Der BVB und die Emotionen: Ein Plädoyer für mehr Personenkult

Gerade eben haben Sprachwissenschaftler „Volksverräter“, eine Vokabel, die der rechte Mob gerne verwendet, um demokratisch denkende und handelnde Menschen zu diffamieren, zum Unwort des Jahres 2016 gekürt. Wie in jedem Jahr kann man über die Wahl trefflich diskutieren, zumal jedem von uns auch noch eine Reihe weiterer Begriffe einfallen, die das „Unwort“-Prädikat verdient hätten. Mir als Anhänger der schwarzgelben Borussia zum Beispiel: „Entemotionalisierung“.

Diese merkwürdige Borussia-Müdigkeit
Entemotionalisierung beklagen viele und gefühlt immer mehr BVB-Fans im zwischenmenschlichen Verhältnis zum Klub ihrer Wahl. Größere Teile des vergangenen Wochenendes habe ich im Kreise von knapp zwei Dutzend Leuten verbracht, die von sich selbst mit Fug und Recht behaupten dürfen, genau das zu sein, was man landläufig unter „eingefleischten“ Fans versteht. Nicht nur Dauerkarteninhaber. Nicht nur Auswärts-Vielfahrer. Sondern darüber hinaus in ihrer Freizeit ehrenamtlich rund um Borussia Dortmund engagierte Menschen, für die Schwarzgelb neben ihren Familien und oft noch vor ihren Berufen DER zentrale Lebensinhalt ist. Fast unisono schilderten sie eine irgendwie merkwürdige, latente BVB-Müdigkeit und machten dieses mit Worten schwer zu beschreibende Phänomen daran fest, dass sich Borussia aktuell nicht mehr so intensiv anfühlt wie noch vor zwei, drei, vier Jahren.

Kommerzialisierung und Übersättigung
Nun sind die Gründe dafür vielfältig. Natürlich hat das etwas zu tun mit der zunehmenden Kommerzialisierung und Internationalisierung des Fußballs. Selbst wenn sich die Klubführung des BVB noch so große Mühe gibt, die „Nähe zum Borsigplatz“ über die Annäherung an Märkte in Asien und Übersee zu stellen, nimmt die Distanz zwischen der 400-plus-x-Umsatzmillionen schweren Kommanditgesellschaft auf Aktien und der Fan-Basis doch zu. Natürlich hat das auch etwas zu tun mit einer zunehmenden Übersättigung der Anhänger mit dem Grundnahrungsmittel Fußball. Immer mehr und immer aufgeblähtere Wettbewerbe senken das Fieber und killen die Vorfreude – ganz aktuell: Die aberwitzige Entscheidung der komplett entrückten, geld- und machtgeilen FIFA-Bosse, die Weltmeisterschaft 2026 auf 48 Nationen aufzustocken und uns auf diese Weise Vorrunden-Highlights zwischen Burkina-Faso und den Galapagos-Inseln oder zwischen Tibet und Katar zu bescheren. Oder der Wahnsinn, dass Sender wie Sport 1, Online-Portale per Livestream oder sogar die Vereine selbst auf ihren Websites inzwischen jeden noch so müden Test-Kick in Echtzeit übertragen. Wenn ein mittelmäßig spannender Bundesligist in seinem Trainingslager irgendwo in Asien ein freundschaftliches Bewegungsspielchen gegen den FC Kartoffelacker Kathmandu aus der ersten nepalesischen Profiliga austrägt, ist garantiert irgendein Anbieter mit einem Kamerateam vor Ort.

Braucht man das? Braucht man nicht!

Und dann machen viele Fans die Entemotionalisierung natürlich auch am Weggang von Jürgen Klopp fest, der fleischgewordenen Emotion. Klopp hat uns Borussen, zugegeben, sieben Jahre lang verwöhnt. Mit seinem Lachen, seinen Tränen, seinem Humor und Esprit, seinen Wutausbrüchen, seinem Jubel, seiner Hyperaktivität, seinen emotionalen Ausbrüchen, seiner Authentizität. Kurzum: mit seinem Menschsein! Nun ist er weg. Das kann man beklagen. Er ist nun allerdings auch schon seit eineinhalb Jahren weg. Und er wird, ziemlich sicher, so schnell auch nicht zurückkehren. Vielleicht – und die Wahrscheinlichkeit ist eher hoch als gering – wird er überhaupt nie mehr als Trainer an die Strobelallee zurückkehren. Deshalb könnte man jetzt auch allmählich mal aufhören, Klopps Abhandenkommen zu beklagen. Zumal, meine Meinung: Der Trainer muss im Sport durchaus nicht der emotionale Vorturner sein.

Wir Fans sind verwöhnt und dekadent geworden
Vielleicht, und darüber denke ich in letzter Zeit häufig nach, tragen wir Fans auch selber ein gerüttelt Maß Schuld an diesem Phänomen der Entemotionalisierung. Wir gebärden uns bisweilen wie verwöhnte und verhätschelte Millionärskinder in US-amerikanischen College-Filmen. Weil wir 2011 Meister waren, 2012 das Double gewonnen haben, 2013 im Champions-League-Finale standen und 2014, 2015, 2016 im DFB-Pokal-Endspiel, sind Titel das Maß der Dinge und Finalteilnahmen normal geworden. Manch ein Fan hat inzwischen „keinen Bock mehr, schon wieder nach Berlin zu fahren“. Wie dekadent ist das denn?! Merken wir eigentlich noch was?! Sind wir eigentlich noch Borussen oder schon Bauern? Ein Finale ist IMMER etwas Besonderes. Es ist NIEMALS normal. NIEMALS Alltag. Für die da unten in München vielleicht, aber doch nicht für uns hier oben in Dortmund.

Jürgen Klopp hat in seinem Gastbeitrag für eines meiner Bücher („Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB“) geschrieben, was ihn am Westfalenstadion und den BVB-Fans am meisten fasziniere, sei die einzigartige atmosphärische Wechselwirkung zwischen dem Geschehen auf dem Spielfeld und der Stimmung auf den Rängen. In Dortmunds Tempel herrsche eben nicht per se eine tolle Atmosphäre, sondern stets in Abhängigkeit vom Spiel. Das sei, so Klopp, in besonderer Weise ehrlich und authentisch. Was er meinte ist: Manchmal spielt die Mannschaft spektakulär gut – und die Stimmung schwappt über vom Feld auf die Fans. Manchmal aber spielt die Mannschaft auch spektakulär schlecht, wie bisweilen im letzten Klopp-Jahr – und die Stimmung schwappt dann trotzdem über, nur umgekehrt von den Tribünen auf den Rasen, weil die Fans spüren, dass ihr Team sie gerade jetzt braucht. Und manchmal schweigt ein ganzes, mit 81.357 Menschen gefülltes Stadion, weil die Nachricht eines dramatischen Todesfalls auf einer der Tribünen die Runde macht und die Sensibilität und der Respekt der Zuschauer ihren Drang zur Anfeuerung überlagern.

Wann sind wir eigentlich zuletzt richtig steil gegangen?
Aber seien wir doch mal ehrlich zu uns selbst: Wann haben wir Fans von Borussia Dortmund die Hütte letztmals so richtig gerockt? Wann waren wir letztmals so laut, dass dem Gegner schon im Spielertunnel der Darminhalt flüssig geworden ist?
Beim Derby? – Eher nicht!
Beim Sieg über die Bauern? – So richtig steil gegangen sind wir da doch auch nicht.
Gegen Real? – War okay. War aber auch schon einmal anders.

Blöderweise werden wir Trends wie die Kommerzialisierung und die Übersättigung nicht zurückdrehen. Und Klopp ist in Liverpool gerade auch nicht ganz so unglücklich. Die Frage stellt sich also: Was können wir selbst tun, um Spiele von Borussia Dortmund wieder zum emotionalen Orgasmus zu treiben? Meine Antwort: Wir brauchen mehr Personenkult! Das löst das Problem nicht in Gänze, wirkt aber gegen einige Symptome.

Spieler und Trainer kommen und gehen . . . Ja, aber!
Nun ist Personenkult unter BVB-Fans und gerade in der aktiven Fanszene blöderweise einigermaßen verpönt. Viel mehr übrigens als bei den allermeisten anderen Klubs. Nicht etwa, dass die Anhänger hier nicht auch ihre Lieblinge hätten. Äußerst selten aber, dass sie einzelne Akteure, etwa durch Anfeuerung oder individuelle Fangesänge während des laufenden Spiels, herausheben. Wenn überhaupt, dann allenfalls bei ihrer Ein- oder Auswechslung. Und Ikonen wie Jürgen Kohler eine war und Dédé immer noch eine ist, sind die absolute Ausnahme. Selbst Sebastian Kehl reichte da, bei aller Wertschätzung, nicht heran. Hinter alledem steckt eine grundsätzliche Haltung: Niemand ist größer als der Verein! Spieler und Trainer kommen und gehen – doch Borussia Dortmund bleibt bestehen! Diese Maxime ist gewissermaßen unsichtbar in den Beton der Stadiontribünen gemeißelt.

Ich kann dieser Einstellung viel abgewinnen. Zumal das einzige mir bekannte Abrücken, die irrationale Überhöhung der Figur Jürgen Klopp, am Ende ungesunde Ausmaße angenommen hatte. Manche hielten Klopp für größer als den BVB. Was natürlich völliger Unfug ist. Und dennoch: In einer Phase, in der Fans aufgrund anderer Effekte, auf die sie wenig oder keinen Einfluss haben, eine Entemotionalisierung beklagen, stehen sie sich mit diesem Anti-Personenkult selbst im Weg. Klar, Fußball ist ein Vereinssport, ist ein Mannschaftssport. Fußball ist aber auch ein Spielersport. Und es ist ja nicht so, als hätte der BVB keine Spieler mehr im Kader, die sich der besonderen Zuneigung der Anhängerschaft erfreuen. Die sich diese Zuneigung auch redlich verdient haben. Etwa, weil sie in schweren Zeiten zum Klub gehalten und/oder mit Borussia Erfolge gefeiert haben. Weil sie nach Experimenten bei anderen Vereinen geläutert zurückgekehrt sind. Weil sie durch langjährige Klubzugehörigkeit Treue nachgewiesen haben. Oder einfach nur deshalb, weil sie sich Spiel für Spiel bedingungslos reinhauen . . .

Es gibt viele Gründe.

Ich meine, Ihr ahnt es, Roman Weidenfeller und Nuri Sahin, Manni Bender und Neven Subotic, Papa Sokratis und Lukasz Piszczek. Ich meine Marco Reus, und ganz besonders meine ich Marcel Schmelzer, der durch seine Körpersprache signalisiert, dass er auch dann noch an den Erfolg glaubt, wenn die 90 Minuten um sind und der BVB zum Weiterkommen noch zwei Tore benötigt. Schmelzer gegen Malaga: Mehr Borussia Dortmund geht nicht!

Erobern wir uns doch die emotionalen Momente zurück!
Nun werdet Ihr möglicherweise sogar sagen: Stimmt! Aber einige der genannten Akteure spielen bei Thomas Tuchel aktuell und vielleicht auch in Zukunft keine große Rolle. Sie bekommen, wenn überhaupt, nur geringe Einsatzzeiten. Und ich sage: Na und?!!! Dann genießen und feiern wir eben jede einzelne Minute mit ihnen und erobern uns über diese – Achtung, Unwort! – „Gänsehaut“-Sequenzen das zurück, was uns offenbar ein Stück weit abhanden gekommen ist: die Identifikation und die hoch emotionalen Momente. Und wenn Weidenfeller aufhört? Und Neven den Klub wechselt? Dann wachsen andere nach. Warum soll nicht Roman Bürki ein Fanliebling der Zukunft werden? Oder Julian Weigl, der es eigentlich ja heute schon ist? Ich glaube – und meinetwegen verprügelt mich dafür –, dass sogar Mario Götze mittelfristig wieder in eine solche Rolle hineinwachsen kann.

Also:

Wenn der Fußball es – hoffentlich nur vorübergehend – nicht (mehr) schafft, uns anzufixen, ist das die eine Sache. Wenn es aber auch die Fußballer nicht mehr schaffen, uns zu emotionalisieren; und wenn wir es umgekehrt nicht mehr schaffen, über die Fußballer den Fußball zu emotionalisieren: Dann erst hätten wir ein wirklich ernsthaftes Problem.

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Die Mutter aller Relegations-Dramen

Borussia Dortmund – Fortuna Köln 3:1 (0:1)

(19. Mai 1986, Bundesliga-Relegation, Rückspiel)

(Text aus: Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größtenSpiele im Fußball-Tempel des BVB, Klartext-Verlag)

Zweifelsohne gibt es eine ganze Reihe von Heimspielen des BVB, die sich für einen Spitzenplatz unter den größten Partien aller Zeiten im Westfalenstadion aufdrängen, und die Frage, welche dieser Partien nun die allerbeste, die allerwichtigste, die allerspannendste, die allerspektakulärste, die allerbegeisterndste – kurz: die allerallergrößte – war, lässt sich trefflich diskutieren. Die Antworten auf diese Frage können und werden unterschiedlich ausfallen, schon deshalb, weil sie – und eben das macht die Faszination Fußball letztlich aus – immer mit persönlichen Erlebnissen zusammenhängen.

Genug um den heißen Brei herum geschrieben. Reden wir Tacheles! Kommen wir zur Festlegung. Spulen wir die Geschichte von Borussia Dortmund zurück bis zum 19. Mai 1986. Erinnern wir uns an ein Spiel, in dem es nicht um Titel und Trophäen, um Glanz und Gloria ging; in dem der Gegner nicht Real Madrid, Manchester United, nicht einmal Bayern München oder FC Schalke 04 hieß, sondern: Fortuna Köln. Ein Klub, der in der Saison 2013/14 in der vierten Liga spielt, eine Klasse unter der zweiten Mannschaft von Borussia Dortmund. Der sich an jenem Pfingstmontag 1986 gleichwohl anschickte, erstklassig zu werden und den ruhmreichen BVB 14 Jahre nach dem bitteren Abstieg von 1972 und zehn Jahre nach der umjubelten Rückkehr wieder in die zweite Liga zu schicken.

Es gibt einfach zu viele Gründe, die ausgerechnet und unbedingt für das Rückspiel der Bundesliga-Relegation 1985/86 als Nummer eins aller BVB-Spiele im Westfalenstadion / Signal Iduna Park sprechen. Der wichtigste ist kein sportlicher, sondern ein wirtschaftlicher: Wäre die schier hoffnungslos abgewirtschaftete Borussia seinerzeit tatsächlich abgestiegen, der Klub, bei dem Dr. Reinhard Rauball – im Oktober 1984 vom Amtsgericht Dortmund als Notvorstand eingesetzt – zu retten versuchte, was zu retten war, wäre wohl nicht wieder auf die Beine gekommen. Nur ein Indiz für die Misere der Schwarzgelben war die Zuschauerresonanz. Der Schnitt war von 42.000 im ersten Jahr nach dem Wiederaufstieg auf nur noch 20.306 in der Saison 1983/84 gesunken. 1985/86 waren es 22.573 Zuschauer pro Spiel. Die Auslastungsquote pendelte um 40 Prozent. Heute, da der Schnitt bei über 80.000 und die Auslastung bei nahezu 100 Prozent liegt, unvorstellbar.

Zum Sport: Es war eine Grusel-Saison mit einem Frust-Finale, die hinter Borussia Dortmund lag, als es zum dramatischen Showdown mit Fortuna Köln kam. Der BVB rutschte schon am 4. Spieltag durch eine 1:4-Heimpleite in den Bundesliga-Keller, wurde drei Spieltage später durch ein 1:6 in Bochum auf Platz 17 durchgereicht und hielt am 13. Spieltag nach einem 2:3 gegen den neuen Spitzenreiter Borussia Mönchengladbach mit 8:18 Punkten die Rote Laterne. Einem kurzen Zwischenhoch mit einem 1:0-Erfolg bei den Bayern vor lediglich 15.000 Zuschauern im Münchener Olympiastadion und einem 2:0 gegen den VfB Stuttgart folgte eine 1:6-Derbyklatsche auf Schalke. Borussia überwinterte mit 14:20 Punkten auf Rang 14. Knapp vor der Abstiegszone.

Die Rückrunde avancierte zu einem Wechselbad der Gefühle. Nach einem 5:1 gegen Köln und einem 0:0 in Nürnberg kletterte der BVB am 21. Spieltag bis auf Platz 10, doch auf der Zielgeraden ging den Schwarz-Gelben die Luft aus. Negativer Höhepunkt war am 32. Spieltag der Sturz auf Relegationsplatz 16 durch ein 0:4 beim VfB Stuttgart. Die Klubführung zog die Notbremse: Trainer Pal Csernai wurde entlassen. Reinhard Saftig übernahm – und hätte durch ein 1:1 gegen Schalke und ein 4:1 bei Schlusslicht Hannover 96 um ein Haar noch die direkte Rettung geschafft. Am Ende fehlten dem BVB (49:65 Tore/-16) bei Punktgleichheit mit Eintracht Frankfurt (35:49 Tore/-14) lediglich zwei Treffer zum direkten Klassenerhalt, während sich die vor dem Schlussakt ebenfalls noch gefährdeten Traditionsvereine 1. FC Köln und 1. FC Nürnberg mit knappem Punktvorsprung retteten.

So kam es zum Duell mit dem schwer angezählten Zweitliga-Dritten Fortuna Köln. Die Südstädter hatten die Tabelle sechs Spieltage vor dem Saisonende noch angeführt und befanden sich klar auf direktem Aufstiegskurs. Doch dann folgte ein unerklärlicher Einbruch mit nur noch einem Punkt aus dem Nachholspiel in Osnabrück (0:0) und Niederlagen in Aachen (0:3), in Kassel (0:3), daheim gegen den Tabellenvorletzten Tennis Borussia Berlin (0:2) sowie beim direkten Konkurrenten Blau-Weiß Berlin (1:3).

Vor den beiden letzten Spieltagen rutschte die Fortuna aus den Aufstiegsrängen, kletterte am vorletzten Spieltag durch ein 6:0 gegen Bayreuth wieder auf den Relegationsplatz – und schien diesen beim Saisonfinale doch wieder zu verspielen. Eine Viertelstunde vor Schluss lagen die Kölner beim Karlsruher SC mit 0:2 zurück. Erst der Doppelschlag von Achim Kropp (75.) und Bernd Grabosch (77.) zum 2:2 und Kassels späte 0:1-Niederlage beim Absteiger Bayreuth zementierten Platz drei.

Als Zweitligist ohnehin Außenseiter, unterstrich die fallende Formkurve die Rolle der Kölner zusätzlich. Der BVB hingegen ging mit dem frischen Saftig-Schwung in die Spiele. Doch was auf dem Papier nach einer Formsache aussah, entwickelte sich auf dem grünen Rasen komplett anders. Spiel eins vor 44.000 Zuschauern im größeren Müngersdorfer Stadion, Heimstatt des ungeliebten Lokalrivalen 1. FC Köln, dominierte der Zweitligist, gewann durch Tore von Bernd Grabosch (53.) und Karl Richter (75.) mit 2:0 und kam vier Tage später in Dortmund mit ganz breitem Kreuz aus dem Spielertunnel.

Ganz anders die Gastgeber, die zwar das Gros der 54.000 plus x Zuschauer im hochgradig ausverkauften – manche sagen: hoffnungslos überfüllten – Westfalenstadion hinter sich wussten. Die aber auch eine zusätzliche Last im Rucksack mitschleppten: ihren Torjäger Jürgen Wegmann. „Für mich war der Druck besonders groß, denn nur wenige Tage zuvor war bekannt geworden, dass ich nach Schalke wechseln würde. Für die Dortmunder Fans war das natürlich Hochverrat. Vergessen waren meine 14 Saisontore, sie nannten mich `Judas´ und pfiffen mich aus, als ich an diesem schwülen Nachmittag das Feld betrat. Doch das gellende Pfeifkonzert beflügelte mich nur noch mehr“, erzählte Wegmann im Mai 2011 anlässlich des 25. Jahrestages des „Wunders von Dortmund“ dem Fußball-Magazin 11 Freunde.

Dass Wegmann die Hauptrolle bei diesem Wunder spielen würde; dass es überhaupt noch ein Wunder geben würde, darauf deutete lange Zeit wenig bis gar nichts hin. Im Gegenteil: Bernd Grabosch erwischte den BVB bei brütender Hitze eiskalt und schraubte das Ergebnis mit seinem frühen Führungstreffer zum 1:0 (14.) in der Addition beider Spiele auf 3:0. So stand es auch zur Pause – und die Hoffnungen der Dortmunder Anhänger schmolzen dahin wie das Eis von Trikotsponsor Artic in der prallen Pfingstsonne.

Was dann geschah, war nicht nur die unglaubliche Wiederauferstehung einer totgesagten Mannschaft, sondern mehr noch einer der Wendepunkte in der Vereinsgeschichte des BVB. „In der Halbzeit war es ganz ruhig in der Kabine“, erinnerte sich Jürgen Wegmann im November 2011 für einen Beitrag der Magazin-Sendung Sport inside im WDR-Fernsehen. „Da konnte man eine Stecknadel fallen hören.“ Er aber habe, sagt er im Magazin 11 Freunde, „den Jungs in der Kabine gesagt, dass dieses Spiel erst in den letzten Minuten entschieden werden würde, und ich hatte bereits eine Ahnung, dass ich entscheidend daran beteiligt sein sollte“.

Die zweite Halbzeit, der BVB spielte auf die Südtribüne und die Fans standen nach dem Motto „Jetzt erst recht“ wie ein Mann hinter dem Team, hat Wegmann Detail für Detail abgespeichert. Nach dem schnellen Ausgleich durch einen ebenso umstrittenen wie von Michael Zorc sicher verwandelten Strafstoß (53.) „gab es einen Sturmlauf auf ein Tor, und nach 68 Minuten macht der Marcel Raducanu auf Flanke von Daniel Simmes ein sehr schönes Kopfballtor“. Dortmund führte, aber ein Tor fehlte – und es fehlte auch noch kurz vor Schluss. Jürgen Wegmann in 11 Freunde über die letzte Minute: „Noch heute sehe ich die große Stadionuhr vor mir, die Zeiger drehten sich unerbittlich. Der Abpfiff rückte immer näher, wir waren körperlich am Ende, die Beine waren schwer, der Kreislauf spielte verrückt und auch das Publikum hatte die Hoffnung eigentlich schon aufgegeben. Doch ich spürte tief in mir, dass da noch etwas gehen musste.“

Und das ging so:

Bernd Storck kommt im Mittelfeld an den Ball, flankt ihn vom rechten Flügel aus der Drehung blind an die Strafraumgrenze. Doppel-Kopfballverlängerung durch Michael Zorc und Daniel Simmes. Das Leder fällt im Sechzehner Ingo Anderbrüge vor die Füße, der zieht es fast von der Torauslinie von links mit links scharf vor das Tor. Kölns Keeper Jacek Jarecki kann den Ball nicht festhalten. Den Rest schildert wieder Wegmann im WDR: „Der Torwart macht einen kleinen Fehler, lässt den Ball abprallen – und ich stehe dann da, wo man als Stürmer stehen sollte, und drücke ihn irgendwie rein.“ Wenige Sekunden vor Schluss. Das Stadion gleicht einem Tollhaus, das Spiel wird unmittelbar nach dem Mittelanstoß abgepfiffen. Und weil die Europacup-Regel, nach der bei einem Remis in der Addition beider Spiele die Auswärtstore doppelt zählen, in der Relegation damals noch nicht zur Anwendung kommt, gibt es ein Entscheidungsspiel auf neutralem Platz.

Der Rest ist bekannt. Das Entscheidungsspiel, für den 23. Mai terminiert, musste kurzfristig um eine Woche verschoben werden, weil Kölns Mäzen und Macher Jean „Schäng“ Löring beim Deutschen Fußball-Bund plötzlich 13 Krankenscheine vorlegte. Magen-Darm-Virus im Fortuna-Kader. Angeblich. Für die BVB-Fans war klar: Ein taktisches Manöver, um die Euphorie, die Wegmanns 3:1 in Fußball-Dortmund ausgelöst hatte, auszubremsen. So dauerte es quälend lange 13 Tage bis zum Showdown vor 50.000 Zuschauern im Düsseldorfer Rheinstadion, darunter mehr als 30.000 Fans in Schwarz und Gelb.

30 Minuten lang verteidigte Köln gegen die entschlossen anrennenden Borussen ein 0:0. Dann brach Dirk Hupe den Bann, und der schnelle Doppelschlag nach Wiederbeginn durch Michael Zorc (46.) und Ingo Anderbrügge (49.) versetzte Fortuna endgültig den K.O. – Völlig demoralisiert kam der Zweitligist unter die Räder einer nun rauschhaft aufspielenden Borussia, für die Bernd Storck, Daniel Simmes, Jürgen Wegmann, noch einmal Michael Zorc und Frank Pagelsdorf die weiteren Tore erzielten.

Dortmund blieb erstklassig, qualifizierte sich in der Saison darauf als Vierter für den UEFA-Cup und feierte 1989 mit dem DFB-Pokalsieg gegen Werder Bremen den ersten Titelgewinn seit dem Triumph im Europapokal der Pokalsieger 1966. Diesen Erfolg, aber auch den sportlichen und wirtschaftlichen Aufstieg der 1990-er Jahre, die Meisterschaften 1995 und 1996, den Champions-League-Sieg und den Weltpokal-Triumph von 1997 hätte es nicht gegeben, wäre da nicht die 90. Minute im Rückspiel gegen Fortuna Köln gewesen. Die Relegation, die zum Anfang vom Ende der ruhmreichen Borussia hätte werden können, wurde zum Anfang der Wiedergeburt. Deshalb ist das 3:1 gegen Fortuna Köln das größte aller BVB-Spiele in 40 Jahren Westfalenstadion / Signal Iduna Park.

Für Dr. Reinhard Rauball war seine zweite Rettungsmission damit erledigt. Er zog sich zurück und gab das Amt weiter an Dr. Gerd Niebaum. „Wären wir damals abgestiegen, ich hätte weitergemacht. Meine Arbeit wäre in dem Fall nicht erledigt gewesen – und halbe Sachen mag ich nun einmal gar nicht“, sagte Rauball im Rückblick. Der Grusel-Saison 1985/86 gewann er letztlich etwas Positives ab: „Durch den dramatischen Abstiegskampf wurde das Fußball-Feuer in Dortmund neu entfacht.“

Mehr Spektakel war nie

FC Liverpool – CD Alaves 5:4 (4:4, 3:1) n.V.

(16. Mai 2001, Dortmund, Westfalenstadion)

Text aus: Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB, Klartext-Verlag

Zieht man alle entscheidenden Faktoren zur Bewertung eines Fußballspiels heran – die sportliche Bedeutung, die Dramaturgie, die Klasse, die Anzahl und Qualität der Tore und nicht zuletzt den Gänsehaut-Faktor der Atmosphäre auf den Rängen –, so kommt der Fußball-Gourmet an der Festlegung nicht vorbei: Das UEFA-Cup-Finale der Saison 2000/01 zwischen dem turmhohen Favoriten FC Liverpool und dem glasklaren Außenseiter CD Alaves gehört unbedingt zu den Top-3-Spielen im Dortmunder Stadion.

Serviert wurde: Eine Feinschmeckerplatte auf Sterne-Niveau. Ein Torfestival. Ein Finale, das – anders als viel zu viele vorher und nachher – nicht geprägt war von übergroßem Respekt der kickenden Hauptdarsteller voreinander. Nicht geprägt von zwei Trainern, die der Fußballwelt mit möglichst ausgeklügelten taktischen Kniffen beweisen wollten, welch brillante Strategen sie doch sind. Nicht geprägt von bestenfalls kontrollierter Offensive, die bisweilen in unkontrollierbare Langeweile mündet.

Das Finale von Dortmund bot unkontrollierbare Offensive auf beiden Seiten. Fußball mit Tempo, Leidenschaft und offenem Visier. Das Ergebnis war ein Drama in mehreren Akten – mit einem langen, nassen und feucht-fröhlichen Prolog auf den Plätzen und in den Kneipen der City. Mehr als 20.000 britische Anhänger hatten dort den Finaltag über gemeinsam mit gut und gerne 15.000 baskischen Fans gefeiert. Im zumeist strömenden Regen bei für die Jahreszeit ziemlich lausigen Temperaturen. Westfalen empfing seine finalen Gäste mit echtem Insel-Wetter.

Die Duellanten um den UEFA-Pokal 2001, sie hätten unterschiedlicher kaum sein können. Von der Papierform her ein Duell zwischen Goliath und David.

Der Goliath – FC Liverpool:

18 englische Meistertitel standen am Tag des Endspiels auf dem Briefkopf, dazu je sechs FA- und Liga-Cup-Siege. Viermal hatten die „Reds“ den Europapokal der Landesmeister gewonnen und zweimal auch schon den UEFA-Cup. Ein Traditionsklub, der wie wenige andere für die Ur-Tugenden des britischen Fußballs stand und steht: für Leidenschaft, Kampf und den unerschütterlichen „Never give up“-Spirit.

Der FC Liverpool – ein Verein, bei dem Legenden wie Bob Paisley und Bill Shankly auf der Trainerbank gesessen hatten. Jener Shankly, von dem eine Aussage stammt, die wie in Stein gemeißelt bis heute für das Selbstverständnis der Marke FC Liverpool steht. „Einige Leute“, hatte der Trainer einst angemerkt, „halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, dass es viel ernster ist.“ Jener Shankly auch, der am Ende des Tunnels, durch den die Spieler von den Kabinen aufs Feld gelangen, eine Tafel anbringen ließ. Aufschrift: „This is Anfield!“ Nicht irgend ein Stadion, sondern DAS Stadion. Eine Aufschrift wie eine Mahnung an jeden Gegner: Zeigt gefälligst Respekt! Und eine Warnung: Habt gefälligst Angst!

Der FC Liverpool – ein Verein, für den Legenden wie John Toshack, Ian Rush, Kenny Dalglish und Kevin Keegan auf dem Platz gestanden hatten, Graeme Souness, Ian Callaghan, Jamie Carragher und Steven Gerrard.

Der FC Liverpool – ein Verein, dessen Stadion an der Anfield Road zu den bedeutendsten Fußball-Kultstätten zählt. Mit einer Tribüne, „The Kop“ genannt, die, als sie noch eine Stehtribüne war, so gefürchtet war wie die „Gelbe Wand“ im Signal Iduna Park. Mit einer Lautstärke, die lange Zeit alles in den Schatten stellte, was man an Anfeuerung kannte. Der „Liverpool-Roar“ ist gleichermaßen ein Naturereignis, die Anfield Road also ein FußballweltKULTURerbe und der „Roar“ ein FußballweltNATURerbe. An jenem 16. Mai 2001 wurde die Nordtribüne des Signal Iduna Parks zu „The Kop“, denn dort standen – nicht saßen – die meisten Fans des Klubs aus der Beatles-Stadt.

Genug der Schwärmerei. Genug vom Goliath – und damit zum David: CD Alaves.

Club Deportivo Alavés, so der vollständige Name, ist das krasse Gegenteil. Tradition, gewiss, die hat der Verein auch. 1921 gegründet, ist der Briefkopf gleichwohl blank. Erfolge: Fehlanzeige. Nicht einmal eine Stadt ist Alavés, sondern eine Provinz. Die Stadt, in der CD spielt, heißt Vitoria-Gasteiz und ist zugleich Hauptstadt der spanischen autonomen Region Baskenland. Soweit der kleine geographische Exkurs.

Einzige Berühmtheit des Klubs ist Andoni Zubizareta, 126-facher Nationaltorwart und 1987 Spaniens Fußballer des Jahres. Für CD spielte er nur kurz – sein Transfer verhinderte immerhin den Konkurs des Vereins. Erfolge feierte er erst mit dem FC Barcelona und mit Athletic Bilbao, der Nummer eins im baskischen Fußball, gefolgt von Real Sociedad San Sebastian. Dahinter erst folgt mit Abstand CD Alaves, ein Klub, der es bis heute, Stand 2013, nicht einmal auf ein Dutzend Spielzeiten in der Primera Division bringt. Fünf in Folge, mithin die beste Phase der Klubgeschichte, von 1998 (Wiederaufstieg nach 42 Jahren) bis 2003.

Der Einzug der Basken ins Finale war die große Überraschung der UEFA-Cup-Saison 2000/01, zumal sie auf ihrem Weg nach Dortmund beileibe nicht nur sportliches Fallobst zugelost bekamen. Auf Gaziantespor (Türkei) und Lilleström (Norwegen) folgte mit dem Champions-League erfahrenen Rosenborg Trondheim der erste echte Gegner und anschließend mit Inter Mailand die vermeintliche Endstation. Doch Alaves setzte sich nach einem 3:3 daheim im Rückspiel in San Siro mit 2:0 durch, schaltete anschließend auch den Ligarivalen Rayo Vallecano aus und zerlegte im Halbfinale den 1. FC Kaiserslautern in der Addition der Spiele (5:1, 4:1) mit 9:2.

Den deutlich anspruchsvolleren Weg allerdings hatte der FC Liverpool. Auf Rapid Bukarest, Slovan Liberec und Olympiakos Piräus folgten der AS Rom (2:0 A, 0:1 H), der FC Porto und schließlich der FC Barcelona, damals noch als holländische Filiale mit Reiziger, de Boer, Cocu, Overmars, Kluivert – und einem gewissen Pep Guardiola als Denk- und Lenkzentrum im Mittelfeld. Nach einem 0:0 in Nou Camp nutzte Liverpool den Heimvorteil im Rückspiel und löste durch ein 1:0 das Final-Ticket.

Im Endspiel galten die „Reds“, die vier Tage zuvor den FA-Cup gewonnen hatten, als turmhoher Favorit. Und so begannen sie auch – vor 48.000 Zuschauern. „Nur“ 48.000 Zuschauer, weil die Ecken des Westfalenstadions seinerzeit noch nicht ausgebaut waren. Das Team von Trainer Gerard Houllier mit den jungen Michael Owen und Steven Gerrard, mit den beiden Deutschen Markus Babbel und Didi Hamann und mit dem finnischen Abwehr-Hünen Sami Hyypiä, führte nach einer Viertelstunde durch Babbel und Gerrard mit 2:0. Zwar gelang Ivan Alonso der Anschluss, doch Gary McAllister stellte unmittelbar vor der Pause den Zwei-Tore-Abstand wieder her. Spätestens mit diesem Treffer schien die Messe im Dortmunder Fußball-Tempel gelesen.

Doch der Außenseiter kam zurück – und wie! Binnen drei Minuten glich Javi Moreno zum 3:3 aus (48./51), und nach Liverpools neuerlicher Führung durch Robbie Fowler (73.), trat eine Minute vor dem Schlusspfiff ein Mann auf den Plan, dessen legendärer Vater Johan 27 Jahre zuvor an selber Stätte im WM-Zwischenrundenspiel gegen Brasilien ebenfalls Fußball-Geschichte geschrieben hatte: Jordi Cruyff.

4:4 also. Verlängerung. Und die endete nach 27 von 30 Minuten vorzeitig, weil Delfi Geli einen Freistoß von McAllister per Kopf ins lange Eck verlängerte. Dummerweise ins lange Eck des eigenen Tores. Was das Drama komplett machte: Erstens – Torwart Martin Herrera, der direkt hinter Geli heran geflogen kam, hätte den Ball problemlos aus der Gefahrenzone gefaustet. Zweitens – den nach zwei gelb-roten Karten in doppelter Unterzahl agierenden Basken blieb diesmal keine Restzeit für eine sportliche Antwort. Es war ein „Golden Goal“, ein goldenes Eigentor. Das Spiel war aus! Es endete kurz nach Mitternacht als baskische Tragödie und als britisches Freudenfest. Erster Sieger: Liverpool. Zweiter Sieger: Alaves. Dritter Sieger: der Fußball. Vierter Sieger: die Fußball-Hauptstadt Dortmund und ihr unglaubliches Stadion.

Liverpools deutscher Nationalspieler Didi Hamann war nach dem Spiel mit den Nerven am Ende: „Auch wenn wir letztlich gewonnen haben, hoffe ich, das war das erste und das letzte Mal, dass ich so etwas erleben musste.“ Und Trainer Houllier sagte seinem Team nach dem ersten Europacup-Triumph nach 17 Jahren voraus: „Die Mannschaft wird unsterblich werden.“ Immerhin für Teile der Mannschaft trat die Prognose ein, denn Gerrard, Hamann, Hyypiä und Jamie Carragher waren im Gegensatz zu Houllier selbst auch vier Jahre später noch dabei, als der FC Liverpool die Champions League gewann – in einem noch unglaublicheren Finale als es das 2001er gegen Alaves gewesen war.

In Istanbul lagen die „Reds“ 2005 gegen den AC Mailand zur Pause mit 0:3 (Tore: Hernan Crespo 2, Paolo Maldini) zurück, und wer zur Pause gegen den AC Mailand mit 0:3 zurück liegt, hat eine Siegchance im Promillebereich. Liverpool nutzte sie. Das Team brauchte nach dem Wechsel ganze sechs Minuten (54. – 60.), um durch Gerrard, Vladimir Smicer und Xabi Alonso auszugleichen. Im Elfmeterschießen versiebten dann Milans Superstars Serginho, Andrea Pirlo und Andrij Schewtschenko; die Briten triumphierten schließlich mit 6:5.

Von Toren aus

Gold und Silber

Um die Verlängerung im Fußball spannender zu machen, führte der Fußball-Weltverband FIFA in den 1990-er Jahren das „Golden Goal“ ein. Die Regel besagte – in Anlehnung an den Sudden Death („Plötzlicher Tod“) beim Eishockey –, dass ein Spiel beendet ist, sobald in der Verlängerung ein Tor fällt. Das UEFA-Cup-Endspiel 2001 in Dortmund zwischen Liverpool und Alaves war nicht das einzige, das durch einen solchen Treffer jäh entschieden wurde – wohl aber das einzige bedeutsame Spiel, in dem das „Golden Goal“ ein Eigentor war.

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gewann ihren bis heute letzten Titel durch ein „Golden Goal“. Oliver Bierhoff erzielte es im Finale der Europameisterschaft 1996 im Londoner Wembley-Stadion in der 95. Minute zum 2:1 gegen Tschechien.

Gleich zweimal profitierte die deutsche Frauen-Nationalmannschaft von der Regel. Das Finale der Heim-EM 2001 in Ulm gewann sie durch einen Treffer von Claudia Müller in der Verlängerung; im Endspiel der WM 2003 in den USA war Nia Künzer erfolgreich – beide Treffer fielen in der 98. Minute.

Frankreich bemühte das „Golden Goal“ auf dem Weg zum Titelgewinn bei der Heim-EM 2000 zweimal. Das Halbfinale gegen Portugal beendete Zinedine Zidane nach 117 Minuten durch einen verwandelten Handelfmeter; im Endspiel gegen Italien traf David Trezeguet in der 103. Minute. Besondere Tragik für die Italiener: Sylvain Wiltord hatte Frankreich erst in der 90. Minute mit seinem Treffer zum 1:1-Ausgleich überhaupt in die Verlängerung gerettet.

Bei Weltmeisterschaften fielen vier „Golden Goals“. 1998 besiegte Frankreich im Viertelfinale Paraguay; 2002 setzten sich im Achtelfinale Senegal gegen Schweden und Südkorea gegen Italien durch; im Viertelfinale war die Türkei gegen den Senegal erfolgreich.

Der europäische Fußball-Verband UEFA änderte die Regel 2002 ab und führte das „Silver Goal“ ein. Danach wurde bei einem Torerfolg in der Verlängerung die laufende Halbzeit der Verlängerung noch zu Ende gespielt.

Auf diese Weise setzte sich Griechenland im Halbfinale der EM 2004 in Portugal gegen Tschechien durch. Weil Traianos Dellas allerdings in der Nachspielzeit der ersten Hälfte der Verlängerung (105 + 1) erfolgreich war, kam der Treffer einem „Golden Goal“ gleich – die Partie war danach sofort beendet.

Die Europameisterschaft 2004 war zugleich das letzte Turnier, bei dem die von Anfang an unbeliebte Regel der verkürzten Verlängerung angewendet wurde. 2004 schafften die Verbände sie wieder ab.

Lars Ricken: „Selbst Julio Cesar ist völlig ausgerastet!“

Ein Gastbeitrag von Lars Ricken, Schütze des entscheidenden Tores, zum legendären Europapokalspiel Borussia Dortmund – Deportivo La Coruna (6. Dezember 1994) für das Buch „Jetzt muss ein Wunder her – Die 25 größten Spiele im Fußball-Tempel des BVB.“ http://goo.gl/0WKSn5

Das Buchkapitel findet Ihr hier: http://goo.gl/UD5bdu

Lars Ricken:

„Selbst Julio Cesar ist völlig ausgerastet“ 

„Ganz ehrlich: Was mir zu allererst einfällt, wenn ich an den Abend des La-Coruna-Spiels denke, ist meine damalige Freundin. Die interessierte sich gar nicht für Fußball und war folgerichtig auch nicht im Stadion. Ich kam also sehr spät nach Hause, war der gefeierte Held des Spiels, gerade 18 Jahre alt und emotional natürlich entsprechend aufgewühlt – und meine Freundin forderte mich recht bestimmt auf, doch bitte das Geschirr abzutrocknen, das sie gerade gespült hatte. Ich merkte ganz vorsichtig an: „Du, wir hatten gerade ein Spiel – und ich würde mir das gerne noch einmal im Fernsehen anschauen.“ – „Ach, ja“, sagte sie, „Ihr habt ja gespielt. Habt Ihr denn gewonnen. Schön! Aber wenn Du gespielt hast, musst Du’s doch nicht noch einmal sehen . . .“ – Kurzum: Ich habe dann ein paar Minuten heraus verhandeln können, aber dann musste ich tatsächlich abtrocknen. Und so bin ich seinerzeit von meiner Freundin noch am Abend des Triumphes sehr schnell wieder geerdet worden.

Über diese Anekdote hinaus verbinde ich sportlich betrachtet vor allem drei Dinge mit dem Spiel gegen La Coruna.

Erstens: Natürlich dieses Tor. Mein Treffer zum 3:1 in der 118. Minute, der uns völlig unerwartet doch noch in die nächste Runde brachte. Ich habe in meiner Zeit beim BVB ja das eine oder andere Tor erzielt, darunter auch manches wichtige – aber dieser Treffer ist, zusammen mit dem Heber zum 3:1 im Champions-League-Finale gegen Juventus Turin, sicherlich derjenige, der mir in der Rückschau am meisten bedeutet. Einfach deshalb, weil es ein wundervolles Gefühl ist, sich mit diesen Toren für alle Zeiten in der Vereinsgeschichte eines so großen und traditionsreichen Klubs wie Borussia Dortmund eingetragen zu haben. Allerdings: In ein Lehrbuch wird es dieses Tor sicherlich nicht schaffen. Die Position und die Schusstechnik waren schon einigermaßen problematisch; ich treffe den Ball weder mit der Innenseite noch mit dem Vollspann, aber ich wollte ihn tatsächlich genau so schießen wie ich ihn dann geschossen habe. Anders wäre er nicht rein gegangen. Überhaupt war das so ein Ball, der von zehn Versuchen vermutlich neunmal irgendwo landet – nur nicht im Tor.

Und noch etwas ist ganz interessant. Ich stand zu meiner aktiven Zeit immer in dem Ruf: „Wenn der Ricken kommt, dann passiert noch was!“ Dabei habe ich in all den Jahren als Profi fast überhaupt keine Joker-Tore gemacht, aber ausgerechnet in den beiden Spielen gegen La Coruna und Juve kam ich tatsächlich von der Bank.

Zweitens: Ich habe ja einige Zeit mit Julio Cesar zusammengespielt, und Julio war als Sportler wie als Mensch immer ein relativ ruhiger, sachlicher und abgeklärter Kerl. Aber wie selbst er nach meinem Tor zum 3:1 regelrecht ausgerastet ist und dann auch ganz schnell als Erster auf mir drauf lag, zeigt, welch wahnsinnige Emotionen in diesem Moment freigesetzt wurden. Das ist eine sehr schöne Erinnerung, auch deshalb, weil Julio Cesar sicher eine der ganz großen Persönlichkeiten ist, die hier in Dortmund gespielt haben.

Drittens ist es absolut faszinierend, wie ein solches Tor dann 19 Jahre später noch einmal ins kollektive BVB-Gedächtnis zurückkehrt – am 9. April 2013 gegen Malaga. Genau das macht doch einen großen Vereins aus, dass es solche verbindenden Erlebnisse und gemeinsamen Ankerpunkte gibt. Jedenfalls: Als Malaga wenige Minuten vor Schluss in Führung ging und wir plötzlich zwei Tore brauchten, leerten sich die Plätze um mich herum doch merklich. Von denen, die sitzen blieben und ausharrten, sagten aber einige: „Mensch, Lars, jetzt brauchen wir noch einmal so ein Wunder wie damals gegen La Coruna.“ – Unter uns: Ich würde mich wirklich nicht als Pessimist bezeichnen wollen, aber geglaubt habe ich an eine Wende gegen Malaga nicht mehr. Ich war, wie die meisten anderen auch, so down, dass ich eigentlich keine Hoffnung mehr hatte. Erst im Nachhinein ist mir aufgegangen, was da nach dem 1:2 eigentlich passiert ist. Die Zuschauer sind noch einmal gekommen, Roman Weidenfeller stürmte mit einer Mischung aus Anfeuerung und Beschimpfung nach vorne, Jürgen Klopp verzog sich nicht etwa deprimiert auf die Trainerbank, sondern coachte weiter, als könne von einem drohenden Ausscheiden gar keine Rede sein. Diese Kette von Reaktionen war schon echt stark und ein Paradebeispiel für den Charakter dieses Teams und des Umfelds.

Gerade in solchen Momenten spielt unser Stadion immer wieder eine wichtige Rolle. Man merkt das schon an der Ehrfurcht der gegnerischen Teams, wenn sie den Rasen betreten und vor der gelben Wand stehen. Das flößt definitiv Respekt ein, und diese besondere Atmosphäre in Dortmund gewinnt dem BVB auch immer wieder den einen oder anderen Punkt. Für mich noch entscheidender und der große Unterschied zu vielen anderen Klubs ist aber, wie unsere Zuschauer sich verhalten, wenn es mal nicht so gut läuft. Wir haben diese Zeiten ja auch erlebt. Bei uns bleiben dann eben keine Blöcke aus Protest leer; unsere Fans drehen dem Spielgeschehen nicht den Rücken zu – sie sind auch und manchmal gerade dann für die Mannschaft da, geben Gas und versuchen zu helfen. Das ist wirklich einzigartig!“

Drehbuch für den perfekten BVB-Samstag

Mal unter uns Schwarzgelben: Lustig geht anders!

Erst muss Nuri Sahin unters Messer.

Dann erleidet Jakub Blaszczykowski, kurz bevor er nach Kreuzbandriss und Reha ins Team zurückkehren soll, einen muskulären Rückschlag – bis zu sechs Wochen Pause.

Marco Reus zieht sich, erneut im Nationalmannschafts-Einsatz, in der Nachspielzeit des Schottland-Spiels eine Fußverletzung zu und fällt voraussichtlich für vier Wochen aus – in dieser Zeit spielt der BVB u.a. in der Champions League gegen den FC Arsenal und in der Liga auf Schalke. Keine 48 Stunden später wird Ciro Immobile im Nationalmannschafts-Einsatz in der Nachspielzeit mit der Trage vom Platz gebracht: Hüftprellung! Mats Hummels hat aufgrund von muskulären Problemen, die er von der WM mitgebracht hat, also – genau – vom Nationalmannschafts-Einsatz, seit dem Finale im Maracana keine Einsatzminute mehr bestritten. Da fragt man sich doch allmählich: Wer zahlt eigentlich die Gehälter der Spieler: die nationalen Verbände? Und wer zahlt den Schaden, wenn der BVB seine Saisonziele verpasst, weil ein Leistungsträger nach dem anderen verletzt von seiner Nationalelf zurückkehrt: der DFB? Wohl eher nicht.

Mal unter uns Schwarzgelben: Das Leben in diesen Tagen und Wochen ist ein einziges schreckhaftes Zusammenzucken. Wir zucken zusammen, wenn wir via Twitter vernehmen, dass Henrikh Mkhitaryan, natürlich im Nationalmannschafts-Einsatz, nach einem Zusammenprall mit dem gegnerischen Torwart vorzeitig den Platz verlassen und dass Shinji Kagawa, ja, jetzt also auch schon #welcomehomeshinji, vorzeitig das Training beenden musste – nach einem Griff an die Leiste. Wir schlafen schlecht oder gar nicht, wenn wir den Satz vernehmen, dass „ein MRT/eine Kernspintomographie morgen Aufschluss über die schwere der Verletzung geben soll“ und wir bekommen spontanen Ausschlag, wenn Bundestrainer Jogi Löw mit all seiner medizinischen Kompetenz prophezeit, bei Marco Reus werde es wohl nicht ganz so schlimm sein wie zuletzt im Juli. Zugegeben, schlimmer als eine WM zu verpassen, bei der die Teamkollegen dann auch noch den Titel gewinnen, geht’s ja wohl auch nicht.

Wir lesen mittlerweile täglich, dass Spieler xyz „individuell trainiert“ hat – und wissen: Das ist nur die Umschreibung für „konnte nicht mit der Mannschaft trainieren“. Wir warten auf den Tag, an dem Borussia Dortmund ein neues Trainingsgelände gleich neben dem Knappschaftskrankenhaus baut. Oder das Knappschaftskrankenhaus seine Orthopädie von Wambel direkt ans Trainingsgelände des BVB in Brackel verlegt. Pressekonferenzen mit Trainer Jürgen Klopp dauern seit einigen Wochen doppelt so lange wie normalerweise, weil sie stets mit einem mehrminütigen medizinischen Bulletin beginnen.

Wir wollen, dass das aufhört! Sofort!!!

Wir wollen endlich mal wieder NUR Fußball und NUR positiv.

Deshalb hier das Drehbuch für das Heimspiel gegen den SC Freiburg (bitte auswendig lernen):

15.23 Uhr: Nachdem die letzten Töne von „You’ll never walk alone“ verklungen sind, brüllt Norbert Dickel die Mannschaftsaufstellung des BVB ins Mikro. Er endet „mit der Nummer 37 Eriiiiiik“ – die Fans ergänzen „Duuuurm“. Da fällt Nobbie plötzlich ein, dass er einen Spieler vergessen hat. Schnell schiebt er nach: „Erstmals nach seiner Rückkehr aus Manchester heute wieder dabei mit der Nummer 7 Kaaaaaa-gaaaaaa-waaaaaa“ – und 75.000 brüllen „Shinjiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!“ Das Westfalenstadion wackelt bedenklich, bleibt überraschenderweise aber stehen.

15:30 Uhr: Schon zehn Sekunden gespielt und immer noch kein Gegentor. Läuft!

15:irgendwas Uhr: Kagawa auf Immobile, Immobile müsste schießen, Immobile schießt. Tor!

16:irgendwas Uhr: Mkhitaryan auf Kagawa, Kagawa müsste schießen, Kagawa schießt. Tor!

16:17 Uhr: Halbzeit. Der BVB führt mit 2:0. Hans-Joachim Watzke und Marco Reus geben Reus’ vorzeitige Vertragsverlängerung bekannt. Bis 2019. Ohne Ausstiegsklausel. 75.000 singen „Wir sind alle Dortmunder Jungs“ und „ . . . es gibt nie, nie niiiiiiiiie einen anderen Verein“. Das Westfalenstadion wackelt bedenklich, bleibt überraschenderweise aber stehen.

16:irgendwas: Borussia Dortmund erhöht auf 3:0. Torschütze – mir doch egal.

17:irgendwas: Borussia Dortmund erhöht auf 4:0. Torschütze – auch egal.

17:09 Uhr: Jürgen Klopp wechselt Ilkay Gündogan ein. Sein erster (Kurz-)Einsatz nach zwölfmonatiger Verletzungspause. Gündogan strahlt übers ganze Gesicht. 75.000 auf den Tribünen drehen völlig durch. Das Westfalenstadion wackelt bedenklich, bleibt überraschenderweise aber stehen.

17:10 Uhr: Mkhitaryan auf Kagawa, Kagawa auf Gündogan, Gündogan müsste schießen, Gündogan . . . . stopp, stopp, stopp, lasst uns realistisch bleiben!

17:19 Uhr. Abpfiff.

17:19 Uhr: Der VfB Stuttgart hat in München mit 2:1 gewonnen. Siegtorschütze: Moritz Leitner in der Nachspielzeit.

20:19 Uhr: Borussia Mönchengladbach hat gegen Sch*** mit 2:1 gewonnen.

(Die Regie wird gebeten, sich exakt an das Drehbuch zu halten)

Plädoyer gegen das Pfeifkonzert

Ja, spinnt er denn jetzt völlig?, werdet Ihr angesichts der Überschrift wahrscheinlich fragen. Und bei oberflächlicher Betrachtung liegt dieser Verdacht durchaus nahe. Schließlich ist es gerade erst drei Wochen her, dass ich in diesem Blog ein vehementes „Plädoyer fürs Pfeifkonzert“ gehalten und sogar behauptet habe, das Pfeifen sei Fankultur.

http://fliggwerk.com/2014/08/15/pladoyer-furs-pfeifkonzert/

Anlass war das deutsche Supercup-Duell zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München, bei dem, Ihr erinnert euch, der Ex-Dortmunder Mario Götze eingewechselt und gnadenlos ausgepfiffen wurde.

Darf man das? – fragte tags darauf die BILD. Darf man einen WM-Helden auspfeifen? Den Siegtorschützen von Rio, den Vier-Sterne-Mario. Die Antwort, jedenfalls meine: Jau! Man darf.

Und nun also die Rolle rückwärts? – Mitnichten! Das „Plädoyer gegen das Pfeifkonzert“ rückt inhaltlich keinen Millimeter ab vom „Plädoyer fürs Pfeifkonzert“. Wir haben vielmehr eine neue Lage, eine erneute Frage und eine neue Antwort.

Die neue Lage: Als Mario Gomez beim 2:4 gegen Argentinien nach drei dilettantisch verdaddelten Größtchancen ausgewechselt wurde, pfiffen ihn die Zuschauer aus. So, wie sie in der jüngeren Vergangenheit gelegentlich auch schon Mesut Özil im Nationaltrikot ausgepfiffen haben.

Die erneute Frage: Darf man das?

Die neue Antwort: Nein, darf man nicht! Sagt Bundestrainer Joachim Löw. Und hat schon wieder Recht.

Und um die nächste Frage gleich mit aufzugreifen, die spätestens am Sonntagabend beim EM-Qualifikationsspiel zwischen Deutschland und Schottland in Dortmund mit der Laustärke eines startenden Düsenjets aufploppen wird:

Darf man Mario Götze in Dortmund auspfeifen, wenn er das Nationaltrikot trägt?

Antwort: Nein, darf man nicht!

Götze ist nämlich nicht gleich Götze.

Wenn Mario Götze mit dem FC Bayern München in Dortmund spielt, sind 70.000 der 80.000 Zuschauer im Westfalenstadion BVB-Fans. Als solche müssen sie Götze nicht mögen. Sie dürfen ihn doof finden und Schilder hochhalten, auf denen Götze mit dem Euro-€ geschrieben wird – Götz€. Weil sie ihm vorwerfen, er sei nur der Kohle wegen von Dortmund nach Norditalien gewechselt. Sie dürfen ihm legitimerweise diesen Wechsel nachtragen. Und pfeifen!

Wenn Mario Götze mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Dortmund spielt, sind gut 60.000 Zuschauer Fan des Weltmeisters. Die anderen paar Tausend sind Schotten. Das sind die, die Mario Götze auspfeifen dürfen. Wenn sie wollen. Wollen sie aber vermutlich gar nicht. Unter den 60.000 sind vermutlich manche, die ihn auspfeifen wollen. Dürfen sie aber nicht. Sie dürfen ihn so wenig auspfeifen wie ein BVB-Fan Großkreutz oder Kuba auspfeifen darf. „Und wenn Du das Spiel verlierst, ganz unten stehst, dann steh’n wir hier . . .“ – diese Grundhaltung muss bei Länderspielen in Deutschland für das @DFB_Team gelten wie es beim Heimspielen von Borussia Dortmund für den @BVB gilt. 

Der Punkt ist doch: Jeder, der am Sonntag im Stadion ist; jeder, der sich generell ein Spiel der Nationalmannschaft live anschaut, tut das freiwillig. Niemand wird gezwungen. Wer keinen Bock hat, soll einfach zu Hause bleiben. Statt die eigenen Spieler im eigenen Land auszupfeifen. Das gilt für Götze wie für Gomez wie für Özil . . .

Ich hoffe jedenfalls, dass es am Sonntag keine Pfiffe gegen Götze geben wird. Andernfalls müsste ich mich fremdschämen.