Hömma, Ihr Blauen, macht kein‘ Scheiß!


Vorweg: Ich bin Borusse. Und für alle, die der Ansicht sind, es gäbe mehr als eine Borussia, präzisiere ich: Ich bin ein schwatzgelber Borusse. Schließlich bin ich Dortmunder. Da ist das eben so. Da geht das gar nicht anders. Es gibt nie, nie, nie einen anderen Verein!

Schon gar nicht: Schalke! Wer mich kennt, der weiß: Auch ich liebe die Frotzeleien über unseren Lieblingsrivalen aus Herne-West. Ich gestehe, dass ich keine Gelegenheit auslasse,  ein wenig Schadenfreude über Königsblau auszukippen. Dass ich den 12. Mai 2007 für einen der großartigsten Fußball-Feiertage ever, everever halte. Dass ich Vier-Minuten-Meisterschaften deutlich schmackhafter finde als Fünf-Minuten-Terrinen. Und dass „Ein Leben lang keine Schale in der Hand“ in meiner Playlist unter den Top 10 steht.

So weit, so gut. Wer mich kennt, weiß allerdings auch, dass mir diese unerträglichen Bayern aus München mit ihrer „Alles außer dem Triple ist unter unserer Würde“-Attitüde und ihrem Hofstaat aus Vorbestraften weit heftiger auf den Keks gehen als die Nachbarn aus Gelsenkirchen. Ich bin auch keiner von diesen „Tod und Hass dem S04“-Borussen. Ein gepflegtes „Eeesssnuuullviiiier, Hu-ren-söh-ne!“ Ja, da bin ich dabei. Aber zwischen „Hurensöhne“ und „Tod und Hass“ verläuft meine ganz persönliche Revierderby-Rivalitätsgrenze. Bei „Tod und Hass“ bin ich raus.

Zur Sache also: Einer wie ich findet die aktuelle Tabelle ganz unterhaltsam. S04 nur noch vier Punkte vom Relegationsplatz entfernt – da kann man schon mal ins Schmunzeln geraten. So als Dortmunder, meine ich. Allerdings macht die Tabellensituation auch ein wenig Angst. Mir zumindest. Denn die Blauen in der zweiten Liga: Das will ich nicht. Ich gehe sogar soweit, zu sagen: Das wäre der GAU! Der Tag, an dem das passierte, wäre der Tag, an dem die Bundesliga ihren Reiz verlieren würde.

Ich meine: ihren fast schon  l e t z t e n  Reiz. Denn Reiz genug hat sie eh verloren durch diese ganzen Klubs, die, verzeiht meine Ausdrucksweise, keine Sau interessieren. Die Dosen aus Leipzig machen mich allenfalls wütend. Dass dieses Marketingprojekt zur Vertriebssteigerung einer obendrein auch noch komplett unleckeren Gummibärchenplörre überhaupt in die Liga gelassen wurde: schlimm genug! Aber interessieren, sportlich und rivalitätsmäßig, kann mich dieses Konstrukt nicht die Bohne.

Weiter geht’s: Bayer Leverkusen – uninteressant. Hoppenheim, auch wenn von 1899, und Diesel-Skandal Golfsburg, vor zwei Jahren nach verbreiteter Expertenmeinung noch „der einzige Klub, der den Bayern auf Sicht Paroli bieten kann“: völlig uninteressant. Der FC Ingolstadt: Wen juckt’s, ob die in der Bundesliga spielen?! Oder Augsburg. Klar, die machen da einen coolen Job. Aber interessiert mich Augsburg? Nein, Augsburg interessiert mich nicht. Auch Darmstadt nicht. Gewiss, die Darmstädter Aufstiegs-Story ist romantisch, irgendwie, und das Stadion aus der Zeit gefallen. Aber ganz ehrlich: ob Darmstadt in der Bundesliga spielt oder in China ein Fahrrad umfällt . . .

Will sagen: Das alles wird mir immer egaler. Es gibt wenige Klubs, die mir nicht egal sind. Einige von denen spielen in der zweiten Liga. Stuttgart zum Beispiel, Kaiserslautern, St. Pauli,  selbst Nürnberg, Bochum. Nicht, dass ich die alle toll finde. Ganz im Gegenteil. Aber an ihnen kann ich mich wenigstens reiben. Ich habe eine Beziehung zu ihnen. Ich verbinde etwas mit ihnen. Ich habe etwas mit ihnen – oder besser: gegen sie – erlebt. Gemeinsam mit dem BVB.

Ganz und gar nicht egal ist mir natürlich: S04. Bei S04 prickelt’s. Alles was mit Schalke zu tun hat, ist für uns Dortmunder emotional. Und umgekehrt für euch Blaue doch auch, wenn’s um Borussia geht. Die Derbys sind das Salz in der Liga-Suppe. Die verbalen Scharmützel mit Schalke-Fans; der Blick in die Tabelle; dieses Wohlgefühl, wenn Schwatzgelb vor Königsblau steht; der Frust, wenn es mal anders herum ist, was ja selten vorkommt – ohne das alles wäre der Fußball doch auch nur so ein rundes Ding, vor das man treten kann. Doof irgendwie.

Also, Gelsenkirchen, jetzt reißt Euch – das Derby ausgenommen – mal zusammen und macht keinen Scheiß! Platz 15 am Ende würde mir völlig reichen. Platz 16 wär‘ ganz doof. Dann müsste ich Euch in der Relegation womöglich noch die Daumen drücken.

Kevin Großkreutz – Erinnerungen an ein ganz besonderes Derby

Es ist das 167. von allen und das 85. Revierderby in der Fußball-Bundesliga. Wenn der FC Schalke 04 am Samstag Borussia Dortmund empfängt, hält das Ruhrgebiet wieder einmal für 90 Minuten den Atem an. Der Ruhepuls der Fans beider Klubs bewegt sich seit Tagen auf ein Maß zu, das spätestens morgen um 15.30 Uhr in den ungesunden Bereich vorstoßen wird.

Viele der bisherigen Duelle waren aus den unterschiedlichsten Gründen bemerkenswert. Einige spannende Zahlen, Fakten und Statistiken findet Ihr hier: http://bit.ly/1uLyTGy

Kein Derby aber war und ist vergleichbar mit jenem am 12. Mai 2007. Der vorletzte Bundesliga-Spieltag. Schalke kann Meister werden. Im aus Dortmunder Sicht ungünstigsten Fall sogar vorzeitig. Im Westfalenstadion. Die ultimative Horror-Vorstellung.

Doch es kam ja ganz anders. Wie, das könnt Ihr nachlesen in meinem Buch „Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB“ (Klartext-Verlag, 19,95 Euro). Dort findet Ihr auch den folgenden Text, einen Gastbeitrag von Kevin Großkreutz. Darin erinnert sich der „Dortmunder Jung'“, wie er das Duell seinerzeit auf der Südtribüne – wo sonst?! – erlebte.

Kevin Großkreutz:

Vom Auslaufen in Ahlen direkt

zum Derbymarsch nach Dortmund

Das Derby am 12. Mai 2007 war zweifelsfrei eines der spektakulärsten überhaupt. Ein Mega-Spiel!

Ich war damals erst 18 Jahre alt und hatte mich gleich in meiner ersten Saison im Seniorenbereich bei Rot-Weiß Ahlen in der Regionalliga, damals die dritthöchste Klasse, als Stammspieler durchgesetzt. Am Vorabend des Derbys zwischen Borussia und den Blauen mussten wir bei Holstein Kiel antreten, verloren 1:2 – und ich flog zehn Minuten vor Schluss zu allem Überfluss vom Platz. Samstagmorgen stand in Ahlen noch das Auslaufen auf dem Programm. Sofort danach bin ich zum Bahnhof, um den Zug nach Dortmund zu erwischen und pünktlich zum Derbymarsch dort zu sein.

Die Anspannung unter uns Fans war riesengroß. Zwar ging es für Borussia sportlich um nichts mehr, weil die Mannschaft eine Woche zuvor in Wolfsburg den Klassenerhalt klargemacht hatte. Und nun war der BVB im Prinzip der letzte Klub, der noch zwischen den Blauen und ihrem ersten Titelgewinn seit 1958 stand, denn dass sie sich am letzten Spieltag daheim gegen Bielefeld die Butter noch würden vom Brot nehmen lassen, war nicht wirklich anzunehmen.

In der Woche vor dem Spiel baute sich die Spannung von Tag zu Tag mehr auf. Schließlich kündigte Gerald Asamoah auch noch an, er werde zu Fuß über die A40 von Dortmund nach Gelsenkirchen laufen, wenn sie bei uns Meister werden. Der Spruch hat all die Fans natürlich zusätzlich motiviert – und einige BVB-Spieler haben mir später erzählt, dass auch sie sich dadurch bei der Ehre gepackt fühlten.

Als Alex Frei dann kurz vor der Pause das 1:0 machte, ist das Stadion buchstäblich explodiert. Ich bin auf der Südtribüne mindestens fünf oder sechs Stufen nach unten geflogen. In der zweiten Halbzeit sickerte durch, dass Stuttgart die Partie in Bochum gedreht hat – und dann machte Ebi Smolarek kurz vor Schluss auch noch das 2:0 für Borussia. Nach dem Spiel sind  alle zusammen in die Stadt und haben bis zum nächsten Morgen durchgefeiert.

 

Als der BVB am 13. September 2008 sein erstes Derby unter Jürgen Klopp spielte, war ich immer noch in Ahlen, inzwischen in der zweiten Liga. Es war meine letzte Saison dort, bevor ich zur Borussia wechselte – und wieder hatten wir am Vorabend ein Spiel. Wir haben bei Rot-Weiß Oberhausen gewonnen; Marco Reus hat kurz vor der Pause den Ausgleich erzielt und ich selbst kurz vor Schluss das 3:1.

Samstagnachmittag stand ich wieder auf der Südtribüne. Meine Güte, ging das schlecht los. 0:2 zur Pause, dann sogar 0:3 – und Kevin Kuranyi muss eigentlich das vierte Tor für die Blauen machen. Der BVB war total unterlegen. Ein ganz bitteres Spiel bis dahin, fast eine Demütigung. Da stehst du als Fan auf der Tribüne, empfindest nur noch Verzweiflung und Leere und bringst auch kaum noch die Kraft zur Anfeuerung auf. In Wahrheit willst du nur noch, dass es bald vorbei ist.

Aber Jürgen Klopp hatte zur zweiten Halbzeit Alex Frei eingewechselt, und nach gut einer Stunde kippte das Ding plötzlich. Erst machte Neven Subotic das 1:3, kurz darauf Alex den Anschluss – ein Doppelschlag, und prompt kochte die Bude wieder. Wir haben die Mannschaft förmlich zum dritten Treffer gebrüllt. Der Jubel als Frei in der 89. Minute direkt vor unserem Block den Elfmeter zum 3:3 ins Netz drosch, war unbeschreiblich. Solche Spiele zeigen auch, dass du im Fußball nie aufgeben darfst; dass immer noch irgendwas geht.

Ich kann mich erinnern, dass es in dem Spiel einige Fehlentscheidungen gegeben hat. Frei stand vor dem 2:3 im Abseits? – Niemals! Der Handelfmeter zum 3:3 soll fragwürdig gewesen sein? – Niemals! Wenn du im Derby ein 0:3 aufholst, war jede Schiedsrichterentscheidung richtig.

Im Jahr darauf habe ich übrigens meine ersten beiden Derbys im BVB-Trikot gespielt. Wir haben zu Hause 0:1 und auswärts 1:2 verloren. Ein bescheidenes Gefühl. Schon eine normale Niederlage gegen jeden anderen Klub schleppst Du ein paar Tage mit dir herum, bevor du sie aus den Klamotten geschüttelt bekommst. Aber eine Niederlage gegen die Blauen kannst du nur durch einen Sieg im nächsten Derby aufwiegen.