Weg mit dem Sternen-Firlefanz – zurück an die Arbeit!

Man sah es ihm an. Joachim Löw hatte richtig Bock. Supersuperbock, sozusagen.

Er hatte Supersuperbock, nach dem Last-Minute-Schock gegen Irland zum Interview ins RTL-Studio zu dackeln – genauer: zu pudeln. Denn wie ein begossener Pudel saß der Bundestrainer zwischen Florian König und Jens Lehmann. Jener König, der sonst Formel 1 und Koch-Shows moderiert. Und jener Lehmann, der schon als Spieler stets sehr speziell gewesen war und nun als Experte renitent und tendenziell respektlos daher kommt. Jener Lehmann, dem es ganz offenkundig mehr als jedem anderen vollkommen egal ist, was andere über ihn denken. Was der schon nach dem 0:2 in Polen für Fragen gefragt hatte. Nachgerade dreist! Eine ganz neue Erfahrung für Joachim Löw, der sich in Warschau vermutlich viel lieber zum verbalen Trostkuscheln zu Katrin Müller-Hohenstein begeben hätte und nun in Gelsenkirchen ahnte, dass er neuerlich vornehmlich kritische Fragen würde beantworten müssen.

Er, der Weltmeister-Trainer!

Wer weiß, vielleicht hat Joachim Löw ja am Dienstagabend auf dem Weg von der Kabine der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zum RTL-Studio erstmals darüber gegrübelt, ob es wohl die beste aller Ideen gewesen war, nach der WM weiterzumachen. Statt abzutreten. Auf dem Gipfel des Denkbaren. Vielleicht hat Löw bei sich gedacht: „Mensch, Jogi, hättest Du es mal gemacht wie der kleine Philipp.“ Der Lahm. Das Kapitänchen. Weltmeister geworden. Den Pott geküsst. Abgetreten! Oder der lange Per. Der Mertesacker. Der „Big fuckin‘ German“, wie sie ihn beim FC Arsenal liebevoll nennen. Weltmeister geworden. Abgetreten! Oder der olle Miro. Der Klose. Weltmeister geworden. Weltmeisterschaftsrekordtorschütze geworden. Abgetreten! Alles richtig gemacht. Den Moment eingefroren. Besser kann’s nicht mehr sein!

Joachim Löw wollte das nicht. Abtreten auf dem Höhepunkt. Er wollte weitermachen. Die Mannschaft weiterentwickeln. Sie zur EM 2016 führen. Und dort der erste Trainer seit Helmut Schön (1972 & ’74) werden, der mit der N11 Welt- und Europameister wird. Nun hat er den Salat – und muss mit Kritik leben. Nach nur vier Punkten aus drei Qualispielen mit nur drei erzielten und vier kassierten Toren hat ein herbstlicher Fußballblues den weltmeisterlichen Sternenglanz abgelöst.

Es fehlen nur noch die Klatschpappen

Vielleicht wäre genau das ein erster Schritt aus der Leistungs- und Ergebniskrise: Diesen ganzen WM-Firlefanz endlich mal beiseite zu legen und wieder zur Alltagsarbeit überzugehen. Kein Länderspiel mehr ohne Hochglanzglitter-Sterne-Choreographie auf den Stadiontribünen. Auch am Dienstag in der Gelsenkirchener Dreifach-Turnhalle wurden die Event- und Erfolgszuschauer wieder genötigt, bunte Papptafeln in die Höhe zu halten. Ein Wunder eigentlich, dass beim DFB – anders als beim FC Bayern – noch niemand auf die Idee gekommen ist, versponserte Klatschpappen samt Bedienungsanleitung auf die Sitzschalen zu legen. Von „Fans“ kann bei Spielen der N11 längst keine Rede mehr sein. Fans bringen inzwischen nur noch die Gästeteams mit. Schottische Fans sorgten in Dortmund für Stimmung. Irische Fans in Gelsenkirchen. Deutsche Fans klatschen brav bei Eckbällen und singen gelegentlich „Die Nummer eins der Welt sind wir“ – was angesichts der vitaminarmen Darbietungen auf dem Rasen allerdings zunehmend albern klingt.

Das Märchen ist vorbei . . .

Das WM-Finale liegt inzwischen drei Monate zurück. Drei Monate. Das war vorvorvorvorvor…gestern. Jetzt ist heute. Willkommen zurück in der Realität! Es ist Herbst. Es ist kühl. Es ist regnerisch. Es ist Quali. Die Gegner beißen. Und ja, ihr schlaft wieder zu Hause. Nicht mehr in der Schmuseatmosphäre der Campo-Bahia-WG, die Löw und Teammanager Oliver Bierhoff – einer Kunst- und Phantasiewelt ähnlich – eigens hatten bauen lassen. Das Märchen ist vorbei.

. . . und die Realität geht so:

Nein, es sind nicht nur drei wichtige Spieler zurückgetreten. Ja, es fehlen auch viele wichtige Spieler. Marco Reus und Ilkay Gündogan – aber die fehlten auch schon bei der WM. Christoph Kramer und Andre Schürrle – aber die waren zumindest in Polen noch dabei und bei der WM obendrein nur Ergänzungsspieler. Bastian Schweinsteiger, ja, der fehlt tatsächlich – aber wer weiß, ob er überhaupt noch einmal richtig zurück kommt. Sami Khedira fehlt. Mesut Özil fehlt auch – aber in der Form der letzten Wochen irgendwie auch wieder nicht.

Nirgendwo ein „Wickie“, der mal „Ich hab’s!“ ruft

Will sagen: Gegen Irland standen mit Thomas Müller, Mario Götze und Toni Kroos drei Akteure auf dem Platz, die gemeinhin unter „Weltklasse“ einsortiert werden. Dazu ein Julian Draxler, nach dem vermeintlich halb Fußball-Europa schielt. Vier Kreativ-Kicker also, von denen kaum Kreatives kam. Götze war bemüht, arbeitete mehr als früher und hätte einen Elfmeter bekommen müssen. Müller bot, wie schon in Polen, eine Nicht-Leistung, für die er in einigen durchaus ernst zu nehmen Medien sogar noch die Note „3“ erhielt. Der MüllerBayern-Bonus. Draxler stand neben sich – wie zuletzt meist auch auf Schalke. Und Kroos? Hatte viel Ballkontrolle. Hatte viele Ballkontakte. Erzielte schließlich auch das 1:0. Aber Ideen, Geistesblitze, mal ein genialer Moment, ein öffnender Pass, dazu geeignet, die irische Abwehr zu durchschneiden und zu filetieren? Nichts dergleichen. Man hätte sich einen „Wickie“ herbei gewünscht, der sich eine Weile lang mit dem Zeigefinger unter der Nase reibt und im Moment der plötzlichen Erleuchtung „Ich hab’s!“ ruft.

Es waren die Mittelfeld- und Offensivkräfte, die das @DFB_Team in der Schlussphase von einer Panikattacke in die nächste manövrierten. Vorne wurde nicht mehr attackiert, in der Mitte der Ball hergeschenkt, statt gehalten. Und hinten gerieten sie in Not. Der späte Ausgleich war die Folge einer langen Fehlerkette, an deren Ende der Dortmunder Mats Hummels doof aussah und deshalb verständlicherweise angefressen reagierte. „Man wird mir wieder die Schuld geben, aber ganz ehrlich: In der Situation kann ich auch nur noch versuchen, zu retten.“ Was schwer zu retten war.

Hummels hat Recht: Schon die WM war keine Gala, sondern knallharte Arbeit

Es war jener Hummels, der darauf verwies, dass auch in Brasilien nicht alles nur Gold und Glanz, sondern zuvorderst knallharte Arbeit und bisweilen auch gehöriges Glück war. Weder gegen die USA noch gegen Algerien noch gegen Frankreich noch im Endspiel gegen Argentinien hatte die deutsche Mannschaft geglänzt. Und sie hatte auch bei der WM, sieht man vom Eröffnungsspiel gegen Portugal und dem nach wie vor unerklärlichen 7:1 gegen Brasilien ab, keine Offensiv-Feuerwerke abgebrannt. Das 1:0-Siegtor gegen die USA fiel durch einen Distanzschuss. Das 1:0-Siegtor gegen Frankreich nach einer Standardsituation durch einen Abwehrspieler. Gegen Algerien und Argentinien fiel in 90 Minuten gar kein Tor. Klingt das nach Spektakel? Nach Rausch und Gala? Wohl eher nicht. Wohl eher, wie Hummels korrekt feststellte, nach „knallharter Arbeit“ und nach funktionierendem Kollektiv.

Genau das funktioniert derzeit nicht. Und wenn weiterhin die vollkommen verfehlte Diskussion über vermeintlich minderbemittelte Außenverteidiger geführt wird (übrigens hatte der zuletzt heftig kritisierte Erik Durm gegen Irland weit mehr starke als schwache Szenen!), wird sich daran auch nichts ändern. Dann wird zwar nicht Gibraltar, wohl aber der entthronte Weltmeister Spanien deutlich aufzeigen, wo die Schwächen liegen.

Mehr zu #GERIRL, zu Mats Hummels – und was er zur Kritik von Joachim Löw sagt:

http://www.derwesten.de/wr/sport/fussball/bvb/bvb-kapitaen-hummels-und-bundestrainer-loew-sind-sich-uneinig-id9938175.html

http://www.spox.com/de/sport/fussball/dfb-team/em-2016-qualifikation/spielberichte/deutschland-irland/mats-hummels-interview-1-1-gegen-irland-unfassbare-dinger.html

http://www.spiegel.de/sport/fussball/em-quali-weltmeister-deutschland-schwaechelt-gegen-irland-a-997230.html

http://www.spiegel.de/sport/fussball/em-quali-deutschland-gegen-irland-mit-spaetem-ausgleich-a-997189.html

http://www.ruhrnachrichten.de/sport/bvb/So-einfach-ist-es-nicht-Hummels-ueber-Erwartungen-und-das-Irland-Spiel;art11635,2511803

Advertisements

FIFA = FUSSBALL IS‘ FÜRN ARSCH

Bill Shankly war ein großer Trainer. Von 1959 bis ’74 coachte der Schotte den FC Liverpool und führte die „Reds“ aus der zweiten englischen Liga bis in die erste Etage des europäischen Fußballs. Nach seinem Tod haben sie ihm zu Ehren vor dem legendären Stadion an der Anfield Road eine lebensgroße Bronzestatue aufgestellt. Grund für die Verehrung sind aber nicht die sportlichen Erfolge allein. Was die Fans in Liverpool an Shankly schätz(t)en, ist vielmehr seine Bodenständigkeit. „Ich bin ein Mann des Volkes – nur das Volk zählt“, hat der Teammanager einmal gesagt. Und er hat das auch genau so gemeint. Die Anhänger waren ihm so wichtig wie seine Spieler. 

So hatte Bill Shankly das aber nicht gemeint

Weit berühmter freilich ist ein Zitat, das seinen ausgeprägten Sinn fürs Humoristische belegt: „Es gibt Leute, die denken, Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist.“ Ein Satz, der Sepp Herbergers Weisheiten vom Ball, der rund ist, und vom Spiel, das 90 Minuten dauert, locker toppt. Und ein Satz von nachgerade prophetischer Tragweite. Denn wenn man sich anschaut, was die nationalen und internationalen Fußballverbände aus dem Fußball gemacht haben und mutmaßlich in Zukunft weiter aus ihm machen werden, muss man feststellen: Shankly hatte Recht! Es geht längst nicht mehr nur um Leben und Tod. Es geht um viel mehr. Es geht um Geld. Viel Geld. Immer mehr Geld. 

Blickt Bill Shankly heute aus dem Fußball-Himmel herab auf die WM 2014 in Brasilien; blickt er herab auf den Fifa-Kongress und lauscht den Reden der Funktionäre, dann bekommt er vermutlich eitrigen Ausschlag. Denn Shankly hat stets auch die gesellschaftliche Aufgabe des Fußballs gesehen. Er war ein politisch denkender Mensch und als solcher ein überzeugter Sozialist. „Im Sozialismus, an den ich glaube, arbeitet jeder für den anderen und alle bekommen einen Teil des Gewinns. So sehe ich Fußball, so sehe ich das Leben.“ Vom Fußball-Leben anno 2014 ist diese romantische Überzeugung so weit entfernt wie Kroatien nach dem Elfmeter-Betrug im Eröffnungsspiel gegen Gastgeber Brasilien vom Gewinn des WM-Titels.

1. FC Todesstern gegen Borussia Skywalker

Sepp Blatter, der gottgleiche Fifa-Boss, hat unter der Woche noch einmal deutlich gemacht, was er von Kritik und von Kritikern hält. Wäre er Staatschef, so wäre sein Staat eine Diktatur. Kritiker würde er wegsperren lassen – aber nur an Tagen, an denen er milde gestimmt ist. Dass er, wie von ihm selbst angekündigt, 2015 auf eine neuerliche Kandidatur verzichten werde: Mumpitz! Er sei der Mann der Zukunft. Sagte der Mann, der bei seiner Wiederwahl fast 80 Jahre alt wäre. Er sei der Mann, der den Fußball in die Zukunft tragen werde. Ohnehin frage er sich, „ob Fußball auch auf anderen Planeten gespielt wird“ – und kündigte an: „Wir werden nicht mehr nur Weltmeisterschaften ausspielen, sondern interplanetarische Wettbewerbe.“ Spielvereinigung Klon-Krieger gegen Red Bull Enterprise? 1. FC Todesstern gegen Borussia Skywalker? Es scheint, als benötige da jemand dringend psychiatrische Hilfe . . .

In den brasilianischen Stadien sitzt privilegiertes Klatschpappen-Publikum

Doch Spaß beiseite, weil das alles ja gar nicht lustig ist. Seit der WM 2006 in ‚Schland gab es nur noch abenteuerliche Vergaben. Südafrika 2010 war möglicherweise gut gemeint. Aber „gut gemeint“ ist die freundliche Umschreibung für „nicht durchdacht“. Südafrika hatte und hat ganz andere Probleme als die Durchführung einer Fußball-WM. Heute stehen die Stadien von damals als Ruinen da und sind dem langsamen Verfall preisgegeben. 2014 also Brasilien. Der Fußball sollte nach Hause zurückkehren, so die Idee. Doch erstens kommt er so wenig aus Brasilien wie Caipirinha aus England. Und zweitens wollen die Brasilianer ihn gar nicht zurück haben. Jedenfalls die nicht, die, abgeschnitten von Bildungschancen und medizinischer Mindestversorgung, in bitterer Armut in Blechhütten an den Rändern der Gigastädte leben. Milliarden hat Brasilien diese WM gekostet. Milliarden verdient die Fifa an ihr. Das Volk aber hat wenig bis nichts davon. Im Gegenteil: Das Geld fehlt an anderer Stelle. Das Volk kann nicht einmal live dabei sein, wenn die eigene Mannschaft spielt. Weil es sich die Tickets fürs Stadion nicht leisten kann. Das ist auch der Grund dafür, dass die Stimmung beim Eröffnungsspiel über weite Strecken bescheiden blieb. Es sind nicht die brasilianischen Fußball-Fans, die dort auf den Tribünen sitzen, sondern die privilegierten, wohlhabenden Brasilianer, die auf ihrem Sitz gerne eine Klatschpappe inkl. Gebrauchsanweisung vorfinden würden und dann sicherlich auch bereit wären, während der 90 Minuten gelegentlich zur Entwicklung eines Fußball-typischen Geräuschpegels beizutragen.

Blatters Wertesystem: 1. Geld. 2. Mehr Geld. 3. Noch mehr Geld.

Damit nicht genug. 2016 werden auch noch die Olympischen Sommerspiele in Brasilien stattfinden, in Rio de Janeiro, weil auch das Internationale Olympische Komitee in seinem Missionierungseifer und dem „Erschließen neuer Märkte“ unbremsbar ist. Fifa- und IOC-Funktionäre überbieten sich gegenseitig darin, aus ihren „Premiumprodukten“ mit brutaler Gewalt jeden noch so versteckten Cent heraus zu quetschen und dabei das politische Gewissen komplett auszuschalten. Blatter hat so ein Gewissen nicht. Er hat auch kein Wertesystem, das mit dem von Bill Shankly kompatibel wäre. Blatter kennt nur drei Werte: 1. Geld. 2. Mehr Geld. 3. Noch mehr Geld.

Menschenrechte? Demokratische Strukturen? – Drauf geschissen!

Ob die Gastgeberländer Menschenrechte achten und demokratische Strukturen haben: drauf geschissen! Olympia in Peking und Sotchi lassen grüßen. Und die nächsten beiden Fußball-Weltmeisterschaften auch: 2018 in Russland bei König Putin, dem Erfinder der Demokratie. Und 2022 in Katar bei den Öl-Scheichs, die ihr Land so regieren, wie wir es in Deutschland aus guten Gründen nicht mehr ganz so gerne hätten. Die Bauarbeiter knechten und verrecken lassen und Menschenrechte, vor allem aber Frauenrechte, mit eben jenen Körperteilen treten, die bei einer Fußball-WM unverzichtbar sind. Dass 2022 bei 50 Grad gekickt wird, ist noch das kleinste Problem. Gewiss wird es am Spielfeldrand ausreichend Defibrillatoren geben, um kollabierte Spieler wieder zu beleben. 

. . . und wann gibt’s den ersten virtuellen Weltmeister?

Doch, ich gucke die WM-Spiele trotzdem. Weil ich das Spiel liebe. Und weil man ja auch nicht weiß, wie lange man solche Turniere überhaupt noch sehen kann; wie weit die „Blatterisierung“ des Fußballs noch führt. Wer weiß, vielleicht spielt die Fifa ihren Weltmeister 2026 ja schon virtuell aus. An der Konsole. Und die Welt schaut gegen Gebühr online zu. Kein Theater um die Ticketvergabe. Keine Angst, dass die Stadien nicht rechtzeitig fertig werden. Keine nervtötenden Zuschauer. Keine Proteste, keine Ausschreitungen. Für Josef Blatter, den Mann, der den Fußball in die Zukunft und ins Weltall tragen will, muss das wie die Verheißung klingen. Zumal man zwei WM-Turniere veranstalten könnte – eines an der Playstation und eines an der XBox. Neue Märkte. Mega-Einnahmen – Mini-Kosten. Profitmaximierung.

Wenn Blatter dann doch abtritt, so um das Jahr 2035 herum, wird die Abkürzung des Weltverbandes eine neue Bedeutung haben: FIFA = Fußball is’ fürn Arsch!