Borussia Dortmund auf 18 – oder doch der Weihnachtsmann?

Es gibt ja diese typischen RTL-Fragen. Kennt Ihr? – Kennt Ihr! Diese Fragen, die RTL in Werbepausen von „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Deutschland sucht das Supertalent“ oder „Bauer sucht Frau“ oder „Adam sucht Eva“ oder „Schwiegertochter gesucht“ fragt und bei richtiger Antwort 10.000 Euro in Aussicht stellt. Also Fragen wie:

Wer schoss Deutschland 1954 zum WM-Titel: a) Helmut Rahn oder b) Heidi Klum?

Von gleichem Kaliber wäre Anfang August 2014 auch die folgende Aufgabenstellung gewesen.

Nur eine Antwort ist richtig: a) Borussia Dortmund belegt nach 13 Spieltagen der Saison 2014/15 mit 11 Punkten Platz 18. b) Es gibt den Weihnachtsmann.

                                                           (richtige Lösung: b)

Nun ist erstens nicht mehr Anfang August und zweitens ist seither so ziemlich alles anders gelaufen als gedacht. Nämlich schief. Roman Weidenfeller, Mats Hummels, Erik Durm, Matthias Ginter und Kevin Großkreutz haben eben nicht den WM-Schwung mit in die Liga genommen. Ciro Immobile, Adrian Ramos und Dong-Won Ji haben eben nicht das Loch in der Offensive gestopft, das Robert Lewandowski bei seinem Wechsel zum FC Buyern München aufgerissen hat. Henrikh Mkhitaryan hat in seiner zweiten Saison beim BVB nicht noch eine Schippe drauf gelegt. Neven Subotic, Ilkay Gündogan, Jakub Blaszczykowski und Nuri Sahin sind nach ihren langwierigen Verletzungen nicht „stärker als zuvor“ zurückgekehrt – wenn sie denn überhaupt schon zurückgekehrt sind. Marco Reus musste häufiger nach Verletzungen zurückkehren als es für einen Leistungssportler gesund ist. Borussia Dortmund trifft nicht mehr das Tor, dafür aber häufiger als alle anderen Bundesligisten das Aluminium. Borussia Dortmund schießt in der Abwehr so viele kapitale Böcke, dass die DFL ernsthaft überlegen sollte, ob sie die daraus resultierenden Gegentreffer nicht als Eigentore in die Wertung nimmt. Im Tennis nennt man solche Fehler, wie auch dem 0:2 in Frankfurt wieder einer vorausging, „Unforced Errors“. Der BVB schafft es, aus eigenen Eckbällen oder eigenen Einwürfen in der gegnerischen Hälfte Gegentore zu kassieren. Würde die Multimedia-Abteilung der Borussia all diese Szenen zusammenschneiden und das Video auf youtube veröffentlichen, könnte der Klub von den Einnahmen, die er allein durch die Seitenabrufe generieren würde, vermutlich die Verpflichtung von Cristiano Ronaldo finanzieren. Mindestens aber wäre dem Team von Trainer Jürgen Klopp der Deutsche Comedy-Preis 2014 in der Kategorie „Newcomer“ sicher.

Und nun? Könnte man . . .

. . . die Gründe für die Misere analysieren. Machen die anderen 79.999.999 Fußball-Experten in Deutschland aber schon;

. . .Team und Trainer den Mittelfinger zeigen. Haben am Sonntag in Frankfurt ein paar schwarzgelbe Anhänger gemacht. Entspricht aber weder meinem Verständnis von Fan-Sein noch meinem Stil (es sei denn, Florian Meyer würde im DFB-Pokal-Finale ein glasklares Dortmunder Tor nicht anerkennen);

. . . heulen;

. . . nicht heulen;

. . . einen Blogbeitrag schreiben. Wer sich bis hierhin durch den Text gekämpft hat in der Erwartung, irgendwann auf kluge Rezepte zur Lösung der BVB-Probleme zu stoßen, hatte hoffentlich beim Lesen ein wenig Spaß. Aber Lösungen? Nee! Hab‘ ich auch nicht. Dieser Text ist reines Therapieschreiben. Mit Worten gegen die Sprachlosigkeit ankämpfen. Hätte ich Lösungen, wäre ICH ja derjenige, den Jürgen Klopp meinte, als er nach dem 0:2 in Frankfurt sagte: Wenn’s einer besser kann, möge er sich melden. Für den räume er gerne seinen Trainerstuhl. So weit – so gut.

Besser ist: Klopp macht weiter.

Besser wäre: Der BVB gewönne mal wieder ein Spiel.

Am allerbesten wäre: Gleich am Freitag gegen den Reagenzglasklub TSG 1899 Hoppenheim. Was schwierig wird, weil es schon zu Zeiten schwierig war, als Borussia Dortmund richtig gut und Hoppenheim richtig schlecht war. Letzter Spieltag der Saison 2012/13. Schlägt der BVB die TSG, steigt sie ab und das Kraichgau verschwindet wieder von der Bundesliga-Landkarte. Es kommt anders. Die TSG dreht das Spiel durch zwei späte Foulelfmeter von Sead Salihovic in der 77. und 82. Minute und feiert den Klassenerhalt; Roman Weidenfeller sieht obendrein „Rot“. Dass sich die Hoppenheimer am Freitag dankbar erweisen werden, ist eher nicht zu erwarten, denn inzwischen sind sie richtig gut und der BVB ist richtig schlecht.

Angst vor Hoppenheim – und dem FC Schalke 04 beim Auswärtsspiel in Stuttgart die Daumen drücken müssen. Das ist Borussia Dortmund Anfang Dezember 2014. Der Tiefpunkt nach vielen Höhepunkten in den zurückliegenden Jahren.

Eines kann man Jürgen Klopp dann vielleicht doch raten – ganz pauschal und ohne Namen zu nennen: Weil im Abstiegskampf die Aufstellung sch…egal und die Einstellung alles ist, sollte er nur noch solche Spieler aufstellen, die bereit sind, sich auf die neue Lage einzustellen. Will sagen: Weniger Potenzial zu haben, dieses aber voll abzurufen, ist aktuell wertvoller, als viel Potenzial zu haben, es aber regelmäßig in der Umkleidekabine an den Haken zu hängen.

Ach so, und um doch noch einen Namen zu nennen: Ich wäre nicht traurig, wenn Roman Weidenfeller rechtzeitig vor dem Hoppenheim-Spiel begreifen würde, dass es durchaus Torhüter gibt, die richtig gut Fußball spielen können und deshalb auch weit vor dem Tor agieren dürfen – dass er aber zu den anderen Torhütern gehört.

Am Ende, wenn alles gut gegangen sein wird (Mai 2015, Futur II), lachen wir Dortmunder über uns selber und starten einen Nichtabstiegskorso, zu dem mehr Fans in die City kommen als zum parallel laufenden Münchener Meisterkorso.

Am Ende, wenn alles nicht gut gegangen sein sollte (Mai 2015, Futur II, Konjunktiv) könnte eine RTL-Frage in der Werbepause von „Alexa – Ich kämpfe gegen ihre Kilos“ oder „Die Bachelorette“ lauten:

Wer stieg 2014/15 aus der Fußball-Bundesliga ab: a) Borussia Dortmund oder b) der BVB?

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