Wie VW die Bundesliga gefährdet und RedBull den DFB vorführt

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat ein Problem.

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat ein Problem.

Und damit hat: der deutsche Fußball ein Problem!

Das Problem ist: Der zunehmende Einfluss großer Konzerne auf den Sport. Auf die strategische Ausrichtung von Fußball-Klubs. Auf ihre Transferpolitik. Auf ihre Eigentümerstruktur. Am Beispiel von FC Bayern München und VfL Wolfsburg wird das gerade überdeutlich. Und auch über RB Leipzig ist zu reden. Der mit österreichischer Dosenlimonade künstlich hochgezüchtete Retortenklub droht gerade die WM-Chancen der U20- und die EM-Chancen der U21-Nationalmannschaft zu schmälern, indem er seine Neuzugänge Davie Selke (Werder Bremen) und Willi Orban (1. FC Kaiserslautern) von der Teilnahme abhält. Offiziell verzichten beide natürlich freiwillig und „aus persönlichen Gründen“.

Aufgeweichte Schutzwälle

Noch verschließt die Deutsche Fußball-Liga die Augen vor dem Dilemma, in das sie immer tiefer hinein schliddert. Sie verweist auf die 50+1-Regelung, nach der – anders als u.a. in England – kein Kapitalanleger die Stimmenmehrheit in einem Profiklub übernehmen kann. Damit, sagt die DFL weiter, sei man vor Übergriffen geschützt. Doch erstens wurde 50+1 längst durch Ausnahmen aufgeweicht. So muss der Mutterverein keine Mehrheit mehr halten, wenn ein Unternehmen/Sponsor „den Fußballsport seit mehr als 20 Jahren ununterbrochen und erheblich gefördert hat“. Durch dieses Hintertürchen, auch „Lex Leverkusen“ genannt, schlüpften bereits Bayer 04 Leverkusen, der VfL Wolfsburg und die TSG 1899 Hoffenheim. Hannovers bei den Fans umstrittener Präsident Martin Kind erwirkte die Streichung des Stichtages 1. Januar 1999.

Zweitens sieht auch die am 26. März 2015 von der Mitgliederversammlung der DFL beschlossene Beschränkung von Mehrfachbeteiligungen, nach der ein Investor maximal an drei Betreibergesellschaften beteiligt sein darf und an zwei davon mit höchstens zehn Prozent, einen prominenten Sonderfall vor: die Volkswagen AG. Deren Beteiligungen genießen „Bestandsschutz“ und bergen erhebliche Brisanz. Weniger deshalb, weil mit dem FC Ingolstadt ein weiterer Klub in die Bundesliga aufgestiegen ist, bei dem VW über Audi Karten im Spiel hat. Vielmehr deshalb, weil der aktuelle Meister FC Bayern und sein Vize und frischgebackener DFB-Pokalsieger VfL Wolfsburg durch Audi/VW mitgelenkt werden. Und das sogar in Personaleinheit!

Der doppelte Herr Winterkorn

Martin Winterkorn, Vorstandsvorsitzender des Volkswagen-Konzerns mit Sitz in Wolfsburg, ist nicht nur VfL-Boss, sondern auch Bayern-Aufsichtsrat. Als solcher muss er natürlich maximales Interesse daran haben, dass die Münchener die bestmögliche Mannschaft auf den Platz bringen, um ihrem Anspruch, nicht nur national, sondern auch in Europa die erste Geige zu spielen, gerecht werden zu können. Er muss also beispielsweise ein Interesse daran haben, dass Kevin de Bruyne, Topscorer der abgelaufenen Bundesliga-Saison und zurzeit einer der interessantesten Akteure auf dem weltweiten Spielermarkt, von Wolfsburg nach München wechselt. Schließlich befiehlt das „Mia san mia“ der Bayern geradezu, auf jeder Position die stärksten Akteure zur Verfügung zu haben. Und in der Liga gibt es gerade keinen Besseren als de Bruyne.

Blöd nur: Als Boss der 100-prozentigen VW-Tochter VfL Wolfsburg kann Winterkorn natürlich überhaupt kein Interesse daran haben, dass ihm seine mit unfassbar großem Geldeinsatz zusammengebastelte Mannschaft, kaum, dass sie sich anschickt, den immensen Aufwand durch erste sportliche Erfolge wieder einzuspielen, prompt auseinander bröselt. Schließlich hat sich Wolfsburg für die Champions League qualifiziert und will auch dort bestehen. Andererseits hat der VfL in den vergangenen Jahren eine negative Transferbilanz in deutlich dreistelliger Millionenhöhe in den Büchern stehen. Eine 70-Millionen-Euro-Einnahme aus einem de-Bruyne-Verkauf an den FC Bayern würde die Zahlen erheblich schönen.

Über die Spannung in der Bundesliga entscheidet der VW-Konzern

Die Frage, ob der FC Bayern München künftig im Wettbewerb mit Branchengrößen wie Real Madrid, FC Barcelona, FC Chelsea und den Manchester-Klubs United bzw. City konkurrenzfähig sein kann, entscheidet also auch Herr Winterkorn. Ebenso entscheidet Herr Winterkorn, ob der VfL Wolfsburg künftig konkurrenzfähig mit dem FC Bayern München sein kann und die Bundesliga im Titelkampf auf mehr Spannung als zuletzt hoffen darf; eben weil den Wolfsburgern erspart bleibt, was in der Vergangenheit Borussia Mönchengladbach, Werder Bremen, dem VfB Stuttgart und zuletzt dem BVB ereilte: Dass nämlich die Bayern dem jeweils ärgsten Konkurrenten die besten Spieler wegkauften und sich so die lästige Konkurrenz vom Hals hielten.

Gar nicht auszudenken: Was, wenn der FC Bayern oder der VfL Wolfsburg am letzten Spieltag Meister werden und der eine Klub den Erfolg des anderen beeinflussen kann?! Oder beide können Meister werden und spielen auch noch gegeneinander. Oder einer spielt gegen den Audi-Klub Ingolstadt, der seinerseits die Punkte für den Klassenerhalt braucht. Gibt es dann womöglich VW-intern eine Stallorder? Wie in der Formel1? – Ach, stimmt: Dort gibt es ja gar keine Stallorder. Und jeder hält sich selbstverständlich daran . . . Eine überaus bedenkliche Entwicklung.

Was ist schon ein WM-Titel gegen einen Bundesliga-Aufstieg?!

Nicht nur bedenklich, sondern fast schon perfide ist das Spielchen, das Rasendingsbums Leipzig gerade mit dem Deutschen Fußball-Bund treibt. Die Leipziger verpflichteten für die kommende Saison zunächst Bremens Sturmtalent Davie Selke (8 Mio. €) und unlängst auch den Kaiserslauterer Willi Orban (2,5 Mio. €). Das Geld kommt vom österreichischen EnergyDrink-Hersteller Red Bull, der sich den Standort in Ostdeutschland ausgeguckt hat, um ihn im Rahmen einer großangelegten Investitions- und Marketingstrategie in die Bundesliga zu pushen. Kaum hatte Selke in Leipzig unterschrieben, sagte er seine Teilnahme an der derzeit laufenden U20-Weltmeisterschaft in Neuseeland ab. Und Orban gab Bundestrainer Horst Hrubesch nun einen Korb für die U21-Europameisterschaft vom 17. Bis 30. Juni in Tschechien – „aus persönlichen Gründen“ wie es heißt.

Doch wie wahrscheinlich ist es, dass ein Talent wie Selke, der die U19 im vergangenen Jahr zum EM-Titel schoss, freiwillig auf die Chance verzichtet, Weltmeister zu werden? Bremens Ex-Stürmer Wynton Rufer, Botschafter des Turniers in seiner Heimat Neuseeland, hat dazu jedenfalls eine glasklare Meinung: „Das kann mir niemand erzählen – es sei denn, Selke wäre bescheuert!“

Plausibler als Grund für den Doppelverzicht ist diese Erklärung: Selke und Orban würden, nähmen sie an den Turnieren teil, Leipzigs Sportdirektor und neuem Trainer Ralf Rangnick in der Saisonvorbereitung nicht von Anfang an zur Verfügung stehen. Und Rangnick ist 2015/16 zum Bundesliga-Aufstieg verdammt. Konzerninteressen gehen also offensichtlich vor DFB-Interessen. Wie konsequent RedBull seine Linie durchzieht, wissen viele Extremsportler zu berichten, die von der Brausemarke zu immer waghalsigeren und immer öfter lebensgefährlichen Stunts angetrieben werden. Die ARD hat dieses Vorgehen, das fast an den Science-Fiction-Film „Rollerball“ aus dem Jahr 1978 erinnert (https://m.youtube.com/watch?v=aVUxK1mNups), vor einiger Zeit in der Reportage „Die dunkle Seite von RedBull“ beleuchtet (https://www.youtube.com/watch?v=5I2mrD-PEFE).

Man darf gespannt sein, ob und wie lange sich der DFB von RedBull-Braumeister Dietrich Mateschitz am Nasenring durch die Manege führen lässt.

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Das Scheitern ist Baustein der BVB-DNA

Da sitzt du dann also im Berliner Olympiastadion. Genau genommen stehst du mehr als du sitzt, was völlig okay ist, weil du Sitzen sowieso für‘n Arsch findest. Noch schlimmer, als bei so einem Spiel zu sitzen, sind nur die Leute hinter Dir mit ihrem „Können Sie sich nicht mal hinsetzen; ich sehe nix!“-Genöle. Aber egal: Es läuft die 75 Minute, vielleicht auch schon die 76. Jedenfalls eine dieser Minuten, in denen dir allmählich aufgeht, dass das wohl nichts mehr wird mit dem Pokalsieg. Weil sich der ruhmreiche BVB zwar nach Kräften müht, den 1:3-Rückstand gegen den weit weniger ruhmreichen VfL Golfsburg noch zu drehen. Es aber einfach nicht schafft, die Murmel irgendwie über die Linie zu bringen. Was, blickt man auf die komplette Saison zurück, irgendwie nicht einmal verwunderlich ist. Aber eben trotzdem Schei…!

Nun sitzt oder stehst du da nicht alleine. Links neben dir sitzt oder steht dein 14-jähriger Sohn. Rechts neben dir sitzt oder steht dein 15-jähriger Sohn. Die beiden sind mindestens genau so enttäuscht wie du selbst – aber sie sind eben erst 14 und 15. Sie finden das nicht nur Schei…, sondern Oberschei… Sie finden, dass der VfL Golfsburg ein Drecksklub ist, weil er ja im Grunde gar kein Klub ist, sondern das Kunstprodukt einiger Fußball-verliebter und Marketing-begabter VW-Manager. Sie finden den Schiedsrichter Felix Brych schei…, weil er dem BVB kurz vor der Pause einen glasklaren Elfmeter verweigert hat, der das 2:3 und damit eine ganz andere zweite Halbzeit hätte bedeuten können.

Ich finde das auch. Das mit Golfsburg. Und das mit dem Schiri. Ich finde nach wie vor, dass schon Herr Rizzoli im Champions-League-Finale maßgeblichen Anteil an der BVB-Niederlage hatte. Ich finde, dass Herr Meyer uns 2014 den Pokalsieg schlicht gestohlen hat. Mir gehen diese Schiris zunehmend auf den Keks.

Meinen Söhnen auch.

Nach dem Spiel brauchten die beiden dann: erstens Trost und zweitens Erläuterungen. Das mit dem Trost war kompliziert, weil ich ja selber welchen hätte brauchen können. Das mit den Erläuterungen klappte besser, weil die beiden zwar einerseits ERST 14 und 15, andererseits aber SCHON 14 und 15 sind.

Und so erklärte ich ihnen auf dem Rückweg zum Hotel, dass man auch mit Niederlagen umgehen muss und es durchaus keine Lösung ist, den penetranten VfL-Anhänger mit seinem nervtötenden „Oohh, Keeeevin de Broooooooooinee“-Gesinge durch strafrechtlich relevante Handlungen zum Schweigen zu bringen. Ich erinnerte sie daran, dass wir Gewalt verabscheuen und sagte Sätze wie: „Es ist kein Misserfolg, ein Finale zu verlieren. Es ist ein Erfolg, ein Finale zu erreichen.“ Ich sagte: Versetzt Euch mal in die Fans anderer großer, traditionsreicher Vereine. Hamburger SV, 1. FC Köln, Hannover 96, Eintracht Frankfurt, 1. FC Kaiserslautern. Fragt die mal, wie viele Finals sie in den vergangenen Jahren gespielt haben. Oder Jahrzehnten. Oder fragt man einen Schalker, wie es ist, Deutscher Meister zu werden. Oder versucht überhaupt mal einen Schalker zu finden, der Euch diese Frage beantworten kann. Die meisten leben ja längst nicht mehr.

Borussia Dortmund hat in den vergangenen sieben Jahren fünf Endspiele erreicht. Viermal das DFB-Pokal-Finale in Berlin. Einmal das Champions-League-Finale in Wembley. Ich war bei allen fünf Spielen dabei. Meine Söhne bei vier der fünf. Ich habe vier Niederlagen miterlebt, drei davon gegen die Bayern. Meine Söhne haben drei Niederlagen miterlebt. Drei in Folge. Aber eben auch den 5:2-Triumph von 2012. Da war Sohn 1 gerade zwölf und Sohn 2 noch keine elf Jahre alt. Und überhaupt: Sie haben bereits VIER FINALS erlebt. Und zwei Meisterschaften gefeiert. Ein Double! Ich sagte deshalb am späten Samstagabend Sätze wie: Diese BVB-Geschichte der Klopp-Jahre miterlebt zu haben, ist ein Privileg. Bei den Finals im Stadion live dabei gewesen zu sein, ist ein Obermegagiga-Privileg.

Und dann, wir sind fast schon am Hotel, sagte ich den wohl entscheidenden Satz: „Das Scheitern gehört zur DNA von Borussia Dortmund!“ Schwere Niederlagen einzustecken, zu Boden zu gehen, sich durchzuschütteln und wieder aufzustehen, diese Rocky-Balboa-Mentalität: Das macht den BVB erst aus. Zwischen 1966 und 1972 ist Borussia von Europas Thron in die zweite Liga abgestürzt. Das Durchschütteln hat lange gedauert, aber 1976 war der BVB wieder da. Dann war er zweimal fast pleite; 1995 und ‘96 war er – nach zuvor 23 langen Jahren ohne jeden Titel – zweimal Meister, 1997 zurück auf Europas Thron und sieben Jahre später nicht nur fast, sondern ganz und gar pleite. Er hat sich durchgeschüttelt, ist wieder aufgestanden.

Dann kam Jürgen Klopp . . .

Ich erklärte meinen Jungs also: Ein Finale zu verlieren. Oder zwei. Oder drei. Gehört zu den kleineren Problemen, die der BVB in seiner Klubgeschichte zu meistern hatte. Ich erklärte ihnen: Nur weil wir immer wieder auch Misserfolge verkraften müssen, sind wir überhaupt in der Lage, beim nächsten Erfolg das Stadion aufs Neue abzureißen, die Stadt und die ganze Region explodieren zu lassen. Erfolge werden für Borussia Dortmund immer etwas Besonderes bleiben. Jeder einzelne Erfolg knallt maximal. Das, AUCH das, unterscheidet uns vom FC Bayern München.

Wir diskutierten dann noch über die Macht des Geldes, das den Fußball immer mehr regiert. Über die korrupte FIFA, über Rasendingsbums Leipzig/Salzburg und über das jüngste Comeback von Austria Salzburg im österreichischen Profifußball. Über Bayer Leverkusen, die TSG Hoppenheim und den VfL Golfsburg. Retortenklubs, Kunstprodukte. Konzerninteressengesteuert. Wir waren uns einig, dass es keine Lösung wäre, auch so zu werden. Als wir schließlich im Hotel ankamen, war ich mir ziemlich sicher, dass meine Jungs kein RedBull trinken und niemals einen VW fahren werden. Dass sie ganz ohne Bayer-Produkte durchs Leben kommen, bezweifle ich. Und ohne SAP wird’s möglicherweise auch nicht gehen. Das hat der Herr Hopp geschickt angestellt.

Wir sind dann noch zur BVB-Party ins Berliner „Kraftwerk“ gefahren. Auch so ein Privileg. Dort hat Jürgen Klopp seine allerallerallerletzte Rede als Trainer des BVB gehalten. Irgendwann in dieser Rede hat er den Satz gesagt: „Wichtig ist nicht, was man über dich denkt, wenn du kommst. Wichtig ist, was man über dich denkt, wenn du gehst. Danke für das, was Ihr über mich denkt!

Auf dem Weg ins Hotel haben meine Jungs mir verraten, dass sie an dieser Textstelle „fast geweint“ hätten. Schwarzgelbe Abschiedstränen. „Ich auch“, habe ich gesagt. „Aber wir werden auch wieder schwarzgelbe Freudentränen weinen.“ Das war immer so. Auch das gehört zur DNA von Borussia Dortmund

BVB, Wolfsburg und der Angriff der Kohle-Krieger

(Beitragsbild: Screenshot http://www.derwesten.de)

Borussia Dortmund hat es bereits hinter sich.

Der VfL Wolfsburg hat es noch vor sich.

Nun ist es aber nicht etwa so, als dürfte die VW-Betriebssportmannschaft sich darauf freuen, es noch vor sich zu haben. Denn die Rede wird hier nicht von sportlichen Erfolgen sein.

Sondern von der Folge solcher Erfolge: dem Leerkauf durch den FC Bayern München und andere europäische Spitzenklubs.

Nuri Sahin war der Erste. Dortmunds Mittelfeld-Organisator folgte nach der rauschhaften Meistersaison 2010/11, an deren Ende die Profi-Kollegen ihn zum Bundesligaspieler der Saison wählten, dem Lockruf von Real Madrid. Verständlich, denn die Königlichen galten und gelten zu Recht als der größte Klub unter der Sonne. Sahin vervielfachte sein Nettojahreseinkommen. Dumm nur: Er kam in der spanischen Hauptstadt schon verletzt an, und ehe er überhaupt zum ersten Mal fit war, galt er schon als Fehleinkauf. Via Liverpool führte sein Weg zurück zum BVB, wo er gut spielt. Aber längst nicht mehr so brillant wie ehedem.

Shinji Kagawa war der Nächste. Dortmunds torgefährlicher Offensiv-Quirl folgte nach der noch viel rauschhafteren Double-Saison 2011/12 dem Lockruf von Manchester United. Verständlich, denn die Premiere League gilt bei japanischen Kickern als das gelobte Land. Kagawa hatte schon als Kind davon geträumt, einmal für ManU aufzulaufen. Dumm nur: Über-Trainer Sir Alex Ferguson setzte ihn positionsfremd ein. Immerhin aber setzte er ihn gelegentlich ein. Denn Nachfolger David Moyes setzte ihn so gut wie gar nicht mehr ein. Inzwischen spielt Kagawa wieder beim BVB. Wenn er denn spielt. Denn auch Jürgen Klopp setzt ihn seltener ein als gedacht.

Mario Götze war der Nächste. Mit dem Eigengewächs ging nach dem verlorenen Champions-League-Finale 2013 nicht nur ein begnadeter Kicker. Es verabschiedete sich auch die Fußball-Romantik aus Dortmund. Ausgerechnet Götze, der wenige Wochen zuvor noch erklärt hatte, er könne sich durchaus vorstellen, bis ans Ende seiner Profitage beim BVB zu spielen. Und ausgerechnet zum FC Bayern – für 37 Millionen Euro. Weil, so Götze, er unbedingt unter Trainer Pep Guardiola spielen wolle. Und weil er, ganz nebenbei, sein schon in Dortmund nicht ganz übles Gehalt vermehrfachte. Dass Götze bei den Bayern oft nicht spielt und leistungsmäßig seit dem wechsel ziemlich auf der Stelle tritt: geschenkt!

Robert Lewandowski war der Nächste und vorläufig Letzte. Der Torjäger zog sein Ding bei der Borussia bis zur letzten Spielsekunde sauber durch. Dem Lockruf der bayerischen Euronen aber war auch er längst erlegen. Gehalt verdreifacht. Dass der Pole bei den Bayern nur einer von vielen Stars und das Spiel keineswegs auf ihn zugeschnitten ist, weshalb er nur auf einen Bruchteil seiner Dortmunder Trefferausbeute kommt: geschenkt!

Sahin war weg. Kagawa war weg. Götze ist weg. Lewandowski ist weg. Damit hat Dortmund das Gröbste wohl hinter sich. Aus dem aktuellen Kader sind allein Marco Reus und Mats Hummels für internationale Topklubs von Interesse. Hummels allerdings auch nur, wenn er zur Form vor und während der WM zurück findet. Und Reus? – Will bis März entscheiden, ob er bleibt oder geht. Dass er zu den Bayern geht, scheint eher unwahrscheinlich, bei Hummels darf man es sogar getrost ausschließen.

Kurzum: Die Bayern-Methode, mit Transfers nicht nur sich selbst zu stärken, sondern stets auch den gerade aktuellen Hauptkonkurrenten zu schwächen, hat funktioniert. Der BVB ist als nationaler Herausforderer Nr. 1 vorerst einmal aus dem Rennen.

Diese Rolle reklamiert aktuell der VfL Wolfsburg für sich. Mit dem 4:1 zum Rückrundenauftakt über die Bayern und mit der insgesamt rund 60 Millionen Euro teuren Verpflichtung von Weltmeister Andre Schürrle (FC Chelsea) haben die Wölfe ihren Anspruch in den vergangenen Tagen noch einmal sehr nachdrücklich unterstrichen. Die Kohle von VW verleiht dem Meister von 2009 neuerlich Flügel. Dass die Sportlichen Leitungen in unterschiedlicher Besetzung in den vergangenen Jahren ein Transfer-Defizit in dreistelliger Millionenhöhe erwirtschaftet haben: geschenkt! Manager Klaus Allofs, der aus seiner Zeit bei Werder Bremen eher in Mangelverwaltung geübt ist, war in den vergangenen Tagen anzusehen, wie groß seine Freude ist, endlich einmal mit Geld um sich werfen zu dürfen.

Keine Frage: Wolfsburg wird bis zum Ende der Saison oben mitspielen und sich mutmaßlich für die Champions-League qualifizieren. Und keine Frage: Der VfL wird im Sommer, um in der CL konkurrenzfähig zu sein, den Kader in der Spitze non einmal verbreitern. Also: ordentlich Geld ausgeben. Und überhaupt gar keine Frage: In München werden sie das alles sehr aufmerksam beobachten. Matthias Sammer. Kalle Rummenigge. Uli Hoeneß. Und wenn sie dann irgendwann das Gefühl haben, dass ein Wolfsburger Spieler sie selbst besser machen und gleichzeitig den aufmüpfigen Konkurrenten schwächen könnte, dann werden sie ihr Scheckbuch zücken.

Ganz oben auf dem Block dürfte schon jetzt Kevin de Bruyne stehen. Der 23-jährige Belgier, den transfermarkt.de auf einen Marktwert von 20 Millionen Euro taxiert und damit eher untertreibt, ist ein Mann der Zukunft. Die Bayern hingegen haben im Kader einige Männer der Vergangenheit: Franck Ribery, Arjen Robben, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Dante haben ihre beste Zeit jedenfalls nicht mehr vor sich. Das macht dann auch Robin Knoche (22, 9 Mio. €), Ricardo Rodriguez (22, 28 Mio. €), Josuha Guilavogue (24, 10 Mio. €) und Maximilian Arnold (20, 10 Mio. €) interessant. Für die Münchener, aber nicht nur für sie. Spätestens wenn sich die Wolfsburger 2015/16 auf der ganz großen Bühne der Königsklasse zeigen dürfen, werden sie die Blicke aus Spanien und England auf sich ziehen.

Nun ist es nicht ganz so einfach, Wolfsburger Spieler mit Geld wegzulocken, weil Wolfsburg genau davon dank VW selbst genug hat. Doch erstens ist die UEFA dem Werksklub auf den Fersen. Stichwort: Financial Fair-Play. Und zweitens: Wer die Wahl hat, entweder in München, Madrid, Manchester, Barcelona, London zu spielen – oder eben in Wolfsburg, der entscheidet sich womöglich doch eher für . . . – Genau!

Borussia Dortmund hat ihn hinter sich, den Angriff der Kohle-Krieger. Eine Zeit lang hat der BVB die Verluste seiner Leistungsträger sogar kompensieren können. Aktuell kann er’s nicht mehr, die Lewandowski-Lücke ist zu groß. Der VfL Wolfsburg hat den Angriff noch vor sich – und dabei er ist noch nicht einmal Deutscher Meister geworden.