. . . und es hat BÄMMM!!! gemacht

Am 4. Dezember 1963 erzielte Franz Brungs drei Tore gegen Benfica – und sicherte sich einen Logenplatz in der Geschichte von Borussia Dortmund

Machen wir uns nichts vor: Über jenen 4. Dezember 1963 ist alles geschrieben. Alles doppelt, dreifach, x-fach. Dass es lausig kalt war und der Rasen im Stadion Rote Erde hart gefroren . . . geschrieben! Dass das natürlich ein Vorteil für die Malochertruppe von Borussia Dortmund war und ein krasser Nachteil für die fußballerischen Feinmotoriker von Benfica Lissabon . . . geschrieben! Dutzendfach beschrieben wurden in den 53 Jahren, die seither vergangenen sind, die legendären goldgelb glänzenden Seidenhemden, die der BVB trug, damit die Spieler bei der Fernsehübertragung in der ARD trotz des eher schummrigen Flutlichts gut zu erkennen waren. Dass sich Präsident Dr. Werner Wilms im Prämienpoker mit Mannschaftskapitän Aki Schmidt breitschlagen ließ, für das Erreichen der nächsten Runde 500 statt 250 D-Mark zu zahlen – und später verriet, er habe eben nicht ans Weiterkommen geglaubt: Auch das hat man wieder und wieder gehört und gelesen. Und doch wird es nie langweilig; und doch liest man es immer wieder gerne – wie auch die Geschichte von Franz Brungs, der sich an diesem Abend unsterblich machte.

Pyrotechnik und Platzsturm
Natürlich könnte man investigativ an dieses „Jahrhundert-Spiel“ des BVB (für Benfica war’s eher eine Jahrhundert-Schmach) herangehen. Man könnte versuchen, herauszufinden, was seinerzeit die Stadion-Bratwurst kostete. Ob der Becher Bier noch im Pfennig-Bereich lag oder schon über einer Mark. Man könnte versuchen, zu ermitteln, wie viele Frauen und Kinder wohl im Stadion waren (Vermutung: sehr wenige). Oder wie viele der Männer im Stadion Mantel und Hut trugen (Vermutung: sehr viele). Man könnte die Geschichte auch an der Lautsprecher-Durchsage kurz vor dem 2:0 aufziehen: „Liebe Zuschauer, ich darf noch einmal wiederholen: Bitte unterlassen Sie das Abfeuern von Raketen. Sie gefährden die Zuschauer und die Spieler.“ Man könnte die Anhänger zählen, die nach jedem Tor jubelnd auf den Rasen liefen und die vielen Tausend, die nach dem Schlusspfiff den Platz stürmten. Und dann könnte man ausrechnen, wie oft heute wohl die Südtribüne gesperrt werden würde . . . aber lassen wir das!

„Mein Durchbruch beim BVB“
Reden wir lieber über Franz Brungs. Das „Goldköpfchen“, wie die Fans ihn nannten, weil er erstens blond war und zweitens den Kopf nicht zuletzt zum Toreerzielen zwischen den Schultern trug. Jenen Franz Brungs, der im Sommer 1963 von der niederrheinischen zur westfälischen Borussia gewechselt war. Zum amtierenden Deutschen Meister. „Ich kam in eine intakte, eingespielte Mannschaft mit tollen Offensivspielern. Es war nicht einfach, mich durchzusetzen“, erinnert sich der heute 80-Jährige. „Das Spiel gegen Lissabon war dann praktisch mein Durchbruch beim BVB.“ Was für eine maßlose Untertreibung. Es war viel mehr als das. Es war ein Urknall, ein BÄÄÄM!!! mit drei Ausrufezeichen. Ein unsterbliches Kapitel schwarzgelbe Fußballgeschichte.

Das Hinspiel: Elf Portugiesen gegen Hans Tilkowski
Aber fangen wir von vorne an: Dieses Sport Lisboa e Benfica, auf das Borussia Dortmund im Achtelfinale des Europapokals der Landesmeister 1963/64 traf, war nichts weniger als die beste europäische Mannschaft ihrer Zeit. 1961 und ’62 hatte das Team um den genialen Eusebio den Wettbewerb gewonnen. „Ein Ausnahmeteam“, sagt Franz Brungs. Und genau so trumpften die Portugiesen im Hinspiel auch auf. „Das war ein Spiel auf ein Tor. Wir hätten uns über fünf oder sechs Gegentreffer nicht beschweren dürfen. Doch der Hans (Tilkowski/d. Red.) hat ein Riesenspiel gemacht. Was der alles gehalten hat, war unglaublich!“ Und weil Franz Brungs, der die einzige Aufgabe hatte, „gelegentlich für Entastung zu sorgen“, so viel rannte „wie nie zuvor und danach in meiner Laufbahn“; und weil Reinhold Wosab einen dieser Entlastungsangriffe mit einem Tor veredelte, hieß es nach 90 Minuten aus Dortmunder Sicht nur 1:2 – im Europapokal ein fast optimales Auswärtsergebnis.

Das Rückspiel: Dortmunder Vollgasfußball von Beginn an
Nur eben nicht gegen Benfica. Die Portugiesen galten auch vor dem Rückspiel in der Roten Erde als Favorit. Nur war dort der Boden hart gefroren. Und Eusebio war verletzungsbedingt nicht dabei. Dafür aber 42.000 anfangs erwartungsfrohe und von Minute zu Minute immer hemmungslosere Fans. Und eine Mannschaft von Borussia Dortmund, die Vollgas gab, als ob der Trainer schon damals Jürgen Klopp geheißen hätte und nicht Hermann Eppenhoff.

Gut eine halbe Stunde verteidigte Benfica das 0:0. Dann brach das schwarzgelbe Unheil über Lissabon herein.

  1. Minute: Flanke Willi Burgsmüller, Kopfball Timo Konietzka – 1:0.
  2. Minute: Steilpass Konietzka auf Franz Brungs – 2:0.
  3. Minute: Diesmal Reinhold Wosab auf Brungs – 3:0.

Drei Tore am 27. Geburtstag
Innerhalb von 180 Sekunden hatte der BVB die beste Mannschaft Europas in ihre Einzelteile zerlegt. Zwei Minuten nach der Pause erzielte Franz Brungs dann seinen dritten Treffer an diesem Abend; Wosab ließ nach Pfostenschuss von Willi Sturm das 5:0 folgen. Der Wahnsinn! „Niemand, der damals dabei war – als Spieler oder als Zuschauer ,– wird diesen Abend jemals vergessen“, sagt Franz Brungs, der Hauptdarsteller dieses Jahrhundert-Spiels. Dass er am Tag des Spiels auch noch seinen 27. Geburtstag feierte, macht die Geschichte endgültig zum Märchen. „An meinen Geburtstag hatte ich gar nicht mehr gedacht.“ Erst das Ständchen beim Bankett mit Bundestrainer Sepp Herberger rief ihn Brungs in Erinnerung.

Ein Europapokal-Abend als ganz großes Gefühlskino.

Von den Fans auf Schultern getragen
Selbst TV-Kommentator Ernst Huberty ließ sich in seiner Abmoderation zu so etwas wie einem emotionalen Ausbruch hinreißen: „Alle Menschen stürmen in die Mitte, um ihre Borussen auf den Schultern vom Rasen zu tragen. Und ich glaube, das ist ein schönes Bild zum Abschied aus dem Stadion Rote Erde hier in Dortmund.“ Auch Brungs verließ den Rasen nicht auf seinen eigenen Beinen. Auch er wurde getragen von restlos begeisterten Fans.

Franz Brungs hat als Fußballer weitere Erfolge gefeiert: den DFB-Pokalsieg mit dem BVB (1965), die Meisterschaft mit dem 1. FC Nürnberg (1968). Aber nie wieder hat er solche Emotionen erlebt wie am Abend des 4. Dezember 1963 in der Roten Erde. Er hat das abgespeichert auf der Festplatte in seinem Langzeitgedächtnis – und ruft es immer wieder gerne ab, wenn er nach seinen Erinnerungen gefragt wird.

„Der BVB ist in der europäischen Spitze angekommen!“
Inzwischen ist Franz Brungs 80 Jahre alt. Er ist in Nürnberg hängen geblieben, hat viele Jahrzehnte lang ein Lotto-Toto-Geschäft betrieben. Der Verlust seiner Ehefrau hat ihn vor einigen Jahren schwer getroffen. Aber seine beiden Söhne „kümmern sich toll um mich“; auch jetzt, da sein Herz manchmal unrund schlägt. Die beiden Enkel, sagt er, geben seinem Leben einen Sinn. Und natürlich der Fußball. Bei den Heimspielen des „Club“ ist er fast immer im Stadion. Und den BVB verfolgt er aus der Ferne mit Begeisterung. „Was in Dortmund in den letzten Jahren gewachsen ist, ist großartig. Der Klub ist in der europäischen Spitze angekommen.“ Noch nicht ganz dort, wo Benfica Lissabon Anfang der 60er stand – aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Mehr Spektakel war nie

FC Liverpool – CD Alaves 5:4 (4:4, 3:1) n.V.

(16. Mai 2001, Dortmund, Westfalenstadion)

Text aus: Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB, Klartext-Verlag

Zieht man alle entscheidenden Faktoren zur Bewertung eines Fußballspiels heran – die sportliche Bedeutung, die Dramaturgie, die Klasse, die Anzahl und Qualität der Tore und nicht zuletzt den Gänsehaut-Faktor der Atmosphäre auf den Rängen –, so kommt der Fußball-Gourmet an der Festlegung nicht vorbei: Das UEFA-Cup-Finale der Saison 2000/01 zwischen dem turmhohen Favoriten FC Liverpool und dem glasklaren Außenseiter CD Alaves gehört unbedingt zu den Top-3-Spielen im Dortmunder Stadion.

Serviert wurde: Eine Feinschmeckerplatte auf Sterne-Niveau. Ein Torfestival. Ein Finale, das – anders als viel zu viele vorher und nachher – nicht geprägt war von übergroßem Respekt der kickenden Hauptdarsteller voreinander. Nicht geprägt von zwei Trainern, die der Fußballwelt mit möglichst ausgeklügelten taktischen Kniffen beweisen wollten, welch brillante Strategen sie doch sind. Nicht geprägt von bestenfalls kontrollierter Offensive, die bisweilen in unkontrollierbare Langeweile mündet.

Das Finale von Dortmund bot unkontrollierbare Offensive auf beiden Seiten. Fußball mit Tempo, Leidenschaft und offenem Visier. Das Ergebnis war ein Drama in mehreren Akten – mit einem langen, nassen und feucht-fröhlichen Prolog auf den Plätzen und in den Kneipen der City. Mehr als 20.000 britische Anhänger hatten dort den Finaltag über gemeinsam mit gut und gerne 15.000 baskischen Fans gefeiert. Im zumeist strömenden Regen bei für die Jahreszeit ziemlich lausigen Temperaturen. Westfalen empfing seine finalen Gäste mit echtem Insel-Wetter.

Die Duellanten um den UEFA-Pokal 2001, sie hätten unterschiedlicher kaum sein können. Von der Papierform her ein Duell zwischen Goliath und David.

Der Goliath – FC Liverpool:

18 englische Meistertitel standen am Tag des Endspiels auf dem Briefkopf, dazu je sechs FA- und Liga-Cup-Siege. Viermal hatten die „Reds“ den Europapokal der Landesmeister gewonnen und zweimal auch schon den UEFA-Cup. Ein Traditionsklub, der wie wenige andere für die Ur-Tugenden des britischen Fußballs stand und steht: für Leidenschaft, Kampf und den unerschütterlichen „Never give up“-Spirit.

Der FC Liverpool – ein Verein, bei dem Legenden wie Bob Paisley und Bill Shankly auf der Trainerbank gesessen hatten. Jener Shankly, von dem eine Aussage stammt, die wie in Stein gemeißelt bis heute für das Selbstverständnis der Marke FC Liverpool steht. „Einige Leute“, hatte der Trainer einst angemerkt, „halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist.“ Jener Shankly auch, der am Ende des Tunnels, durch den die Spieler von den Kabinen aufs Feld gelangen, eine Tafel anbringen ließ. Aufschrift: „This is Anfield!“ Nicht irgend ein Stadion, sondern DAS Stadion. Eine Aufschrift wie eine Mahnung an jeden Gegner: Zeigt gefälligst Respekt! Und eine Warnung: Habt gefälligst Angst!

Der FC Liverpool – ein Verein, für den Legenden wie John Toshack, Ian Rush, Kenny Dalglish und Kevin Keegan auf dem Platz gestanden hatten, Graeme Souness, Ian Callaghan, Jamie Carragher und Steven Gerrard.

Der FC Liverpool – ein Verein, dessen Stadion an der Anfield Road zu den bedeutendsten Fußball-Kultstätten zählt. Mit einer Tribüne, „The Kop“ genannt, die, als sie noch eine Stehtribüne war, so gefürchtet war wie die „Gelbe Wand“ im Signal Iduna Park. Mit einer Lautstärke, die lange Zeit alles in den Schatten stellte, was man an Anfeuerung kannte. Der „Liverpool-Roar“ ist gleichermaßen ein Naturereignis, die Anfield Road also ein FußballweltKULTURerbe und der „Roar“ ein FußballweltNATURerbe. An jenem 16. Mai 2001 wurde die Nordtribüne des Signal Iduna Parks zu „The Kop“, denn dort standen – nicht saßen – die meisten Fans des Klubs aus der Beatles-Stadt.

Genug der Schwärmerei. Genug vom Goliath – und damit zum David: CD Alaves.

Club Deportivo Alavés, so der vollständige Name, ist das krasse Gegenteil. Tradition, gewiss, die hat der Verein auch. 1921 gegründet, ist der Briefkopf gleichwohl blank. Erfolge: Fehlanzeige. Nicht einmal eine Stadt ist Alavés, sondern eine Provinz. Die Stadt, in der CD spielt, heißt Vitoria-Gasteiz und ist zugleich Hauptstadt der spanischen autonomen Region Baskenland. Soweit der kleine geographische Exkurs.

Einzige Berühmtheit des Klubs ist Andoni Zubizareta, 126-facher Nationaltorwart und 1987 Spaniens Fußballer des Jahres. Für CD spielte er nur kurz – sein Transfer verhinderte immerhin den Konkurs des Vereins. Erfolge feierte er erst mit dem FC Barcelona und mit Athletic Bilbao, der Nummer eins im baskischen Fußball, gefolgt von Real Sociedad San Sebastian. Dahinter erst folgt mit Abstand CD Alaves, ein Klub, der es bis heute, Stand 2013, nicht einmal auf ein Dutzend Spielzeiten in der Primera Division bringt. Fünf in Folge, mithin die beste Phase der Klubgeschichte, von 1998 (Wiederaufstieg nach 42 Jahren) bis 2003.

Der Einzug der Basken ins Finale war die große Überraschung der UEFA-Cup-Saison 2000/01, zumal sie auf ihrem Weg nach Dortmund beileibe nicht nur sportliches Fallobst zugelost bekamen. Auf Gaziantespor (Türkei) und Lilleström (Norwegen) folgte mit dem Champions-League erfahrenen Rosenborg Trondheim der erste echte Gegner und anschließend mit Inter Mailand die vermeintliche Endstation. Doch Alaves setzte sich nach einem 3:3 daheim im Rückspiel in San Siro mit 2:0 durch, schaltete anschließend auch den Ligarivalen Rayo Vallecano aus und zerlegte im Halbfinale den 1. FC Kaiserslautern in der Addition der Spiele (5:1, 4:1) mit 9:2.

Den deutlich anspruchsvolleren Weg allerdings hatte der FC Liverpool. Auf Rapid Bukarest, Slovan Liberec und Olympiakos Piräus folgten der AS Rom (2:0 A, 0:1 H), der FC Porto und schließlich der FC Barcelona, damals noch als holländische Filiale mit Reiziger, de Boer, Cocu, Overmars, Kluivert – und einem gewissen Pep Guardiola als Denk- und Lenkzentrum im Mittelfeld. Nach einem 0:0 in Nou Camp nutzte Liverpool den Heimvorteil im Rückspiel und löste durch ein 1:0 das Final-Ticket.

Im Endspiel galten die „Reds“, die vier Tage zuvor den FA-Cup gewonnen hatten, als turmhoher Favorit. Und so begannen sie auch – vor 48.000 Zuschauern. „Nur“ 48.000 Zuschauer, weil die Ecken des Westfalenstadions seinerzeit noch nicht ausgebaut waren. Das Team von Trainer Gerard Houllier mit den jungen Michael Owen und Steven Gerrard, mit den beiden Deutschen Markus Babbel und Didi Hamann und mit dem finnischen Abwehr-Hünen Sami Hyypiä, führte nach einer Viertelstunde durch Babbel und Gerrard mit 2:0. Zwar gelang Ivan Alonso der Anschluss, doch Gary McAllister stellte unmittelbar vor der Pause den Zwei-Tore-Abstand wieder her. Spätestens mit diesem Treffer schien die Messe im Dortmunder Fußball-Tempel gelesen.

Doch der Außenseiter kam zurück – und wie! Binnen drei Minuten glich Javi Moreno zum 3:3 aus (48./51), und nach Liverpools neuerlicher Führung durch Robbie Fowler (73.), trat eine Minute vor dem Schlusspfiff ein Mann auf den Plan, dessen legendärer Vater Johan 27 Jahre zuvor an selber Stätte im WM-Zwischenrundenspiel gegen Brasilien ebenfalls Fußball-Geschichte geschrieben hatte: Jordi Cruyff.

4:4 also. Verlängerung. Und die endete nach 27 von 30 Minuten vorzeitig, weil Delfi Geli einen Freistoß von McAllister per Kopf ins lange Eck verlängerte. Dummerweise ins lange Eck des eigenen Tores. Was das Drama komplett machte: Erstens – Torwart Martin Herrera, der direkt hinter Geli heran geflogen kam, hätte den Ball problemlos aus der Gefahrenzone gefaustet. Zweitens – den nach zwei gelb-roten Karten in doppelter Unterzahl agierenden Basken blieb diesmal keine Restzeit für eine sportliche Antwort. Es war ein „Golden Goal“, ein goldenes Eigentor. Das Spiel war aus! Es endete kurz nach Mitternacht als baskische Tragödie und als britisches Freudenfest. Erster Sieger: Liverpool. Zweiter Sieger: Alaves. Dritter Sieger: der Fußball. Vierter Sieger: die Fußball-Hauptstadt Dortmund und ihr unglaubliches Stadion.

Liverpools deutscher Nationalspieler Didi Hamann war nach dem Spiel mit den Nerven am Ende: „Auch wenn wir letztlich gewonnen haben, hoffe ich, das war das erste und das letzte Mal, dass ich so etwas erleben musste.“ Und Trainer Houllier sagte seinem Team nach dem ersten Europacup-Triumph nach 17 Jahren voraus: „Die Mannschaft wird unsterblich werden.“ Immerhin für Teile der Mannschaft trat die Prognose ein, denn Gerrard, Hamann, Hyypiä und Jamie Carragher waren im Gegensatz zu Houllier selbst auch vier Jahre später noch dabei, als der FC Liverpool die Champions League gewann – in einem noch unglaublicheren Finale als es das 2001er gegen Alaves gewesen war.

In Istanbul lagen die „Reds“ 2005 gegen den AC Mailand zur Pause mit 0:3 (Tore: Hernan Crespo 2, Paolo Maldini) zurück, und wer zur Pause gegen den AC Mailand mit 0:3 zurück liegt, hat eine Siegchance im Promillebereich. Liverpool nutzte sie. Das Team brauchte nach dem Wechsel ganze sechs Minuten (54. – 60.), um durch Gerrard, Vladimir Smicer und Xabi Alonso auszugleichen. Im Elfmeterschießen versiebten dann Milans Superstars Serginho, Andrea Pirlo und Andrij Schewtschenko; die Briten triumphierten schließlich mit 6:5.

Von Toren aus

Gold und Silber

Um die Verlängerung im Fußball spannender zu machen, führte der Fußball-Weltverband FIFA in den 1990-er Jahren das „Golden Goal“ ein. Die Regel besagte – in Anlehnung an den Sudden Death („Plötzlicher Tod“) beim Eishockey –, dass ein Spiel beendet ist, sobald in der Verlängerung ein Tor fällt. Das UEFA-Cup-Endspiel 2001 in Dortmund zwischen Liverpool und Alaves war nicht das einzige, das durch einen solchen Treffer jäh entschieden wurde – wohl aber das einzige bedeutsame Spiel, in dem das „Golden Goal“ ein Eigentor war.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gewann ihren bis heute letzten Titel durch ein „Golden Goal“. Oliver Bierhoff erzielte es im Finale der Europameisterschaft 1996 im Londoner Wembley-Stadion in der 95. Minute zum 2:1 gegen Tschechien.

Gleich zweimal profitierte die deutsche Frauen-Nationalmannschaft von der Regel. Das Finale der Heim-EM 2001 in Ulm gewann sie durch einen Treffer von Claudia Müller in der Verlängerung; im Endspiel der WM 2003 in den USA war Nia Künzer erfolgreich – beide Treffer fielen in der 98. Minute.

Frankreich bemühte das „Golden Goal“ auf dem Weg zum Titelgewinn bei der Heim-EM 2000 zweimal. Das Halbfinale gegen Portugal beendete Zinedine Zidane nach 117 Minuten durch einen verwandelten Handelfmeter; im Endspiel gegen Italien traf David Trezeguet in der 103. Minute. Besondere Tragik für die Italiener: Sylvain Wiltord hatte Frankreich erst in der 90. Minute mit seinem Treffer zum 1:1-Ausgleich überhaupt in die Verlängerung gerettet.

Bei Weltmeisterschaften fielen vier „Golden Goals“. 1998 besiegte Frankreich im Viertelfinale Paraguay; 2002 setzten sich im Achtelfinale Senegal gegen Schweden und Südkorea gegen Italien durch; im Viertelfinale war die Türkei gegen den Senegal erfolgreich.

Der europäische Fußball-Verband UEFA änderte die Regel 2002 ab und führte das „Silver Goal“ ein. Danach wurde bei einem Torerfolg in der Verlängerung die laufende Halbzeit der Verlängerung noch zu Ende gespielt.

Auf diese Weise setzte sich Griechenland im Halbfinale der EM 2004 in Portugal gegen Tschechien durch. Weil Traianos Dellas allerdings in der Nachspielzeit der ersten Hälfte der Verlängerung (105 + 1) erfolgreich war, kam der Treffer einem „Golden Goal“ gleich – die Partie war danach sofort beendet.

Die Europameisterschaft 2004 war zugleich das letzte Turnier, bei dem die von Anfang an unbeliebte Regel der verkürzten Verlängerung angewendet wurde. 2004 schafften die Verbände sie wieder ab.

Die alte Dame klingelte zur falschen Zeit

Juve also. Juventus Turin vs. Borussia Dortmund. Ein Europapokal-Klassiker der 1990er Jahre erlebt im Achtelfinale der Champions-League-Saison 2014/15 einen frischen Aufguss. Jener Klub, der seinerzeit im italienischen Fußball das Maß aller Dinge war und es nach (Bestechungs-)Skandalen, Zwangsabstieg und Wiederaufstieg inzwischen wieder ist, fordert jenen Klub heraus, der ihn damals fast leer gekauft hat. Stefan Reuter, Andreas Möller, Julio Cesar, Jürgen Kohler, Paulo Sousa – sie alle wechselten in der ersten Hälfte der 90er Jahre von Juventus zur Borussia. Mit dem einen, dem schönen Ergebnis, dass der BVB die „alte Dame“ Juve im CL-Finale 1997 besiegte. Und mit dem anderen, dem unschönen Ergebnis, dass Borussia wenige Jahre später quasi pleite war.

Die Geschichte der UEFA-Cup-Endspiele 1993 zwischen Juve und dem BVB könnt Ihr, reich bebildert, in meiner Westfalenstadion-Hommage „Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB“ nachlesen. Bestellen könnt Ihr das Buch unter den folgenden beiden Links. Wem die nackte Version reicht, der muss hier nur weiterlesen . . .

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Bor. Dortmund – Juventus Turin 1:3 (1:2)

(5. Mai 1993, UEFA-Pokal-Finale, Hinspiel)

Lediglich zweimal war Dortmunds Fußball-Oper in vier Jahrzehnten Schauplatz eines europäischen Endspiels. Das erste und einzige mit Beteiligung von Borussia Dortmund stieg am 5. Mai 1993. Es war zugleich der Auftakt zu einer Trilogie zwischen dem BVB und Italiens alter Dame Juventus Turin.

93 – 95 – 97

Im Rhythmus von zwei Jahren standen sich die beiden Klubs Mitte der 1990er dreimal auf höchstem Niveau gegenüber. 1993 setzte Juve sich in den damals noch zwei Finalspielen des UEFA-Cups, dem Vorgänger der heutigen Europa League, deutlich durch. 1995 im Halbfinale desselben Wettbewerbs war es erheblich enger. Und wieder hieß der Sieger Turin. Doch aller guten Dinge sind bekanntlich drei – und so entschied der BVB 1997 das hochwertigste der drei Duelle, das Endspiel der Champions League, für sich.

Im Mai 1993 war der BVB, der sich durch die Vizemeisterschaft gleich im ersten Jahr unter Trainer Ottmar Hitzfeld für den Wettbewerb qualifiziert hatte, letztlich nicht bereit für eine Herausforderung dieser Größenordnung. Das Team kroch personell auf dem Zahnfleisch. Matthias Sammer, im Winter von Inter Mailand an die Strobelallee gekommen, war international noch nicht für Borussia spielberechtigt. Stammlibero Ned Zelic war verletzt und musste durch Amateur Uwe Grauer ersetzt werden. Der war in den zehn UEFA-Cup-Spielen bis zum Finale zwar schon dreimal zum Einsatz gekommen – allerdings in Summe gerade einmal 22 Minuten: sechs gegen Celtic Glasgow, eine gegen AS Rom, 15 gegen AJ Auxerre. Und nun sollte er gegen eine der spielstärksten Offensivreihen Europas eine Abwehr organisieren, die völlig neu formiert war. Denn auch Michael Schulz und Günter Kutowski fehlten. „Kutte“ war vom europäischen Verband gleich für beide Finals gesperrt worden, weil er im Halbfinale gegen AJ Auxerre zunächst seine zweite gelbe Karte im Wettbewerb und anschließend auch noch Gelb-Rot gesehen hatte. Da Hitzfeld in der Offensive auch Flemming Povlsen ersetzen musste, sanken die Chancen auf den ersten internationalen Titel seit 1966 schon im Vorfeld auf ein rechnerisches Minimum.

Jammerschade, denn der BVB hatte bis dahin eine wirklich tolle Europapokal-Saison gespielt und sich den Finaleinzug redlich verdient. Dem standesgemäßen Erstrundensieg gegen die maltesischen Feierabend-Kicker des FC Floriana (1:0/A, 7:2 H) folgten ein umkämpftes Duell gegen Celtic Glasgow (1:0/H, 2:1/A) und ein Drittrunden-Erfolg gegen Real Saragossa, der letztlich souveräner war, als es die Ergebnisse (3:1/H, 1:2/A) zum Ausdruck brachten. Im Viertelfinale gegen AS Rom (mit dem deutschen Nationalspieler und späteren Dortmunder Thomas Häßler) drehte Borussia die 0:1-Auswärtsniederlage im Rückspiel vor eigenem Publikum mit 2:0 um (Tore: Michael Schulz, Thomas Sippel). Im Halbfinale schließlich legten sie gegen AJ Auxerre ein 2:0 vor. Steffen Karl (59.) und Michael Zorc (88.), der wenige Minuten zuvor noch mit einem Elfmeter am französischen Schlussmann Bruno Martini gescheitert war, schossen die Tore.

Das Rückspiel entwickelte sich zu einem der größten Dramen der schwarz-gelben Europacup-Historie. Auxerre ging früh in Führung und erzwang in der zweiten Halbzeit die Verlängerung. In der flog erst Günter Kutowski mit Gelb-Rot vom Platz (98.), neun Minuten später erwischte es auch AJ-Akteur Raphaël Guerreiro. Tore fielen auch bei Zehn-gegen-Zehn nicht mehr. Elfmeterschießen also – und auch das musste, nachdem die ersten zehn Schützen allesamt verwandelt hatten (Karl, Stephane Chapuisat, Knut Reinhardt, Schulz und Zorc für den BVB) in die Verlängerung. Dort traf Michael Rummenigge für die Westfalen, und Torwart Stefan Klos parierte gegen Stephane Mahé. Riesenjubel bei den Dortmundern, Riesenjubel auch in Dortmund, wo 20.000 Fans den Elfmeter-Krimi vor einer Großleinwand auf dem Friedensplatz verfolgten.

Und nun also Juventus Turin. Mit Trainerfuchs Giovanni Trapattoni. Mit dem Ballkünstler Roberto Baggio, den die UEFA später zu Europas Fußballer des Jahres 1993 kürte. Mit Dino Baggio. Mit Gianluca Vialli. Zwar nicht mehr mit Stefan Reuter, der ein Jahr zuvor bereits zum BVB gewechselt war. Dafür aber mit drei Spielern, die in den folgenden Jahren ebenfalls noch zum BVB wechseln sollten: Andreas Möller, Julio Cesar, Jürgen Kohler. Borussia Dortmund und Juventus Turin – das war in den 1990er Jahren nicht nur eine sportliche Rivalität, sondern auch eine florierende Geschäftsbeziehung. Der BVB-Vorstand Niebaum/Meier kaufte gerne bei den Norditalienern ein.

Das Duell wurde zu einer einseitigen Auseinandersetzung. „Wir hätten auch in Bestbesetzung Probleme gehabt“, räumte Ottmar Hitzfeld später ein. Das Improvisationstheater-Ensemble, das er im Hinspiel vor 37.000 Zuschauern auf den Platz schicken musste, hatte aber nicht nur Probleme. Es hatte Riesenprobleme. Wobei: nicht von Anfang an. Im Gegenteil. Der BVB erwischte einen Blitzstart, ging nach nur 61 Sekunden und feiner Vorarbeit von Reinhardt durch Rummenigge in Führung, setzte seinen Sturmlauf auch danach noch eine Weile fort. Wer weiß, ob Juve sich von dem Schock erholt hätte, wenn Michael Lusch das 2:0 gelungen wäre – der Ball strich um Zentimeter am linken Pfosten vorbei.

Hätte – wäre – wenn. Tatsächlich reichten den gnadenlos abgezockten Italienern drei Minuten, um das Finale zu ihren Gunsten zu kippen. Dino Baggio glich aus (27.), Roberto Baggio, mit seinem Namensvetter übrigens weder verwandt noch verschwägert, brachte die Gäste nach einer halben Stunde in Führung und legte eine Viertelstunde vor Schluss nach – 1:3. Der Drops war damit im Grunde schon gelutscht. „Die beiden Super-Baggios waren einfach nicht zu halten“, schwärmte die „Gazzetta dello Sport“. Und während Bundestrainer Berti Vogts höflich konstatierte, „ein 2:2 wäre auch gerecht gewesen“, gaben sich die Schwarz-Gelben realistisch. „Juve war eine Nummer zu groß“, sagte Torwart Klos. Manager Meier hatte Turin „eine Klasse besser“ gesehen. Und Trainer Hitzfeld musste einräumen: „Wir sind eiskalt ausgekontert worden.“

Vor dem Rückspiel im Stadio delle Alpi mussten dann auch Zorc und Chapuisat verletzungsbedingt passen. Noch vor der Pause erwischte es zudem Rummenigge. Es fehlte nicht viel, und Hitzfeld hätte Fußlahme mit Gehhilfe oder Rollator einwechseln müssen. Allerletzte Zweifel am Sieger räumte Dino Baggio nach nur fünf Minuten aus; kurz vor der Pause erhöhte er auf 2:0 – und ausgerechnet Möller, der Ex- und Bald-wieder-Dortmunder, setzte den Schlusspunkt (65.). Den 4.000 mitgereisten Fans war’s wurscht. Auch der Dauerregen störte sie nicht. Sie feierten trotzdem.

1:3 + 0:3 = 1:6. Die Endspiel-Gleichung war beinahe schon Mitleid erweckend. „Wir haben Juventus Turin, diese absolute Klassemannschaft, mit unserem ersatzgeschwächten Team definitiv zum falschen Zeitpunkt erwischt“, haderte Hitzfeld, der sich sein erstes ganz großes Finale natürlich anders vorgestellt hatte.

Als der BVB 1994/95 im UEFA-Cup-Halbfinale erneut auf Turin traf, hatten nach Reuter auch Möller und Cesar die Seiten gewechselt. Allein Kohler spielte noch für Juve. Möller war es auch, der Borussia im Hinspiel in Italien in der 71. Minute mit 2:1 in Führung brachte; Kohler glich zwei Minuten vor dem Schlusspfiff aus. Im Rückspiel war Cesar zum zwischenzeitlichen 1:1 für Dortmund erfolgreich. Doch wiederum war es Roberto Baggio, der mit seinem 2:1-Siegtor Juve ins Finale und Borussia aus dem Wettbewerb schoss. Und so fehlt der UEFA-Cup bis heute im Trophäenschrank des BVB.

Vor 20 Jahren: Ricken müsste schießen – Ricken schießt – Toooooooooor!!!

Die fabelhafte Fußballliebhaber-App "MitPicke", die Ihr kostenlos downloaden könnt, hat zu den "Wunder"-Spielen BVB - La Coruna und BVB - Malaga ein umfangreiches Themenpaket geschnürt.

Die fabelhafte Fußballliebhaber-App „MitPicke“, die Ihr kostenlos downloaden könnt, hat zu den „Wunder“-Spielen BVB – La Coruna und BVB – Malaga ein umfangreiches Themenpaket geschnürt.

Dortmund im Spätherbst 2014 – eine Stadt trägt Grau. Die sportliche Talfahrt des BVB hat sich in den zurückliegenden Wochen wie ein Depressivum über die Stimmung der Menschen gelegt. Ein wenig wirkt es, als hätten sie, wie einst Timm Thaler, ihr Lachen verkauft.

Auf der Suche nach Erfolgserlebnissen müssen Fans dieser Tage in ihren Erinnerungen kramen. Dort werden sie reichlich fündig – zum Beispiel am 6. Dezember 1994. Nikolaus vor exakt 20 Jahren erlebte das Westfalenstadion eines jener Spiele, die als „legendär“ in die Klubgeschichte eingingen. „La Coruna“ und „Lars Ricken“ – mehr muss man gar nicht sagen . . .

Aus Anlass des Jubiläums habe ich das „La-Coruna-Kapitel“ aus meinem Buch „Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB“ als Blogbeitrag eingestellt. Und wenn Ihr weiter herunterscrollt oder auf den folgenden Link klickt, findet Ihr dort unter der Überschrift „Selbst Julio Cesar ist völlig ausgerastet“ auch den Gastbeitrag von Lars Ricken. http://goo.gl/v9Vjzh

Das Buch ist, nebenbei bemerkt, zauberhaftes Weihnachtsgeschenk für BVB-Fans. Bestellen könnt Ihr es z.B. unter http://goo.gl/0WKSn5 und http://goo.gl/QLOC52

BORUSSIA DORTMUND – DEPORTIVO LA CORUNA 3:1 n.V. (1:0, 0:0)

(6. Dezember 1994, UEFA-Cup-Achtelfinale, Rückspiel)

18 ½ Jahre lang galt die Partie gegen La Coruna als der „Hitchcock“ unter den Europapokal-Krimis auf Dortmunder Boden. 18 ½ Jahre – dann kamen die legendären 69 Sekunden im Champions-League-Halbfinale 2012/13 gegen den FC Malaga. Heute genießen beide Begegnungen Kultstatus. Was sie verbindet, ist die hoch dramatische Schlussphase mit zwei ganz späten Treffern und einer nicht mehr für möglich gehaltenen Wendung. Viele Fans, die auch andere große Duelle der Borussia live im Stadion miterlebt haben, beschreiben dennoch das Rückspiel im UEFA-Cup-Achtelfinale der Saison 1994/95 gegen den spanischen Vertreter Deportivo La Coruna als  e i n e n  Allzeit-Höhepunkt.

Beispielhaft zwei kurze Schilderungen aus dem Forum des Internet-Fanzines schwatzgelb.de. Dort schreibt ein User mit dem Nickname . . .

. . . Rupo:

„Ich war 28, mit Kumpels im 11er (Block 11, Südtribüne/Anm. des Autors) und bekomme jedesmal Gänsehaut, wenn ich an den Moment denke, als Bodo Schmidt den Ball gegen das Schienbein bekommt, der Ball nach rechts (von uns aus nach links) rollt, Ricken ihn aufnimmt, Riedle in der Mitte startet, Ricken das völlig egal ist . . . er abzieht (da wussten wir, datt Dingen passt), die Murmel unter der Latte einschlägt, hinter die Linie, Ricken abdreht nach rechts – und wir nach unten auf der Süd 😉 . . . Ich werde DIESES TOR niemals in meinem ganzen Leben vergessen!“

Und auch für Searcher 78 hat sich dieses Spiel, als Vater-Sohn-Erlebnis, für alle Zeiten im Gedächtnis festgefressen:

„Nach dem 1:1 war ich total geknickt, quasi alle Hoffnung verloren. Ich war zu dem Zeitpunkt 16. Neben mir saßen mein Vater und mein Onkel. Als die Spanier noch feiern, meint mein Vater ganz trocken: „Keine Sorge, die packen das noch!“ Ich hab’ ihn ungläubig angeguckt und er war sich wirklich absolut sicher. Dann vergingen die Minuten und das Ende der Verlängerung rückte immer näher. Mein Onkel, der am nächsten Tag sehr früh arbeiten musste, hatte sich auf den Weg Richtung Parkplatz gemacht – ein folgenschwerer Fehler. Die letzten Minuten sind halt Legende, mein Onkel hat beim Jubel zum 2:1 noch überlegt, ob er schnell zurück laufen soll, aber was sollte in den paar Minuten dann schon passieren. Kurze Zeit später ist er beim Ohren betäubenden Jubel, der hinter ihm erklang, vor einen Baum gelaufen und hat sich eine ziemliche Beule geholt. Im Stadion stand mein Vater neben mir mit Tränen in den Augen: ‚Hab’ ich doch gesagt!’ Für mich DAS Spiel überhaupt, ich weiß nicht, wie viele hundert Male ich mit meinem Vater an genau diese letzten Minuten zurück gedacht habe . . ., na ja, seit einiger Zeit denke ich alleine an dieses Spiel zurück, aber ich hoffe, irgendwann einmal meinen Kindern davon erzählen zu können. Ich war auch beim Champions-League-Finale in München und hab’ alle Meisterschaften im Stadion erlebt, aber ich glaube, dieses Spiel wird mir von allen am meisten in Erinnerung bleiben.“

Der deutsch-spanische Liga-Gipfel

Das Duell zwischen Borussia Dortmund und Deportivo La Coruna war im Herbst 1994 nicht irgendein Duell zwischen einem Bundesligisten und einem Primera-Division-Klub. Es war sozusagen der deutsch-spanische Liga-Gipfel. Der BVB, von Präsident Dr. Gerd Niebaum und Manager Michael Meier in den Jahren zuvor mit gigantischem Finanzaufwand und den Italien-Rückkehrern Matthias Sammer, Andreas Möller, Karlheinz Riedle, Stefan Reuter sowie mit Julio Cesar, Flemming Povlsen und Stéphane Chapuisat hochgerüstet, führte die Bundesliga-Tabelle souverän an. Am Ende der Saison sollte der erste Deutsche Meistertitel nach 32-jähriger Durststrecke stehen.

La Coruna wiederum stieg ab Anfang der 1990er Jahre in den Kreis der spanischen Spitzenteams auf und krönte diese Entwicklung mit der Meisterschaft 2000 sowie den Pokalsiegen 1995 und 2002 – ehe es, wie in Dortmund nach der 2002er Meisterschaft, wieder bergab ging. 1992/93 hatten sich die Galizier als Dritter hinter dem FC Barcelona und Real Madrid erstmals für einen europäischen Wettbewerb qualifiziert und waren ein Jahr später punktgleich nur aufgrund des etwas schlechteren Torverhältnisses hinter Barca spanischer Vizemeister geworden. Zum Zeitpunkt des Aufeinandertreffens mit dem BVB lag Deportivo gleichauf mit Real Saragossa und Real Madrid an der Tabellenspitze der Primera Division.

Bebeto entscheidet das Hinspiel zugunsten von La Coruna

Da trafen also keine No-Name-Teams aufeinander, sondern zwei aufstrebende Top-Klubs mit Top-Leuten. Der bekannteste im Kader von La Coruna: Bebeto, brasilianischer Nationalspieler, als Sturmpartner von Romario frischgebackener Weltmeister, spanischer Torschützenkönig – und Schütze des 1:0 im Hinspiel gegen den BVB. Da pflasterte er das Leder schon nach 23 Minuten unhaltbar in den Winkel. Dortmund hatte in der Folge Glück, dass Stefan Klos einige tolle Paraden zeigte und der Schweizer Unparteiische Serge Muhmenthaler einem weiteren Treffer der Spanier wegen angeblicher Abseitsposition zu Unrecht die Anerkennung verweigerte. Dortmund hatte aber auch Pech bei einem Lattenkracher von Sammer und einer weiteren Fehlentscheidung des Schiedsrichters, der bei Chapuisats vermeintlichem Ausgleich ebenfalls auf Abseits entschied. Auch damit lag er daneben.

Der BVB musste 14 Tage später, am Nikolausabend, im eigenen Stadion also einen Rückstand umbiegen. Dass er das konnte, hatte er zuvor bereits bewiesen, denn nach glanzlosen Erstrunden-Erfolgen gegen den FC Motherwell aus Schottland (1:0/H, 2:0/A) setzte es in Runde zwei bei Slovan Bratislava eine 1:2-Niederlage. Riedle (2) und Möller sorgten im Rückspiel beim 3:0 für klare Verhältnisse.

Zorc gleicht im Rückspiel aus – doch in der Verlängerung spricht ALLES für die Spanier

La Coruna allerdings war ungleich schwerer zu knacken, und so dauerte es auch bis zur 50. Minute, ehe Michael Zorc mit dem 1:0 in der Addition beider Spiele der Ausgleich gelang. Zweimal trafen die Iberer in der Folge durch Fran (59.) und Salinas (68.) die Latte; der BVB wurde von Borussia zu Fortuna Dortmund. Es ging in die Verlängerung, und in der hatte Deportivo das Geschehen nicht nur im Griff – der Gast holte in der 102. Minute auch zum scheinbar finalen Schlag aus, als Alfredo nach einem Sensationslupfer plötzlich frei vor Klos auftauchte und den Ball zum 1:1 über den Keeper hinweg ins lange Eck setzte. Schockstarre auf den Rängen. Nun benötigte das Team von Ottmar Hitzfeld wieder zwei Tore – und es waren nur noch 18 Minuten zu spielen. Dann 15 . . . 10 . . . 7, 6, 5.

„Ich habe den Spielern schon oft gepredigt, dass selbst zwei Minuten vor dem Ende nichts entschieden und ein Wunder im Fußball immer möglich ist“, sagte Hitzfeld später. Ob der BVB-Trainer auch daran geglaubt hat, sagte er nicht.

Fünf Minuten vor Schluss fehlen dem BVB zwei Treffer. Viele Zuschauer gehen schon . . .

Die meisten Zuschauer jedenfalls hatten den Glauben und die Hoffnung verloren; viele hatten sich bereits auf den Heimweg gemacht und die Sitzreihen auf den Tribünen ließen deutliche Lücken erkennen, als Sammer im Mittelfeld in wilder Entschlossenheit den Ball eroberte, Möller in den Strafraum flankte und wer sonst als „Air“ Riedle zum 2:1 vollendete. Es war die 116. Minute. Nur noch ein Tor. Und noch 4 Minuten . . . 3, 2 . . . Noch ein letztes Mal der BVB. Bodo Schmidt, der Manndecker, fräste sich in zentraler Position durch den spanischen Beton, von seinem Schienbein prallte der Ball Lars Ricken vor die Füße. Der 18-Jährige, als Joker eingewechselt, guckte nicht rechts und nicht links. Er schaute in den Tunnel, und am Ende des Tunnels stand das Tor.

. . . und verpassen eines der „Wunder von Dortmund“

Manch einer unter den älteren Zuschauern mag sich in diesem Moment an Herbert Zimmermanns Live-Reportage vom WM-Endspiel 1954 zwischen Deutschland und Ungarn erinnert haben. An sein Unvergessenes „Rahn müsste schießen – Rahn schießt . . .“ Rahn hieß diesmal Ricken. Ricken musste schießen – Ricken schoss – und der Rest klang 1994 im Dortmunder Westfalenstadion genau so wie 40 Jahre zuvor im Berner Wankdorfstadion: „Tooooor!!!“ Mit dem rechten Fuß nagelte Ricken den Ball aus zehn Metern Entfernung via Lattenunterkante ins Netz. Ein Schuss mitten ins pure Glück.

BVB-Fan Vito_Corleone erinnert sich auf schwatzgelb.de:

„Die Süd explodiert, aber es ist keine einfache Explosion, keine Verpuffung. Die Süd bebt wie ich es noch NIE davor und NIE danach erlebt habe. Die Explosion dauert minutenlang, so stelle ich mir einen Multiorgasmus vor, hier multipliziert durch die Tausende auf der Süd, die im gleichen Moment so etwas Unbeschreibliches erleben.“

Sammer fand nicht so schöne Worte, gestand aber mit reichlich Pathos: „Dieses Ergebnis hat bei mir unglaubliche Emotionen freigesetzt. Vergleichbares habe ich erst zweimal erlebt: Beim Gewinn der Deutschen Meisterschaft mit Stuttgart und bei der Geburt meiner Tochter Sarah.“ Hitzfeld versuchte das wundersame Geschehen medizinisch zu diagnostizieren: „Wir waren klinisch fast tot, aber mit den allerletzten Herzschlägen haben wir uns aufgerappelt und ein anatomisches Wunder geschafft.“

Für Ricken, der das Angebot seines Trainers, ihm eine Entschuldigung zu schreiben, nicht annahm und stattdessen am nächsten Morgen brav die Schulbank drückte, war es das erste von mehreren legendären Europapokal-Toren. 1996/97 gegen Manchester United schoss er den BVB mit seinem goldenen Tor in Old Trafford ins Finale von München. Dort erzielte Ricken mit seinem 30-Meter-Heber zum 3:1-Endstand gegen Juventus Turin jenen Treffer, den die Fans von Borussia Dortmund anlässlich des 100-jährigen Bestehens im Jahr 2009 zum „Tor des Jahrhunderts“ wählten.

Die Europapokal-Saison 1994/95 trug Borussia Dortmund über Lazio Rom (0:1/A, 2:0/H – wieder durch ein Last-Minute-Tor, diesmal von Riedle) noch bis ins Halbfinale. Dort war Juventus Turin, wie schon in den 1993er UEFA-Cup-Endspielen, eine Nummer zu groß.

An den Jubelorkan vom 3:1 gegen Deportivo La Coruna kam lange Zeit kein Heimtor mehr heran. Erst Ewerthons 2:1-Meistertreffer gegen Werder Bremen am 4. Mai 2002 erreichte wieder vergleichbare Dezibelstärken und löste Vibrationsalarm auf der Südtribüne aus.

Lars Ricken: „Selbst Julio Cesar ist völlig ausgerastet!“

Ein Gastbeitrag von Lars Ricken, Schütze des entscheidenden Tores, zum legendären Europapokalspiel Borussia Dortmund – Deportivo La Coruna (6. Dezember 1994) für das Buch „Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB.“ http://goo.gl/0WKSn5

Das Buchkapitel findet Ihr hier: http://goo.gl/UD5bdu

Lars Ricken:

„Selbst Julio Cesar ist völlig ausgerastet“ 

„Ganz ehrlich: Was mir zu allererst einfällt, wenn ich an den Abend des La-Coruna-Spiels denke, ist meine damalige Freundin. Die interessierte sich gar nicht für Fußball und war folgerichtig auch nicht im Stadion. Ich kam also sehr spät nach Hause, war der gefeierte Held des Spiels, gerade 18 Jahre alt und emotional natürlich entsprechend aufgewühlt – und meine Freundin forderte mich recht bestimmt auf, doch bitte das Geschirr abzutrocknen, das sie gerade gespült hatte. Ich merkte ganz vorsichtig an: „Du, wir hatten gerade ein Spiel – und ich würde mir das gerne noch einmal im Fernsehen anschauen.“ – „Ach, ja“, sagte sie, „Ihr habt ja gespielt. Habt Ihr denn gewonnen. Schön! Aber wenn Du gespielt hast, musst Du’s doch nicht noch einmal sehen . . .“ – Kurzum: Ich habe dann ein paar Minuten heraus verhandeln können, aber dann musste ich tatsächlich abtrocknen. Und so bin ich seinerzeit von meiner Freundin noch am Abend des Triumphes sehr schnell wieder geerdet worden.

Über diese Anekdote hinaus verbinde ich sportlich betrachtet vor allem drei Dinge mit dem Spiel gegen La Coruna.

Erstens: Natürlich dieses Tor. Mein Treffer zum 3:1 in der 118. Minute, der uns völlig unerwartet doch noch in die nächste Runde brachte. Ich habe in meiner Zeit beim BVB ja das eine oder andere Tor erzielt, darunter auch manches wichtige – aber dieser Treffer ist, zusammen mit dem Heber zum 3:1 im Champions-League-Finale gegen Juventus Turin, sicherlich derjenige, der mir in der Rückschau am meisten bedeutet. Einfach deshalb, weil es ein wundervolles Gefühl ist, sich mit diesen Toren für alle Zeiten in der Vereinsgeschichte eines so großen und traditionsreichen Klubs wie Borussia Dortmund eingetragen zu haben. Allerdings: In ein Lehrbuch wird es dieses Tor sicherlich nicht schaffen. Die Position und die Schusstechnik waren schon einigermaßen problematisch; ich treffe den Ball weder mit der Innenseite noch mit dem Vollspann, aber ich wollte ihn tatsächlich genau so schießen wie ich ihn dann geschossen habe. Anders wäre er nicht rein gegangen. Überhaupt war das so ein Ball, der von zehn Versuchen vermutlich neunmal irgendwo landet – nur nicht im Tor.

Und noch etwas ist ganz interessant. Ich stand zu meiner aktiven Zeit immer in dem Ruf: „Wenn der Ricken kommt, dann passiert noch was!“ Dabei habe ich in all den Jahren als Profi fast überhaupt keine Joker-Tore gemacht, aber ausgerechnet in den beiden Spielen gegen La Coruna und Juve kam ich tatsächlich von der Bank.

Zweitens: Ich habe ja einige Zeit mit Julio Cesar zusammengespielt, und Julio war als Sportler wie als Mensch immer ein relativ ruhiger, sachlicher und abgeklärter Kerl. Aber wie selbst er nach meinem Tor zum 3:1 regelrecht ausgerastet ist und dann auch ganz schnell als Erster auf mir drauf lag, zeigt, welch wahnsinnige Emotionen in diesem Moment freigesetzt wurden. Das ist eine sehr schöne Erinnerung, auch deshalb, weil Julio Cesar sicher eine der ganz großen Persönlichkeiten ist, die hier in Dortmund gespielt haben.

Drittens ist es absolut faszinierend, wie ein solches Tor dann 19 Jahre später noch einmal ins kollektive BVB-Gedächtnis zurückkehrt – am 9. April 2013 gegen Malaga. Genau das macht doch einen großen Vereins aus, dass es solche verbindenden Erlebnisse und gemeinsamen Ankerpunkte gibt. Jedenfalls: Als Malaga wenige Minuten vor Schluss in Führung ging und wir plötzlich zwei Tore brauchten, leerten sich die Plätze um mich herum doch merklich. Von denen, die sitzen blieben und ausharrten, sagten aber einige: „Mensch, Lars, jetzt brauchen wir noch einmal so ein Wunder wie damals gegen La Coruna.“ – Unter uns: Ich würde mich wirklich nicht als Pessimist bezeichnen wollen, aber geglaubt habe ich an eine Wende gegen Malaga nicht mehr. Ich war, wie die meisten anderen auch, so down, dass ich eigentlich keine Hoffnung mehr hatte. Erst im Nachhinein ist mir aufgegangen, was da nach dem 1:2 eigentlich passiert ist. Die Zuschauer sind noch einmal gekommen, Roman Weidenfeller stürmte mit einer Mischung aus Anfeuerung und Beschimpfung nach vorne, Jürgen Klopp verzog sich nicht etwa deprimiert auf die Trainerbank, sondern coachte weiter, als könne von einem drohenden Ausscheiden gar keine Rede sein. Diese Kette von Reaktionen war schon echt stark und ein Paradebeispiel für den Charakter dieses Teams und des Umfelds.

Gerade in solchen Momenten spielt unser Stadion immer wieder eine wichtige Rolle. Man merkt das schon an der Ehrfurcht der gegnerischen Teams, wenn sie den Rasen betreten und vor der gelben Wand stehen. Das flößt definitiv Respekt ein, und diese besondere Atmosphäre in Dortmund gewinnt dem BVB auch immer wieder den einen oder anderen Punkt. Für mich noch entscheidender und der große Unterschied zu vielen anderen Klubs ist aber, wie unsere Zuschauer sich verhalten, wenn es mal nicht so gut läuft. Wir haben diese Zeiten ja auch erlebt. Bei uns bleiben dann eben keine Blöcke aus Protest leer; unsere Fans drehen dem Spielgeschehen nicht den Rücken zu – sie sind auch und manchmal gerade dann für die Mannschaft da, geben Gas und versuchen zu helfen. Das ist wirklich einzigartig!“

Die Gründe für Borussias „Gala“-Gala – und was das für die Liga bedeutet

BVB – FC Arsenal 2:0

RSC Anderlecht – BVB 0:3

Galatasaray – BVB 0:4

Drei Champions-League-Spiele, drei Siege, dreimal ohne Gegentor. Die Null steht – und vorne läuft’s. Warum nur in der Liga der Besten, warum nicht auch in der Liga der Weltmeister? Da lief’s vorne bislang nicht wie aus den Vorjahren gewohnt, davon, dass die Null steht, kann schon gar nicht die Rede sein.

Will sagen: Nun geht sie wieder los, die Debatte über die zwei Gesichter von Borussia Dortmund. Darüber, ob die Mannschaft nur in der Königsklasse, nicht aber im Bundesliga-Alltag voll motiviert, voll konzentriert, kurz: voll gallig sei. Eine Diskussion, die am Kern der bisherigen Saison allerdings so weit vorbei zischt wie mancher Distanzschuss am Tor.

Nein, es gibt keine zwei Borussias, sondern zwei Sportarten. Die Sportart in der Champions League heißt FUßBALL. Die Sportart in der Bundesliga heißt 11 GEGEN DIE GUMMIWAND. Fußball kann der BVB. Gummiwand kann er nicht so gut.

Im Klartext: Die Gegner in der Königsklasse spielen mit. Der FC Arsenal definiert sich seit Jahren über technisch versierten, kombinationsfreudigen Ballbesitzfußball. Der RSC Anderlecht war naiv genug, die Flucht nach vorne anzutreten, und „Gala“ musste nach nur einem Punkt aus zwei Partien bereits ein gewisses Risiko eingehen. Hinzu kommt: Alle Mannschaften in der CL, selbst Borissow, Maribor und Ludogorets, spielen in ihren Heimatligen eine dominante Rolle. Sie sind es gewöhnt, selbst initiativ zu werden. Sie sind nicht geübt darin, sich hinten reinzustellen. Das kommt einem Team wie dem BVB, der für sein blitzschnelles Umschaltspiel Räume benötigt, natürlich entgegen.

Punkt zwei: Von wegen Jürgen Klopp hat keinen Plan B! Der Trainer, der nach dem Köln-Spiel schwer enttäuscht und für den Moment auch ein wenig ratlos wirkte, hatte eben doch Rat. Weil die etatmäßigen Linksverteidiger Marcel Schmelzer und Erik Durm verletzt sind und die erste Alternative Kevin Großkreutz zuletzt etwas überspielt wirkte, nahm Klopp in Istanbul eine Anleihe bei Bundestrainer Joachim Löw. Der war mit dem Schalker Benedikt Höwedes, einem gelernten Innen- und Gelegenheits-Rechtsverteidiger, auf der linken Außenverteidigerposition Weltmeister geworden. Klopp verlieh seiner zuletzt wackligen Viererkette in Istanbul mit Sokratis auf Links deutlich mehr Stabilität. Der Grieche ist – genau: gelernter Innen- und Gelegenheits-Rechtsverteidiger.

Zweite Überraschung in der Startelf: Nicht Ciro Immobile spielte in der Spitze und auch nicht Adrian Ramos, sondern Pierre-Emerick Aubamayang. Der Gabuner, seit Wochen in Topform, allerdings meist über den rechten Flügel kommend, spielte in vorderster Linie seine Schnelligkeit und seinen Torriecher aus und netzte in der Anfangsphase zweimal eiskalt ein. Hinter ihm agierte eine Reihe mit drei „Zehnern“: Kagawa in der Schaltzentrale, Reus links, Mkhitaryan rechts, wobei die drei viel rochierten und Galatasaray auch durch Tempowechsel das Verteidigen schwer machten.

Und was bedeutet das für die Partie am Samstag gegen Hannover 96: Leider NICHTS – sieht man einmal davon ab, dass die „Krise“ medial vorerst nicht zur drohenden Apokalypse aufgeblasen wird. Und sieht man außerdem davon ab, dass der klare Zu-Null-Erfolg natürlich ein Stück Sicherheit und Selbstvertrauen zurück gibt. Letztlich aber wird am Samstag wieder 11 GEGEN DIE GUMMIWAND gespielt. Diese andere Sportart. Weil sich die Niedersachsen, nach zuletzt drei Niederlagen selbst in der Mini-Krise, wie schon der HSV, Stuttgart und Köln mit zehn Mann um den eigenen Strafraum aufbauen, auf Dortmunder Fehler warten und auf gelegentliche Konter setzen werden. Der BVB, namentlich Spieler wie Kagawa, Reus und Mkhitaryan, aber auch Ilkay Gündogan, der in Istanbul im Zusammenspiel der Edeljoker das 4:0 durch Ramos brillant vorbereitete, wird Geduld haben und beizeiten den Türöffner finden müssen. Das gelang gegen eine taktisch so ausgerichtete Mannschaft in dieser Saison erst einmal: beim 3:1 gegen Freiburg.

Es wird höchste Zeit für den zweiten Heimsieg. Denn die nächsten Gegner heißen FC Bayern München und Borussia Mönchengladbach. Wobei: Die spielen ja auch lieber Fußball als Gummiwand.

Weg mit dem Sternen-Firlefanz – zurück an die Arbeit!

Man sah es ihm an. Joachim Löw hatte richtig Bock. Supersuperbock, sozusagen.

Er hatte Supersuperbock, nach dem Last-Minute-Schock gegen Irland zum Interview ins RTL-Studio zu dackeln – genauer: zu pudeln. Denn wie ein begossener Pudel saß der Bundestrainer zwischen Florian König und Jens Lehmann. Jener König, der sonst Formel 1 und Koch-Shows moderiert. Und jener Lehmann, der schon als Spieler stets sehr speziell gewesen war und nun als Experte renitent und tendenziell respektlos daher kommt. Jener Lehmann, dem es ganz offenkundig mehr als jedem anderen vollkommen egal ist, was andere über ihn denken. Was der schon nach dem 0:2 in Polen für Fragen gefragt hatte. Nachgerade dreist! Eine ganz neue Erfahrung für Joachim Löw, der sich in Warschau vermutlich viel lieber zum verbalen Trostkuscheln zu Katrin Müller-Hohenstein begeben hätte und nun in Gelsenkirchen ahnte, dass er neuerlich vornehmlich kritische Fragen würde beantworten müssen.

Er, der Weltmeister-Trainer!

Wer weiß, vielleicht hat Joachim Löw ja am Dienstagabend auf dem Weg von der Kabine der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zum RTL-Studio erstmals darüber gegrübelt, ob es wohl die beste aller Ideen gewesen war, nach der WM weiterzumachen. Statt abzutreten. Auf dem Gipfel des Denkbaren. Vielleicht hat Löw bei sich gedacht: „Mensch, Jogi, hättest Du es mal gemacht wie der kleine Philipp.“ Der Lahm. Das Kapitänchen. Weltmeister geworden. Den Pott geküsst. Abgetreten! Oder der lange Per. Der Mertesacker. Der „Big fuckin‘ German“, wie sie ihn beim FC Arsenal liebevoll nennen. Weltmeister geworden. Abgetreten! Oder der olle Miro. Der Klose. Weltmeister geworden. Weltmeisterschaftsrekordtorschütze geworden. Abgetreten! Alles richtig gemacht. Den Moment eingefroren. Besser kann’s nicht mehr sein!

Joachim Löw wollte das nicht. Abtreten auf dem Höhepunkt. Er wollte weitermachen. Die Mannschaft weiterentwickeln. Sie zur EM 2016 führen. Und dort der erste Trainer seit Helmut Schön (1972 & ’74) werden, der mit der N11 Welt- und Europameister wird. Nun hat er den Salat – und muss mit Kritik leben. Nach nur vier Punkten aus drei Qualispielen mit nur drei erzielten und vier kassierten Toren hat ein herbstlicher Fußballblues den weltmeisterlichen Sternenglanz abgelöst.

Es fehlen nur noch die Klatschpappen

Vielleicht wäre genau das ein erster Schritt aus der Leistungs- und Ergebniskrise: Diesen ganzen WM-Firlefanz endlich mal beiseite zu legen und wieder zur Alltagsarbeit überzugehen. Kein Länderspiel mehr ohne Hochglanzglitter-Sterne-Choreographie auf den Stadiontribünen. Auch am Dienstag in der Gelsenkirchener Dreifach-Turnhalle wurden die Event- und Erfolgszuschauer wieder genötigt, bunte Papptafeln in die Höhe zu halten. Ein Wunder eigentlich, dass beim DFB – anders als beim FC Bayern – noch niemand auf die Idee gekommen ist, versponserte Klatschpappen samt Bedienungsanleitung auf die Sitzschalen zu legen. Von „Fans“ kann bei Spielen der N11 längst keine Rede mehr sein. Fans bringen inzwischen nur noch die Gästeteams mit. Schottische Fans sorgten in Dortmund für Stimmung. Irische Fans in Gelsenkirchen. Deutsche Fans klatschen brav bei Eckbällen und singen gelegentlich „Die Nummer eins der Welt sind wir“ – was angesichts der vitaminarmen Darbietungen auf dem Rasen allerdings zunehmend albern klingt.

Das Märchen ist vorbei . . .

Das WM-Finale liegt inzwischen drei Monate zurück. Drei Monate. Das war vorvorvorvorvor…gestern. Jetzt ist heute. Willkommen zurück in der Realität! Es ist Herbst. Es ist kühl. Es ist regnerisch. Es ist Quali. Die Gegner beißen. Und ja, ihr schlaft wieder zu Hause. Nicht mehr in der Schmuseatmosphäre der Campo-Bahia-WG, die Löw und Teammanager Oliver Bierhoff – einer Kunst- und Phantasiewelt ähnlich – eigens hatten bauen lassen. Das Märchen ist vorbei.

. . . und die Realität geht so:

Nein, es sind nicht nur drei wichtige Spieler zurückgetreten. Ja, es fehlen auch viele wichtige Spieler. Marco Reus und Ilkay Gündogan – aber die fehlten auch schon bei der WM. Christoph Kramer und Andre Schürrle – aber die waren zumindest in Polen noch dabei und bei der WM obendrein nur Ergänzungsspieler. Bastian Schweinsteiger, ja, der fehlt tatsächlich – aber wer weiß, ob er überhaupt noch einmal richtig zurück kommt. Sami Khedira fehlt. Mesut Özil fehlt auch – aber in der Form der letzten Wochen irgendwie auch wieder nicht.

Nirgendwo ein „Wickie“, der mal „Ich hab’s!“ ruft

Will sagen: Gegen Irland standen mit Thomas Müller, Mario Götze und Toni Kroos drei Akteure auf dem Platz, die gemeinhin unter „Weltklasse“ einsortiert werden. Dazu ein Julian Draxler, nach dem vermeintlich halb Fußball-Europa schielt. Vier Kreativ-Kicker also, von denen kaum Kreatives kam. Götze war bemüht, arbeitete mehr als früher und hätte einen Elfmeter bekommen müssen. Müller bot, wie schon in Polen, eine Nicht-Leistung, für die er in einigen durchaus ernst zu nehmen Medien sogar noch die Note „3“ erhielt. Der MüllerBayern-Bonus. Draxler stand neben sich – wie zuletzt meist auch auf Schalke. Und Kroos? Hatte viel Ballkontrolle. Hatte viele Ballkontakte. Erzielte schließlich auch das 1:0. Aber Ideen, Geistesblitze, mal ein genialer Moment, ein öffnender Pass, dazu geeignet, die irische Abwehr zu durchschneiden und zu filetieren? Nichts dergleichen. Man hätte sich einen „Wickie“ herbei gewünscht, der sich eine Weile lang mit dem Zeigefinger unter der Nase reibt und im Moment der plötzlichen Erleuchtung „Ich hab’s!“ ruft.

Es waren die Mittelfeld- und Offensivkräfte, die das @DFB_Team in der Schlussphase von einer Panikattacke in die nächste manövrierten. Vorne wurde nicht mehr attackiert, in der Mitte der Ball hergeschenkt, statt gehalten. Und hinten gerieten sie in Not. Der späte Ausgleich war die Folge einer langen Fehlerkette, an deren Ende der Dortmunder Mats Hummels doof aussah und deshalb verständlicherweise angefressen reagierte. „Man wird mir wieder die Schuld geben, aber ganz ehrlich: In der Situation kann ich auch nur noch versuchen, zu retten.“ Was schwer zu retten war.

Hummels hat Recht: Schon die WM war keine Gala, sondern knallharte Arbeit

Es war jener Hummels, der darauf verwies, dass auch in Brasilien nicht alles nur Gold und Glanz, sondern zuvorderst knallharte Arbeit und bisweilen auch gehöriges Glück war. Weder gegen die USA noch gegen Algerien noch gegen Frankreich noch im Endspiel gegen Argentinien hatte die deutsche Mannschaft geglänzt. Und sie hatte auch bei der WM, sieht man vom Eröffnungsspiel gegen Portugal und dem nach wie vor unerklärlichen 7:1 gegen Brasilien ab, keine Offensiv-Feuerwerke abgebrannt. Das 1:0-Siegtor gegen die USA fiel durch einen Distanzschuss. Das 1:0-Siegtor gegen Frankreich nach einer Standardsituation durch einen Abwehrspieler. Gegen Algerien und Argentinien fiel in 90 Minuten gar kein Tor. Klingt das nach Spektakel? Nach Rausch und Gala? Wohl eher nicht. Wohl eher, wie Hummels korrekt feststellte, nach „knallharter Arbeit“ und nach funktionierendem Kollektiv.

Genau das funktioniert derzeit nicht. Und wenn weiterhin die vollkommen verfehlte Diskussion über vermeintlich minderbemittelte Außenverteidiger geführt wird (übrigens hatte der zuletzt heftig kritisierte Erik Durm gegen Irland weit mehr starke als schwache Szenen!), wird sich daran auch nichts ändern. Dann wird zwar nicht Gibraltar, wohl aber der entthronte Weltmeister Spanien deutlich aufzeigen, wo die Schwächen liegen.

Mehr zu #GERIRL, zu Mats Hummels – und was er zur Kritik von Joachim Löw sagt:

http://www.derwesten.de/wr/sport/fussball/bvb/bvb-kapitaen-hummels-und-bundestrainer-loew-sind-sich-uneinig-id9938175.html

http://www.spox.com/de/sport/fussball/dfb-team/em-2016-qualifikation/spielberichte/deutschland-irland/mats-hummels-interview-1-1-gegen-irland-unfassbare-dinger.html

http://www.spiegel.de/sport/fussball/em-quali-weltmeister-deutschland-schwaechelt-gegen-irland-a-997230.html

http://www.spiegel.de/sport/fussball/em-quali-deutschland-gegen-irland-mit-spaetem-ausgleich-a-997189.html

http://www.ruhrnachrichten.de/sport/bvb/So-einfach-ist-es-nicht-Hummels-ueber-Erwartungen-und-das-Irland-Spiel;art11635,2511803

Den Fußball quälen die Geister, die er rief

 Folgende Rechnung:

Der Fußballprofi Michael Mustermann gewinnt in einer Saison mit seinem Klub und der Nationalmannschaft alles, was es zu gewinnen gibt und kommt dabei in jedem Spiel zum Einsatz. Er bestreitet also 34 Bundesliga- und 6 DFB-Pokalspiele, dazu 13 Champions-League-Duelle und 17 Länderspiele. Er steht im nationalen und europäischen Supercup-Finale auf dem Platz und muss zweimal bei der Klub-WM ran. Macht 74 Einsätze. Inklusive Test-/Freundschaftsspielen in der Sommer- und Wintervorbereitung, einige davon sogar in Übersee, kommt er schließlich auf 80 bis 85 Partien.

Ein Hammer-Pensum – das jetzt wieder die Kritiker auf den Plan ruft. Zu viele Länderspiele! So lautet ihre Diagnose. Aber stimmt die überhaupt? Eher nicht. Der langjährige Vergleich zeigt: Die Zahl der Begegnungen im Vereinsfußball ist stärker gestiegen als die der Ländervergleiche. Der Grund: Geld! Im Wesentlichen.

Doch der Reihe nach.

Pep Guardiola mag’s martialisch. Verbal, versteht sich. Erst warnte der Trainer des FC Bayern München, Neuzugang Xabi Alonso sei „in wenigen Wochen tot“, wenn er weiter so beansprucht werde. Dann holte der Katalane zum Rundumschlag gegen das System aus: „Wir killen die Spieler, wir verlangen zu viel von ihnen!“ Der Drei-Tage-Rhythmus, in dem viele Profis der Top-Klubs, die in Meisterschaft, Europacup, DFB-Pokal und Nationalmannschaften gefragt sind, auflaufen müssen, sei mörderisch. Guardiolas Forderung: „Die Spieler brauchen Zeit zum Atmen. Das gilt nicht nur für uns, sondern auch für Dortmund und Leverkusen.“

Die Flankendeckung aus Westfalen, selten genug, kam sogleich. Auch BVB-Trainer Jürgen Klopp, der derzeit das vermutlich größte Lazarett der Klubgeschichte beklagt und nach jedem Spiel neue Ausfälle vermelden muss, leidet unter der häufigen Abstellung von Spielern an die Nationalmannschaften. Zumal ihr Fehlen den Trainingsbetrieb in den Klubs quasi lahmlegt. In Länderspielwochen haben Trainer wie Guardiola und Klopp bisweilen Mühe, eine Elf zusammen zu bekommen – geschweige denn zwei. Strukturiert trainieren, taktische Konzepte einstudieren, Automatismen einüben können sie nicht. Insbesondere das umstrittene Test-Länderspiel nach dem ersten Bundesliga-Spieltag ist dem BVB-Coach und den meisten seiner Kollegen ein Dorn im Auge. Klopp ahnt gleichwohl: „Das Rad drehen wir nicht mehr zurück.“ Jede Klage sei daher verpulverte Energie. „Das kann ich genau so gut meiner Mikrowelle erzählen.“

Ärger: ja! Gejammere: nein – in Dortmund. In München ist das etwas anders, denn in München gibt es Karl-Heinz Rummenigge. Und der hat sich offenkundig zum Ziel gesetzt, die haftbedingte Abwesenheit von Uli Hoeneß zu nutzen, um in dessen Rolle als Lautsprecher der Nation einen verbalen Kreuzzug gegen alles und jeden zu führen. „Die Belastung der Spieler hat ein gesundes Maß längst überschritten. Sie ist am absoluten oberen Limit angelangt. Dafür sind die Dachverbände mit ihrer Flut von Länderspielen verantwortlich“, kritisierte der Bayern-Vorstand unlängst im Vorwort des Klub-Magazins zum Paderborn-Spiel.

Rummenigge, in Personalunion auch Vorsitzender der Europäischen Klub-Vereinigung ECA fordert deshalb den Weltverband FIFA und die UEFA auf, „dieser Entwicklung dringend Einhalt zu gebieten“. Er appelliert, „den Fußball zugunsten der Spieler zu verbessern und dieser Hatz ein Ende zu setzen. Qualität und nicht Quantität muss das Ziel sein“.

Aber hat Rummenigge eigentlich Recht? Hat die Zahl der Länderspiele tatsächlich so dramatisch zugenommen?

Vergleicht man, wie der FCB-Boss, das Jahr 2014 mit den 70-er Jahren, in denen „ein Franz Beckenbauer (und übrigens auch ein Karl-Heinz Rummenigge/der Autor) im Schnitt 8,5 Länderspiele im Jahr“ bestritten hat, ist die Kritik berechtigt. In den vergangenen 25 Jahren aber hat sich die Anzahl der DFB-Einsätze nicht mehr oder zumindest nicht signifikant verändert.

Zwei Beispiele:

– Im Jahr der WM 1990 bestritt die Nationalmannschaft 15 Länderspiele, 1996 waren es 16, 2002 und 2006 je 18 (die Spitzenwerte) – 2014 sind es 17, inklusive der sieben Partien bei der WM in Brasilien.

– Signifikant weniger Spiele waren es früher vor allem im den ungeraden Jahren ohne Turniere. So trat die Nationalelf 1991 nur siebenmal an und 1997 neunmal. Aber: 1993 waren es elf Länderspiele – so viele wie 2003 und 2009 und nur eines weniger als 2007 und 2013.

Die Entwicklung seit 1990 im Überblick:

1990 15 Spiele (davon 7 WM) – 1991 7 Spiele – 1992 14 Spiele (5 EM) – 1993 11 Spiele – 1994 15 Spiele (5 WM) – 1995 12 Spiele – 1996 16 Spiele (6 EM) – 1997 9 Spiele – 1998 17 Spiele (5 WM) – 1999 13 Spiele (3 Confed-Cup) – 2000 12 Spiele (3 EM) – 2001 11 Spiele – 2002 18 Spiele (7 WM) – 2003 11 Spiele – 2004 16 Spiele (3 EM) – 2005 15 Spiele (5 Confed-Cup) – 2006 18 Spiele (7 WM) – 2007 12 Spiele – 2008 16 Spiele (6 EM) – 2009 11 Spiele – 2010 17 Spiele (7 WM) – 2011 13 Spiele – 2012 14 Spiele (5 EM) – 2013 12 Spiele – 2014 17 Spiele (7 WM).

Signifikant zugenommen hat weniger die Anzahl an Länder- als vielmehr die an Klubspielen.

In der Saison 1974/75 musste der FC Bayern gerade sieben Partien bestreiten, um den Europapokal der Landesmeister zu gewinnen. Beim HSV waren es 1983 inkl. Finale neun Begegnungen. Der erste Gewinner der UEFA Champions League, Olympique Marseille, holte den Titel mit dem 11. Spiel – ebenso vier Jahre später Borussia Dortmund. Heute sind es bis zum Titel 13 Spiele – immerhin hat man den Schwachsinn mit Vor- und Zwischenrundengruppen, der dazu führte, dass der FC Bayern 2000/2001 17 (!) Mal ran musste, ehe er den Pott in den Händen hielt, inzwischen wieder abgeschafft.

Immer schon deutlich aufwändiger war die Europa League. Als sie noch UEFA-Cup hieß, gewannen Borussia Mönchengladbach 1974/75, Bayer Leverkusen 1987/88 und der FC Schalke 04 1996/97 sie in jeweils zwölf Spielen – der FC Sevilla benötigte 2013/14 15 Begegnungen.

Dazu wurde aus dem früheren Weltpokal-Finale zwischen Champions-League-Sieger und Südamerikameister eine Klub-WM mit Halbfinale und Finale. Der nationale und der europäische Supercup sowie der nationale Vereinspokal runden das Tableau an Wettbewerben ab.

Das alles dient der Monetarisierung des Premiumprodukts Fußball. Umsatz- und Gewinnmaximierung. Damit die Fans möglichst viele Spiele live sehen können, das Produkt also noch besser vermarktet werden kann, werden die Spieltage auseinander gerissen. Früher spielte die Bundesliga samstags. Der Mittwoch war Europacup-Tag. Heute wird ständig und ohne jeden Rhythmus gespielt. In der Liga mal freitags, mal samstags, mal sonntags; in der Champions League mal dienstags, mal mittwochs – und in der Nationalmannschaft neuerdings irgendwann. Für die Klubs ist gerade die Champions League wie ein Sechser im Lotto. Wer weit kommt, kann 30, 40, sogar 50 Millionen Euro in nur einer Saison aus diesem Wettbewerb ziehen. Niemand beklagt sich darüber, dass er inkl. CL-Finale 13 Spiele bestreiten muss, wo die Bayern 74/75 doch nur siebenmal ran mussten.

Auch das gehört also zur Wahrheit über die zunehmende Belastung der Profis.

Und dies: Weil sie Märkte in Nordamerika und Asien erobert wollen, muten dieselben Klubverantwortlichen, die sich über zu viele Länderspiele echauffieren, ihrem kickenden Personal auch noch sportlich sinnlose und sportmedizinisch bedenkliche Ausflüge zu. So jettete der FC Bayern im Sommer mal eben für zwei Freundschaftsspiele in die USA. Wiederholung in 2015 ist sicher. Dann wird mutmaßlich auch der BVB in den Flieger steigen. Richtung Asien. Die wirtschaftlichen Interessen obsiegen – die Trainer beißen in die Tischkante, die Spieler ins Gras.

Und dies: Anderseits sind die Profis heute ganz anders trainiert als vor 30 oder 40 Jahren. Ihre Fitness wird permanent medizinisch und der Trainingsaufbau sportwissenschaftlich begleitet. Nichts wird dem Zufall überlassen. Kein Vergleich zur Ära Beckenbauer, als viele Spieler rauchten und die Kiste Bier nach dem Training selbstverständlich in die Kabine gehörte.

Schließlich noch dies: Sind 60 bis 70 Spiele, die letztlich ja auch kein Spieler komplett absolviert, wirklich zu viel, wenn Athleten in den US-Major-Sportarten wie Eishockey und Basketball einschließlich Play-Offs an die 100 Partien bestreiten und dabei aufgrund der großen Inlands-Entfernungen auch noch gewaltige Reisestrapazen verkraften müssen?

Man könne das nicht vergleichen, werden Trainer wie Pep Guardiola und Jürgen Klopp anführen. Und sie haben Recht. Derlei Vergleiche hinken so heftig, dass sie zwar plakativ, aber auch unzulässig sind. Nur: Es sind letztlich die Geister, die der Fußball rief; die Geister, die letztlich die Klubs selber gerufen haben, die nun durch Kabinengänge, Rehazentren und Krankenstationen spuken.

#BVBAFC – die Nacht, die den Nebel vertrieb

Es war ein Fest. Ein rauschendes sogar. Eine Spätsommerparty für 65.851 Gäste.

65.851 – exklusive der 90 Minuten lang weitgehend geräuschlosen Anhänger des FC Arsenal. Stumme Zeugen der Demontage ihrer ohnmächtigen, vielleicht konzept-, jedenfalls aber an diesem Abend mittellosen Mannschaft, die vom erwarteten „Duell auf Augenhöhe“ deutlich weiter entfernt war als Dortmund von London. Man fragte sich allerdings auch, der kurze Schlenker sei erlaubt, warum diese „Fans“ (?) überhaupt mit über den Kanal gereist waren. Ihr Team zu unterstützen, war offensichtlich zu keinem Zeitpunkt ihr Plan. Vielleicht ist die englische Fankultur inzwischen aber auch so kaputt, dass man Anfeuerung gar nicht mehr erwarten kann. „You only sing, when you’re winning . . .“

65.851 – exklusive der Engländer also, dafür aber inklusive einiger hundert Journalisten. Die sind zwar von Berufs wegen zu Objektivität verpflichtet. Aber irgendwie eben auch Sport-Fans im Allgemeinen und Fußball-Fans im Besonderen. Will sagen: Das Spiel des BVB und die prickelnde Atmosphäre im Stadion ließen auch sie nicht kalt. Und wenn Sportjournalisten emotional einmal so richtig angefixt sind, berichten sie gerne von einer „Gala“, einem „Feuerwerk“, schreiben von „Perfektion“ oder gar von „Champagner-Fußball“.

Eine Nacht später, die Adrenalin- und Endorphin-Anteile im Blut haben sich auf Normalmaß herunter gepegelt, bleiben neben der Begeisterung einige nüchterne Erkenntnisse. Die zweifellos wichtigste: Borussia Dortmund 2014/15 ist eine Mannschaft mit ungeheuer großem Potenzial.

Bis Dienstag, bis zu diesem 2:0 über den FC Arsenal, war Nebel. Ein zäher, hartnäckiger Spätsommerfrühherbst-Nebel, gegen den sich die Sonne brutal quälte. Da war ein überzeugender 2:0-Erfolg im Supercup-Spiel gegen den FC Bayern München. Da war ein durchaus mühevoller, wenn auch letztlich souveräner Pokalsieg beim Drittligisten Stuttgarter Kickers (3:0). Da war der eher etwas ernüchternde Saisonstart gegen allerdings auch bärenstarke Leverkusener (0:2). Da waren zwei hart erarbeitete Siege in Augsburg (3:2) und gegen Freiburg (3:1) – zwei Gegner, die, bei allem Respekt, am Ende der Saison in der unteren Bundesliga-Tabellenhälfte zu suchen und zu finden sein werden.

Da waren nach fünf Pflichtspielen unterm Strich noch immer mehr Frage- als Ausrufezeichen.

Denn da waren ja auch noch haufenweise Widrigkeiten. Zuvorderst eine komplett strubbelige Saisonvorbereitung, beeinträchtigt durch das Fehlen der Weltmeister Mats Hummels, Roman Weidenfeller, Kevin Großkreutz, Erik Durm und Matthias Ginter. Zusätzlich beeinträchtigt durch die schwere Verletzung von Marco Reus, durch die langwierige Reha von Ilkay Gündogan. Und jedesmal, wenn man gerade das Gefühl hatte, langsam komplettiere sich der Kader und Trainer Jürgen Klopp könne endlich so etwas Ähnliches wie ein geregeltes Training aufnehmen, folgten neue Hiobsbotschaften: Nuri Sahin musste operiert werden. Mats Hummels‘ muskuläre Probleme, ein WM-Souvenir, erwiesen sich als so hartnäckig, dass er bis heute keine Einsatzminute zu Buche stehen hat. Marco Reus, kaum wieder fit und in Form, verletzte sich neuerlich bei der Nationalelf. Jakub Blaszczykowski, nach ausgeheiltem Kreuzbandriss auf dem Sprung zurück ins Team, erlitt einen muskulären Rückschlag. Neuzugang Dong-Won Ji ist ebenfalls seit Wochen verletzt, dazu Oliver Kirch . . . und so weiter und so weiter.

Haufenweise Fragezeichen. Und nur DIESES EINE Ausrufezeichen!

Die Rückkehr von Shinji Kagawa zum BVB, mit dem er 2012 vor seinem Wechsel zu Manchester United das erste Double der schwarzgelben Klubgeschichte gefeiert hatte, wurde zum gleißenden Hoffnungsstrahl im tiefen Dunkel all dieser Negativschlagzeilen gehyped. Dabei war es bei Licht betrachtet zunächst nicht mehr als die Rückholaktion eines Helden von gestern, der in der Premier League (mehr an den Umständen als an sich selbst) gescheitert war – und von dem nun alle hofften, dass sie ihn in der Nestwärme der BVB-Familie schnell wieder aufgepäppelt bekommen würden. Als Kagawa gleich bei seinem Comeback gegen Freiburg auf Anhieb das 1:0 brillant vorbereitete und das 2:0 selbst erzielte, ehe er nach gut einer Stunde unter Krämpfen und Jubelstürmen ausgewechselt wurde, war tagelang nur noch von Super-Shinji die Rede – und man musste fast den Eindruck gewinnen: Das sportliche Schicksal der Borussia liegt allein auf den schmalen Schultern des kleinen Japaners. Bei aller Wertschätzung für die neue Nummer 7 ehrlich gesagt keine Mut machende Perspektive.

Viele, viele Fragezeichen also vor der ersten echten Standortbestimmung gegen den FC Arsenal. Englisches Spitzenteam. Zum 17. Mal für die Gruppenphase der Champions League qualifiziert. Gruppenkopf, aus Topf 1 gezogen. Favorit also, zumindest der Papierform nach. Allemal eine echte Herausforderung.

Und dann DIESES Ausrufezeichen. Ein 2:0-Sieg, der an sich schon überraschte. Mehr aber noch die Art und Weise, wie der BVB ihn erzwungen, herausgespielt, ihn sich verdient hatte. Mit Aggressivität, Tempo, Zweikampfhärte, konsequentem Pressing, Willenskraft, Geduld, blitzschnellem Umschaltspiel und hoher Kreativität. Eine Vorführung, die – mal abgesehen von der noch verbesserungsfähigen Chancenverwertung – nah an der Perfektion war. Eindrücke, sagte Trainer Jürgen Klopp später, die er sich „abheften“ werde. Und zwar im Aktenordner für die sehr, sehr guten Spiele.

Das alles OHNE Kagawa, der gegen Freiburg vermutlich ein wenig überpaced hatte. OHNE Adrian Ramos und Milos Jojic, die später von der Bank kamen. Und sowieso OHNE Hummels. OHNE Reus. OHNE Gündogan. OHNE Sahin. OHNE Piszczek. OHNE Kuba. OHNE Kirch. Stattdessen mit einer gegenüber dem Freiburg-Spiel auf fünf Positionen veränderten Aufstellung. Mit Erik Durm als Rechts-, statt Linksverteidiger. Mit einer echten Doppel-Sechs (Kehl/Bender) im zentralen Mittelfeld – also ohne eigentlichen „Achter“. Und mit einem Ciro Immobile in der Spitze, der nicht nur wegen seines grandiosen Sololaufs zum 1:0 all jene verstummen ließ, die vielleicht an seiner Bundesliga-Tauglichkeit gezweifelt hatten. Immobile hatte auch darüber hinaus zahlreiche gute Szenen; in der Offensive wie in der Defensive, wo er häufig mit aushalf. Der Italiener arbeitete unermüdlich, machte lange Wege, fraß Gras – so wird man in Dortmund zum Publikumsliebling.

Der besondere Zauber dieses Abends lag vermutlich darin, dass nur die Wenigsten dem BVB zum jetzigen Zeitpunkt angesichts der Personalsituation eine solche Leistung zugetraut hätten. Es war, als sei eine Wundertüte geplatzt – und habe lauter Hauptgewinne über den Rasen verstreut. Wie Weihnachten Mitte September. Irgendwie magisch.

Mit der geplatzten Wundertüte im Müll entsorgt wurden nach Spielende die vielen Fragezeichen. Das Arsenal-Spiel hat den hartnäckigen Herbstnebel durchbrochen und vertrieben. Seit Dienstagabend haben die BVB-Fans klare Sicht. Sie wissen jetzt: In dieser Mannschaft steckt – zumal dann, wenn sich in den nächsten Wochen nach und nach die Verletzten zurückmelden werden – schier unglaubliches Potenzial. Man stelle sich nur vor, die Spieleröffnung bei der Borussia beginnt wieder bei Hummels und Gündogan . . .

FIFA = FUSSBALL IS‘ FÜRN ARSCH

Bill Shankly war ein großer Trainer. Von 1959 bis ’74 coachte der Schotte den FC Liverpool und führte die „Reds“ aus der zweiten englischen Liga bis in die erste Etage des europäischen Fußballs. Nach seinem Tod haben sie ihm zu Ehren vor dem legendären Stadion an der Anfield Road eine lebensgroße Bronzestatue aufgestellt. Grund für die Verehrung sind aber nicht die sportlichen Erfolge allein. Was die Fans in Liverpool an Shankly schätz(t)en, ist vielmehr seine Bodenständigkeit. „Ich bin ein Mann des Volkes – nur das Volk zählt“, hat der Teammanager einmal gesagt. Und er hat das auch genau so gemeint. Die Anhänger waren ihm so wichtig wie seine Spieler. 

So hatte Bill Shankly das aber nicht gemeint

Weit berühmter freilich ist ein Zitat, das seinen ausgeprägten Sinn fürs Humoristische belegt: „Es gibt Leute, die denken, Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“ Ein Satz, der Sepp Herbergers Weisheiten vom Ball, der rund ist, und vom Spiel, das 90 Minuten dauert, locker toppt. Und ein Satz von nachgerade prophetischer Tragweite. Denn wenn man sich anschaut, was die nationalen und internationalen Fußballverbände aus dem Fußball gemacht haben und mutmaßlich in Zukunft weiter aus ihm machen werden, muss man feststellen: Shankly hatte Recht! Es geht längst nicht mehr nur um Leben und Tod. Es geht um viel mehr. Es geht um Geld. Viel Geld. Immer mehr Geld. 

Blickt Bill Shankly heute aus dem Fußball-Himmel herab auf die WM 2014 in Brasilien; blickt er herab auf den Fifa-Kongress und lauscht den Reden der Funktionäre, dann bekommt er vermutlich eitrigen Ausschlag. Denn Shankly hat stets auch die gesellschaftliche Aufgabe des Fußballs gesehen. Er war ein politisch denkender Mensch und als solcher ein überzeugter Sozialist. „Im Sozialismus, an den ich glaube, arbeitet jeder für den anderen und alle bekommen einen Teil des Gewinns. So sehe ich Fußball, so sehe ich das Leben.“ Vom Fußball-Leben anno 2014 ist diese romantische Überzeugung so weit entfernt wie Kroatien nach dem Elfmeter-Betrug im Eröffnungsspiel gegen Gastgeber Brasilien vom Gewinn des WM-Titels.

1. FC Todesstern gegen Borussia Skywalker

Sepp Blatter, der gottgleiche Fifa-Boss, hat unter der Woche noch einmal deutlich gemacht, was er von Kritik und von Kritikern hält. Wäre er Staatschef, so wäre sein Staat eine Diktatur. Kritiker würde er wegsperren lassen – aber nur an Tagen, an denen er milde gestimmt ist. Dass er, wie von ihm selbst angekündigt, 2015 auf eine neuerliche Kandidatur verzichten werde: Mumpitz! Er sei der Mann der Zukunft. Sagte der Mann, der bei seiner Wiederwahl fast 80 Jahre alt wäre. Er sei der Mann, der den Fußball in die Zukunft tragen werde. Ohnehin frage er sich, „ob Fußball auch auf anderen Planeten gespielt wird“ – und kündigte an: „Wir werden nicht mehr nur Weltmeisterschaften ausspielen, sondern interplanetarische Wettbewerbe.“ Spielvereinigung Klon-Krieger gegen Red Bull Enterprise? 1. FC Todesstern gegen Borussia Skywalker? Es scheint, als benötige da jemand dringend psychiatrische Hilfe . . .

In den brasilianischen Stadien sitzt privilegiertes Klatschpappen-Publikum

Doch Spaß beiseite, weil das alles ja gar nicht lustig ist. Seit der WM 2006 in ‚Schland gab es nur noch abenteuerliche Vergaben. Südafrika 2010 war möglicherweise gut gemeint. Aber „gut gemeint“ ist die freundliche Umschreibung für „nicht durchdacht“. Südafrika hatte und hat ganz andere Probleme als die Durchführung einer Fußball-WM. Heute stehen die Stadien von damals als Ruinen da und sind dem langsamen Verfall preisgegeben. 2014 also Brasilien. Der Fußball sollte nach Hause zurückkehren, so die Idee. Doch erstens kommt er so wenig aus Brasilien wie Caipirinha aus England. Und zweitens wollen die Brasilianer ihn gar nicht zurück haben. Jedenfalls die nicht, die, abgeschnitten von Bildungschancen und medizinischer Mindestversorgung, in bitterer Armut in Blechhütten an den Rändern der Gigastädte leben. Milliarden hat Brasilien diese WM gekostet. Milliarden verdient die Fifa an ihr. Das Volk aber hat wenig bis nichts davon. Im Gegenteil: Das Geld fehlt an anderer Stelle. Das Volk kann nicht einmal live dabei sein, wenn die eigene Mannschaft spielt. Weil es sich die Tickets fürs Stadion nicht leisten kann. Das ist auch der Grund dafür, dass die Stimmung beim Eröffnungsspiel über weite Strecken bescheiden blieb. Es sind nicht die brasilianischen Fußball-Fans, die dort auf den Tribünen sitzen, sondern die privilegierten, wohlhabenden Brasilianer, die auf ihrem Sitz gerne eine Klatschpappe inkl. Gebrauchsanweisung vorfinden würden und dann sicherlich auch bereit wären, während der 90 Minuten gelegentlich zur Entwicklung eines Fußball-typischen Geräuschpegels beizutragen.

Blatters Wertesystem: 1. Geld. 2. Mehr Geld. 3. Noch mehr Geld.

Damit nicht genug. 2016 werden auch noch die Olympischen Sommerspiele in Brasilien stattfinden, in Rio de Janeiro, weil auch das Internationale Olympische Komitee in seinem Missionierungseifer und dem „Erschließen neuer Märkte“ unbremsbar ist. Fifa- und IOC-Funktionäre überbieten sich gegenseitig darin, aus ihren „Premiumprodukten“ mit brutaler Gewalt jeden noch so versteckten Cent heraus zu quetschen und dabei das politische Gewissen komplett auszuschalten. Blatter hat so ein Gewissen nicht. Er hat auch kein Wertesystem, das mit dem von Bill Shankly kompatibel wäre. Blatter kennt nur drei Werte: 1. Geld. 2. Mehr Geld. 3. Noch mehr Geld.

Menschenrechte? Demokratische Strukturen? – Drauf geschissen!

Ob die Gastgeberländer Menschenrechte achten und demokratische Strukturen haben: drauf geschissen! Olympia in Peking und Sotchi lassen grüßen. Und die nächsten beiden Fußball-Weltmeisterschaften auch: 2018 in Russland bei König Putin, dem Erfinder der Demokratie. Und 2022 in Katar bei den Öl-Scheichs, die ihr Land so regieren, wie wir es in Deutschland aus guten Gründen nicht mehr ganz so gerne hätten. Die Bauarbeiter knechten und verrecken lassen und Menschenrechte, vor allem aber Frauenrechte, mit eben jenen Körperteilen treten, die bei einer Fußball-WM unverzichtbar sind. Dass 2022 bei 50 Grad gekickt wird, ist noch das kleinste Problem. Gewiss wird es am Spielfeldrand ausreichend Defibrillatoren geben, um kollabierte Spieler wieder zu beleben. 

. . . und wann gibt’s den ersten virtuellen Weltmeister?

Doch, ich gucke die WM-Spiele trotzdem. Weil ich das Spiel liebe. Und weil man ja auch nicht weiß, wie lange man solche Turniere überhaupt noch sehen kann; wie weit die „Blatterisierung“ des Fußballs noch führt. Wer weiß, vielleicht spielt die Fifa ihren Weltmeister 2026 ja schon virtuell aus. An der Konsole. Und die Welt schaut gegen Gebühr online zu. Kein Theater um die Ticketvergabe. Keine Angst, dass die Stadien nicht rechtzeitig fertig werden. Keine nervtötenden Zuschauer. Keine Proteste, keine Ausschreitungen. Für Josef Blatter, den Mann, der den Fußball in die Zukunft und ins Weltall tragen will, muss das wie die Verheißung klingen. Zumal man zwei WM-Turniere veranstalten könnte – eines an der Playstation und eines an der XBox. Neue Märkte. Mega-Einnahmen – Mini-Kosten. Profitmaximierung.

Wenn Blatter dann doch abtritt, so um das Jahr 2035 herum, wird die Abkürzung des Weltverbandes eine neue Bedeutung haben: FIFA = Fußball is’ fürn Arsch!