Marcel Schmelzer – der Hundertprozentborussiakapitän!

​Schmelle also!

Und nicht Marco Reus.

Die Kapitänsfrage bei Borussia Dortmund, die eigentlich gar keine war, in der nachrichten-armen Winterpause dann aber plötzlich eine wurde, ist beantwortet. Und die Antwort ist korrekt. Nicht, dass Reus als Spielführer eine Fehlbesetzung wäre. Ganz und gar nicht. Er wäre gleichfalls eine Top-Wahl. Aber Marcel Schmelzer ist die Toptop-Wahl. Und das hat Gründe. Zu denen komme ich gleich.

Vorab ein Blick zurück:

Die Liste der Spieler, die BVB-Mannschaften aufs Feld führten, ist gleichermaßen lang wie illuster. Adi Preißler gehört dazu, dann der unlängst verstorbene Aki Schmidt, Stopper Paul, Sigi Held und Hoppy Kurrat – allesamt 66er Europapokal-Helden. Später folgten, um nur einige zu nennen, Lothar Huber, Manni Burgsmüller, Frank Mill, Stefan Reuter, Sebastian Kehl, zuletzt Mats Hummels und zwischendrin natürlich Michael „Suuusiii“ Zorc. Wer auch immer die Armbinde überstreift, heute oder in Zukunft, tritt in große, sehr große Fußstapfen.

Marcel Schmelzers gar nicht mal so große Füße sind ausreichend groß und seine gar nicht mal so breiten Schultern breit genug, um der Verantwortung, die dieses Amt bei einem so traditions- und ruhmreichen Klub wie dem BVB naturgemäß mit sich bringt, gerecht zu werden. Den Nachweis hat er in den vergangenen Jahren immer und immer wieder angewiesen – schon zu Zeiten, da Kehl und Hummels noch Kapitän waren.

Was für Schmelzer spricht:

1.) Seine 100-prozentige Identifikation mit dem Klub. Schmelzer kam mit 17 Jahren als A-Jugendlicher aus Magdeburg zum BVB. Er zog ins Jugendhaus ein, diente sich über die „Amas“ hoch, wo Jürgen Klopp sein Talent erkannte und ihn in den Profikader holte. Schmelle gehörte zu dem Haufen der jungen Wilden, die Fußball-Deutschland insbesondere in den Jahren 2011 bis 2013 mit „Vollgasfußball“ verzückten. Meister 2011, Doublesieger 2012, Champions-League-Finalist 2013. Erst kürzlich gab er erneut ein Treuebekenntnis ab: „Ich möchte als der Spieler in Erinnerung bleiben, er seine gesamte Profilaufbahn beim BVB verbracht hat“, sagte er. Dass Ehefrau Jenny dieselbe enge Verbindung zu Dortmund und zur Borussia lebt, rundet das Bild ab. Gemeinsam engagieren sich die beiden außerdem für den Verein Tierschutzprojekt Italien e.V.

2.) Marcel Schmelzer ist ein Mentalitäts-Monster. Gewiss, wir alle haben schon weniger gute Spiele von ihm gesehen. Und auch wenige gar nicht gute. Ich glaube aber nicht, dass auch nur einem von uns ein Spiel einfällt, in dem Schmelle den Eindruck hinterlassen hat, er habe nicht alles gegeben. Marcel Schmelzer ist der Spieler, der auch dann noch an den Erfolg glaubt, wenn die regulären 90 Minuten abgelaufen sind und dem BVB noch zwei Tore zum Weiterkommen fehlen. Wie an jenem 9. April 2013 im Champions-League-Viertefinale gegen den FC Malaga, als der Linksverteidiger auch nach dem späten 1:2 in schier aussichtloser Situation noch mit jeder einzelnen Körperbewegung signalisierte: Das hier ist noch nicht zu Ende! Nuri Sahin hat mir später mal erzählt, sein „Schlüsselmoment“ in dieser Partie sei der Moment unmittelbar nach Malagas Trefer zum 1:2 gewesen. Er habe Schmelzer, der wegen eines Nasenbeinbruchs mit Gesichtsmaske spielte, in die Augen geschaut. „Wie Schmelle mich in diesem Moment angesehen hat – da wusste ich: Wir können es schaffen! Er hat so fest daran geglaubt, und ich habe von dem Moment an nur noch gedacht: Klopp‘ die Bälle lang nach vorne!“ Kurzum: Mehr BVB, als Marcel Schmelzer in diesen zwölf Minuten zwischen 82. und 94. Minute verkörperte, geht gar nicht!

3.) Wenn man sich die Stadt Dortmund und die Borussia mit allem, was sie ausmachen, als Fußballer vorstellt, käme Marcel Schmelzer dabei heraus. Kein Glamour-Kicker, kein Zauberfüßchen – eher einer, der Fußball arbeitet und dem auch schon einmal ein Ball verspringt. Einer, der seine Höhen hat – der aber auch Niederschläge wegstecken musste. Und wieder aufgestanden ist. Dass Erik Durm sich „Weltmeister“ nennen darf, wenn auch ohne Einsatz, und Marcel Schmelzer nicht, das ist – bei allem Respekt vor Durm – im Grunde ein Treppenwitz der Fußball-Geschichte. Bundestrainer Jogi Löw, in Dortmund auch deshalb ungefähr so beliebt wie Franck Ribery, Arjen Robben und Gerald Asmoah, steht nicht auf Schmelle. Er hat ihn sogar öffentlich abgewatscht, als er befand, man könne sich schließlich „keine Außenverteidiger backen“. Schmelzers Beliebtheit und sein Ansehen bei den eigenen Fans hatte die Löwsche Ignoranz nur noch mehr gesteigert. Motto: Wer Schmelzer nicht will, hat Schmelzer nicht verdient!

4.) Nirgendwo steht geschrieben, dass man ein Lautsprecher sein muss, um Spielführer zu werden. Ein Lautsprecher ist Marcel Schmelzer nicht. Das heißt aber im Umkehrschluss noch lange nicht, dass er nicht sein Wort macht. Schmelles Wort hat Gewicht in der Kabine. Und Schmelle duckt sich nie weg. Wenn andere nach Niederlagen mit Kopfhörern im Ohr hurtig an Kameras und Mikrofonen vorbei durch die Mixed-Zone huschen, stellt Schmelle sich den Fragen der Journalisten. Und wo sich andere in Gemeinplätze flüchten, redet er klare Kante und ist aufgrund seiner Erfahrung inzwischen auch in der Spielanalyse treffsicher. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass „Manni“ Bender, einer also, auf den viele Eigenschaften zutreffen, die auch Schmelzer auszeichnen, kurz vor der offiziellen Verlautbarung unmissverständlich erklärte: „Ich persönlich brauche das Thema nicht und es wird auch größer gemacht, als es ist. Innerhalb der Mannschaft ist es keines. Marcel Schmelzer ist unser Kapitän, fertig aus!“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Marcel Schmelzer ist und bleibt Kapitän von Borussia Dortmund.

Fertig.

Aus!

Der BVB und die Emotionen: Ein Plädoyer für mehr Personenkult

Gerade eben haben Sprachwissenschaftler „Volksverräter“, eine Vokabel, die der rechte Mob gerne verwendet, um demokratisch denkende und handelnde Menschen zu diffamieren, zum Unwort des Jahres 2016 gekürt. Wie in jedem Jahr kann man über die Wahl trefflich diskutieren, zumal jedem von uns auch noch eine Reihe weiterer Begriffe einfallen, die das „Unwort“-Prädikat verdient hätten. Mir als Anhänger der schwarzgelben Borussia zum Beispiel: „Entemotionalisierung“.

Diese merkwürdige Borussia-Müdigkeit
Entemotionalisierung beklagen viele und gefühlt immer mehr BVB-Fans im zwischenmenschlichen Verhältnis zum Klub ihrer Wahl. Größere Teile des vergangenen Wochenendes habe ich im Kreise von knapp zwei Dutzend Leuten verbracht, die von sich selbst mit Fug und Recht behaupten dürfen, genau das zu sein, was man landläufig unter „eingefleischten“ Fans versteht. Nicht nur Dauerkarteninhaber. Nicht nur Auswärts-Vielfahrer. Sondern darüber hinaus in ihrer Freizeit ehrenamtlich rund um Borussia Dortmund engagierte Menschen, für die Schwarzgelb neben ihren Familien und oft noch vor ihren Berufen DER zentrale Lebensinhalt ist. Fast unisono schilderten sie eine irgendwie merkwürdige, latente BVB-Müdigkeit und machten dieses mit Worten schwer zu beschreibende Phänomen daran fest, dass sich Borussia aktuell nicht mehr so intensiv anfühlt wie noch vor zwei, drei, vier Jahren.

Kommerzialisierung und Übersättigung
Nun sind die Gründe dafür vielfältig. Natürlich hat das etwas zu tun mit der zunehmenden Kommerzialisierung und Internationalisierung des Fußballs. Selbst wenn sich die Klubführung des BVB noch so große Mühe gibt, die „Nähe zum Borsigplatz“ über die Annäherung an Märkte in Asien und Übersee zu stellen, nimmt die Distanz zwischen der 400-plus-x-Umsatzmillionen schweren Kommanditgesellschaft auf Aktien und der Fan-Basis doch zu. Natürlich hat das auch etwas zu tun mit einer zunehmenden Übersättigung der Anhänger mit dem Grundnahrungsmittel Fußball. Immer mehr und immer aufgeblähtere Wettbewerbe senken das Fieber und killen die Vorfreude – ganz aktuell: Die aberwitzige Entscheidung der komplett entrückten, geld- und machtgeilen FIFA-Bosse, die Weltmeisterschaft 2026 auf 48 Nationen aufzustocken und uns auf diese Weise Vorrunden-Highlights zwischen Burkina-Faso und den Galapagos-Inseln oder zwischen Tibet und Katar zu bescheren. Oder der Wahnsinn, dass Sender wie Sport 1, Online-Portale per Livestream oder sogar die Vereine selbst auf ihren Websites inzwischen jeden noch so müden Test-Kick in Echtzeit übertragen. Wenn ein mittelmäßig spannender Bundesligist in seinem Trainingslager irgendwo in Asien ein freundschaftliches Bewegungsspielchen gegen den FC Kartoffelacker Kathmandu aus der ersten nepalesischen Profiliga austrägt, ist garantiert irgendein Anbieter mit einem Kamerateam vor Ort.

Braucht man das? Braucht man nicht!

Und dann machen viele Fans die Entemotionalisierung natürlich auch am Weggang von Jürgen Klopp fest, der fleischgewordenen Emotion. Klopp hat uns Borussen, zugegeben, sieben Jahre lang verwöhnt. Mit seinem Lachen, seinen Tränen, seinem Humor und Esprit, seinen Wutausbrüchen, seinem Jubel, seiner Hyperaktivität, seinen emotionalen Ausbrüchen, seiner Authentizität. Kurzum: mit seinem Menschsein! Nun ist er weg. Das kann man beklagen. Er ist nun allerdings auch schon seit eineinhalb Jahren weg. Und er wird, ziemlich sicher, so schnell auch nicht zurückkehren. Vielleicht – und die Wahrscheinlichkeit ist eher hoch als gering – wird er überhaupt nie mehr als Trainer an die Strobelallee zurückkehren. Deshalb könnte man jetzt auch allmählich mal aufhören, Klopps Abhandenkommen zu beklagen. Zumal, meine Meinung: Der Trainer muss im Sport durchaus nicht der emotionale Vorturner sein.

Wir Fans sind verwöhnt und dekadent geworden
Vielleicht, und darüber denke ich in letzter Zeit häufig nach, tragen wir Fans auch selber ein gerüttelt Maß Schuld an diesem Phänomen der Entemotionalisierung. Wir gebärden uns bisweilen wie verwöhnte und verhätschelte Millionärskinder in US-amerikanischen College-Filmen. Weil wir 2011 Meister waren, 2012 das Double gewonnen haben, 2013 im Champions-League-Finale standen und 2014, 2015, 2016 im DFB-Pokal-Endspiel, sind Titel das Maß der Dinge und Finalteilnahmen normal geworden. Manch ein Fan hat inzwischen „keinen Bock mehr, schon wieder nach Berlin zu fahren“. Wie dekadent ist das denn?! Merken wir eigentlich noch was?! Sind wir eigentlich noch Borussen oder schon Bauern? Ein Finale ist IMMER etwas Besonderes. Es ist NIEMALS normal. NIEMALS Alltag. Für die da unten in München vielleicht, aber doch nicht für uns hier oben in Dortmund.

Jürgen Klopp hat in seinem Gastbeitrag für eines meiner Bücher („Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB“) geschrieben, was ihn am Westfalenstadion und den BVB-Fans am meisten fasziniere, sei die einzigartige atmosphärische Wechselwirkung zwischen dem Geschehen auf dem Spielfeld und der Stimmung auf den Rängen. In Dortmunds Tempel herrsche eben nicht per se eine tolle Atmosphäre, sondern stets in Abhängigkeit vom Spiel. Das sei, so Klopp, in besonderer Weise ehrlich und authentisch. Was er meinte ist: Manchmal spielt die Mannschaft spektakulär gut – und die Stimmung schwappt über vom Feld auf die Fans. Manchmal aber spielt die Mannschaft auch spektakulär schlecht, wie bisweilen im letzten Klopp-Jahr – und die Stimmung schwappt dann trotzdem über, nur umgekehrt von den Tribünen auf den Rasen, weil die Fans spüren, dass ihr Team sie gerade jetzt braucht. Und manchmal schweigt ein ganzes, mit 81.357 Menschen gefülltes Stadion, weil die Nachricht eines dramatischen Todesfalls auf einer der Tribünen die Runde macht und die Sensibilität und der Respekt der Zuschauer ihren Drang zur Anfeuerung überlagern.

Wann sind wir eigentlich zuletzt richtig steil gegangen?
Aber seien wir doch mal ehrlich zu uns selbst: Wann haben wir Fans von Borussia Dortmund die Hütte letztmals so richtig gerockt? Wann waren wir letztmals so laut, dass dem Gegner schon im Spielertunnel der Darminhalt flüssig geworden ist?
Beim Derby? – Eher nicht!
Beim Sieg über die Bauern? – So richtig steil gegangen sind wir da doch auch nicht.
Gegen Real? – War okay. War aber auch schon einmal anders.

Blöderweise werden wir Trends wie die Kommerzialisierung und die Übersättigung nicht zurückdrehen. Und Klopp ist in Liverpool gerade auch nicht ganz so unglücklich. Die Frage stellt sich also: Was können wir selbst tun, um Spiele von Borussia Dortmund wieder zum emotionalen Orgasmus zu treiben? Meine Antwort: Wir brauchen mehr Personenkult! Das löst das Problem nicht in Gänze, wirkt aber gegen einige Symptome.

Spieler und Trainer kommen und gehen . . . Ja, aber!
Nun ist Personenkult unter BVB-Fans und gerade in der aktiven Fanszene blöderweise einigermaßen verpönt. Viel mehr übrigens als bei den allermeisten anderen Klubs. Nicht etwa, dass die Anhänger hier nicht auch ihre Lieblinge hätten. Äußerst selten aber, dass sie einzelne Akteure, etwa durch Anfeuerung oder individuelle Fangesänge während des laufenden Spiels, herausheben. Wenn überhaupt, dann allenfalls bei ihrer Ein- oder Auswechslung. Und Ikonen wie Jürgen Kohler eine war und Dédé immer noch eine ist, sind die absolute Ausnahme. Selbst Sebastian Kehl reichte da, bei aller Wertschätzung, nicht heran. Hinter alledem steckt eine grundsätzliche Haltung: Niemand ist größer als der Verein! Spieler und Trainer kommen und gehen – doch Borussia Dortmund bleibt bestehen! Diese Maxime ist gewissermaßen unsichtbar in den Beton der Stadiontribünen gemeißelt.

Ich kann dieser Einstellung viel abgewinnen. Zumal das einzige mir bekannte Abrücken, die irrationale Überhöhung der Figur Jürgen Klopp, am Ende ungesunde Ausmaße angenommen hatte. Manche hielten Klopp für größer als den BVB. Was natürlich völliger Unfug ist. Und dennoch: In einer Phase, in der Fans aufgrund anderer Effekte, auf die sie wenig oder keinen Einfluss haben, eine Entemotionalisierung beklagen, stehen sie sich mit diesem Anti-Personenkult selbst im Weg. Klar, Fußball ist ein Vereinssport, ist ein Mannschaftssport. Fußball ist aber auch ein Spielersport. Und es ist ja nicht so, als hätte der BVB keine Spieler mehr im Kader, die sich der besonderen Zuneigung der Anhängerschaft erfreuen. Die sich diese Zuneigung auch redlich verdient haben. Etwa, weil sie in schweren Zeiten zum Klub gehalten und/oder mit Borussia Erfolge gefeiert haben. Weil sie nach Experimenten bei anderen Vereinen geläutert zurückgekehrt sind. Weil sie durch langjährige Klubzugehörigkeit Treue nachgewiesen haben. Oder einfach nur deshalb, weil sie sich Spiel für Spiel bedingungslos reinhauen . . .

Es gibt viele Gründe.

Ich meine, Ihr ahnt es, Roman Weidenfeller und Nuri Sahin, Manni Bender und Neven Subotic, Papa Sokratis und Lukasz Piszczek. Ich meine Marco Reus, und ganz besonders meine ich Marcel Schmelzer, der durch seine Körpersprache signalisiert, dass er auch dann noch an den Erfolg glaubt, wenn die 90 Minuten um sind und der BVB zum Weiterkommen noch zwei Tore benötigt. Schmelzer gegen Malaga: Mehr Borussia Dortmund geht nicht!

Erobern wir uns doch die emotionalen Momente zurück!
Nun werdet Ihr möglicherweise sogar sagen: Stimmt! Aber einige der genannten Akteure spielen bei Thomas Tuchel aktuell und vielleicht auch in Zukunft keine große Rolle. Sie bekommen, wenn überhaupt, nur geringe Einsatzzeiten. Und ich sage: Na und?!!! Dann genießen und feiern wir eben jede einzelne Minute mit ihnen und erobern uns über diese – Achtung, Unwort! – „Gänsehaut“-Sequenzen das zurück, was uns offenbar ein Stück weit abhanden gekommen ist: die Identifikation und die hoch emotionalen Momente. Und wenn Weidenfeller aufhört? Und Neven den Klub wechselt? Dann wachsen andere nach. Warum soll nicht Roman Bürki ein Fanliebling der Zukunft werden? Oder Julian Weigl, der es eigentlich ja heute schon ist? Ich glaube – und meinetwegen verprügelt mich dafür –, dass sogar Mario Götze mittelfristig wieder in eine solche Rolle hineinwachsen kann.

Also:

Wenn der Fußball es – hoffentlich nur vorübergehend – nicht (mehr) schafft, uns anzufixen, ist das die eine Sache. Wenn es aber auch die Fußballer nicht mehr schaffen, uns zu emotionalisieren; und wenn wir es umgekehrt nicht mehr schaffen, über die Fußballer den Fußball zu emotionalisieren: Dann erst hätten wir ein wirklich ernsthaftes Problem.

Nur(i) anders stark – über Sahins neue Rolle beim BVB

(Beitragsbild: Screenshot http://www.bvbtotal.de)

Die Schlagzeilen gehörten anderen nach dem 3:0-Erfolg des BVB in Freiburg: Pierre-Emerick Aubameyang natürlich, dem Gabuner, der den ersten Treffer vorbereitet und die beiden anderen selbst erzielt hatte. Marco Reus natürlich, der mit dem 1:0 die Dose geöffnet und sich gegenüber seinem vitaminarmen Auftritt gegen Augsburg stark formverbessert präsentiert hatte. Auch Ilkay Gündogan wurde viel gelobt – vor allem für seinen brillanten Pass zum zweiten Treffer. Und Kuba und Kagawa für ihre Blitzkombination vor dem dritten Tor. Das erinnerte schon wieder sehr an den Dortmunder Vollgasfußball der allerbesten Zeiten zwischen 2010 und 2013.

Einer, der ebenfalls erheblichen Anteil am Sechs-Punkte-Sieg im Breisgau hatte, ackerte offenbar unterhalb des Radars vieler Beobachter: Nuri Sahin!

In den Ruhr Nachrichten erhielt der Mittelfeldspieler die Note 3,5 – im Reviersport sogar nur eine 4. Einer der schwächsten Dortmunder also? Mitnichten! Denn es war Nuri Sahin, der vor dem 2:0 an der Mittellinie den entscheidenden Zweikampf gewann. Seine Balleroberung ermöglichte Gündogan erst den Traumpass auf Aubameyang. Und es war Nuri Sahin, der vor dem 3:0 an der Mittellinie einen Freiburger Pass abfing und somit die Traumkombination über Kagawa – Kuba – Reus – Kuba – Reus – Kagawa – Aubameyang einleitete. Zwei Szenen, für die es nicht einmal einen Assistpunkt gibt. Was wiederum belegt, dass derlei Statistiken ganz nett, aber eben nur bedingt aussagekräftig sind.

Apropos Statistik: Die Partie in Freiburg war erst Sahins vierter Bundesliga-Einsatz in dieser Saison. Seine Premiere feierte er nach der langwierigen Knieverletzung, die er sich während der Sommervorbereitung zugezogen hatte, am 15. (!) Spieltag beim 0:1 in Berlin – ein siebenminütiger Kurzeinsatz. Will sagen: Sahin war in der Hinrunde nicht Teil des Problems. Dafür könnte er jetzt Teil der Lösung sein.

Sein Startelf-Debüt 2014/15 gar er sogar erst zum Rückrundenauftakt in Leverkusen. Dort gehörte er gleich zu den besten Dortmundern. Beim 0:1 gegen Augsburg gehörte er noch zu den besseren Dortmundern. Jetzt die starke Leistung in Freiburg – und die Erkenntnis: Es geht auch mit einer Doppel-Acht.

Dabei war die Skepsis groß, als nach „Manni“ Bender mit Sebastian Kehl auch der zweite etatmäßige „Sechser“ verletzungsbedingt ausfiel. Ein Duo Sahin/Gündogan im zentralen Mittelfeld; zwei Spieler also, die gelernt sogar eher auf der „Zehn“ als auf der „Acht“ zu Hause sind, ganz sicher aber nicht auf der „Sechs“ – kann das funktionieren angesichts der ohnehin labilen BVB-Defensive? Angesichts der Tatsache, dass Gündogan nach mehr als einjähriger Verletzungspause physisch immer noch nicht voll auf der Höhe ist? Angesichts der Tatsache, dass Sahin noch nie der Schnellsten einer war und es auch nicht mehr werden wird?

Es kann!

Auch deshalb, weil Nuri Sahin seine spielerischen Ambitionen zurücknimmt und sich mit defensiverer Denkweise in den Dienst der Mannschaft stellt. Weil er Zweikämpfe führt. Und gewinnt. Weil er sogar in Kopfballduelle geht. Doch was er selbst verinnerlicht hat, ist in den Köpfen vieler Fans und Experten noch nicht so richtig angekommen. Sie haben immer noch den Sahin der Saison 2010/11 vor Augen. Den Zauberfuß, der Borussia Dortmund mit 14 Scorerpunkten zur Deutschen Meisterschaft dirigierte, von den Profikollegen zum „Spieler der Saison“ gewählt und von Real Madrid abgeworben wurde. Sie messen ihn an der Brillanz jener Tage, an seinen Traumpässen in die Tiefe, an seinen präzisen Freistößen. Wenn das der Maßstab ist, ist Nuri Sahin tatsächlich schwächer geworden.

Vielleicht lautet die Wahrheit aber auch: Nuri Sahin ist immer noch stark. Nur(i) anders stark!

Mitte 20 ist er inzwischen. Er wirkt noch immer jungenhaft und ist dabei doch erstaunlich abgeklärt. Einer, der erst denkt und dann spricht und dann auch stets etwas zu sagen hat. Der sich traut, seine Meinung zu vertreten, weil er weiß, dass er sich das erlauben darf. Sein sportliches Leistungsblatt reicht heute schon locker für eine komplette Karriere. U17-Europameister und bester Spieler des Turniers. Jüngster Bundesligaspieler (Debüt für den BVB mit 16 Jahren am 6. August 2005 beim 2:2 in Wolfsburg). Jüngster Bundesliga-Torschütze (am 26. November 2005 beim 2:1-Sieg in Nürnberg). Jüngster türkischer Nationalspieler und -torschütze. Holländischer Pokalsieger mit Feyenoord Rotterdam. Deutscher Meister mit dem BVB und bester Spieler der Saison. Spanischer Meister mit Real Madrid. Nuri Sahin ist nicht nur erfolgreich. Er hat mit 26 Jahren auch schon mehr von der Welt gesehen als andere in ihrem Leben: Meinerzhagen – Dortmund – Rotterdam – Madrid – Liverpool. Nun wieder Dortmund.

Eine Rückkehr in Dankbarkeit und Demut war das im Januar 2013. Bei den Königlichen von Real Madrid hatte er sich nicht durchsetzen können. Auch deshalb, weil er schon verletzt in Madrid aufschlug und als Fehleinkauf galt, bevor er überhaupt erstmals richtig fit war. Vier Einsätze standen schließlich nur zu Buche; deren sieben waren es in Liverpool. So richtig wohl gefühlt hat er sich weder in Spanien noch in England. Wohl fühlt er sich in Dortmund. Beim BVB. Dieser Klub ist seine Heimat. Schwarzgelb ist seine Farbe und „Echte Liebe“ sein Empfinden. Für Borussia übernimmt Nuri Sahin Verantwortung – auf dem Platz wie außerhalb. Ihm glaubt man, dass er unter dem bisherigen Saisonverlauf leidet. „Uns geht die Situation nahe, aber wir sind voll auf die Arbeit fokussiert und wollen die Wende schaffen“, sagte er nach dem Sieg in Freiburg – und fügte ein Versprechen hinzu: „Das wird man auch am Freitag gegen Mainz sehen!“

Brutal Stark ausgebremst

Ich bin ein großer Freund der Selbstkritik. Wenn’s nicht so läuft wie’s eigentlich sollte, ist man gut beraten, die Gründe dafür zuerst bei sich selbst und erst dann bei anderen zu suchen. Das gilt im Sport wie in allen Lebenslagen.
Borussia Dortmund hat die Fähigkeit zur Selbstkritik in den zurückliegenden Monaten unter Beweis gestellt. Die Verantwortlichen haben das bislang völlig indiskutable Abschneiden in der Fußball-Bundesliga intern analysiert, haben keine Keile zwischen sich treiben lassen, sind vielmehr noch ein weniger enger zusammengerückt – wenn das bei Hans-Joachim Watzke, Michael Zorc und Jürgen Klopp denn überhaupt noch möglich ist. Sie haben keinen Voodoo-Zauber, keinen bösen Fluch oder gar unfreundliche Schiedsrichter als Ursache ausgemacht, sondern neben gigantischem Verletzungspech auch eigene Fehler und Versäumnisse im Spiel.
So weit – so gut. Irgendwann aber stößt du mit der Fehlersuche in den eigenen Reihen an Grenzen. Dann nämlich, wenn ganz offenkundig andere die Fehler machen, die dir selbst Probleme bescheren. Und so wird dem BVB der Blick auf eigene Versäumnisse nach dem enttäuschenden 2:2 in Paderborn wenig weiterhelfen. Hinweise wie „Wer als Vizemeister und Champions-League-Teilnehmer bei einem Aufsteiger eine 2:0-Führung verspielt, ist selbst Schuld“, die gestern in Online-Foren und sozialen Medien schnell die Runde machten, sind so richtig wie sie in diesem konkreten Fall falsch sind.
Denn Borussia Dortmund hat die 2:0-Führung nicht verspielt. Sie wurde ihm verspielt. Vom Schiedsrichter. Von Wolfgang Stark.
Keine Frage: Es ist schwer verständlich, dass der BVB, der die erste Halbzeit komplett dominiert und kontrolliert hatte, nach der Pause 15 Minuten lang die Zügel schleifen, Paderborn ins Spiel und zum 1:2-Anschlusstreffer kommen ließ. An dieser Stelle muss Jürgen Klopp dringend den Hebel ansetzen, zumal solche Spielentwicklungen durchaus ein Muster aufweisen. Wie auch die Schwäche bei Standardsituationen, den eigenen wie den gegnerischen, ein Muster ist, an dessen Behebung man arbeiten kann und muss.

Die beiden entscheidenden Szenen aber beurteilten Wolfgang Stark und seine Assistenten falsch.

ERSTENS: Das brutale Foul, mit dem Marvin Bakalorz BVB-Stürmer Marco Reus vom Spielfeld direkt ins Krankenhaus grätschte, hätte zwingend einen Platzverweis zur Folge haben müssen. Stark selber sah das nach Ansicht der TV-Bilder so, und jede Diskussion darüber, ob eine Rote Karte die angemessene Strafe gewesen wäre, ist lächerlich. Angemessen wäre nach solchen Aktionen ohnehin nur eine Strafe: Den Verursacher so lange zu sperren wie der Gefoulte verletzungsbedingt ausfällt. Fakt ist jedenfalls: Paderborn hätte am Samstag ab der 65. Minute in Unterzahl spielen müssen.
Für Marco Reus ist es die dritte schwere Knöchelverletzung binnen weniger Monate, und mancher Fan wird sich an zwei andere brutale Fouls erinnert haben. 1999 grätschte der Bielefelder Uwe Fuchs an der Seitenauslinie Lars Ricken mit Anlauf direkt in den Spielertunnel. Dreifacher Bänderriss – eine Verletzung, von der Ricken sich nie wieder richtig erholt hat. Einige Jahre später wurde Sebastian Kehl zum Opfer von Bayerns Hasan Salihamidzic – und auch Kehl brauchte lange, um wieder auf die Beine zu kommen. Man kann Marco Reus also nur die Daumen drücken, dass es ihn nicht ähnlich erwischt hat.
ZWEITENS: Der Treffer von Kevin Großkreutz zum 3:1 war regulär; Milos Jojic stand passiv im Abseits. Der Serbe griff in keinster Weise ins Spielgeschehen ein. Mit diesem Tor, zumal – siehe oben – in Überzahl, wäre die Partie gelaufen gewesen. Stattdessen glich Saglik quasi im Gegenzug nach einer Ecke aus. Aus der endgültigen Wende und dem Sprung ins Tabellenmittelfeld wurde ein weiteres Frusterlebnis.
Das wegzustecken und auch noch den Schock des neuerlichen Reus-Ausfalls zu verkraften, ist für Jürgen Klopp und seine Mannschaft eine noch größere Herausforderung, als selbst verschuldete Misserfolge zu analysieren und zu verarbeiten. Die Gesichter nach dem Spiel zeigten Züge von Resignation. Es wird schwer für den BVB, sich jetzt durchzuschütteln und bis zur Winterpause noch Schadensbegrenzung zu betreiben.
Dank Wolfgang Stark.

(Beitragsbild: Screenshot BVB-App)

#scpBVB – Jürgen Klopp: „Habe allerallerallergrößten Respekt vor Paderborn!“

Mit dem hochverdienten – wenn auch aufgrund des spektakulären Eigentores von Weltmeister Christoph Kramer letztlich glücklichen – 1:0-Erfolg gegen Borussia Mönchengladbach hat der BVB vor der Länderspielpause seine Negativserie beendet und Platz 18 nach 24 Stunden wieder verlassen. Am Samstag, 15.30 Uhr, treten die Borussen zum Westfalenderby beim Aufsteiger SC Paderborn an. Die wichtigsten Aussagen von Trainer Jürgen Klopp aus der Pressekonferenz am Donnerstagnachmittag im Twitter-Stil – nachzulesen auch auf @FFligge:

Zum Gegner Paderborn . . .

Jürgen #Klopp: „Schon vor der Saison gesagt, dass ich den allerallerallerallerallergrößten Respekt vor Paderborn habe.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: Legitim, dass Paderborn in Understatement macht, aber wir sind uns der Schwere der Aufgabe bewusst.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Paderborn Bsp. dafür, dass man mit wenig Geld, klarer Idee und guten Entscheidungsträgern etwas bewegen kann.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Alles, was ich über Paderborn sage, ist ein maximales Lob für den Kollegen Andre Breitenreiter.“ #BVB #scpbvb

Auf die Frage, ob er zustimme, dass das „System BVB“ entschlüsselt sei:

Jürgen #Klopp: „Ich habe immer noch das Büßerhemd an und bin auch bei blöden Fragen noch nicht auf Krawall gebürstet.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Unser Problem ist nicht, dass andere erkannt haben, wie wir spielen. Müssen stabile Form auf Platz bringen.“ #BVB #scpbvb

Zum Fitnesszustand der zuletzt verletzten/angeschlagenen Spieler:

Jürgen #Klopp: „Marco #Reus hat keinerlei Probleme mehr.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Idealerweise können wir Sahin, Kuba und Kirch noch ein wenig Zeit geben.“ Um Rückstand aufzuholen. #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Aubameyang hatte erst ein wenig muskuläre Probleme, dann Magen-Darm. Ist gestern aber schon gelaufen.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Gehe davon aus, dass Aubameyang heute mittrainiert. Dann sehen wir, ob und wie geschwächt er ist.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Bei @matshummels geht’s nicht so schnell voran wie wir uns das gewünscht haben.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Wenn nicht über Nacht ein Wunder geschieht, wird’s bei @matshummels für Paderborn eng – evtl. ein Thema für Arsenal.“ #BVB #scpbvb

Zum FC Bayern München:

Jürgen #Klopp zur Rückkehr von Uli Hoeneß: „Finde das gut. Strafe ist dazu da, dass man sie absitzt. Und dann geht’s weiter.“ #BVB #scpbv

Jürgen #Klopp: „Verletzung von Lahm tut mir leid. Philipp ist ein außergewöhnlicher Fußballer.“ #BVB #scpbvb

Jürgen #Klopp: „Lahm, Alaba, Thiago bedeuten erheblichen Qualitätsverlust. Wenn ein Team das kompensieren kann, dann Bayern.“ #BVB #scpbvb

(Screenshot: SkySportNewsHD)

BVB in Köln vor Neustart mit Neuzugang

Man muss in so ein Kleidungsstück gewiss nichts hinein geheimnissen – andererseits: Bei Jürgen Klopp hat das Outfit bisweilen auch einen symbolischen Charakter. So ersetzt der Trainer von Borussia Dortmund in der feinen Champions League durchaus mal den edlen Anzugzwirn durch Trainingshose und Hoodie, um Spielern und Fans zu signalisieren: So sehr der Wettbewerb auch nach Fußball-Oper auf großer Freilicht-Bühne duftet, so sehr sind heute harte Arbeit und Schweißgestank gefragt.

Rock’n’Roll statt Beethoven

Bei der Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel beim Bundesliga-Aufsteiger 1. FC Köln trug Klopp am Donnerstag eine schwarze Lederjacke. Seine Kernaussage lautete: „Für uns beginnt jetzt der Rest der Saison!“ Optisch und akustisch war also Rock’n’Roll angesagt. Kein Beethoven. Angesichts von nur sieben Punkten aus eben so vielen Spielen sind beim BVB kernige Jungs gefragt.

Schon nach dem deprimierenden 0:1 gegen das bis dahin sieglose Schlusslicht HSV hatte der Trainer für die Zeit nach der Länderspielpause den „Neustart“ angekündigt. Auch deshalb, weil einige zuletzt verletzte und schmerzlich vermisste Spieler wieder zur Verfügung stehen: Marco Reus hat seine zweite Nationalmannschafts-Verletzung innerhalb von drei Monaten ebenso auskuriert wie Henrikh Mkhitaryan die Blessur, die er sich beim 0:2 in Mainz in der Nachspielzeit zugezogen hatte. Und weil auch Shinji Kagawa seine leichte Gehirnerschütterung, die ihn um das Test-Länderspiel gegen Brasilien brachte, inzwischen auskuriert hat, stehen Klopp drei Akteure zur Verfügung, die Kreativität, Tempo und Torgefahr ins zuletzt statische und wenig inspirierte BVB-Spiel einbringen.

Gündogan-Comeback elektrisiert die Fans

Was die Fans seit Tagen vor allem elektrisiert, ist aber das Debüt eines weiteren Neuzugangs: Ilkay Gündogan! Klar, der Mittelfeldspieler, der am nächsten Freitag seinen 24. Geburtstag feiern wird, steht schon seit Juli 2011 im Kader der Schwarzgelben. Er hat den BVB bereits zum ersten Double der Klubgeschichte und in ein Champions-League-Finale geführt. Aber er hat eben auch 14 Monate lang kein Spiel mehr bestritten. Seine Rückkehr in den Kader ist damit mehr Debüt als Comeback. Gündogan ist ein Quasi-Neuzugang bei geschlossenem Transferfenster. Sein letztes Spiel für Borussia Dortmund bestritt er am 1. Spieltag (10. August 2013) der Saison 13/14 gegen den FC Augsburg. Das letzte überhaupt wenige Tage später beim 3:3 gegen Paraguay für die deutsche Nationalmannschaft. Seinerzeit schied er mit einer Rückenverletzung vorzeitig aus – und die erwies sich in der Folge als so hartnäckig und schwierig zu behandeln, dass sich Gündogans Zwangspause verlängerte und verlängerte und verlängerte. Eine Leidenszeit, eine Qual, die nur noch schlimmer wurde, wenn er von der Medientribüne aus den Kollegen beim Kicken zuschauen musste und ein ums andere Mal gedacht haben dürfte: Hmmh – das kann ich aber besser!

In seiner Not reiste Gündogan sogar in die Ukraine auf die Krim, um sich behandeln zu lassen, ehe er sich im Frühjahr 2014 letztlich doch einer Operation unterzog. Die bezeichnet er heute als „eine der besten Entscheidungen meiner Karriere“. Seither ist er endlich wieder beschwerdefrei, konnte endlich Reha-Maßnahmen beginnen, irgendwann auch endlich wieder trainieren, anfangs noch individuell und sehr dosiert, seit einigen Wochen schließlich mit der Mannschaft. Zuletzt absolvierte Gündogan zwei Testspiele mit der U23 des BVB, erzielte dabei sogar ein Tor – und signalisiert seinem Trainer nun volle Einsatzbereitschaft.

Keinen Druck ausüben, keine Wunderdinge erwarten

Dass Jürgen Klopp seinen zentralen Ballverteiler in Köln über 90 Minuten bringen wird, ist auszuschließen. Ob Gündogan beginnen oder von der Bank kommen wird, lässt der Trainer noch offen. Druck wird er auf Gündogan nicht ausüben, Wunderdinge nicht erwarten, zumal mit Sebastian Kehl und Sven Bender zwei klassische „Sechser“ einsatzbereit sind und neben ihnen mit Milos Jojic auch eine Alternative als „Achter“ vorhanden ist. Auch wenn die Zukunft des jungen und talentierten Serben eher in der Offensivzentrale oder auf der rechten Seite zu sehen ist.

Keine Frage, Ilkay Gündogan wird Zeit und Geduld brauchen, eigene Geduld wie die der Fans, um nach so langer Fußball-Abstinenz Selbstvertrauen und Substanz aufzubauen. Selbstvertrauen, dass aus gelungenen Aktionen erwächst. Substanz, die man sich nicht im Training holen kann, sondern nur im echten Wettkampf. Substanz, die du als Spieler brauchst, um auf ihr eine konstant gute Form aufzusetzen. Jene Substanz, die beispielsweise auch Shinji Kagawa noch nicht wieder hat und gar nicht haben kann, weil er in den vergangenen zwei Jahren in Manchester zu wenig gespielt hat.

15 Spiele bis zur Winterpause

So sehr Klopp das Comeback von Gündogan herbei gesehnt hat: Seine Aufgabe besteht – wie auch bei Kagawa, der, für viele unverständlich, genau aus diesem Grund auf Schalke nicht in der Startelf stand – darin, die Belastung zu dosieren. In den zwei Monaten bis zur Winterpause stehen 15 (!) Begegnungen auf dem Programm und alle drei Saisonziele auf dem Prüfstand. Es geht darum, in der Champions-League und im DFB-Pokal zu überwintern und in der Liga zumindest den Kontakt zu den CL-Plätzen wieder herzustellen. Dabei heißen die Gegner u.a. Bayern München, Borussia Mönchengladbach, Galatasaray Istanbul und FC Arsenal.

Trotz der absehbaren Strapazen klagt Klopp vor dem Köln-Spiel nicht über die zahlreichen Länderspiel-Einsätze seiner Profis, verbunden mit zum Teil weiten Reisen, die u.a. dazu führten, dass Adrian Ramos erst am Donnerstag wieder in Deutschland landete und Pierre-Emerick Aubamayang sogar erst am Freitag um 15 Uhr zurückerwartet wird. Mit dem Gabuner kann der BVB-Coach guten Gewissens für Köln kaum planen. Andererseits aber auch kaum auf ihn verzichten, weil sich Aubameyang seit Wochen in bestechender Verfassung befindet und auch auf der jüngsten Länderspielreise wieder zwei Tore erzielte.

„Länderspiele haben Hummels und Durm weitergebracht“

Über die Einsätze von Mats Hummels und Erik Durm in der DFB-Auswahl zeigte sich Dortmunds Trainer sogar ausdrücklich erfreut. „Auch wenn die Nationalmannschaft nicht irre erfolgreich war, haben die Spiele in Polen und gegen Irland beide weitergebracht“, so Klopp. Stichwort „Substanzaufbau“! Schließlich hatte auch Hummels nach dem WM-Finale von Rio zwei Monate lang nur dosiert trainieren können und kein Spiel bestritten. Und bei Durm überwogen nach der heftigen Kritik im Anschluss an das Polen-Spiel gegen Irland eindeutig die starken Szenen. Ein Beinahe-Tor in der Anfangsphase, ein grandios verhindertes Gegentor in der Schlussphase; dazu die Wahl zum „Player of the Match“ – das dürfte dem Außenverteidiger gut getan haben.

Den Ärger kanalisieren und positiv nutzen

Es mehren sich also, zumal am Wochenende Oliver Kirch und in Kürze dann auch Nuri Sahin und Jakub Blaszczykowski wieder zum Team stoßen sollen, die positiven Nachrichten rund um den BVB. Dass der von ihm heraufbeschworene „Rest der Saison“ deshalb noch lange kein Selbstläufer wird, weiß Jürgen Klopp. Deshalb will er in der Vorbereitung auf das Köln-Spiel auch den Frust und Ärger über den bisher unbefriedigenden Saisonverlauf kanalisieren und positiv nutzen. „Diese Galligkeit brauchen wir auf dem Platz. Wir haben jetzt noch zwei Tage Zeit, eine Einheit zu formen.“

Und dann, am Samstag ab 15.30 Uhr, ist alle Theorie ohnehin wieder grau. Entscheidend is‘ auffem Platz. Lange galt das legendäre Adi-Preißler-Motto in Dortmund nicht mehr so uneingeschränkt wie gerade jetzt.

(Beitragsbild oben: Screenshot von SkySportNewsHD)