André Schürrle: Der Mann für die besonderen Momente

 

(Text für „ECHT“, Ausgabe 117)

Eckfahne möchte man auch nicht sein!

86 Minuten und 21 Sekunden waren gespielt im Champions-League-Klassiker zwischen Borussia Dortmund und Real Madrid, als Christian Pulisic den Ball vom rechten Strafraumeck gefühlvoll in die Mitte löffelte. Vier Sekunden später, bei 86:25, zappelte das Leder im Netz. André Schürrle hatte den Ball mit der linken Klebe buchstäblich in den Winkel genagelt, war Richtung Südost-Eckfahne gerannt und hatte die bedauernswerte Kunststoffstange mit einem Kung-Fu-Tritt umgelegt. Es war ein typischer André-Schürrle-Moment. Also nicht der Tritt – sondern das Tor!

„Ganz ehrlich“, sagt Schürrle, „von so einem Moment hatte ich geträumt, seit ich im Sommer beim BVB unterschrieben habe. Wenn du zum ersten Mal in dieses Stadion einläufst, die Südtribüne hinaufblickst und einfach nur noch Gelb siehst, dann denkst du: Was muss das für ein geiles Gefühl sein, vor dieser Wand ein wichtiges Tor zu schießen!“ Sein Tor gegen Real war zweifelsfrei ein ganz wichtiges. Es war das 2:2. Es war das schwarzgelbe Signal an die Königsklasse: Wir sind wieder da! Nach einem Jahr Tingeltangel-Tour nach Wolfsberg, Odds, Qäbäla und Krasnodar spielen wieder im Konzert der Top-Klubs mit. Und wir sind auf diesem Top-Niveau konkurrenzfähig!

Dass ausgerechnet André Schürrle – Spitzname „Schü“ – den Ausgleich gegen den Champions-League-Rekordsieger und -Titelverteidiger erzielte, war alles andere als überraschend. Denn wer die Laufbahn des gebürtigen Ludwigshafeners verfolgt, der weiß: Schürrle ist ein Mann für entscheidende Situationen, für die „Magic Moments“. Während andere, gleichfalls hochveranlagte Profis immer wieder abtauchen, wenn’s wirklich wichtig wird, macht er in solchen Spielen häufig den Unterschied.

Als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 2014 im Achtelfinale gegen Algerien von einer Verlegenheit in die nächste stolperte, war es André Schürrle, der das Spiel in der Verlängerung mit einem Zaubertor auf Sieg stellte. Und als beim Endspiel gegen Argentinien alle schon die Salzstangen als Nervennahrung fürs Elfmeterschießen griffbereit stellten, war es wiederum Schürrle, der auf der linken Seite Fernando Gago stehen ließ, Javier Mascherano abhängte, Pablo Zabaleta gar nicht mehr in den Zweikampf kommen ließ und den Ball mit links millimetergenau auf Mario Götze schaufelte.

Der Rest ist Fußball-Geschichte.

BVB-Trainer Thomas Tuchel weiß um diese ganz besondere Qualität von André Schürrle. Deshalb wollte er ihn im Sommer 2016 unbedingt von Wolfsburg nach Dortmund locken. Schürrle ist eben nicht nur schnell. Er hat nicht nur einen exzellenten linken Fuß und einen formidablen Wumms. Er ist nicht nur vielseitig einsetzbar – rechts wie links und auch zentral in der Spitze. Er ist nicht nur torgefährlich. Er ist vor allem dann torgefährlich, wenn’s drauf ankommt. Woran das liegt: „Vielleicht gelingt es mir einfach besonders gut, mich auf solche Momente zu konzentrieren“, sagt Schürrle. „Ich freue mich auf diese Spiele, bei denen du vorher schon weißt, dass sie durch Kleinigkeiten entschieden werden. Und ich vertraue mir da auch selbst, weil ich weiß, dass es in mir steckt, in entscheidenden Situationen eine entscheidende Aktion zu initiieren.“ Schon mit seinen beiden allerersten Bundesliga-Toren drehte er 2009 für Mainz 05 einen 1:2-Halbzeitrückstand beim VfL Bochum in einen 3:2-Sieg.

Hinzu kommt: Schürrle ist ein Kaltstarter. Die geschilderten Tore gegen Real, Algerien und Argentinien erzielte er allesamt als Einwechselspieler. Auch das ist eine außergewöhnliche Fähigkeit – und die kann Schürrle sehr gut erklären: „Natürlich“, sagt er, „möchte ich grundsätzlich immer von Anfang an spielen. Ich sehe mich nicht als ‚Joker‘. Aber ich gehöre auch nicht zu den Spielern, die in ihrer Ehre gekränkt sind und Frust schieben, wenn sie mal nicht in der Start-Elf stehen.“ Sein Credo lautet vielmehr: „Wenn du 20 oder auch erst 15 Minuten vor dem Ende eingewechselt wirst, musst du eben versuchen, in diesen 20 oder 15 Minuten etwas zu bewegen. Denn es geht hier nicht um dich persönlich, sondern um den Erfolg der Mannschaft und des Vereins.“

Nicht zaudern. Zupacken! Nicht lamentieren. Loslegen! Positiv sein. Ein Mix aus „Carpe Diem!“ und „Think pink!“ Mit dieser Einstellung wird André Schürrle in Dortmund den Nerv der Fans treffen. Dortmund und die Fans haben seinen Nerv längst getroffen. Im Grunde auf Anhieb. „Ich hatte ja schon viel über den BVB gehört – von Marco Reus und Mario Götze, auch von Mats Hummels. Und als sich die Möglichkeit ergab, nach Dortmund zu wechseln, haben alle in meinem Umfeld gesagt: Wahnsinn, das musst Du auf jeden Fall machen!“

Die Realität hat ihn dann aber doch noch einmal mehr geflasht, als er es für möglich gehalten hat. „Alles in dieser Stadt ist auf Borussia ausgerichtet. Die Menschen leben den BVB, sie laufen selbst im Alltag im Trikot herum. Bei Auswärtsspielen erwarten uns hunderte Menschen vor den Hotels, selbst in Asien drehen die Leute im positiven Sine durch. Das alles habe ich doch etwas unterschätzt.“ Klar, auch der FC Chelsea sei ein großer Klub mit langer Tradition, „aber die Fankultur hier in Dortmund – das ist noch einmal eine ganz andere Nummer“, sagt er.

André Schürrle ist im Pott angekommen. Die Mannschaft habe ihn „toll aufgenommen“. Dass er mit Marco Reus und Mario Götze eng befreundet ist, hat natürlich geholfen. Dass er mit beiden auch um die Positionen in der Offensive konkurriert, mit Reus mehr noch als mit Götze, findet er „überhaupt nicht problematisch, weil das im Fußball das Normalste auf der Welt“ sei. Dass er unter Trainer Thomas Tuchel mit der Mainzer U19 Deutscher Meister wurde und den Sprung in die Bundesliga schaffte: Ja, auch das sei ein Argument für den Wechsel nach Dortmund gewesen. Aber eben, und das ist ihm wichtig, nur  e i n  Argument. Eines von vielen. „Eine solche Entscheidung, die auf Jahre angelegt ist, fällst du ja nicht nur, weil du mit dem Trainer gut klarkommst.“ Da gehört schon mehr dazu. Insbesondere die sportliche Perspektive. Der Kick, den Duelle wie das gegen Real Madrid vermitteln. Das mit nichts zu vergleichende Gefühl, vor der Gelben Wand ein wichtiges Tor zu erzielen. „Davon bekommst du nie genug“, sagt André Schürrle. „Wenn du das einmal erlebt hast, dann willst du es wieder und wieder erleben.“

Nur zu. Die Fans des BVB haben ganz sicher nichts dagegen!

Schon zwei Titelgewinne  g e g e n  den BVB

André Schürrle hat als Fünfjähriger beim Ludwigshafener SC mit dem Fußballspielen begonnen. Mit 15 Jahren wechselte er zum 1. FSV Mainz 05, mit dem er 2009 Deutscher Meister wurde – unter Trainer Thomas Tuchel und gegen den BVB. Noch im selben Jahr feierte er sein Debüt in der Fußball-Bundesliga. Über Bayer Leverkusen kam der Offensivspieler 2013 zum englischen Topklub FC Chelsea, für den er gleich in seiner ersten Saison acht Treffer erzielte. Als die Londoner 2015 Meister wurden und den Liga-Pokal gewannen, war André Schürrle allerdings schon in Wolfsburg. Zur Titelfeier lud Chelseas Trainer José Mourinho in dennoch ein. Schürrle musste absagen – wegen des DFB-Pokalfinals, das er mit dem VfL Wolfsburg gewann. Gegen den BVB.

Übrigens: Seit seinem 2:2 gegen Real Madrid ist André Schürrle der einzige deutsche Fußballer, der in der Champions League für vier Klubs getroffen hat: Bayer Leverkusen, VfL Wolfsburg, FC Chelsea und Borussia Dortmund.

Das neue Ziel: Titelgewinne  m i t  dem BVB!

Weltmeister ist er schon. Deutscher Meister noch nicht. Deutscher Meister will er werden. „Das ist der Traum jedes Fußballers“, sagt André Schürrle. Das steht auch auf seiner persönlichen Wunsch- und Prioritätenliste ganz weit oben. Und „Schü“ ist überzeugt: „Hier in Dortmund geht das. Der Klub und die Mannschaft haben das Potenzial, Großes zu erreichen.“ Er habe, sagt der Neuzugang, „vom ersten Training an ein gutes Gefühl gehabt. In unserem Kader ist unglaublich viel Talent vereint, alle Positionen sind doppelt besetzt“. Zwar habe man „in den ersten Saisonspielen ein bisschen was liegen lassen“, nicht zuletzt aufgrund des personellen Umbruchs und etlicher Verletzungen, von denen auch er selbst betroffen war. „Aber wenn wir jetzt unsere Top-Form finden und Konstanz entwickeln“, sagt André Schürrle, dann sei mit diesem Team einiges möglich. „Auch schon in dieser Saison!“

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Weg mit dem Sternen-Firlefanz – zurück an die Arbeit!

Man sah es ihm an. Joachim Löw hatte richtig Bock. Supersuperbock, sozusagen.

Er hatte Supersuperbock, nach dem Last-Minute-Schock gegen Irland zum Interview ins RTL-Studio zu dackeln – genauer: zu pudeln. Denn wie ein begossener Pudel saß der Bundestrainer zwischen Florian König und Jens Lehmann. Jener König, der sonst Formel 1 und Koch-Shows moderiert. Und jener Lehmann, der schon als Spieler stets sehr speziell gewesen war und nun als Experte renitent und tendenziell respektlos daher kommt. Jener Lehmann, dem es ganz offenkundig mehr als jedem anderen vollkommen egal ist, was andere über ihn denken. Was der schon nach dem 0:2 in Polen für Fragen gefragt hatte. Nachgerade dreist! Eine ganz neue Erfahrung für Joachim Löw, der sich in Warschau vermutlich viel lieber zum verbalen Trostkuscheln zu Katrin Müller-Hohenstein begeben hätte und nun in Gelsenkirchen ahnte, dass er neuerlich vornehmlich kritische Fragen würde beantworten müssen.

Er, der Weltmeister-Trainer!

Wer weiß, vielleicht hat Joachim Löw ja am Dienstagabend auf dem Weg von der Kabine der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zum RTL-Studio erstmals darüber gegrübelt, ob es wohl die beste aller Ideen gewesen war, nach der WM weiterzumachen. Statt abzutreten. Auf dem Gipfel des Denkbaren. Vielleicht hat Löw bei sich gedacht: „Mensch, Jogi, hättest Du es mal gemacht wie der kleine Philipp.“ Der Lahm. Das Kapitänchen. Weltmeister geworden. Den Pott geküsst. Abgetreten! Oder der lange Per. Der Mertesacker. Der „Big fuckin‘ German“, wie sie ihn beim FC Arsenal liebevoll nennen. Weltmeister geworden. Abgetreten! Oder der olle Miro. Der Klose. Weltmeister geworden. Weltmeisterschaftsrekordtorschütze geworden. Abgetreten! Alles richtig gemacht. Den Moment eingefroren. Besser kann’s nicht mehr sein!

Joachim Löw wollte das nicht. Abtreten auf dem Höhepunkt. Er wollte weitermachen. Die Mannschaft weiterentwickeln. Sie zur EM 2016 führen. Und dort der erste Trainer seit Helmut Schön (1972 & ’74) werden, der mit der N11 Welt- und Europameister wird. Nun hat er den Salat – und muss mit Kritik leben. Nach nur vier Punkten aus drei Qualispielen mit nur drei erzielten und vier kassierten Toren hat ein herbstlicher Fußballblues den weltmeisterlichen Sternenglanz abgelöst.

Es fehlen nur noch die Klatschpappen

Vielleicht wäre genau das ein erster Schritt aus der Leistungs- und Ergebniskrise: Diesen ganzen WM-Firlefanz endlich mal beiseite zu legen und wieder zur Alltagsarbeit überzugehen. Kein Länderspiel mehr ohne Hochglanzglitter-Sterne-Choreographie auf den Stadiontribünen. Auch am Dienstag in der Gelsenkirchener Dreifach-Turnhalle wurden die Event- und Erfolgszuschauer wieder genötigt, bunte Papptafeln in die Höhe zu halten. Ein Wunder eigentlich, dass beim DFB – anders als beim FC Bayern – noch niemand auf die Idee gekommen ist, versponserte Klatschpappen samt Bedienungsanleitung auf die Sitzschalen zu legen. Von „Fans“ kann bei Spielen der N11 längst keine Rede mehr sein. Fans bringen inzwischen nur noch die Gästeteams mit. Schottische Fans sorgten in Dortmund für Stimmung. Irische Fans in Gelsenkirchen. Deutsche Fans klatschen brav bei Eckbällen und singen gelegentlich „Die Nummer eins der Welt sind wir“ – was angesichts der vitaminarmen Darbietungen auf dem Rasen allerdings zunehmend albern klingt.

Das Märchen ist vorbei . . .

Das WM-Finale liegt inzwischen drei Monate zurück. Drei Monate. Das war vorvorvorvorvor…gestern. Jetzt ist heute. Willkommen zurück in der Realität! Es ist Herbst. Es ist kühl. Es ist regnerisch. Es ist Quali. Die Gegner beißen. Und ja, ihr schlaft wieder zu Hause. Nicht mehr in der Schmuseatmosphäre der Campo-Bahia-WG, die Löw und Teammanager Oliver Bierhoff – einer Kunst- und Phantasiewelt ähnlich – eigens hatten bauen lassen. Das Märchen ist vorbei.

. . . und die Realität geht so:

Nein, es sind nicht nur drei wichtige Spieler zurückgetreten. Ja, es fehlen auch viele wichtige Spieler. Marco Reus und Ilkay Gündogan – aber die fehlten auch schon bei der WM. Christoph Kramer und Andre Schürrle – aber die waren zumindest in Polen noch dabei und bei der WM obendrein nur Ergänzungsspieler. Bastian Schweinsteiger, ja, der fehlt tatsächlich – aber wer weiß, ob er überhaupt noch einmal richtig zurück kommt. Sami Khedira fehlt. Mesut Özil fehlt auch – aber in der Form der letzten Wochen irgendwie auch wieder nicht.

Nirgendwo ein „Wickie“, der mal „Ich hab’s!“ ruft

Will sagen: Gegen Irland standen mit Thomas Müller, Mario Götze und Toni Kroos drei Akteure auf dem Platz, die gemeinhin unter „Weltklasse“ einsortiert werden. Dazu ein Julian Draxler, nach dem vermeintlich halb Fußball-Europa schielt. Vier Kreativ-Kicker also, von denen kaum Kreatives kam. Götze war bemüht, arbeitete mehr als früher und hätte einen Elfmeter bekommen müssen. Müller bot, wie schon in Polen, eine Nicht-Leistung, für die er in einigen durchaus ernst zu nehmen Medien sogar noch die Note „3“ erhielt. Der MüllerBayern-Bonus. Draxler stand neben sich – wie zuletzt meist auch auf Schalke. Und Kroos? Hatte viel Ballkontrolle. Hatte viele Ballkontakte. Erzielte schließlich auch das 1:0. Aber Ideen, Geistesblitze, mal ein genialer Moment, ein öffnender Pass, dazu geeignet, die irische Abwehr zu durchschneiden und zu filetieren? Nichts dergleichen. Man hätte sich einen „Wickie“ herbei gewünscht, der sich eine Weile lang mit dem Zeigefinger unter der Nase reibt und im Moment der plötzlichen Erleuchtung „Ich hab’s!“ ruft.

Es waren die Mittelfeld- und Offensivkräfte, die das @DFB_Team in der Schlussphase von einer Panikattacke in die nächste manövrierten. Vorne wurde nicht mehr attackiert, in der Mitte der Ball hergeschenkt, statt gehalten. Und hinten gerieten sie in Not. Der späte Ausgleich war die Folge einer langen Fehlerkette, an deren Ende der Dortmunder Mats Hummels doof aussah und deshalb verständlicherweise angefressen reagierte. „Man wird mir wieder die Schuld geben, aber ganz ehrlich: In der Situation kann ich auch nur noch versuchen, zu retten.“ Was schwer zu retten war.

Hummels hat Recht: Schon die WM war keine Gala, sondern knallharte Arbeit

Es war jener Hummels, der darauf verwies, dass auch in Brasilien nicht alles nur Gold und Glanz, sondern zuvorderst knallharte Arbeit und bisweilen auch gehöriges Glück war. Weder gegen die USA noch gegen Algerien noch gegen Frankreich noch im Endspiel gegen Argentinien hatte die deutsche Mannschaft geglänzt. Und sie hatte auch bei der WM, sieht man vom Eröffnungsspiel gegen Portugal und dem nach wie vor unerklärlichen 7:1 gegen Brasilien ab, keine Offensiv-Feuerwerke abgebrannt. Das 1:0-Siegtor gegen die USA fiel durch einen Distanzschuss. Das 1:0-Siegtor gegen Frankreich nach einer Standardsituation durch einen Abwehrspieler. Gegen Algerien und Argentinien fiel in 90 Minuten gar kein Tor. Klingt das nach Spektakel? Nach Rausch und Gala? Wohl eher nicht. Wohl eher, wie Hummels korrekt feststellte, nach „knallharter Arbeit“ und nach funktionierendem Kollektiv.

Genau das funktioniert derzeit nicht. Und wenn weiterhin die vollkommen verfehlte Diskussion über vermeintlich minderbemittelte Außenverteidiger geführt wird (übrigens hatte der zuletzt heftig kritisierte Erik Durm gegen Irland weit mehr starke als schwache Szenen!), wird sich daran auch nichts ändern. Dann wird zwar nicht Gibraltar, wohl aber der entthronte Weltmeister Spanien deutlich aufzeigen, wo die Schwächen liegen.

Mehr zu #GERIRL, zu Mats Hummels – und was er zur Kritik von Joachim Löw sagt:

http://www.derwesten.de/wr/sport/fussball/bvb/bvb-kapitaen-hummels-und-bundestrainer-loew-sind-sich-uneinig-id9938175.html

http://www.spox.com/de/sport/fussball/dfb-team/em-2016-qualifikation/spielberichte/deutschland-irland/mats-hummels-interview-1-1-gegen-irland-unfassbare-dinger.html

http://www.spiegel.de/sport/fussball/em-quali-weltmeister-deutschland-schwaechelt-gegen-irland-a-997230.html

http://www.spiegel.de/sport/fussball/em-quali-deutschland-gegen-irland-mit-spaetem-ausgleich-a-997189.html

http://www.ruhrnachrichten.de/sport/bvb/So-einfach-ist-es-nicht-Hummels-ueber-Erwartungen-und-das-Irland-Spiel;art11635,2511803

Plädoyer gegen das Pfeifkonzert

Ja, spinnt er denn jetzt völlig?, werdet Ihr angesichts der Überschrift wahrscheinlich fragen. Und bei oberflächlicher Betrachtung liegt dieser Verdacht durchaus nahe. Schließlich ist es gerade erst drei Wochen her, dass ich in diesem Blog ein vehementes „Plädoyer fürs Pfeifkonzert“ gehalten und sogar behauptet habe, das Pfeifen sei Fankultur.

http://fliggwerk.com/2014/08/15/pladoyer-furs-pfeifkonzert/

Anlass war das deutsche Supercup-Duell zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München, bei dem, Ihr erinnert euch, der Ex-Dortmunder Mario Götze eingewechselt und gnadenlos ausgepfiffen wurde.

Darf man das? – fragte tags darauf die BILD. Darf man einen WM-Helden auspfeifen? Den Siegtorschützen von Rio, den Vier-Sterne-Mario. Die Antwort, jedenfalls meine: Jau! Man darf.

Und nun also die Rolle rückwärts? – Mitnichten! Das „Plädoyer gegen das Pfeifkonzert“ rückt inhaltlich keinen Millimeter ab vom „Plädoyer fürs Pfeifkonzert“. Wir haben vielmehr eine neue Lage, eine erneute Frage und eine neue Antwort.

Die neue Lage: Als Mario Gomez beim 2:4 gegen Argentinien nach drei dilettantisch verdaddelten Größtchancen ausgewechselt wurde, pfiffen ihn die Zuschauer aus. So, wie sie in der jüngeren Vergangenheit gelegentlich auch schon Mesut Özil im Nationaltrikot ausgepfiffen haben.

Die erneute Frage: Darf man das?

Die neue Antwort: Nein, darf man nicht! Sagt Bundestrainer Joachim Löw. Und hat schon wieder Recht.

Und um die nächste Frage gleich mit aufzugreifen, die spätestens am Sonntagabend beim EM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Schottland in Dortmund mit der Laustärke eines startenden Düsenjets aufploppen wird:

Darf man Mario Götze in Dortmund auspfeifen, wenn er das Nationaltrikot trägt?

Antwort: Nein, darf man nicht!

Götze ist nämlich nicht gleich Götze.

Wenn Mario Götze mit dem FC Bayern München in Dortmund spielt, sind 70.000 der 80.000 Zuschauer im Westfalenstadion BVB-Fans. Als solche müssen sie Götze nicht mögen. Sie dürfen ihn doof finden und Schilder hochhalten, auf denen Götze mit dem Euro-€ geschrieben wird – Götz€. Weil sie ihm vorwerfen, er sei nur der Kohle wegen von Dortmund nach Norditalien gewechselt. Sie dürfen ihm legitimerweise diesen Wechsel nachtragen. Und pfeifen!

Wenn Mario Götze mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Dortmund spielt, sind gut 60.000 Zuschauer Fan des Weltmeisters. Die anderen paar Tausend sind Schotten. Das sind die, die Mario Götze auspfeifen dürfen. Wenn sie wollen. Wollen sie aber vermutlich gar nicht. Unter den 60.000 sind vermutlich manche, die ihn auspfeifen wollen. Dürfen sie aber nicht. Sie dürfen ihn so wenig auspfeifen wie ein BVB-Fan Großkreutz oder Kuba auspfeifen darf. „Und wenn Du das Spiel verlierst, ganz unten stehst, dann steh’n wir hier . . .“ – diese Grundhaltung muss bei Länderspielen in Deutschland für das @DFB_Team gelten wie es beim Heimspielen von Borussia Dortmund für den @BVB gilt. 

Der Punkt ist doch: Jeder, der am Sonntag im Stadion ist; jeder, der sich generell ein Spiel der Nationalmannschaft live anschaut, tut das freiwillig. Niemand wird gezwungen. Wer keinen Bock hat, soll einfach zu Hause bleiben. Statt die eigenen Spieler im eigenen Land auszupfeifen. Das gilt für Götze wie für Gomez wie für Özil . . .

Ich hoffe jedenfalls, dass es am Sonntag keine Pfiffe gegen Götze geben wird. Andernfalls müsste ich mich fremdschämen.

Warum der Weltmeister wie ein Kreismeister aussah

Wir sind Weltmeister. WIR ALLE. Immerhin gehört UNS ALLEN ja auch dieser vierte Stern. Hat der Jogi gesagt, und was der Jogi sagt, ist spätestens seit dem späten Abend des 13. Juli 2014 Gesetz.

Fußball-Experten waren wir ja schon vorher. Also, bevor WIR ALLE Weltmeister wurden. 80 Millionen Bundestrainer. Bedauerlicherweise werden Spiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei aller vorhandenen Expertise dennoch auf Stammtisch-Niveau diskutiert. Oberflächlich und polemisch. Nach dem 2:4 bei der finalen Revanche gegen Argentinien klang das dann so:

Mannmannmann, war die Abwehr schlecht!

Nun könnte man das im Vorfeld grenzenlos überhöhte Spektakel in Düsseldorf durchaus auch etwas differenzierter betrachten. Das ist ungleich anstrengender, lohnt aber, weil es zu Ergebnissen führt, die mit Blick auf die anstehende EM-Qualifikation den einen oder anderen Schluss zulassen.

Richtig ist: Die Abwehr war nicht gut. Das konnte sie allerdings auch gar nicht sein – und zwar aus mehreren Gründen. Erstens hat sie in dieser Formation noch nie auch nur im Ansatz zusammengespielt. Selbst die drei Dortmunder Eric Durm, Matthias Ginter und Kevin Großkreutz sind sich als Nebenleute (noch) fremd, weil Ginter neu in Dortmund ist. Durm und Großkreutz sind zwar Weltmeister, waren in Wahrheit aber WM-Touristen und haben also, weil sie auch noch später wieder zum BVB-Kader stießen, seit Mitte Mai kaum Spielpraxis. Mit dem Schalker Benedikt Höwedes hat keiner von ihnen je zusammengespielt. Wenn eine solche, aus der personellen Not (Mertesacker-Rücktritt, Hummels- und Boateng-Verletzung) zusammengebastelte Abwehr auf einen gegnerischen Weltklasse-Sturm trifft, kann es hier und da schon einmal wacklig werden.

Viel entscheidender aber ist: Jede Abwehrreihe dieser Welt sieht schlecht aus, wenn die Mitspieler vor ihr nicht helfen. Erfolgreich bist du im modernen Fußball nur noch dann, wenn bei eigenem Ballbesitz ALLE ZEHN Feldspieler offensiv denken und handeln und bei Ballverlust ALLE ZEHN defensiv. Das war am Mittwoch in Düsseldorf nicht einmal ansatzweise so.

Christoph Kramer und Toni Kroos waren keine Doppel-Sechs, sondern eine Doppel-Acht. Beide hatten starke Szenen im Spielaufbau – weshalb die deutsche Nationalmannschaft ja auch ein halbes Dutzend hochkarätiger Chancen kreierte (allein Mario Gomez verdaddelte in Halbzeit 1 drei davon). Das Mittelfeld-Zentrum aber riegelten Kramer/Kroos nicht ab. So wenig, wie der früh verletzte und zu spät ausgewechselte Julian Draxler (nachher: Lukas Podolski) seinem Hintermann Erik Durm zu Hilfe kam. So wenig, wie Andre Schürrle (nachher: Thomas Müller) auf der anderen Seite Kevin Großkreutz unterstützte. Und dass Gomez – anders als Robert Lewandowski oder Mario Mandzukic – kein Mittelstürmer ist, der sich bei Ballverlust als erster Verteidiger versteht und durch ein irres Laufpensum den gegnerischen Spielaufbau schon im Ansatz erschwert, ist keine wirkliche Überraschung.

Die logische Folge: Deutschlands Viererkette wurde wieder und wieder überlaufen. Zuvorderst von einem Angel di Maria in Gala-Form. Einen solchen Mann, wie auch Arjen Robben oder Cristiano Ronaldo, verteidigt man nicht auf den letzten 30 Metern. Spieler dieser Qualität muss man bereits in ihrer eigenen Hälfte übernehmen und bearbeiten. Und man muss sie permanent doppeln. Wenn sie hingegen mit Tempo im 1:1 auf einen Abwehrspieler zukommen, kann der nur schlecht aussehen. Gleich, ob er David Alaba heißt oder Erik Durm. Apropos di Maria: Unfassbar, dass Real Madrid ihn zu ManU hat ziehen lassen; dass sie ihn regelrecht weggejagt haben. Den dafür Verantwortlichen zeigte er am Mittwochabend 90 Minuten lang den ausgestreckten Mittelfinger. 

Zurück zum Weltmeister: Der hat gegen Argentinien in der Defensivarbeit fast alles falsch gemacht und sich dabei eher wie ein Kreismeister verhalten. Die Spielweise erinnerte fatal an die vielen Spiele der Jahre 2012 und 2013, in denen es Gegentore hagelte: 3:5 in der Schweiz, 3:4 in den USA, 3:3 gegen Paraguay, 4:4 und 5:3 gegen Schweden.

Was Joachim Löws Truppe also braucht, ist nicht in erster Linie eine andere Aufstellung (die sich freilich von alleine ergibt, wenn Hummels, Boateng, Khedira, Özil etc. wieder fit sind). Sie braucht, und zwar schon für das Schottland-Spiel am Sonntag in Dortmund, eine andere Einstellung.

Alle denken defensiv!

Alle denken offensiv!

Jeder hilft jedem!

So geht Fußball. Oder anders: Wenn eines dieser Parameter nicht funktioniert, geht Fußball schief. Selbst wenn man Weltmeister ist.