ausgangsposition nicht. Da auch die Klubs auf den Plätzen sieben bis neun allesamt patzten, beträgt der Rückstand der Borussia auf Rang sieben, der am Ende mutmaßlich für die Qualifikation zur Europa League reichen wird, nach wie vor vier Punkte. NUR vier Punkte. Das ist RELATIV wenig – und objektiv aufholbar, denn der BVB hat nur noch zwei Auswärts- (Hoffenheim!!! / Wolfsburg) bei noch vier Heimspielen gegen Paderborn, Hertha sowie die direkten Konkurrenten Frankfurt und Bremen. Und hätte die Klopp-Truppe in dieser Saison schon ein wenig öfter gezeigt, dass sie Willens und in de Lage ist, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, wäre man geneigt, ihr zu attestieren: Jungs, Ihr habt es selbst in de Hand!

Platz 7 am Ende – das wäre nach diesem Saisonverlauf RELATIV zufriedenstellend. Zufriedenstellender allemal als es Platz 6 für den FC Schalke 04 wäre. Denn der hat noch bis zum vergangenen Wochenende von der Champions League geträumt. Zufriedenstellender vielleicht sogar, als es Platz 8 für den FC Augsburg wäre. Und würde der BVB dann noch das DFB-Pokal-Finale erreichen (die Chance ist klein, aber der Pokal hat seine eigenen . . . – Ihr wisst schon!); und würde er es womöglich sogar gewinnen: Die Saison 2014/15 wäre im Rückblick eine RELATIV erfolgreiche gewesen. Und würde Borussia schließlich auch noch an Schalke vorbeiziehen, viele Fans würden das „RELATIV“ streichen und durch ein „ABSOLUT“ ersetzen.

Viele Konjunktive, zugegeben. Aber die gehören halt auch zur deutschen Sprache. Und zum Fußball. Jedenfalls so lange der Ball rund ist, ein Spiel 90 Minuten und eine Saison 34 Spieltage dauert.

@bastifuenf – der alte Mann und das Mehr

Reden wir nicht über den, der seit Sonntag, 19.25 Uhr, überall das Thema Nummer 1 ist. Wobei: Reden wir vielleicht doch ganz kurz über Christoph Kramer, den Gladbacher Gedächtnislücken-Weltmeister, der mit seinem 45-Meter-Traumeigentor die Niederlagenserie des Übernacht-Schlusslichts Borussia Dortmund auf so spektakuläre Weise beendet hat. Sollte also dieser Christoph Kramer ab der Saison 2015/16 für die andere, die einzig richtige Borussia spielen, die in Schwarzgelb also, wäre ich gerne der Erste, der gleich nach dem Schlusspfiff die Vermutung geäußert hat, dass die Rückpass-Bogenlampe zum 1:0-Sieg des BVB sein vorgezogenes Antrittsgeschenk an den neuen Arbeitgeber war. Womit dieser böse Verdacht schriftlich nieder- und im Langzeitgedächtnis des WorldWideWeb abgelegt wäre . . .

Als Schlusslicht ins 300. BVB-Spiel

Und damit zum eigentlichen Thema: Reden wir doch mal über @bastifuenf, bei Nicht-Twitterern als Sebastian Kehl bekannt. Reden wir nicht deshalb über ihn, weil er der Erste war, der Kramer, kaum dass der Ball die Linie überschritten hatte, Trost spendete – er stand halt zufällig gerade unmittelbar neben dem Unglücksschützen. Reden wir auch nicht darüber, dass Kehl gegen Gladbach sein 300. Bundesligaspiel für Borussia Dortmund absolvierte. Eines, das auf dem 18. Platz begann und auf einem Nicht-Abstiegsplatz endete.

Die Forderungen nach Rücktritt vom Rücktritt werden lauter . . .

Reden wir lieber deshalb über Sebastian Kehl, weil er im zarten Alter von 34einhalb Jahren gerade so gut spielt wie lange nicht und damit so wertvoll ist wie noch länger nicht. Und das auf seiner Abschiedstournee durch die Bundesligastadien, denn schließlich hat „Kehli“ bereits während der zurückliegenden Spielzeit beschlossen, dass die nun laufende definitiv seine letzte sein soll. Konsequenterweise hat er aus diesem Grund im Sommer die Kapitänsbinde abgegeben. Doch während Mats Hummels, dank seiner sportlichen Klasse, seiner Persönlichkeit und menschlichen Reife der „geborene“ Nachfolger, diese Rolle aufgrund vieler Verletzungsprobleme noch gar nicht übernehmen konnte, spielt Kehl sie heimlich und inoffiziell einfach weiter – und sorgt dafür, dass die Zahl derer, die einen Rücktritt vom Rücktritt fordern, wöchentlich wächst. Mittlerweile – und an der Stelle wird’s dann ja wirklich spannend – entwächst diese Diskussion den sozialen Medien und Internetforen und kommt bei den sportlich Verantwortlichen des BVB an.

. . . und sogar das Duo Klopp/Zorc stimmt ein

„Überragend, wie er im Moment spielt“, lobte Sportdirektor Michael Zorc am Sonntag nach dem 1:0 gegen Gladbach – und deutete an: „Sicherlich werden wir noch einmal reden. Aber ich sehe keinen Grund, jetzt etwas zu entscheiden.“ Trainer Jürgen Klopp wurde sehr viel deutlicher, wobei man schlecht einschätzen konnte, welche seiner Worte der Erleichterung über das Ende der Talfahrt geschuldet waren. Jedenfalls kündigte Klopp an: „Sollte Kehli im nächsten Sommer noch so rennen, ackern und fighten, sorge ich persönlich dafür, dass er weitermacht.“ Und der Gelobte selbst, was sagt der? – Er schweigt und genießt. Nur soviel: „Gut, dass ich solche Entscheidungen immer noch selber treffe.“

Im Kern dreht sich die Diskussion um Charakter und Persönlichkeit. Wer eine Mannschaft wirklich führen kann, bereit ist, auf dem Platz und außerhalb Verantwortung zu übernehmen und sich reinzuhauen, zeigt sich bekanntlich nicht, wenn’s sportlich super läuft. Sondern wenn’s super hakt. Dann tauchen die Feingeister und Mitschwimmer ab. Dann gehen die Ärmelhochkrempler und In-die-Hände-Spucker nach vorne. Und zu denen gehört Sebastian Kehl. Der alte Mann und das Mehr.

Kehl und Bender – eine Entscheidung für defensive Stabilität

Nun muss man natürlich der Wahrheit die Ehre geben. Wäre Ilkay Gündogan nicht so lange, wären Nuri Sahin und Oliver Kirch nicht seit Saisonbeginn und wäre nicht auch Sven Bender zwischendurch immer wieder ausgefallen; würde es insgesamt beim BVB runder laufen als es läuft, hätte @bastifuenf nicht die Einsatzzeiten, die er hat. Weil es aber ist wie es ist, konnte Klopp im gewohnten 4-2-3-1-System die defensive Mittelfeldzentrale seltenst mit einem Sechser (Bender oder Kehl) und einem Achter (Gündogan oder Sahin oder Jojic) besetzen. Und um Rhythmus und Stabilität ins Spiel zu bekommen, entschied er sich auch nach Gündogans Genesung zuletzt in Serie für die Doppel-Sechs mit Kehl UND Bender. Keine Lösung für alle Zeiten – aber allemal eine für Krisenzeiten.

@bastifuenf steht für physische Präsenz

Klar ist: Mit seinen demnächst 35 Jahren macht Sebastian Kehl das BVB-Spiel nicht mehr schnell. Er spielt auch eher selten den genialen Pass in die Tiefe. Ein Edeltechniker war er nie und wird auch keiner mehr werden. Aber Kehl macht Meter. Er ist – wie Bender – physisch präsent, geht Zweikämpfen nicht aus dem Weg, sondern sucht sie. Bei Standards verbreitet er auch im gegnerischen Strafraum ein gewisses Unwohlsein. Zuletzt setzte er sich gegen Galatasaray Istanbul im Luftduell entschlossen durch und legte Papa Sokratis das 2:0 auf.

Zu alt? – Sind Totti, Olic, Gerrard & Co. doch auch nicht!

Typen wie Kehl braucht jede Mannschaft, und das Alter an sich ist kein Gegenargument – siehe Francesco Totti bei der Roma, Miro Klose bei der WM, Ivica Olic in Wolfsburg, Martin Stranzl in Gladbach, Steven Gerrard in Liverpool oder Didier Drogbá bei Chelsea. Das Alter wäre nur dann ein Argument, wenn der Spieler altersbedingt verletzungsanfälliger würde. Sebastian Kehl hat in seiner Laufbahn zahlreiche, auch schwere Verletzungen verkraften müssen. Er fiel auch in der jüngeren Vergangenheit immer wieder mal aufgrund von Blessuren aus. Aktuell aber wirkt er auch in dieser Hinsicht stabil.

Will sagen: Wenn Kehl sich vorstellen kann, 2015/16 die Rolle des Backup-Sechsers zu spielen, die ihm eigentlich schon für die laufende Saison zugedacht war: Warum dann nicht einfach noch ein Jahr dranhängen?!

(Beitragsbild: Screenshot von http://www.sebastian-kehl.de)