Das Scheitern ist Baustein der BVB-DNA

Da sitzt du dann also im Berliner Olympiastadion. Genau genommen stehst du mehr als du sitzt, was völlig okay ist, weil du Sitzen sowieso für‘n Arsch findest. Noch schlimmer, als bei so einem Spiel zu sitzen, sind nur die Leute hinter Dir mit ihrem „Können Sie sich nicht mal hinsetzen; ich sehe nix!“-Genöle. Aber egal: Es läuft die 75 Minute, vielleicht auch schon die 76. Jedenfalls eine dieser Minuten, in denen dir allmählich aufgeht, dass das wohl nichts mehr wird mit dem Pokalsieg. Weil sich der ruhmreiche BVB zwar nach Kräften müht, den 1:3-Rückstand gegen den weit weniger ruhmreichen VfL Golfsburg noch zu drehen. Es aber einfach nicht schafft, die Murmel irgendwie über die Linie zu bringen. Was, blickt man auf die komplette Saison zurück, irgendwie nicht einmal verwunderlich ist. Aber eben trotzdem Schei…!

Nun sitzt oder stehst du da nicht alleine. Links neben dir sitzt oder steht dein 14-jähriger Sohn. Rechts neben dir sitzt oder steht dein 15-jähriger Sohn. Die beiden sind mindestens genau so enttäuscht wie du selbst – aber sie sind eben erst 14 und 15. Sie finden das nicht nur Schei…, sondern Oberschei… Sie finden, dass der VfL Golfsburg ein Drecksklub ist, weil er ja im Grunde gar kein Klub ist, sondern das Kunstprodukt einiger Fußball-verliebter und Marketing-begabter VW-Manager. Sie finden den Schiedsrichter Felix Brych schei…, weil er dem BVB kurz vor der Pause einen glasklaren Elfmeter verweigert hat, der das 2:3 und damit eine ganz andere zweite Halbzeit hätte bedeuten können.

Ich finde das auch. Das mit Golfsburg. Und das mit dem Schiri. Ich finde nach wie vor, dass schon Herr Rizzoli im Champions-League-Finale maßgeblichen Anteil an der BVB-Niederlage hatte. Ich finde, dass Herr Meyer uns 2014 den Pokalsieg schlicht gestohlen hat. Mir gehen diese Schiris zunehmend auf den Keks.

Meinen Söhnen auch.

Nach dem Spiel brauchten die beiden dann: erstens Trost und zweitens Erläuterungen. Das mit dem Trost war kompliziert, weil ich ja selber welchen hätte brauchen können. Das mit den Erläuterungen klappte besser, weil die beiden zwar einerseits ERST 14 und 15, andererseits aber SCHON 14 und 15 sind.

Und so erklärte ich ihnen auf dem Rückweg zum Hotel, dass man auch mit Niederlagen umgehen muss und es durchaus keine Lösung ist, den penetranten VfL-Anhänger mit seinem nervtötenden „Oohh, Keeeevin de Broooooooooinee“-Gesinge durch strafrechtlich relevante Handlungen zum Schweigen zu bringen. Ich erinnerte sie daran, dass wir Gewalt verabscheuen und sagte Sätze wie: „Es ist kein Misserfolg, ein Finale zu verlieren. Es ist ein Erfolg, ein Finale zu erreichen.“ Ich sagte: Versetzt Euch mal in die Fans anderer großer, traditionsreicher Vereine. Hamburger SV, 1. FC Köln, Hannover 96, Eintracht Frankfurt, 1. FC Kaiserslautern. Fragt die mal, wie viele Finals sie in den vergangenen Jahren gespielt haben. Oder Jahrzehnten. Oder fragt man einen Schalker, wie es ist, Deutscher Meister zu werden. Oder versucht überhaupt mal einen Schalker zu finden, der Euch diese Frage beantworten kann. Die meisten leben ja längst nicht mehr.

Borussia Dortmund hat in den vergangenen sieben Jahren fünf Endspiele erreicht. Viermal das DFB-Pokal-Finale in Berlin. Einmal das Champions-League-Finale in Wembley. Ich war bei allen fünf Spielen dabei. Meine Söhne bei vier der fünf. Ich habe vier Niederlagen miterlebt, drei davon gegen die Bayern. Meine Söhne haben drei Niederlagen miterlebt. Drei in Folge. Aber eben auch den 5:2-Triumph von 2012. Da war Sohn 1 gerade zwölf und Sohn 2 noch keine elf Jahre alt. Und überhaupt: Sie haben bereits VIER FINALS erlebt. Und zwei Meisterschaften gefeiert. Ein Double! Ich sagte deshalb am späten Samstagabend Sätze wie: Diese BVB-Geschichte der Klopp-Jahre miterlebt zu haben, ist ein Privileg. Bei den Finals im Stadion live dabei gewesen zu sein, ist ein Obermegagiga-Privileg.

Und dann, wir sind fast schon am Hotel, sagte ich den wohl entscheidenden Satz: „Das Scheitern gehört zur DNA von Borussia Dortmund!“ Schwere Niederlagen einzustecken, zu Boden zu gehen, sich durchzuschütteln und wieder aufzustehen, diese Rocky-Balboa-Mentalität: Das macht den BVB erst aus. Zwischen 1966 und 1972 ist Borussia von Europas Thron in die zweite Liga abgestürzt. Das Durchschütteln hat lange gedauert, aber 1976 war der BVB wieder da. Dann war er zweimal fast pleite; 1995 und ‘96 war er – nach zuvor 23 langen Jahren ohne jeden Titel – zweimal Meister, 1997 zurück auf Europas Thron und sieben Jahre später nicht nur fast, sondern ganz und gar pleite. Er hat sich durchgeschüttelt, ist wieder aufgestanden.

Dann kam Jürgen Klopp . . .

Ich erklärte meinen Jungs also: Ein Finale zu verlieren. Oder zwei. Oder drei. Gehört zu den kleineren Problemen, die der BVB in seiner Klubgeschichte zu meistern hatte. Ich erklärte ihnen: Nur weil wir immer wieder auch Misserfolge verkraften müssen, sind wir überhaupt in der Lage, beim nächsten Erfolg das Stadion aufs Neue abzureißen, die Stadt und die ganze Region explodieren zu lassen. Erfolge werden für Borussia Dortmund immer etwas Besonderes bleiben. Jeder einzelne Erfolg knallt maximal. Das, AUCH das, unterscheidet uns vom FC Bayern München.

Wir diskutierten dann noch über die Macht des Geldes, das den Fußball immer mehr regiert. Über die korrupte FIFA, über Rasendingsbums Leipzig/Salzburg und über das jüngste Comeback von Austria Salzburg im österreichischen Profifußball. Über Bayer Leverkusen, die TSG Hoppenheim und den VfL Golfsburg. Retortenklubs, Kunstprodukte. Konzerninteressengesteuert. Wir waren uns einig, dass es keine Lösung wäre, auch so zu werden. Als wir schließlich im Hotel ankamen, war ich mir ziemlich sicher, dass meine Jungs kein RedBull trinken und niemals einen VW fahren werden. Dass sie ganz ohne Bayer-Produkte durchs Leben kommen, bezweifle ich. Und ohne SAP wird’s möglicherweise auch nicht gehen. Das hat der Herr Hopp geschickt angestellt.

Wir sind dann noch zur BVB-Party ins Berliner „Kraftwerk“ gefahren. Auch so ein Privileg. Dort hat Jürgen Klopp seine allerallerallerletzte Rede als Trainer des BVB gehalten. Irgendwann in dieser Rede hat er den Satz gesagt: „Wichtig ist nicht, was man über dich denkt, wenn du kommst. Wichtig ist, was man über dich denkt, wenn du gehst. Danke für das, was Ihr über mich denkt!

Auf dem Weg ins Hotel haben meine Jungs mir verraten, dass sie an dieser Textstelle „fast geweint“ hätten. Schwarzgelbe Abschiedstränen. „Ich auch“, habe ich gesagt. „Aber wir werden auch wieder schwarzgelbe Freudentränen weinen.“ Das war immer so. Auch das gehört zur DNA von Borussia Dortmund

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Rückblende: Als Mats Hummels den BVB zum Pokalsieg 2014 köpfte

17. Mai 2014

Berlin. Borussia Dortmund hat zum vierten Mal in der Klubgeschichte den Deutschen Fußball-Pokal gewonnen. Im Endspiel vor 74.907 Zuschauern im Berliner Olympiastadion setzte sich der Vizemeister wie schon 2012 gegen den FC Bayern durch. Schütze des goldenen Tores war Nationalspieler Mats Hummels in der 65. Minute. Ein Jahr nach dem Triple aus Meisterschaft, DFB-Pokalsieg und Champions-League-Triumph bleibt den Münchenern somit am Ende der ersten Saison unter Startrainer Pep Guardiola allein die Meisterschale.

Es war eine Neuauflage des Finals von 2012. Eine Neuauflage des CL-Endspiels von 2013 – aber das Spiel bot nicht annähernd so viel Spektakel und Rasanz wie die beiden großartigen Duelle in den Vorjahren, als der BVB die großen Bayern einmal nach allen Regeln der Kochkunst filetiert und einmal erst in letzter Minute unglücklich verloren hatte.

Im Mittelpunkt: Robert Lewandowski. Der Dortmunder Weltklasse-Torjäger, 2012 beim 5:2 noch dreifacher Torschütze, bestritt sein letztes Spiel im BVB-Trikot, bevor er ausgerechnet zum FC Bayern wechselt. Doch der Pole trat diesmal kaum in Erscheinung; ihm blieb nur die Nebenrolle.

Beide Mannschaften krochen gewissermaßen auf dem Zahnfleisch ins Olympiastadion. Bei den Bayern fiel nach Bastian Schweinsteiger und Thiago (verletzt) sowie dem ausgemusterten Mario Mandzukic kurzfristig auch noch David Alaba aus. Nach gut einer halben Stunde humpelte obendrein Kapitän Philipp Lahm nach einem Zweikampf mit Nuri Sahin vom Platz; für ihn kam der angeschlagene Franck Ribery. Beim BVB fehlten die Langzeitverletzten Neven Subotic, Jakub Blaszczykowski und Ilkay Gündogan.

Und so hatten sich beide Trainer taktisch etwas einfallen lassen. Pep Guardiola schickte sein Team erstmals in einer 3-4-2-1-Formation aufs Feld; Klopp rückte zugunsten eines 4-3-3 vom eingeübten 4-2-3-1 ab. Besser bekam das zunächst den favorisierten Münchnern, die in einer an Höhepunkten armen ersten Halbzeit ein klares Ballbesitz-Übergewicht hatten.

Erst nach dem Wechsel wurde es munterer, denn nun machten auch die Borussen mit. Erst scheiterte noch Thomas Müller an BVB-Keeper Roman Weidenfeller (56.), dann senkte sich auf der Gegenseite ein abgefälschter Freistoß von Marco Reus gefährlich auf die Latte. Nationalkeeper Manual Neuer hatte den Ball falsch eingeschätzt – und irrte auch in der nächsten Szene durch den Strafraum: Freistoß Nuri Sahin, Kopfballverlängerung Lewandowski – und Mats Hummels köpfte das Spielgerät mit einer akrobatischen Flugeinlage ins Tor. Die Bayern reklamierten doppelt, wollten Hummels im Abseits und den Ball nicht hinter der Linie gesehen haben. Beides falsch. der Torschütze stand auf gleicher Höhe und Dantes Rettungsversuch erfolgte klar hinter der Linie. Schiedsrichter Florian Meyer zögerte denn auch keine Sekunde und entschied nach einem kurzen Blick zu seinem Assistenten an der Seitenlinie auf Tor – 1:0 (65.).

Der FC Bayern mobilisierte nun noch einmal alles, erhöhte den Druck. Doch mehr als eine klare Chance durch Ribery, die erneut Weidenfeller zunichte machte, sprang während der Schlussoffensive nicht heraus. Der Rest war Jubel in Schwarz und Gelb. Wie 2012. Anders als 2013. Die Geschichte des deutschen „Clásico“ ist um ein weiteres Kapitel länger.